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Quick-Interview

Martin Kaymer

13.04.2017 | Von Fritz Lüders

Martin Kaymer ist Boss. Deshalb trafen wir das deutsche Aushängeschild auch genau dort für ein Interview - zwischen maßgeschneiderten Anzügen in einer Frankfurter Hugo-Boss-Umkleide.

GP: 2017 war dein zehntes Mal in Augusta. Wie hat sich deine Wahrnehmung des Platzes im Laufe der Jahre verändert?
MK: Die ersten zwei, drei Jahre hatte ich sehr viel Respekt vor dem Platz. Den sollte man zwar immer haben, aber er darf einen nicht in der natürlichen Art und Weise hindern. Die letzten Male klappte es sehr gut. Ich spielte einfach das, was ich sonst auch spiele. Am Ende ist es nämlich auch nur ein Golfplatz. Du hast einen weißen Ball, 18 Löcher und darfst diese spielen. Viele behaupten, dass ich das Masters nicht so mag - das ist totaler Schwachsinn! Ich freue mich stets drauf und spiele es genauso gerne wie jedes andere Major auch.

GP: Unterscheidet sich die Vorbereitung auf das Masters oder andere Majors im Vergleich zu den restlichen Turnieren?
MK: Anfangs war das so. Da bin ich bereits freitags angereist, spielte mehrere Proberunden. Die Gewichtung wird dann aber viel zu hoch und innerlich steigt somit der Druck zu sehr. Dennoch benötigt man bei Majors wie dem Masters vorher 25 bis 30 Prozent mehr Zeit, um sich an den feinen Sand und die schnellen Grüns mit mehr Slope zu gewöhnen. Man kann sich aber auch "übervorbereiten".

GP: Ein anderer möchte am liebsten auch wieder Majors gewinnen: Tiger Woods. Was sagst du zu dem bisher enttäuschendem Comeback? Leidest du mit ihm?
MK: Ich leide nicht mit ihm. Er selber erlebt die größten Enttäuschungen, da er immer wieder Rückschläge einsteckt. Mich wundert es nur, dass er ja trainiert und es da wohl okay zu sein scheint. Aber der Tonus [Spannungszustand der Muskulatur; Anm. d. Red.] ist im Turnier auch höher als bei Proberunden. Wahrscheinlich fehlen ihm am Ende noch die letzten zehn Prozent, um an einem Turnier beschwerdefrei teilzunehmen. Alle, die Golf lieben, können natürlich nachvollziehen, wie sehr er leidet.

GP: Auch andere Spieler klagen häufiger über Rückenbeschwerden. Woran liegt das?
MK: Man sagt, dass Golfprofis heutzutage mehr trainieren, mehr Bälle schlagen, mehr reisen und an mehr Turnieren teilnehmen. Außerdem hauen wir den Ball weiter, was nicht nur am Equipment, sondern auch an der Athletik liegt. Hinzukommend werden mehr Ausgleichssportarten betrieben.

GP: Stichwort "Ausgleichssportarten": Wie sieht bei dir ein typischer Trainingstag aus?
MK: Beispielsweise am Montag vor dem Masters spiele ich um acht Uhr eine Proberunde Golf, die hoffentlich nicht länger als fünf Stunden dauert. [grinst] Dann gehe ich mittagessen, schlage noch ein paar Bälle und übe das Kurzspiel, um mich auf die Feinheiten des Platzes einzustellen. Lange Schläge kann ich nämlich auch zu Hause machen. Anschließend mache ich eine Stunde Pause, reflektiere, was ich die nächsten Tage noch verbessern muss. Danach geht es ab ins Fitnessstudio, ein wenig auspowern. Die Folgetage fokussiere ich mich eher auf Stretching oder Stabilitätsübungen - alles golfspezifisch.

Quick-Interview:

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VIELEN SPIELERN IST ES EGAL, OB SIE EIN, ZWEI ODER DREI WARNUNGEN ERHALTEN. NUR DURCH STRAFSCHLÄGE LERNEN SIE ES.
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GP: Was für Ziele steckst du dir im Vorfeld einer Saison? Ab wann bist du zufrieden?
MK: Die Ziele sind eigentlich klar: Am Ende der Karriere will ich alle großen Turniere gewonnen haben und in den Ranglisten überall mal oben dabei gewesen sein. Ich habe den Wunsch, ein kompletter Spieler zu werden.

GP: Wie meint ein Major-Sieger das?
MK: Dafür muss ich jede Kurve schlagen und jeden Golfplatz auf eine natürliche Art spielen können. Dass man sich nicht auf jedem Golfplatz wohlfühlt, ist klar. Man findet ja auch nicht jede Frau attraktiv. Ein kompletter Spieler bekommt allerdings die Schwächen neutralisiert und behält die Stärken. Dustin Johnson hat gerade einfach keine Schwäche in seinem Spiel. Der schlägt den Ball extrem lang, aber auch gerade! Und er puttet halt wie 'ne Eins...

GP: Als Dustin Johnson und Jon Rahm neulich ihre Drives jeweils knapp 400 Meter schlugen, sorgten sich in den sozialen Netzwerken einige Fans um das Spiel. Sollte der Längenwahnsinn durch Regeln verhindert werden?
MK: Mir geht es weniger um die Länge, sondern darum, wie einfach die Löcher gespielt werden. Die Fairways sind zu breit und die Roughs zu tief gemäht. Meine ersten US Open waren enge Golfplätze mit fettem Rough. Da habe ich mir dreimal überlegt, ob ich mit dem Driver Vollgas gebe. Man wollte nur die Fairways treffen. Heutzutage sind die Golfplätze zu einfach gesteckt. Auf der PGA Tour geht es in 80 Prozent der Fälle darum, den Ball bloß lang zu kloppen - und wenn das Fairway verfehlt wird, ist das schon okay. Wird das geändert, gewinnen auch wieder andere Spieler, weil es mehr ums Ballstriking geht.

