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Tony Finau

Sanfter Schlägertyp

Von Jan Langenbein, Fotos: Getty Images

Das Masters auf einem Bein gespielt, eine Serie für die Ewigkeit aufgestellt und Tommy Fleetwood beim Ryder Cup geschlagen - Tony Finaus Saison 2018 kann sich sehen lassen. Und eines ist sicher: Das war erst der Anfang.

Es ist eine absolute Standardfrage, die Tony Finau während seiner Pressekonferenz im Vorfeld des Ryder Cup in Paris gestellt wird: "Von all den Dingen, die du bisher geschafft hast - du hast die Tourkarte für die Web.com Tour erspielt, danach kam die Tourkarte für die PGA Tour und schließlich der erste Sieg in Puerto Rico -, was war der Moment in deinem Leben, der dir den größten Schub für dein Selbstvertrauen gegeben hat?", möchte ein amerikanischer Journalist in Erwartung einer bereits tausendmal gehörten Antwort über die harte Trainingsarbeit auf dem Weg zur höchsten Spielklasse und schließlich den ersten Sieg wissen. Doch hier sitzen nicht die Golden Boys Justin Thomas oder Jordan Spieth auf dem Podium, sondern Tony Finau, dessen Weg an die Weltspitze des Profigolfs komplett anders verlief als der seiner elf Teamkameraden. "Nun, im Leben allgemein gesehen", beginnt er mit angenehm sonorer Stimme, die jedes hysterische Kleinkind im Nu in den Schlaf säuseln könnte, "ist es die Tatsache, dass ich meine Frau heiraten konnte, denn sie ist einfach wunderschön. Das hat mir eine Menge Selbstvertrauen gegeben. Jeden Morgen schau ich sie an und denke: ,Wow, ich bin ein riesiger Glückspilz!'" Unter die entzückten Ahs und Ohs der anwesenden internationalen Pressevertreter mischt sich spontaner Szenenapplaus, denn niemand hätte in der testosterongeschwängerten und gleichzeitig von überdimensionalen Egos geprägten Atmosphäre eines Ryder Cup mit einer derart romantischen Antwort gerechnet, die jedes Klischee vom ichbezogenen Tourprofi ad absurdum führt. Die Kurve zum Golf bekommt Finau spielend: "Was meine Karriere angeht, so ist die Tatsache, dass ich es in dieses Team geschafft habe, ganz weit oben, was die Steigerung des Selbstbewusstseins angeht. Wenn ich mir die Namen in unserer Mannschaft und die von Team Europa anschaue und weiß, dass mein Name dazugehört - das fühlt sich schon ziemlich cool an."

Tony Finau: Schlechte Etikette: Beim Gassigehen muss Schnappi an die Leine!
Schlechte Etikette: Beim Gassigehen muss Schnappi an die Leine!

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ICH HABE DIESES JAHR IN DER LETZTEN GRUPPE DER U.S. OPEN GESPIELT UND DER ERSTE ABSCHLAG DORT WAR NERVLICH GESEHEN NICHTS IM VERGLEICH ZUM ERSTEN TEE BEIM RYDER CUP
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Fünf Tage später ist Tony Finau einer der wenigen Amerikaner, die Paris mit erhobenem Kopf verlassen können, schließlich lag es mit Sicherheit nicht an ihm, dem vierten und letzten Captain's Pick von Jim Furyk, dass Team USA mit 17,5 zu 10,5 unterging. Als einzigem der vier Captain's Picks gelang es Finau, zwei volle Punkte zu erkämpfen, während die anderen Wildcards Woods, Mickelson und DeChambeau ihre insgesamt neun Matches allesamt verloren. Ein Ausrufezeichen hinter seine hervorragende Leistung in Paris setzte Tony am Sonntag mit einem dominanten 6&4-Sieg über keinen Geringeren als Tommy Fleetwood, der am Freitag und Samstag als Reinkarnation des golfenden Jesus Christus sprichwörtlich über Wasser gehen konnte. Bis er am Sonntag Tony Finau begegnete.

Nach einem Abstecher ins Home of Golf zur Dunhill Links Championship ging es für den Durchstarter der PGA-Tour-Saison 2018 wieder zurück ins heimatliche Utah - Zeit für ein ausführliches GolfPunk-Interview.

