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Golfpunks dieser Welt

Herman Densmore 'Denny' Shute

Von Janek Weiss, Fotos: Getty Images

Da er nur den interessiertesten Golf-Aficionados ein Begriff sein dürfte, wird es Zeit, den Schleier der Geschichte zu lüften: Denny Shute - der schweigsame Touring-Pro aus Ohio und seine Karriere aus einer vergessenen Zeit.

St. Augustine, Florida. Sie hatten ihn doch glatt vergessen. Sie: das Konsortium von 26 Golforganisationen auf der ganzen Welt, dieses Komitee, das über die Aufnahme in die World Golf Hall of Fame entscheidet. Ihn: Herman Densmore "Denny" Shute. Der Staub des Vergessens hatte sich auf die Karriere des US-Amerikaners gelegt. Marksteine, Momente, die großen Leistungen bestimmen unsere Sichtweise auf die Vergangenheit. 16 Siege, darunter drei Majors und drei Ryder-Cup-Teilnahmen: faktisch betrachtet durchaus starke Zahlen einer Karriere in den 30er-Jahren des 20. Jahrhunderts.

Aber der flamboyante Charakter? Die herausragenden Karrierestatistiken im Test der Zeit? Die Momente des grellen Scheinwerferlichts, die epochalen Einflüsse auf das Spiel? Walter Hagen. Byron Nelsons 18-Siege-Saison. Sam Snead, der Titelhamster. Gene Sarazen und der Schlag, der auf der ganzen Welt gehört wurde. Ben Hogans Comeback. Dann Arnold Palmers Armee. The Golden Bear. Und Denny?

Der Sohn eines englischen Golflehrers wurde am 25. Oktober 1904 in Cleveland, Ohio, geboren. "Als er das Licht der Welt erblickte, bekam er von seinem Vater einen Niblick [früheste Golfschläger-Modelle, zumeist aus Holz und in der Schlagfunktion heutigen Wegdes ähnlich; Anm. d. Red.] anstatt eine Schnullers", so ein Artikel der "LA Times". Dem jungen Densmore wurde das Spiel sprichwörtlich in die Wiege gelegt. Die Vorteile liegen auf der Hand. Golf wird so natürlich wie Laufen, Reden und das Essen mit Messer und Gabel. Denny spielte Golf, bevor er Worte wie "Divot" oder "Drei-Putt" auch nur aussprechen konnte. Seine Kindheit und Jugend verbrachte er in Huntington, West Virginia, unter der behutsamen Führung seines dort Golf lehrenden Vaters. Die ersten Momente in der (Golf) Öffentlichkeit dann 1923 bei den United States Amateurs. Denny, ein ruhiger in sich gekehrter Teenager, erreichte die dritte Runde. Wer war dieser hoch aufgeschossene Junge mit dem seidenweichen Schwung, so bei sich, so im Fluss, als atmete er diese Bewegung? Shute war eine regionale Größe. West Virginia State Amateur Champion - aber darüber hinaus? Nichts. Er verlor vernichtend gegen Robert A. Gardner und verschwand wieder von der Bildfläche. Bis er 1929 zu den Profis wechselte.

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Als er das Licht der Welt erblickte, bekam er von seinem Vater einen Niblick anstatt eines Schnullers.
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Im Kreise der Professionals angekommen fand Shute schnell Beachtung, doch Herman Densmore war und wurde nie ein Advokat seiner selbst. Dennoch, oder gerade deswegen, war er hoch respektiert: sein Auftreten, sein zurückhaltendes, respektvolles Wesen - darüber hinaus ließ er sein unangestrengt wirkendes Spiel für sich sprechen. Er spielte die Bälle "mit einem Schwung so zart wie ein Wiener Walzer [], ein seidenweicher Stylist, der tat, was alle für einfach hielten, nur war es das nicht", so Herb Graffis, ein Golfjournalist, über den "brillanten Wettkämpfer", der Denny Shute war. Und er gewann. Die Ohio Open gar in Serie von 1929 bis 1931. Er war der Golfer Ohios, bevor ein dicklicher Junge aus Columbus sich aufmachte, alle Rekorde zu brechen. Neun Titel in Shutes ersten fünf Jahren auf der Tour. Und dann: eine erste Zäsur. Als brillanter Match-Play-Spieler hatte er bei seiner ersten Ryder-Cup-Teilnahme 1931 seine beiden Matches gewonnen. Von Zeitzeugen oft beschrieben als " menschlicher Eiszapfen" ob seines stoischen und ruhigen Spiels "mit Eiswasser in seinen Adern", verpasste er, ausgerechnet er, 1933 in Southport/ England seinen letzten Putt aus 1,20 Metern. Ein Putt, der den Kontinentalvergleich zugunsten der Amerikaner entschieden hätte. Er besiegelte eine Niederlage, die über die Jahre historische Dimensionen annahm, war es doch der letzte britische Sieg bis 1957. Und dieser blieb auch der einzige, bis mithilfe der Kontinentaleuropäer die US-Dominanz 1985 gebrochen werden konnte. Sein Moment in der Geschichte sollte jedoch nicht diese bittere Niederlage bleiben.

