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Golfpunks dieser Welt

Tony Lema

17.07.2017 | Von Rudi Schaarschmidt, Fotos: Getty Images

Er ist der James Dean unter den Golfprofis: Anthony David Lema war mit zwölf Turniersiegen in fünf Jahren, darunter ein Sieg bei der Open Championship, einer der hellsten Sterne am Golfer-Firmament. Ehe er endgültig zur Legende wurde, kam er viel zu früh auf tragische Weise ums Leben.

Als Tiger Woods die Golfwelt regierte, haben wir uns einmal die Mühe gemacht zu analysieren, wie unser Sport heute wohl ohne ihn aussehen würde: Wie viele Spieler hätten eine schillerndere und ruhmreichere Karriere gehabt und wer hätte Tigers Majors gewonnen? Heute fragen wir umgekehrt: Was wäre gewesen, wenn Tony Lema nicht schon im Alter von 32 Jahren bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen wäre? Wir alle schwärmen heute noch ehrfurchtsvoll vom "King", vom "Golden Bear" und vom "Black Knight". Ein Trio, das die Golfwelt in den 60ern bestimmt und für Jahrzehnte geprägt hat. Sehr wahrscheinlich müssten wir heute von einem Quartett sprechen, ergänzt durch "Champagne Tony".

Bei den St. Paul Open 1965 - lange bevor Profis ihre eigenen Caddies mit zu jedem Event brachten - durften sich die örtlichen Caddies je nach Anzahl der durch sie verkauften Tickets ihren Pro für das Turnier auswählen. Arnold Palmer wurde zuerst gewählt. Der 16-jährige Cal Simmons durfte als Zweiter wählen und entschied sich nicht für Jack Nicklaus, sondern für Tony Lema, "weil er für mich die größere Persönlichkeit war". So originell sein Spitzname, so außergewöhnlich war der Typ Tony Lema, mit dessen Namen heute leider kaum noch jemand etwas anzufangen weiß.

Es ist das so oft erzählte und doch so seltene amerikanische Märchen vom Aufstieg eines Tellerwäschers zum Superstar. Als Tony drei Jahre alt war, starb sein in einer Fabrik arbeitender Vater mit portugiesischen Wurzeln an einer Lungenentzündung. Mutter Clotilda mühte sich als Schuhverkäuferin und Supermarktkassiererin nach Kräften, um Tony und seine drei Geschwister aufzuziehen. In einem Arbeiterviertel von Oakland aufgewachsen, machte der junge Tony allerlei dokumentierten Blödsinn (unter anderem klaute er einmal Bierkisten von einem Lastwagen), die den ein oder anderen Besuch der Polizei zur Folge hatten. Mit zwölf unterstützte er die Familie mit Nebeneinkünften als Caddie in der öffentlichen Golfanlage Lake Chabot. Bei seinen gelegentlichen Versuchen, selbst den Schläger zu schwingen, offenbarte er ein beachtliches Talent und unter den Fittichen der örtlichen Pros wurde er schnell ein veritabler Spieler.

Mit 17 Jahren verpflichtete er sich als US Marine und zog in den Krieg gegen Korea, wo er ebenfalls Gelegenheit fand, in seiner Freizeit Golf zu spielen. Nach seiner Rückkehr wurde er auf der Fahrt zu seiner Mutter deutlich zu schnell von einem Cop angehalten. Der entpuppte sich glücklicherweise ebenfalls als Golfer und erzählte dem jungen Heimkehrer von einer offenen Stelle als Assistent-Pro im San Francisco Golf Club. Da Tony mit dem Sohn des dortigen Head-Pros John Geersten zusammen als Junior gespielt hatte, bekam er den Job. Wenig später wurde Lema Head-Pro in einem Club in Nevada und versuchte von Zeit zu Zeit auch als Playing-Pro sein Glück. Allerdings stand ihm dabei sein Lebenswandel im Weg. "Man kannte Tony in jedem Nachtclub. Wir waren beide Singles, liebten beide Frauen, Drinks und Golf", schildert sein Kumpel Ted Blohm.