Als du beim Ryder Cup in Paris auf den ersten Abschlag getreten bist, müssen dir mindestens 12.000 Menschen vor Ort zugeschaut haben. Wie hoch war dein Puls in diesem Moment?
Der war tatsächlich ziemlich hoch, denn das war ein unglaublicher Moment. Dass ich den ersten Abschlag beim Ryder Cup 2018 spielen durfte, fühlt sich für mich immer noch surreal an. Seit ich anfing, Golf zu spielen, habe ich davon geträumt, es eines Tages ins Ryder Cup Team zu schaffen, und nun sogar meine Teamkollegen mit dem ersten Abschlag in den Wettkampf in Paris zu führen war wirklich etwas Besonderes. Die Nerven haben in diesem Moment natürlich geflattert und der Puls raste. Aber ich denke, ich habe die Situation gut gemeistert, den Ball ordentlich ins Spiel gebracht und mein Können während der gesamten Woche unter Beweis gestellt.

Jeder der 24 Spieler, die vor dieser bislang einzigartigen Kulisse abgeschlagen haben, sollte durch diese Erfahrung mental an Spielstärke gewonnen haben. Würdest du als einer, der die Situation am eigenen Körper erfahren hat, diese Einschätzung teilen?
Ja, ich denke schon. Der Druck, den diese Situation mit sich bringt, ist wirklich einzigartig und vielleicht wird niemand von uns je wieder einem solchen Druck ausgesetzt sein. Ich habe dieses Jahr in der letzten Gruppe der US Open gespielt und der erste Abschlag dort war nervlich gesehen nichts im Vergleich zum ersten Tee beim Ryder Cup. Für mich war das ein ganz besonderer Moment, den mir Brooks Koepka ermöglicht hat. Als Captain Furyk uns am Tag zuvor mitteilte, dass er uns am Freitag als erste Gruppe rausschicken würde, meinte Brooks zu mir: "Ich möchte, dass du den ersten Abschlag spielst." Das war wirklich eine coole Geste von ihm als mein Teamkamerad, mein Spielpartner und als mein Freund. Hätte er gesagt: "Ich möchte zuerst abschlagen!", hätte ich natürlich nicht widersprochen. Er hat in diesem Jahr immerhin zwei Major-Turniere gewonnen. Dass er mir den Vortritt ließ und alle anderen im Team ihn dabei unterstützten, werde ich den Jungs niemals vergessen.

Während des Matches lagt ihr dann 1down bei noch drei zu spielenden Löchern...
... und dann hatte ich den glücklichen Bounce von den Holzplanken am 16. Loch, der zu einem Birdie führte und das Match ausglich. [lacht]

Das war ein unglaublicher Moment in dem Match. Ihr seid dann all square auf die letzten beiden, extrem schwierigen Spielbahnen gegangen. Was hat Brooks zu dir gesagt, als ihr vom 16. Grün marschiert seid? Oder hat er einfach nur gegrinst?
Er hat mir auf die Schulter geklopft und war in diesem Moment wohl genauso aufgeregt und glücklich über diesen Schlag wie ich selbst. Nach Loch 15 wussten wir beide, dass wir nun auch etwas Glück bräuchten und Birdies spielen müssten. Der Ball hätte genauso gut ins Wasser springen können, aber er prallte vom Holz ab und landete direkt neben der Fahne. Zu meiner Ehrenrettung muss ich sagen, dass der Ball direkt in Richtung Fahne flog. Auf halbem Weg stieg er dann jedoch ein bisschen zu hoch, weil der Spin zu groß war. Wäre er nur 30 Zentimeter weiter geflogen, dann wäre er ohnehin perfekt gewesen. Glück gehört manchmal einfach dazu. [lacht]

Tony Finau:
Ihr habt das gesamte Match über nicht geführt, bis ihr vom 18 Grün gegangen seid und einen vollen Punkt für Team USA erkämpft hattet. Wie wichtig war dieses gedrehte Match für eure Moral?
Auf der 17, einem sehr schwierigen Par 4, wehte der Wind stark von links und wir spielten alle gute Pars, um das Loch zu teilen. Auf der 18 hatte ich dank meines Birdies auf der 16 noch die Ehre und habe meinen Abschlag mitten auf dem Fairway platziert. Brooks folgte mir und traf ebenfalls das Fairway, was Rosey und Rahm mächtig unter Druck setzte. Wir haben das Match dann mit einem Par auf der 18 1up gewonnen, was extrem wichtig war. Alle Teamkollegen, die an diesem Morgen nicht spielten, schauten uns zu und unterstützten uns, damit wir den ersten Punkt auf die Anzeigetafel bringen.

