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Jamie Sadlowski

Mister 445 Yards*

Von Rudi Schaarschmidt, Fotos: Cleveland & Haus of grey

Nach zwei Siegen bei der World Long Drive Championship und zwei zerstörten Simulatoren im Golf-Channel-Studio entschied Jamie Sadlowski 2015, den Prügelknaben Lebewohl zu sagen und sein Glück als Profi auf der regulären Tour zu versuchen. Eine Entscheidung, die Eier beweist.

* Keine Sorge, du musst jetzt nicht den Taschenrechner zücken. Das sind 406,9 Meter.

Wahrscheinlich gibt es auf dem gesamten Planeten niemanden, der mehr Ähnlichkeit mit Adam Sandlers "Happy Gilmore"-Charakter aufweist als Jamie Sadlowski. Als Kanadier wurde er praktisch mit Schlittschuhen an den Füßen geboren und als Teamkapitän der Bonnyville Pontiacs war Sadlowski einer der Stars der Alberta Junior Hockey League. Das Sprungbrett in Richtung Profi Eishockeykarriere war bereit und mit 16 verließ er das Elternhaus, um diesem Traum nachzujagen. Bereits als Teenager machte er im kanadischen Alberta nicht nur als Eishockeyspieler von sich reden. Nach acht Monaten Winter mit täglichem Eishockeytraining galt es in Saint Paul schließlich auch, vier Monate Sommer halbwegs sinnvoll zu füllen, und darum griff Jamie mit sechs Jahren zum ersten Mal zum Golfschläger. Mit durchschlagendem Erfolg - im wahrsten Sinne des Wortes.

"Der Typ drischt den Ball 400 Yards weit? Das ist doch vollkommen unmöglich", dachte der acht Jahre alte Jamie, als "Happy Gilmore" 1996 in die Kinos kam. Es sollte nicht lange dauern, bis er sich selbst Lügen strafte.

Jamie Sadlowski - erst Long Drive, dann Web.com-Tour


Mit 14 Jahren qualifizierte er sich für die World Long Drive Championships, indem er den Ball 370 Yards weit prügelte. Ein Jahr später flog der Ball in Texas sagenhafte 437 Yards weit. Allen in Jamies Umfeld war zu diesem Zeitpunkt längst klar, dass hier ein Jahrhunderttalent den Driver schwingt, und 2007 war es dann an der Zeit, die Schlittschuhe an den Nagel zu hängen. Eine goldrichtige Entscheidung, denn 2008 gewann er zum ersten Mal die World Long Drive Championships und strich 250.000 Dollar Preisgeld ein. Bemerkenswert waren dabei nicht nur seine Schläger, sondern vor allem auch die Tatsache, dass Sadlowski mit seinen 1,78 Metern und 76 Kilo Körpergewicht unter den LongDriveAthleten wie ein Hänfling wirkte. Doch der Hänfling machte alle nass und 2009 folgte die Titelverteidigung mit Zahlen, die selbst gestandene Tour-Profis sprachlos machten: 445 Yards flog sein weitester Abschlag in diesem Jahr und seine höchste jemals gemessene Ballgeschwindigkeit von 223 Meilen in der Stunde scheint außerirdisch, bedenkt man, dass 190 Meilen in der Stunde für Bubba Watson ein absoluter Topwert ist.



Es folgten mehr als 600 Long-Drive-Wettkämpfe und Demo-Veranstaltungen weltweit und ein denkwürdiger Auftritt in der "Morning Drive"-Show des amerikanischen Golf Channel, bei dem Sadlowski einen Drive durch das Netz und die Leinwand des Simulators hämmerte und die Studiocrew sprachlos machte. Ein Jahr später schoss er ein zweites Loch in den Simulator, dieses Mal mit einem Eisen 7 (!).

Als Naturgewalt mit dem Driver und respektabler Internetstar flossen die Sponsorengelder und Antrittsgagen üppig, doch wie für Happy Gilmore gab es auch für Jamie Sadlowski eine Barriere, die es zu überwinden galt: der Sprung auf eine Profitour. "Der einzige Unterschied zwischen Happy Gilmore und mir ist, dass ich viel besser Schlittschuh laufen kann als er", scherzte er vor seinem Wechsel ins Profilager. Happy Gilmore gewann im Film die Tour Championship. Jamie Sadlowski versucht sich dieses Jahr am Sprung von der kanadischen Mackenzie Tour auf die Web.com Tour. An Länge mangelt es ihm dabei auf keinen Fall.

