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Schwinger Club Vol. 29

Martin Rütter

Von Rudi Schaarschmidt, Fotos: Rainer Damen

Auch der Umweg kennt das Ziel. Einst alles andere als ein Musterschüler hat Martin Rütter trotzdem Karriere gemacht - als Hundetrainer. Und zwar so steil, dass er sich an 250 Tagen im Jahr auf Golfplätzen tummeln kann.

Vicco von Bülow hat uns sinngemäß einmal wissen lassen, dass ein Leben ohne Hunde zwar möglich, aber sinnlos sei. Dem mag man zustimmen oder man lässt es bleiben. Für Martin Rütter wäre ein Leben ohne Hunde vor allem eines: völlig anders. Seine Geschichte ist die deutsche Version des amerikanischen Traums. Vom Tellerwäscher zum Millionär. Mehrere Ehrenrunden in der Schule mit ähnlich vielen Verweisen? Abi erst mit 20? Studium der Sportwissenschaften abgebrochen? Alles kein Problem, denn Rütter ist auf diesem Weg irgendwann - Achtung: Kalauer! - auf den Hund gekommen. Erst hatte er nur einen Hund in der Nachbarschaft ausgeführt. Dann mehrere. Es sprach sich herum, dass die Hunde anschließend entspannter waren. Irgendwann kamen die ersten Fragen, ob er sich dies oder jenes nervige Verhalten des Hundes mal anschauen könnte, und er bot entsprechende Hausbesuche an. Als er irgendwann 60 Hunde betreute, entschloss er sich, Tierpsychologie zu studieren und aus dem ursprünglichen Studentenjob einen richtigen Beruf zu machen.

Ohne des Menschen besten Freund würde wir Martin Rütter heute vielleicht als Fußballreporter jeden Samstag im Radio hören. Früher oder später wäre er sicher im Medienbereich gelandet, denn er war schon immer das, was man eine Rampensau nennt. Champions-League-Finale, es kommt zum Elfmeterschießen, der Trainer sucht händeringend nach Schützen, da meldet sich Martin Rütter: "Trainer, ich schieße alle fünf!" Und selbst wenn die nicht alle reingehen sollten, würde er auch noch für den sechsten parat stehen. Es gibt Menschen, die sind für die große Bühne geboren. "Ob ich Vorträge vor 400 oder eine Liveshow vor 4.000 Menschen abhalte oder durch eine TV-Sendung vor vier Millionen Zuschauern führe - ich bin da nicht nervös."

Ohne Hunde wäre Martin Rütter jedenfalls deutlich unbekannter. Möglicherweise wäre er noch nicht einmal Golfer. Ja, der Hundeprofi spielt Golf. Auch wir hatten davon keine Ahnung, als er uns im Herbst 2016 auf der Clubterrasse einer Golfanlage im Großraum Köln zufällig über den Weg lief. Er erzählt, dass er ein treuer und begeisterter GolfPunk-Leser ist, gerade mal ein gutes Jahr Golf spielt und Handicap 18 hat. Ein gutes Jahr später, im Herbst 2017, schaffen wir es nach mehreren Anläufen dann tatsächlich, uns für diese Geschichte zu treffen. Und Martin hat inzwischen Handicap 8. "Ich habe im vergangenen Jahr 110 vorgabewirksame Runden gespielt: 70 Turniere und 40 EDS-Runden." Wenn man die restlichen Runden und die Tage mitzählt, an denen es nur für ein paar Bälle auf der Driving Range gereicht hat, dann stand er im zurückliegenden Jahr an rund 250 Tagen im Jahr auf einem Golfplatz. "Ein Kameramann und ein Security-Mitarbeiter haben gemeinsam mit mir angefangen und sind auch beide Junkies. Wir bekommen Entzugserscheinungen, wenn wir ein paar Tage keinen Golfschläger in der Hand haben. Wir haben auf der Tour durch die Hallen immer einen Käfig und einen TrackMan dabei - für schlechtes Wetter. Sobald draußen auch nur ansatzweise etwas geht, sind wir am Start. In Bayern haben wir vergangenes Jahr ein Tennisnetz an mein Auto angehängt, um auf der Driving Range den Schnee abzuräumen, um an Bälle zu kommen, die wir wegknüppeln können."

Schwinger Club Vol. 29: Vorlegen? Gibt's nicht!Schwinger Club Vol. 29: Vorlegen? Gibt's nicht!
Vorlegen? Gibt's nicht!

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ICH HABE IM VERGANGENEN JAHR 110 VORGABEWIRKSAME RUNDEN GESPIELT: 70 TURNIERE UND 40 EDS-RUNDEN.
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Martin Rütter, vor 47 Jahren in Duisburg geboren und in einfachen Verhältnissen aufgewachsen, seit vier Jahren geschieden, fünffacher Vater, ist seit Jahren das Fernsehgesicht des "Hundeprofi." Er ist der Hundetrainer, der einem Millionenpublikum vor den Glotzen auf sympathische, lustige und dennoch pädagogisch wertvolle Weise vermittelt, wie mit der eigenen Töle klappen kann, was vorher nicht klappte. Weil das so gut ankommt, sind daraus mittlerweile mehrere TV-Formate und Live-Programme geworden, mit denen er an beinahe 100 Abenden im Jahr die großen Hallen füllt. In Deutschland gibt es knapp zehn Millionen Hundebesitzer. Martin Rütter hält den vielen Frauchen und Herrchen einen Spiegel vor die Nase, lässt sie ihr eigenes Fehlverhalten erkennen und darüber lachen. Sein Publikum geht anschließend nicht nur bestens unterhalten, sondern auch schlauer nach Hause. Eine Art von Hirschhausen für Hundefreunde. Denn wie beim promovierten Gesundheits-Comedian stand vor der Popularität das Fachwissen. Rütter ist Autor zahlreicher Fachbücher über Hundeerziehung (über eine Million verkaufte Exemplare), hat 6.500 Hunde trainiert und eine eigene Lehrmethode entwickelt, nach der sich mittlerweile 180 Hundetrainer haben ausbilden lassen.

