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Kolumne: Spirit(s) Of The Game

Süddeutsche Obstbrände und Country Clubs

Von Christoph Keller, Fotos: Mike Meyer

Folge 6: ein Zigarrenbrand auf meinem Heimatplatz, dem Golf & Country Club Schloss Langenstein am Bodensee. Nachdem wir an dieser Stelle schon eine halbe Weltreise durch die internationale Spirituosenvielfalt unternommen haben, beschließen wir das Jahr besinnlich mit der absoluten Königsklasse der Destillierkunst und widmen uns unserem eigenen kulinarisch- alkoholischen Erbe, den Obstbränden auf einem der schönsten Golfplätze Deutschlands.

Wenn ich im Ausland nach meinem Beruf gefragt werde und brav antworte, ich sei Schnapsbrenner oder Destillateur, dann erhalte ich oft die Rückfrage, ob ich das Destillieren denn in Schottland gelernt hätte. Meine Reaktion: Augenrollen. Die kulturelle Wiege der Brennkunst liegt schließlich nicht auf den Äußeren Hebriden, sondern im Herzen Europas in den Alpenländern Österreich, Ungarn, Schweiz, Norditalien, Elsass, Süddeutschland. Hier arbeiten die besten Kupferschmiede, die unsere Brennanlagen herstellen, hier gedeihen Obst, Trauben, Korn und Kräuter in ihrer schönsten Form und hier findet man die größte Dichte an destillatorischem Know-how. Allein in Süddeutschland existieren ungefähr 25.000 Brennereien - etwa 18.000 davon allein in Baden-Württemberg (zum Vergleich: 110 in Schottland). Die Hochburg der Brennkunst erstreckt sich also vom Schwarzwald bis an den Bodensee.

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SCHLOSS LANGENSTEIN IST EIN GRANDIOSER GOLFPLATZ, MIT EINER GESUNDEN LÄNGE VON 6.340 METERN.
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Seitdem sich die Habsburger - allen voran Maria Theresia, unsere Schutzpatronin - für die Weiterverarbeitung einer landwirtschaftlichen Überproduktion an Obst und Getreide durch die Destillation stark gemacht haben und ihren leibeigenen Bauern das "Hausbrennrecht" verliehen, gehören Obstbrände und Kräuterdestillate zu unserem kulinarischen Kulturgut und zu jedem guten Essen als abrundender Digestif dazu. Und trotz des mittlerweile fragwürdigen Rufs und einer leider abnehmenden Nachfrage beim marketinggeschädigten Konsumenten sind diese reinsortigen Destillate aus heimischem Obst dennoch die absolute Champions League der Destillationskunst. Die Schwierigkeit besteht hier für den Brennmeister in der Kombination vieler unterschiedlicher Qualitätsfaktoren - vom Reifegrad des Obstes über Erntezeitpunkt und Terroir bis hin zur Kontrolle des Gärverlaufs und der schonenden Destillation mit sauberer Abtrennung von Vor- und Nachlauf. So viele mögliche Fehlerquellen machen unser altes, ehrwürdiges Handwerk zu einer quasi-wissenschaftlichen Herausforderung, der sich immer weniger Brennmeister stellen.

Meinen Whisky-Freunden muss ich immer wieder erklären, dass ein Whisky leider nur destillatorische Massenware ist und lediglich durch seine Fasslagerung und das Blending zu einem trinkbaren Stoff wird, dessen geschmackliche Bandbreite allerdings begrenzt ist und lediglich zwischen Getreide, Malz, Holz, Rauch, Torf, Karamell, Vanille und Gerbstoffen variiert. Bei Obst- und Kräuterbränden ist die Aromenvielfalt um ein Vielfaches höher, da hier schon so viele unterschiedliche Ausgangsstoffe zum Einsatz kommen, dass die sensorischen Erfahrungsmöglichkeiten schier unbegrenzt sind. Wer bei "Obstler" immer nur an die traditionellen Sorten wie Kirschwasser, Zwetschge, Marille, Mirabelle oder Williams-Birne denkt, der hat es leider nicht verstanden. In meiner Brennerei destillieren wir ungefähr 250 verschiedene Früchte, Gewürze, Kräuter, Pilze, Gemüse, Nüsse und Wurzeln - allesamt sortentypisch und charakteristisch an Mund und Nase. Wer also einmal seinen Horizont in puncto Obstbrand erweitern will, dem sei ein Destillat vom Wolligen Schneeball, von der Kornelkirsche, dem Zibärtle, dem Speierling oder von Hagebutten, Berberitzen, Ginkgo-Samen, Artischocken, Honig oder Blutorangen empfohlen.

