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Golfpunks dieser Welt

Allen Doyle

Von Janek Weiss, Fotos: Getty Images

Suchte man den Real-Life-'Tin Cup', käme man kaum an Allen Doyle vorbei. Seine späte Golfkarriere ist ein Lehrstück über Beharrlichkeit.

Golf kann ein sehr einfaches Spiel sein. Es braucht dazu nicht viel. Ein paar Schläger und Bälle sind schließlich günstig zu leihen. Eine improvisierte Baracke fungiert als "Clubhaus". Ein kleines, unebenes Stück Land und etwas Bermudagras aussäen, fertig ist die Driving-Range. An sich ist es dem Golfschwung egal, wie die Umgebung daherkommt - es muss nicht unbedingt ein Country Club sein. Eine gesunde Einstellung reicht und so ist es manchmal auch egal, wie der Golfschwung aussieht.

Allen Doyle hat sich einen Traum erfüllt. Mit 36 Jahren ist er der neue Manager des öffentlichen American Legions Golf Course in La Grange, Georgia - 29 000 Einwohner. US-Kleinstadt-Idylle in der Nähe Atlantas. Die Straße runter hat er sich dazu seine Range eingerichtet, das Doyle's Golf Center. Die Range in "Tin Cup" sieht dagegen aus wie eine Leadbetter-Akademie. Minigolf gibt es dort auch. 1984 spielt Doyle also endlich wieder Golf. 13 Jahre seines Lebens schlummerte die Liebe zum kleinen weißen Ball, zum Teil verschüttet und begraben unter den eigenen Lebensrealitäten. Doch ein Gedanke verschwand nie: "Wie gut hätte ich wirklich sein können?"

Allen ist das dritte von sieben Kindern. Die Eltern: Joseph und Mabel Doyle, ein typisch irisch-katholischer Haushalt. Geboren am 26. Juli 1948 in Woonsocket, Rhode Island. Aufgewachsen in Norwood, Massachusetts. Bruins-Country der Boston Bruins und somit ist Eishockey Doyles erste Sportliebe. Mit 14 Jahren - er hat nie jemanden Golf spielen sehen, weder im Fernsehen noch in persona - lockt das "schnelle" Geld. Seine Kumpels berichten, dass man mit Golftaschen tragen im nahe gelegenen Spring Valley Country Club Cash machen könne. Zwar arbeitet sein Vater im Finanzwesen, nichtsdestotrotz sind die Ressourcen begrenzt, die große Familie will schließlich eingekleidet und ernährt werden. "Es war nie viel übrig", erinnert sich Doyle später. Das Geld ist also willkommen. Und nebenbei wird Golf gespielt. Zwei Dollar das Greenfee. Die bunte Truppe spielt oft 72 Loch am Tag. Vorsicht, wir spielen durch - zum Ball, schlagen und weiter, Ready Golf! Mit 17 ist Doyle bereits ein respektabler Golfer, ohne auch nur eine einzige Trainerstunde genommen zu haben. Mit anderen Mitarbeitern des Clubs spielt er mittlerweile um Geld. "An einigen Tagen habe ich 30 Dollar gewonnen und dachte, die Lotterie geknackt zu haben", so Doyle.

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An einigen Tagen habe ich 30 Dollar gewonnen und dachte, die Lotterie geknackt zu haben.
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"Einmal ging mich meine Mutter wegen der Wetten an." Er habe ihr gesagt, er wisse, was er tue In Wahrheit spielte er nicht selten um Einsätze, die er gar nicht hatte. "So lernte ich, unter Druck zu spielen." Mit Erfolg, denn Allen verlässt den Platz meist als Sieger. Und lernt dabei recht früh, dass es manchmal egal ist, wie ein Golfschwung aussieht. Ganz der Eishockeyspieler führt er eine Bewegung aus, die an einen Schlagschuss erinnert. Eine kurze und flache Ausholbewegung, von dort dann die "Peitsche" zum Ball. Alles andere als schulbuchmäßig und mit "unorthodox" noch unzureichend umschrieben. Im Vergleich dazu schwingt Jim Furyk beinahe idealtypisch. "Wenn du den Ball gerade schlägst und ein gutes Kurzspiel hast, wirst du keine Probleme bekommen", so der Ratschlag des damaligen Head-Pros in Spring Valley. Ein Ratschlag, den sich der junge Doyle zu Herzen nimmt. Warum ändern, was funktioniert? Ändern, was er in unzähligen Winternächten in einem flachen Keller perfektioniert?