Jamie Sadlowski:

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NACH ACHT MONATEN WINTER MIT TÄGLICHEM EISHOCKEYTRAINING GALT ES AUCH, VIER MONATE SOMMER HALBWEGS SINNVOLL ZU FÜLLEN.
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GolfPunk: Wie alt warst du, als du mit dem Driver zum ersten Mal die magische 300-Yards-Grenze (274 Meter) geknackt hast?
Jamie Sadlowski: Mit 14 Jahren bin ich zum ersten Mal bei Wettkämpfen angetreten und habe den Ball 376 Yards weit geschlagen. Ich schätze, dass ich zwei Jahre vorher, also mit zwölf, zum ersten Mal die 300 geschafft habe. Mit elf hatte ich einen Wachstumsschub, von da an flogen die Bälle deutlich weiter.

GP: Hattest du mit 14 einen körperlichen Vorteil gegenüber deinen Gegnern?
JS: Kein bisschen. Ich war ein kleiner, dürrer Junge, der 56 Kilo wog, und vielleicht 1,70 Meter groß.

GP: Als Kanadier hattest du mit Sicherheit einen Eishockeyschläger in der Hand, lange bevor du überhaupt an Golf gedacht hast, oder?
JS: Das versteht sich von selbst. Ich stand bereits mit zwei Jahren auf Schlittschuhen.

GP: Ist eine gute Technik beim Schlagschuss auf dem Eis dabei hilfreich, einen ordentlichen Golfschwung zu entwickeln?
JS: Der Rückschwung beim Eishockey ist deutlich kürzer als beim Golfschwung. Ich habe Eishockey als Linkshänder gespielt, Golf spiele ich allerdings als Rechtshänder. Das hilft zum einen, die Bewegung des Unterkörpers und der Hüfte unabhängig vom Oberkörper koordinieren zu können, zum anderen sind durch die beiden unterschiedlichen Spielrichtungen bei mir beide Körperseiten gleich stark trainiert. Ich habe also keine Körperseite, die für die Geschwindigkeit zuständig ist, während die andere lediglich stabilisiert, wie es bei vielen Golfern der Fall ist. Ich kann in beide Richtungen hohe Schlägerkopfgeschwindigkeiten erzeugen.

GP: Du hast bereits angedeutet, dass du als Kind ein ziemlicher Spargeltarzan warst, und auch heute bist du für einen Long Drive Champion eher untypisch drahtig, denn die Konkurrenten in dieser Disziplin sehen meist aus wie Footballspieler. Wie generierst du deine unglaublichen Geschwindigkeiten?
JS: Das ist letztlich alles eine Frage der Winkel. Die richtigen Körperwinkel erlauben es nicht nur, die Hände im Rückschwung so hoch wie möglich zu bringen, sondern auch, den nötigen Abstand zwischen Körper und Schläger zu erzeugen. Eines ist sicher: Man muss kein Schrank sein, um einen langen Ball zu schlagen. Natürlich hat ein Zwei-Meter-Hüne bessere Hebel als ein 1,70 Meter großer Durchschnittstyp und dadurch gewisse Vorteile. Der Ball weiß jedoch nicht, wie groß du bist. [grinst]

GP: Damit wäre das Längenproblem geklärt, aber um es auf der Tour zu schaffen, braucht es weit mehr als nur einen Bombenabschlag. Erinnerst du dich an deine erste Runde unter Par?
JS: Da war ich ebenfalls noch recht jung, ich schätze elf. Damals durfte ich noch von den vorderen Abschlägen spielen, konnte den Ball aber schon beinahe 300 Yards weit schlagen. Das war natürlich ein immenser Vorteil, denn Par-4-Löcher, die ich nicht erreichen konnte, gab es praktisch nicht.

GP: Golfplatzdesign ist für dich also etwas vollkommen anderes als für uns "Normalgolfer", denn den größten Teil der Hindernisse und des Golfplatzes bekommst du überhaupt nicht zu sehen, oder?
JS: Das stimmt nur zum Teil. Letztes Jahr war meine erste volle Saison auf der Mackenzie Tour, auf der eine Menge kurze Golfplätze gespielt werden. Dort kann ich nicht auf jedem Loch den Driver zücken und ich musste lernen, diese Plätze richtig zu spielen. Deshalb trainiere ich zurzeit vor allem Schläge aus 150 Yards und weniger mit allen erdenklichen Flugkurven. Die Mackenzie Tour ist ein Sprungbrett auf die Web.com Tour und die PGA Tour, aber auch eine gute Vorbereitung für mein kurzes Spiel. Wenn in Zukunft die richtig langen Golfplätze zu meistern sein werden, dann weiß ich, dass ich das nötige kurze Spiel habe und gleichzeitig auch meinen Längenvorteil ausspielen kann.