In den Flachmann für die Golfrunde passen sie alle bestens und zwar je nach Jahreszeit. Am schönsten eignen sich aber die sogenannten Zigarrenbrände, dies sind im Fass ausgebaute Obstbrände mit einem Alkoholgehalt von mindestens 43% Vol. Hier werden die fruchttypischen Aromen mit den positiven Eigenschaften des Holzes kombiniert, sodass sich wundervolle Geschmacksexplosionen aus Karamell, Toffee, Vanille und rauchigen Noten, immer gepaart mit der leichten Süße der Frucht, ergeben. Diese Brände aus Maulbeerbaum-, Kastanien-, Eichen- oder Kirschholzfässern eignen sich perfekt als Begleitung zu jeglichem Rauchwerk, wobei die Zigarre, die mit der Spitze kurz ins Glas getaucht wird, um den Geschmack des Tabaks mit dem Destillat direkt im Mundraum zu vermählen, hierunter offensichtlich das ideale Medium ist. Und wenn es jetzt auf den Golfplätzen so langsam Herbst wird, dann tut so ein erlesenes Tröpfchen wahre Wunder.

Vor allem wenn man den Flachmann einmal dort auf die Runde mitnimmt, wo diese feinen Stöffchen herkommen. Eine Reise in den Schwarzwald oder an den Bodensee lohnt sich natürlich immer, aber ganz besonders für Golfer! Hier im Süden warten einige der schönsten Parkland-Plätze Deutschlands auf Spieler - idyllisch gelegen zwischen alpinen Bergen, der Weite des Bodensees, inmitten von Obstgärten und Kräuterwiesen. Der allerschönste (ehrlich!), anspruchsvollste und landschaftlich am idyllischsten gelegene dieser Plätze ist mein Heimatplatz, der Golf & Country Club Schloss Langenstein, der in Orsingen-Nenzingen nur fünf Minuten von unserer Brennerei entfernt liegt und mich seit Jahren mit vielen seltenen Wildobstarten wie Mehlbeeren, Haferpflaumen, Schlehen, Traubenkirschen oder Myrobalanen und alten Kernobstsorten versorgt.

Schloss Langenstein ist ein grandioser Golfplatz, der mit einer gesunden Länge von 6.340 Metern auch Scratch-Golfern alles abverlangt. Er wurde 1991 von Rod Whitman, der mit Pete Dye und Bill Core viele Plätze in den USA realisiert hat, sehr behutsam in eine einzigartige Parklandschaft rund um das im 16. Jahrhundert erbaute Schloss Langenstein eingepasst. Auf 110 Hektar erstrecken sich die 18 Bahnen ohne jegliche gegenseitige Berührung durch blühende Blumenwiesen, rund um kleine und große Seen, Waldstücke und durch spektakuläre eiszeitliche Spaltentäler. Mein Lieblingsloch, die 17, ein 416 Meter langes Par 4, spielt sich als leichtes Dogleg durch einen regelrechten Canyon, eine enge Schlucht mit 20 Meter hohen nackten Felswänden direkt unterhalb des Schlosses, und gipfelt in einem durch Wasser verteidigten Grün. Definitiv eines der 100 besten Golflöcher in Deutschland, die man im Leben einmal gespielt haben muss.

 
ZUR PERSON

ZUR PERSON

Christoph Keller ist 47 Jahre alt und trägt schon immer Vollbart. Als Jugendlicher spielte er mit den Leonberg Lobsters in der Baseball-Bundesliga und studierte im Anschluss Kunst, Kunstgeschichte und Philosophie. 1998 gründete er den Revolver Kunstverlag und führte diesen bis 2004, bevor er ihn verkaufte. Danach zog er in die Stählemühle im südlichsten Baden und fand dort eine Brennerei vor. 2005 wurde dann die Leidenschaft fürs Schnapsbrennen entfacht und er entwickelte als Master Distiller den legendären Monkey 47 Schwarzwald Dry Gin. Die Stählemühle entwickelte sich währenddessen zu einer der zehn besten Brennereien der Welt und dann nahm Christoph zum ersten Mal einen Golfschläger in die Hand, erspielte sich ein einstelliges Handicap, wurde Kapitän im Golfclub Schloss Langenstein und spielt gerne Runden mit Hickory-Schlägern.

Der damalige Schlossherr Axel Graf Douglas hat mit der Planung dieser Anlage viel Weitsicht sowie ökologisches Geschick bewiesen und einen Golfplatz gebaut, der die goldene Zeit klassischer Golfplatzarchitektur ohne übertriebene Eingriffe in die Natur wieder aufleben lässt. Ein Parkland-Course für sportlich ambitionierte Golfer und Naturfanatiker mit großartigen Ausblicken auf die Schweizer Alpenkette und einem unvergleichlichen Ambiente rund um das Schloss, das übrigens auch über eine eigene Brennerei mit Brennrecht verfügt.

Hier im Hegau zwischen Apfelbäumen, Kräuterwiesen und Wildobsthecken kann ich meinen Obstbrand im Flachmann so richtig genießen. Gefüllt mit einer Wahl'schen Schnapsbirne im Kastanienfass oder einer Cuvée aus sechs Wildpflaumen im Maulbeerfass. Das passt dann. Ich sollte allerdings mehr Birdies spielen.

GOLF & COUNTRY CLUB SCHLOSS LANGENSTEIN
Orsingen-Nenzingen, Bodensee
Par 72, 6.341 Meter
Design: Rod Whitman, 1992
www.schlosslangenstein.de




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