GP: 2019 sollen erstmals wieder zahlreiche Regeländerungen eingeführt werden, die gerade Spieler deiner Güte betreffen. Was ist deine Meinung zu den neuen Normen?
MK: Dass die Fahne beim Putten drinbleiben darf - darüber kann man streiten. Viele Regeländerungen finde ich aber sehr gut! Am wichtigsten sind die neuen Strafschläge: dass nicht nur Warnungen oder Geldstrafen vergeben werden, wenn jemand zu langsam spielt. Vielen Spielern ist es egal, ob sie ein, zwei oder drei Warnungen erhalten. Nur durch Strafschläge lernen sie es. Es kann nicht sein, dass wir im Dreier-Flight für 18 Loch fünf Stunden brauchen. Wir sind auch ein Vorbild für Jugendliche und Kinder, die uns im TV sehen, wie wir dreimal vom Ball wieder weggehen. Ein Hin und Her nur für einen gewöhnlichen Schlag.

GP: Bisher hast du dich eher der European Tour anstelle der PGA Tour verschrieben. Bleibt das so?
MK: Dieses Jahr auf jeden Fall. 2018 müssen wir gucken, wie der Zeitplan aussieht. Die PGA Tour will wieder viel ändern und einige Majors und große Turniere nach vorne verschieben, damit das nicht mit dem Football-Kalender kollidiert. Im August soll die Tour dann schon enden. Es ist aber noch nicht klar, ob das 2018 tatsächlich schon so kommen wird.

GP: Beim jährlichen Tourauftakt im Nahen Osten erwarten viele von dir nichts Geringeres als Heldentaten. Nervt dich diese Erwartungshaltung in Dubai und Umgebung?
MK: Es hängt ja von einem selber ab, ob man die Erwartungshaltung an sich ranlässt. Ich bin und spiele einfach sehr gerne in Abu Dhabi und in Dubai. Die Golfplätze liegen mir. Ich komme da ausgeruht hin und der Erfolg gibt mir recht.

GP: Gemeinsam mit Boss entwickelst du Golf-Outfits. Was sind die Neuigkeiten in deiner Klamottenkollektion und wie entsteht diese überhaupt?
MK: Wir haben viele Materialien getestet und lange überlegt, wie wir unsere Artikel verbessern könnten. In der neuen Kollektion haben wir nun zum Beispiel einen schmalen Kragen. Dieses feine Material in Kombination mit einem Knopf sieht sehr schick aus. Ich spiele stets bei sommerlichen Temperaturen, insofern wollte ich viele Farben integrieren.

GP: Was ist dir wichtiger: Funktion oder Style?
MK: Beides im Zusammenspiel mit Qualität. Ich ziehe keine Shirts an, die mir nicht gefallen oder nicht passen. Mit Hugo Boss funktioniert das super. Durch mein Feedback haben wir auch einen Stretch-Anteil entwickelt. Das war mir sehr wichtig, da bei meinem Schwung sonst die Ärmel immer hochrutschen - das ist irgendwie unangenehm und sieht dann auch dämlich aus. [lacht]

GP: Die gesamte Golfmode ist ziemlich im Wandel und alle wollen etwas cooler, jünger werden. Würdest du dir auch High-Tops anziehen?
MK: Diese klassischen Golf-Outfits zieht ja keiner mehr an. Die Schuhe, die Rickie Fowler trägt, die passen zu ihm. Aber Hugo Boss und ich stehen nicht für so einen Style. Ich renne ja auch nicht mit Flat Brims rum. [grinst] Auch Adidas passt super zu mir, zum Outfit, da ich keiner bin, der gelb-rote Schuhe anzieht. High-Tops? Mensch, die sehen ja aus wie Klumpen! Beim Basketball verstehe ich das ja noch, aber für den Golfplatz? Da sehe ich mich nicht mit.

GP: Als Jugendlicher hättest du selber fast einen anderen sportlichen Weg eingeschlagen: Fußballkarriere. Bist du im Nachhinein froh, dass daraus nichts wurde?
MK: Das kann ich kaum sagen, da ich nicht weiß, wie weit ich gekommen wäre. Wenn aber die Nationalmannschaft Weltmeister wird, fragt man sich natürlich: Hätte ich das auch geschafft? Ab und zu steh, äh, sitze ich im Stadion, dann zuckt bei mir schon mal der Fuß. Gerade den Teamgedanken, der nicht mal beim Ryder Cup so zustande kommt, vermisse ich.

GP: Na, was jetzt: Stehen oder Sitzen im Stadion?
MK: Das ist fifty-fifty. Wenn ich eingeladen werde, bin ich in der Loge. Mit meinem Vater oder Bruder mache ich dann aber andere Sachen.

GP: Du giltst als Kumpel von Ren้ Adler. Mal ehrlich: Wie golft der HSV-Keeper?
MK: [schweift ab] Das ist bitter - er ist Torwart und kann da nicht viel machen. Der ganze Club die letzten Jahre, das ist natürlich für einen Sportler frustrierend... Aber Golf spielt er wirklich gut! Auch andere Fußballer wie Oliver Bierhoff oder Thomas Müller sind sehr ambitioniert - das ist schon krass.

 

STECKBRIEF

Alter: 32 Jahre
Wohnort: Düsseldorf
Profi seit: 2005
Lieblingsverein: 1. FC Köln
Erfolge:
• BMW International Open 2008
• US PGA Championship 2010
• Players Championship 2014
• US Open 2014

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