Er bekommt ein Teilstipendium an der Norwich-Universität, jedoch für seine Fähigkeiten auf dem Eis. Als beinharter Verteidiger bringt er es zu All-American-Ehren. Sporadisch teet er aber auch für das Golf-Team auf. Division II, die Schule gehört nicht zu den großen Kaderschmieden in den Staaten. So misst er sich in regionalen Wettkämpfen mit anderen Uni-Golfern im Staat Vermont. 1971 macht er seinen Ab schluss, das "reale" Leben ruft. Kein Draft als Eishockeyprofi, keine Mini-Touren, stattdessen Militärdienst in Südkorea. Später ist er vielbeschäftigter Produktionsmanager für Milliken Textiles in La Grange. Sein Frau Kate und er gründen eine Familie und taufen ihre beiden Töchter Elin und Michelle.

Für Golf bleibt wenig Raum. "Wie gut hätte ich wirklich sein können?" Dieser Gedanke will jedoch nicht verschwinden. Im Gegenteil, er wird noch gefüttert. Doyle taucht Ende der 70er-Jahre bei den Georgia Amateurs auf und gewinnt: 1978, 1979, 1982. Wer ist dieser Hacker? Die Zuschauer sind ob des "schiefen" Schwungs, wohlwollend ausgedrückt, verblüfft. Und die Sportpresse bläst ins gleiche Horn. So liest man im "Macon Telegraph", es sei wirklich schade, dass so ein Niemand wie Allen Doyle das Turnier gewonnen habe, lenke er damit doch vom eigentlich starken Feld ab. Er selbst kennt das schon und schert sich nicht weiter um das verbale Störfeuer. Wenn überhaupt, dann treibt es ihn an. Sein Bonmot zu diesem Thema: "Einige der Jungs wollen gut aussehen. Aber mein Ziel ist ein guter Score nach 18 Loch. Die ,Hübschen' hauen an Tee 1 einen raus und alle denken: 'Was für ein Golfer!'" Allen Doyle ist nicht sonderlich lang mit dem Driver. "Die Zuschauer fragen sich, woher dieser Typ komme. Ich sei doch kein Golfer. Ich bin der Underdog und versuche einfach, aus jedem Schlag das Maximale herauszuholen." Sein Selbstvertrauen und seine Einstellung sind seine größte Stärke.

Abends, die letzten Gäste haben seine Range verlassen. Oft lässt sich in der Dämmerung folgendes Szenario beobachten: Doyle wandert die Zäune der Range entlang und schlägt die Bälle zurück in die Mitte der Anlage. "Ich sehe keinen Grund, warum ich noch mal 200 Bälle raushauen soll, muss ich diese doch sowieso wieder einsammeln." Doyle ist so pragmatisch wie sein Schwung. Er trainiert nun wieder regelmäßig und intensiv, einige würden vielleicht sogar sagen obsessiv. Ein Traktor steht an einer etwas besseren Stelle der Range, wo das selbst gesäte Gras zumindest ein wenig angewachsen ist. Er schlägt Wedges über das Arbeitsgerät. Für den Ballflug seiner Eisen parkt er ihn etwas weiter weg. Joe Fagundes, einer seiner Golf-Buddys, lapidar: "Der Traktor hat keine einzige Delle." Abends und an den Wochenenden gehen er und seine anderen Kumpels auf die Golfrunde. Sie spielen im Scramble-Format. Und meistens wird Doyles Ball gespielt. Sein Arbeitsethos: die ausgeprägte intrinsische Motivation - Allen Doyle, 1,90 Meter groß und 110 Kilo schwer, erwirbt sich im US-Amateur-Golf den Ruf als unerbittlicher Wettkämpfer.

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Nachdem er 1988 bei den Southeastern Amateurs in der dritten Runde seine Führung verspielt hat, ist er stinksauer. Zu Hause erleuchtet er mit den Scheinwerfern des Pick-up-Trucks seinen Garten und baut bis spät in die Nacht an seinem Pool-Haus. Dampf ablassen. Am nächsten Tag gewinnt er das Turnier im Stechen. "Allen gibt niemals auf, niemals", sagt sein Frau Kate über ihn. "Egal wie es im Turnier steht, es ist nicht vorbei, bevor es wirklich vorbei ist. Er ist ein Perfektionist und tut alles, um der Beste zu sein." Zwischen 1990 und 1994 beendet er jedes seiner 20 Turniere im Jahr unter den Top Ten. Sein Resümee in der Zeit ist beeindruckend. Walker-Cup-Nominierungen, er spielt mit Tiger im World Team Cup und gewinnt nahezu alle wichtigen Turniere, die es bei den Amateuren zu gewinnen gibt. Bei den US Amateur Championships 1992 scheitert er erst im Halbfinale am späteren Major-Sieger Justin Leonard.