GP: Wie sieht dein Training abseits des Golfplatzes aus? Ich schätze mal, du stemmst jede Menge Gewichte?
JS: Im Vergleich zu meiner Zeit als Long Driver hat die Zeit im Fitnessraum deutlich nachgelassen. Damals habe ich täglich Eisen gefressen und die Zeit auf der Driving Range im Vergleich zur Zeit im Fitnessstudio hielt sich in etwa die Waage. Dieses 50:50-Verhältnis hat sich in den letzten Monaten in Richtung 80:20 zugunsten des Golfplatzes entwickelt.

GP: Welche Muskeln sind deiner Meinung nach die wichtigsten, um derartige Längen, wie du sie schaffst, zu erreichen?
JS: Beim Krafttraining arbeite ich am meisten an meiner Rumpfmuskulatur. Das ist wichtig, da ich das meiste meiner Schlägerkopfgeschwindigkeit aus meiner Körperrotation generiere. Trotz meiner Größe war ich schon immer recht kräftig. Beim Training geht es mir daher hauptsächlich darum, den Körper daraufhin zu trainieren, dass er die täglichen Strapazen der unzähligen Golfschwünge gut wegstecken kann. Ich möchte nicht kräftiger werden, sondern meinen Körper langlebiger machen. Man konnte das in letzter Zeit bei einigen Weltklasse-Tourspielern beobachten, die meiner Meinung nach zu viel Zeit im Kraftraum verbracht haben. Zu viel Muskelmasse ist nicht unbedingt hilfreich im Golf, denn die Muskeln verkürzen sich und die Beweglichkeit wird eingeschränkt. Ich möchte, dass meine Muskeln lang und schlank bleiben - genau wie mein Golfschwung.

Jamie Sadlowski:
GP: Kommt es während der Runde auch manchmal vor, dass dein Schwung in alte Long-Drive-Gewohnheiten zurückfällt?
JS: Nicht wirklich, denn die Schwünge unterscheiden sich immens. Es ist allerdings gut zu wissen, dass man diesen Vor teil der Länge gegenüber anderen hat. Auf dem Golfplatz ist es immer situationsabhängig, ob ich mich auf einer Teebox wohlfühle, den Driver zu zücken. Wenn ich den Ballflug gut visualisieren kann, dann schlage ich den Driver, egal wie breit oder schmal das Fairway ist. Im Vergleich zu meinen Tagen als Long Driver ist der Schwung technisch ausgereifter, komplexer und natürlich auch etwas kürzer. Aber ich kann den Ball nicht nur sehr weit, sondern auch sehr hoch schlagen, was bei kurz gesteckten Fahnen direkt hinter Hindernissen oft ein großer Vorteil ist.

GP: Wie sind die Spezifikationen deines Drivers? Unterscheiden die sich vom Werkzeug der Tourkollegen?
JS: Nicht wirklich. Ich spiele einen Cleveland-Launcher-HB-Schlägerkopf, wie man ihn im Pro-Shop kaufen kann. Mein Schaft ist 45 Inches lang, also Standard, lediglich mein Loft ist mit 7° geringer als der Durchschnitt. Mehr Loft würde bei meiner Schwunggeschwindigkeit einen zu hohen Ballflug erzeugen.

GP: Der Driver ist das einzige Holz in deinem Bag. Warum hast du kein Holz 3 in der Tasche?
JS: Ein Holz 3 macht für mich wenig Sinn, da es im Prinzip nichts anderes ist als ein Driver mit etwas mehr Loft. Ich würde beide Schläger beinahe identisch weit schlagen und auf Par-5-Löchern ist es nach dem Abschlag für mich selten noch weit bis zum Grün. [grinst] Ich habe noch nie in meinem Leben auf einem Par 5 ein Holz 3 für den zweiten Schlag benötigt, es sei denn, der Gegenwind ist extrem stark. Da mein Ballflug recht hoch ist, ebenso wie meine Spin-Werte, ist ein Utility-Eisen die bessere Wahl, da es mir damit leichter fällt, den Ball flach zu halten.

GP: Wie unterscheidet sich deine mentale Herangehensweise an ein Tour-Event von der an einen Long-Drive-Wettkampf?
JS: Bei einem Tour-Event wird man mit vielen verschiedenen Schlägen konfrontiert. Es gibt Situationen, in denen Ballgefühl gefragt ist, und Schläge, die Power erfordern. Die Fähigkeit, unterschiedlichste Schläge spielen zu können, ist auf der Tour enorm wichtig. Beim Long Driving ist nur ein einziger Schlag gefragt. Natürlich spielen die äußeren Umstände eine Rolle: Weht der Wind von links nach rechts, muss ich einen Fade spielen; bläst es von rechts nach links, muss ein Draw gespielt werden. Abgesehen davon gilt es aber nur, den Ball in die Luft zu bekommen und so hart wie möglich zu treffen. Das Adrenalin-Level unterscheidet sich auf jeden Fall, vergleicht man einen Long-Drive-Wettbewerb und einen 120-Meter-Pitch über ein Wasserhindernis während eines Tour-Events.