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28 JAHRE NACH DEM TURNIER BEGEGNETE DER IM PLAY-OFF UNTERLEGENE BOB ROSBURG EINEM MANN, DER IHM ERZÄHLTE, ER HABE EINEN INS ROUGH VERZOGENEN DRIVE VON TONY LEMA AUS VERBUNDENHEIT ALS MARINE ZURÜCK AUFS FAIRWAY GEKICKT.
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Schließlich lernte Lema Eddie Lowery, den zehnjährigen Caddie an der Seite von Francis Ouimet bei dessen US-Open-Sieg 1913, großartig verfilmt in "Das Spiel seines Lebens", kennen. Lowery, inzwischen ein erfolgreicher Geschäftsmann, bot Lema an, ihn finanziell in Form eines wöchentlichen 200-Dollar-Darlehens zu unterstützen, verbunden mit Beteiligungen an späteren Preisgeldgewinnen. Bei den Imperial Valley Open 1957 war Tony Lema nach der Finalrunde bereits im Clubhaus und gönnte sich überzeugt, mit dem Ausgang des Turniers nichts zu tun zu haben, einige Drinks. Wenig später musste er dann doch noch in ein Stechen und gewann deutlich angeschickert am zweiten Extraloch sein erstes Turnier.

1958 landete er bei elf Turnieren in den Top 15. Sein Lebensstil, der ihn keine Party und keinen Drink verpassen ließ und an Walter Hagen erinnert, sorgte dann für zwei schwächere Jahre auf der Tour und Lemas Schulden bei Lowery beliefen sich mittlerweile auf 11.000 Dollar. Weil Tony selbst engsten Vertrauten nicht davon erzählt hatte, wurde erst später bekannt, dass aus einer kurzen Liaison 1961 sein Sohn David entsprungen war, für den er fortan Unterhalt zahlte.

Feierlaune kam wieder beim Orange County Invitational 1962 auf, als er vor der Schlussrunde in Führung lag und allen anwesenden Medienvertretern verprach, im Falle eines Siegs Champagner zu spendieren. Er gewann, hielt sein Versprechen - und hatte seinen Spitznamen "Champagne Tony" weg. Fünf Jahre in Folge gehörte Lema auf der Tour zu den Siegern. Der Champagner für die Presse wurde zum Ritual und Markenzeichen und brachte ihm einen Sponsorenvertrag mit Mot & Chandon ein. Aber selbst um diesen Premierensieg auf der Tour rankt sich eine herrliche, schicksalhafte Geschichte. 28 Jahre nach dem Turnier begegnete der im Play-off unterlegene Bob Rosburg einem Mann, der ihm erzählte, er habe einen ins Rough verzogenen Drive von Tony Lema aus Verbundenheit als Marine zurück aufs Fairway gekickt.

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Von 1963 bis zu seinem Tod im Juli 1966 gewann Tony Lema zwölf PGA-Turniere, zehn weitere Profi turniere und landete bei über der Hälfte all seiner Turnierstarts in den Top Ten. In dieser Zeit schaffte er bei allen Majors den Cut und landete dabei achtmal in den Top Ten. Als Ryder- Cup-Teilnehmer 1963 und 1965 hält er heute noch mit acht Siegen, zwei Teilungen und nur einer Niederlage den Rekord für Spieler mit mindestens zwei Teilnahmen. Beim Masters 1963 wurde er mit einem Schlag Rückstand auf Jack Nicklaus Zweiter und verpasste nur knapp das Playoff bei den US Open. 1964 hatte er innerhalb von vier Wochen drei Turniere gewonnen, eines davon im Play-off gegen Arnold Palmer, und verspürte trotzdem nicht die geringste Lust, zur Open Championship nach St. Andrews über den Teich zu fliegen. Als Palmer davon erfuhr, wollte er wissen, wie er Lema doch noch überreden könnte. "Leih mir deinen Putter", lautete dessen knappe Antwort. Arnie, selbst verletzungsbedingt verhindert, stimmte zu und stellte ihm auch seinen Open-erfahrenen Caddie Tip Anderson zur Seite. Mit nur neun Probelöchern auf dem Old Course in den Beinen überrollte Lema das Feld und holte sich die Claret Jug mit fünf Schlägen Vorsprung auf Jack Nicklaus. Wenig später gewann Lema die World Series of Golf der vier Major-Sieger gegen Palmer, Venturi und Nichols und kassierte mit 50.000 Dollar das bis dahin größte Preisgeld der Golfgeschichte.