Seine Töchter sind mittlerweile 15 und 16 Jahre alt. Doyle, ganz Pragmatiker, denkt an das Geld, um die beiden auf das College schicken zu können. Er leiht sich 25.000 Dollar, rechnet mit Ausgaben von 40.000 Dollar für die 18 Nike-Tour-Events (heute Korn Ferry Tour) und setzt sich das Ziel, unter die besten zehn der Geldrangliste zu kommen. 1995 wird Allen Doyle Profigolfer. Er ist jetzt 46 Jahre alt, kalkuliert konservativ und gewinnt trotzdem die Gulf Coast Classic, sein zweiter Turnierstart als Professional. Für die 36.000 Dollar Preisgeld hätte er auf seiner Range über ein Jahr arbeiten müssen. Selbstredend ist er in seinem Alter der älteste Gewinner auf der Nachwuchstour. Seine Gegner sind oft nur halb so alt. Dennoch hält er nicht nur mit, sondern spielt an der Spitze und verdient sich nach nur einer Saison und drei Siegen die PGA-Tour-Karte. Auf die Frage, ob er es nach seinem beeindruckenden Start bereue, erst so spät Profi gewor den zu sein, antwortet er: "Ich sehe meine Frau, meine Freunde - um nichts in der Welt würde ich was ändern. [] Es war eine lange Reise mit Drehungen und Wendungen. Ich werde den Erfolg genießen, solange er anhält. Ich bleibe auf dem Boden." Erstmals wird er für seinen Schlagschwung (oder ist es ein Schwungschlag?) nicht belächelt. Er wird respektiert für sein Talent, seine Fähigkeiten als Golfer und als Tour-Rookie mit 47. Bei 53 Starts auf der Tour übersteht Doyle 31-mal den Cut und landet gar zweimal in den Top Ten. 1999 erlaubt ihm der 50. Geburtstag dann den Wechsel auf die Champions-Tour.

Allen Doyle sitzt am Tresen, hinter ihm ein Schild: "Bin golfen." So beginnt eine Reportage im "Cedartown Standard" aus dem Mai desselben Jahres. Alles wie immer? Wenn er nicht bei Turnieren aufteet, ist Doyle auf seiner Golfanlage und nimmt Telefonate entgegen, verkauft Balleimer? Nicht ganz... Vor einigen Tagen hat er die Senior PGA Championship gewonnen. Ein Major. Ein Turnier, das vor ihm gestandene Golflegenden wie Jack Nicklaus oder Gary Player gewonnen haben. Die unwahrscheinliche Karriere des ehemaligen Eishockeyspielers mit dem "hässlichen" Schwung ist auf dem Höhepunkt. Er ist 315.000 Dollar reicher und vor der Tür steht ein neuer Truck. Aber sonst? Doyle, wie immer an einem Montag, ist hier, in seinem eigentlichen Heim, in Doyle's Golf Center. Dem Startpunkt seiner späten Golfjahre. "Was würde ich denn tun, wäre ich jetzt zu Hause? Ich würde dort nur herumsitzen." Seine Freunde sind auch da. Sie amüsieren sich über die, die nun auf die Anlage kommen, um den Champion zu bestaunen, und geben zu Protokoll, er habe sich kein bisschen verändert. Er wird noch neunmal bei den Senioren gewinnen, darunter drei weitere Major einheimsen, Tom Watson auf seinem Heimatplatz schlagen und am Ende 13 Millionen Dollar verdient haben, bevor es ihn 2017 zurück in die Gegend um Boston zieht. Im Salem Country Club unterspielt er immer noch regelmäßig sein Alter. "Ich kam und habe versucht, so gut zu sein, wie ich zur gegebenen Zeit sein konnte." Kein Konjunktiv mehr. Allen Doyle, gut genug für Zeilen in den Golfgeschichtsbüchern. Und das auf seine ganz eigene Weise.

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