GP: Golffans sind bei PGA-Tour-Profis vor allem von den Schlaglängen beeindruckt. Über die Distanzen eines Jordan Spieth kannst du nur müde lächeln. Was beeindruckt dich an den Besten der Weltrangliste?
JS: Ich weiß, wie schwierig dieses Spiel ist. Konstant auf einem solch hohen Level zu spielen und dabei jede Woche neue Bedingungen vorzufinden ist extrem beeindruckend. Bei perfektem Wetter unter Par zu spielen ist für viele Golfer möglich. Das Gleiche aber auch bei starkem Wind oder Regen zu schaffen ist eine ganz andere Sache.

 

Steckbrief

Name: Jamie Sadlowski
Alter: 29 Jahre
Wohnort: Saint Paul, Alberta/Kanada
Profi seit: 2015
Lieblingsteam: Edmonton Oilers
Erfolge:
• 2008 & 2009 Re/Max World Long Drive Champion

GP: Wen empfindest du im Moment als besten Golfer auf der PGA Tour?
JS: Dustin Johnson. Er schlägt den Ball nicht nur weiter als alle anderen, seine Wedges sind ebenfalls mit die besten auf der Tour. Wenn man solche Abschläge mit Wedges dieser Qualität kombinieren kann, dann wird Golf tatsächlich recht einfach. [lacht]

GP: Bei einem Pro-Am hat mich ein Long Driver einmal mit einem alten Blade-Putter ausgedrivt…
JS: Oh, das war sicher nicht gerade gut für dein Ego. Mit diesen Teilen ist es ja schon schwer zu putten, geschweige denn einen Abschlag zu machen. [lacht]

GP: Du sagst es. Auch du musst während all der Schauwettkämpfe und Demo-Veranstaltungen den Ball sicher schon mit einigen merkwürdigen "Schlägern" geschlagen haben. Was war das Abgefahrenste?
JS: Klare Sache, das war ein künstliches Hüftgelenk aus Keramik. Vor ein paar Jahren wurde ich von einem Unternehmen für einen Werbespot gebucht, das dieses unzerstörbare Hüftgelenk entwickelt hatte. Also habe ich mit dem Teil einen Golfball vom Tee geschlagen. Er ist etwa 180 Yards weit geflogen, aber das Feedback des "Schlägers" ließ doch zu wünschen übrig.

GP: 2015 hast du dich aus dem Long-Drive-Zirkus verabschiedet. Dir muss klar gewesen sein, dass du dich mit dem Wunsch, auf die Tour zu kommen, in einen vollkommen unterschiedlichen Sport begibst, oder?
JS: Das war mir vollkommen klar. Mittlerweile habe ich für jedes meiner Wedges drei verschiedene Distanzen und drei verschiedene Flugkurven. So etwas war beim Long Driving nicht nötig, dort gab es einen Schläger und fertig. Nun komme ich mit 14 Schlägern am ersten Tee an und muss nicht nur verstehen, wie der Spin und die verschiedenen Flugkurven funktionieren, sondern auch eine Strategie parat haben, wie ich mich am besten über die einzelnen Spielbahnen manövriere. Mit einem Golfschläger in der Hand habe ich mich zwar schon immer wohlgefühlt, was den Wechsel zum Profigolf leichter machte, aber es fühlt sich tatsächlich wie eine neue Sportart an, das ist richtig.

GP: Du spielst momentan auf der Mackenzie Tour, dem Kanada-Ableger der PGA Tour. Dein Ziel ist die Web.com Tour. Was braucht es noch für dich und dein Spiel, um dieses Ziel zu erreichen?
JS: Ich denke, ich muss jetzt vor allem Spielpraxis sammeln. Bisher habe ich noch keine 100 Runden unter Turnierbedingungen gespielt. 2017 ist mein erstes volles Jahr auf der kanadischen Tour gewesen und ich würde sagen, dass mein Spiel heute gegenüber meinem Spiel von vor zwölf Monaten auf einem deutlich höheren Niveau angekommen ist. Vor allem meine Wedges und mein Putten haben sich deutlich verbessert. Das Wichtigste ist jedoch der Entscheidungsprozess vor jedem Schlag. Hier gilt es, die richtige Entscheidung zu treffen und den korrekten Schlag zu wählen. Schafft man das, ist der Rest lediglich noch die Ausführung, und das sollte man als Golfprofi hinbekommen.




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