Das Fernsehen sorgte in den letzten Jahren dafür, dass sein Bekanntheitsgrad explodierte. Am Anfang gab es viele Neider unter den Kollegen. "Futteraggression", analysiert Rütter. Mittlerweile ist das gegenteilige Phänomen zu beobachten. Manche rühmen sich fälschlicherweise, von ihm ausgebildet worden zu sein. Und natürlich wird er in der Öffentlichkeit oft angesprochen: "Da ich Sie gerade sehe, ich habe da mal eine Frage..." Das passiere ihm beinahe täglich, störe ihn aber nicht, habe ihm die Popularität doch ein schönes Leben beschert - und einige tolle Freundschaften, zum Beispiel mit Toni Kroos.

Hat ihn das alles verändert? Die alten Fußballkumpels behaupten, er sei derselbe Verrückte wie früher. "Popularität und Geld verändern einen Menschen immer. Ob ich mir einen neuen Driver kaufe oder nicht, hat keine Relevanz mehr. Ich schlafe viel besser und fester als früher." Der relativ spät erfolgte Durchbruch hat dabei geholfen, nicht abzuheben. "Als die TV-Geschichten angefangen haben, war ich 33, also erwachsen. Ich habe ja nicht aus Versehen mit 17 ,Popstars' gewonnen oder bin mit 17 ein von Mädels umschwärmter Fußballprofi geworden - dann sähe das wahrscheinlich anders aus. Wenn ich in der Bezirksliga ein Tor geschossen hatte und am Montag in der Zeitung stand, war ich ja bereits der King im Dorf."

Schwinger Club Vol. 29: Harter Hund: Wenn Fiffi nicht spurt, wird er zur Schießbudenfigur verarbeitet
Harter Hund: Wenn Fiffi nicht spurt, wird er zur Schießbudenfigur verarbeitet
Seine allererste Mitarbeiterin - aus einer Zeit, als 40 Leute zu seinen Vorträgen kamen - hat er immer noch. Täglich kommen ihm für seine Live-Programme Ideen, die er sogleich aufschreibt. Mit einem provisorischen Programm im Gepäck schließt er sich dann mit drei engen Freunden für fünf Tage auf einer Finca in Mallorca ein und feilt weiter daran. Später folgen noch 30 Warm-up-Termine mit etwa 1.000 Zuschauern ohne Bühnenbild. Eine Kamera filmt Rütter, eine das Publikum. Per Splitscreen werden anschließend die Reaktionen auf die jeweiligen Nummern überprüft - ein langer Weg vom ersten Script zum fertigen Bühnenprogramm. Mittlerweile sind im Rütter-Imperium 180 Mitarbeiter beschäftigt, er produziert seine TV-Sendungen selbst, ist sein eigener Tourneeveranstalter und kümmert sich um junge Talente. Früher hat er beim Autofahren einen Burger gegessen, telefoniert und das Laptop auf dem Beifahrersitz aufgeschlagen. Gleichzeitig, versteht sich. Das herzinfarktähnliche und stressbedingte Broken-Heart-Syndrom hat ihn vor zehn Jahren schon mal für einige Monate außer Gefecht gesetzt. Heute kann er deutlich besser abschalten: "Golf ist für mich Yoga mit Ball."

Beobachtet man ihn auf dem Golfplatz, wirkt Martin rundum zufrieden. Keine Spur von Sorgen, sollte die Karriere mal ins Stocken geraten. "Ich war vorher sch glücklich und hatte ohne TV eine Basis. Ich kann Spaß in meinem eigenen Kosmos haben und mein Leben lang mit Hunden arbeiten. Darüber hinaus bin ich neugierig. Mich interessieren viele Dinge." Und wenn jemand so golfverrückt geworden ist wie Rütter, belässt er es bei einem Termin mit GolfPunk natürlich nicht bei einem Interview. Dann will er auch zocken. Neunloch-Matchplay gegen den Herrn Redakteur. Kann er haben. Gerne sogar.

Rütter spielt Golf, wie es seinem Naturell entspricht - immer Vollgas. Doglegs gibt es für ihn nur, wenn die Tigerline so unmöglich erscheint wie ein Tag auf deutschen Autobahnen ohne Baustelle. Im Moment ist die Bandbreite seiner möglichen Scores noch enorm. Irgendwann will er sein Handicap unter 5 bringen. Ambitioniert, aber sicher nicht unmöglich, denn sein kurzes Spiel ist beeindruckend gut.

Über den Ausgang will ich hier nichts verraten, nur so viel: Der Verlierer musste einen Leserbrief schreiben, um von diesem heroischen Kampf zu berichten und dem Gewinner zu gratulieren. Martins Niederschrift findet ihr auf Seite 14. Herzlich willkommen im Schwinger Club, Martin Rütter!




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