Tony war groß, schlank, gut aussehend, temperamentvoll, lebhaft, charmant, sympathisch und immer fröhlich, auch auf dem Platz. Peter Alliss, der Tony beim Ryder Cup 1963 ein geteiltes Match abringen konnte, beschreibt ihn als sehr vielschichtigen Charakter: "Es konnte sein, dass er sich kurzfristig aus dem Staub gemacht hat, um in die Kirche zu gehen, und an demselben Abend war er dann viel zu lange aus mit viel zu vielen Drinks." Auch wenn er weiterhin gerne Camel und Scotch genoss, änderte sich Tonys Lebenswandel, als er 1963 auf einem Flug von Dallas nach San Francisco Betty kennenlernte, die er später heiratete. 1965 bildete er mit Jack Nicklaus das amerikanische Team beim World Cup und war hinter Nicklaus Zweiter der Preisgeldeinnahmen, nach eigener Aussage aber "Erster im Ausgeben".

"Champagne Tony" war ein Naturtalent mit einem wunderbar rhythmischen Schwung. "Er hat sich nicht viele Gedanken gemacht, auch nicht auf dem Golfplatz", erzählt Johnny Miller, für den Tony "der furchtloseste Putter aller Zeiten" war, dazu bestimmt, eine Golflegende zu werden - ehe 1966 das Schicksal zuschlug.

Er hatte die Oklahoma City Open gewonnen und machte sich nach der PGA Championship auf den Weg nach Crete, Illinois, wo er seine Zusage für ein Exhibition-Turnier im Lincolnshire Country Club gegeben hatte. Er wollte den Platz bei einem Überflug kennenlernen, lehnte aber zunächst Doris Mullen als Pilotin erschrocken ab. "Ich kann mir viele schöne Dinge mit Frauen vorstellen. Von ihnen geflogen zu werden gehört nicht dazu." Als ob es eine Vorahnung gewesen wäre, stürzte die zweimotorige Beechcraft Bonanza mit technischen Problemen (Gerüchten zufolge Treibstoffmangel) nahe des siebten Grüns in ein Wasserhindernis und explodierte. Tony Lema, seine Frau Betty, Mullen und ihre Kopilotin kamen ums Leben.

Tony Lema wurde in Hayward, Kalifornien, bestattet. Jahrelang hatten sich die Nonnen und Armenhäuser in Oakland über regelmäßige anonyme Bargeldspenden in Briefumschlägen gleichermaßen gewundert wie gefreut. Nach Lemas Tod kamen keine Umschläge mehr. Seine Freunde und Tourkollegen trugen bis 1980 das Tony Lema Memorial als eintägiges Invitational mit 50 Pros, 50 Celebrities und 100 Amateuren aus. Seit 1983 heißt der Golfplatz in San Leandro (heute Monarch Bay) Tony Lema Course. In Ludlow, Massachussetts, heißt die Straße zum örtlichen Golfclub Tony Lema Drive. Im Clubhaus sind Fotos und Devotionalien ausgestellt. Harry Lema wurde die enorme Popularität seines Bruders noch über 20 Jahre nach dessen Tod bei einem Trip nach Schottland zuteil, als ihn die dortigen Golf-Fans wie einen Helden verehrten. Aber all seine Erfolge waren nicht genug für eine Aufnahme in die Hall of Fame, was seinen Neffen Ryan Lema ärgert. "Es wäre schön, wenn man sich seiner mehr erinnern würde. Er war einer von denen, die die Tour zur Geldmaschine für die Pros gemacht haben."

Beim nächsten Glas Champagner solltest du deshalb einfach kurz innehalten, für einen Moment an jenen Tony Lema denken, dem das Schicksal mehr davon verwehrt hat, und auf ihn anstoßen. Cheers, Tony!




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