"Eiswasser in den Adern" Shute hielt sich nicht lange mit dem Missgeschick auf. Die Open in St. Andrews fanden nur wenige Tage später statt. Walter Hagen, sein kongenialer Match-Play-Partner über die Jahre, Ryder-Cup-Teamkollege, das Enfant terrible seiner Zeit, Suffkopp und Zocker, startete famos: 6 nach zwei Tagen. Densmore Shute: 73, 73 - Even Par. Leo Diegel und Craig Wood, ebenfalls Ryder-Cup-Spieler, lagen unter Par nach drei Runden. Denny schoss wiederum eine anständige 73. Eine vierte Par-Runde, Craig Woods 75, ein Stechen. Unaufgeregt, steady and sturdy, eine Metapher, wenn man so will, für das Wesen des Jungen aus Ohio. Densmore Shute reckte am Ende die Claret Jug gen schottischen Himmel. Das war dann auch genug der Jubelbekundung und er verabschiedete sich ins Hotel zu seiner Frau und der einjährigen Tochter Nancy Paige.

Eines seiner seltenen Statements: "Ich bin im Besonderen froh, gewonnen zu haben, fühlt es sich doch an, als büßte ich für den letzten Putt in Southport." Tatsächlich mied er das Rampenlicht so sehr, dass nicht selten seine Frau Hettie Marie Potts, die er bereits 1930 geheiratet hatte, Trophäen und Preisgeldschecks für ihn entgegennahm.

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Obwohl er zu den kürzeren Spielern seiner Zeit gehörte, war es vor allem sein akkurates Eisenspiel, mit dem Shute die Turniere gewann. "Ich dachte mir, wenn ich jeden zweiten Ball aufs Grün bringe, würde es meinen Gegner aus der Fassung bringen, dass ich immer zuerst schlage und er jedes Mal den kleinen weißen Ball so nah an der Fahne sieht." Subtile Psychospiele, die funktionierten. Jimmy Thomson verlor mit 3&2. Es war das Finale um die PGA Championship. Und Shutes zweiter Erfolg bei einem Major. Das prestigeträchtigte Turnier der PGA wurde bis in die 50er-Jahre als Match Play ausgetragen und galt als das am schwierigsten zu gewinnende Event. Im darauffolgenden Jahr hieß der Sieger erneut Shute. Aufeinanderfolgende Major-Siege - endlich, es ist Dennys Moment in der Golfgeschichte. Erst ein gewisser Tiger Woods schaffte es über 60 Jahre später, dieses Turnier ebenfalls hintereinander zu gewinnen. Dennys Karrieredaten: 1929 bis 1939, 16 Turniersiege, drei gewonnene Majors - und auch in den nächsten Jahre sollte der Name Shute immer mal wieder auf den Leaderboards auftauchen.

Eben dann, wenn er entschied, mal wieder auf der Tour abzuschlagen. Denn nach zehn Jahren zog sich Denny nach Ohio in den Kreis seiner Familie zurück. Sam Snead, der - zusammen mit Tiger mit 82 Siegen - Allzeitführende in den Siegerlisten, meinte einst: "Hätte Denny je den unbändigen Hunger auf Turniergolf verspürt, wäre er mit mir auf einer Stufe." Eine Einschätzung die Bände spricht. Denn selbst in seiner aktivsten Zeit spielte er nicht den vollen Kalender. Vielmehr war er stets Head- und Touring-Pro im York Temple Country Club sowie später im Brookside Country Club an der Seite seines Vaters, Golfanlagen ganz in der Nähe des Geburtsorts seiner Frau. Heimatverbundenheit, die Familie, Golf lehren, das war seine eigentliche Berufung abseits der Geschichtsbücher. Bis er 1974 mit nur 69 Jahren verstarb. Er hat der (Golf) Welt nur eine Stichprobe seiner Fähigkeiten und Möglichkeiten gegönnt. Und seine Zeitgenossen wussten das: "Denny war ein sehr ruhiger, schüchterner und reservierter Mann", teilte auch Byron Nelson diese Einschätzung. "Aber ich habe ihn Golf spielen sehen. Er war viel besser, als die Menschen es realisierten."

Und 2008 dann, nach mehr als 30 Jahren, erinnerten sie sich in der World Golf Hall of Fame an Herman Densmore Shute. Er wurde in die Ruhmeshalle aufgenommen. Zusammen mit Craig Wood, seinem Gegner im Stechen in St. Andrews und Dauerrivalen, zusammen mit Herbert Warren Wind, der Edelfeder in der frühen Berichterstattung über das Spiel, die einmal schrieb: "Dies ist sicher kein Ranking der Besten, viele Veränderungen müssten vorgenommen werden und Raum an der Spitze müsste geschaffen werden für Denny Shute."

Sie feudelten den Staub von seiner Karriere und rühmten ihn als Wegbereiter, als internationalen Botschafter und als Gentleman. Als einen, der das Wesen des Spiels verkörperte, sich dem Lichte der Beachtung entzog und Raum ließ für seine Nachfolger. Der das Spiel mehr liebte als das Siegen und diese Liebe an seine Schüler weitergab. Denny war nie Advokat seiner selbst und bleibt schlussendlich gerade auch deshalb unvergessen.

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