Was ist abseits des Golfplatzes deine schönste Erinnerung an eure Woche in Frankreich?
Die Stimmung im Mannschaftsraum war unbeschreiblich und es war ein großer Spaß, Teil davon zu sein. Es war toll, meine elf Mitspieler noch besser kennenzulernen und zu sehen, wie unsere Kameradschaft über die gesamte Woche immer weiter gewachsen ist. Wir haben uns gegenseitig großartig unterstützt beim Versuch, den Cup zu gewinnen, und obwohl es mit dem großen Ziel nicht geklappt hat, sind wir doch alle gestärkt aus dieser Woche hervorgegangen. Es ist cool, Teil eines solchen Teams zu sein, denn in unserem Sport spielt man normalerweise nur für sich selbst und die eigene Familie. Beim Ryder Cup spielt man für seine Teamkameraden, den Captain, das gesamte Land und natürlich auch für sich selbst. All diese Momente mit den Jungs zu teilen war ohne Zweifel das Beste an dieser Woche.

Athleten, die bei einem Wettkampf antreten, haben sicherlich keinen Sinn für französischen Wein. Aber wie sah es mit dem Essen aus? Hattet ihr die Chance, die französische Küche wenigstens ein bisschen zu genießen?
Aber selbstverständlich. Am Mittwoch fand das Gala-Dinner im Schloss von Versailles statt und dort gab es vorzügliches französisches Essen. Als Team hatten wir aber auch bereits am Dienstagabend ein französisches Restaurant besucht und hervorragend gegessen. Das ist mein Lieblingsaspekt all der Reisen, die zum Leben eines Golfprofis gehören: Man sieht viele verschiedene Länder und kann Gerichte probieren, die man zu Hause nicht bekommen würde. Seit wir in Frankreich waren, hat die französische Küche auf jeden Fall einen neuen Fan.

 
STECKBRIEF

STECKBRIEF

Name: Milton Pouha ""Tony" Finau
Alter: 29 Jahre
Geburtsort: Salt Lake City (Utah)
Profi seit: 2007
Lieblingsteams: Los Angeles Lakers & Dallas Cowboys
Lieblingsfilm: "Gladiator"
Lieblingsgolfplatz: Olympic Club
Charity: www.tonyfinaufoundation.org

Erfolge:
2014 Stonebrae Classic (web.com Tour)
2016 Puerto Rico Open (PGA Tour)
2017 2. Safeway Open (PGA Tour)
2018 2. Genesis Open (PGA Tour)
2018 2. Northern Trust (PGA Tour)

Tonys gute Leistungen beim Ryder Cup sollten niemanden überraschen, schließlich lag er am Ende der Saison 2018 mit durchschnittlich 69,52 Schlägen pro Runde auf dem zehnten Rang der Scoring-Statistik. Sein Jahr 2018 begann allerdings sprichwörtlich mit einem Knall beim Masters, der üble Folgen hätte haben können, als Tony beim Par-3-Contest in Augusta ein Ass spielte, beim folgenden Freuden tanz in Richtung Grün vor der gesamten Weltöffentlichkeit umknickte und sich den Knöchel heftig verstauchte. Im Stil eines beinharten US-Marines drückte er selbst noch an Ort und Stelle den Knochen zurück ins Gelenk und trat am folgenden Tag beim Turnier an. Die Bilder seines blau und schwarz angelaufenen Knöchels gingen das gesamte Turnier über durch sämtliche soziale Medien, doch Finau spielte jeden Tag tapfer weiter und wurde am Ende geteilter Zehnter. "Dass ich trotz dieser Sache ein Top-Ten-Ergebnis geschafft habe, hat mir eine Menge über mich selbst verraten. Ich weiß seither, dass ich auf dem höchsten Level mithalten kann", analysierte er kurz danach seinen ersten Besuch in Augusta.

Auch bei den US Open und der Open Championship hatte Tony zwischenzeitlich Siegchancen, doch am Ende sollte es 2018 noch nichts werden mit der heiß ersehnten zweiten Trophäe im Schrank. Trotz des fehlenden Siegs gelang ihm in diesem Jahr schier Unglaubliches. Beginnend mit Runde 2 bei der PGA Championship spielte Tony insgesamt 16 Runden in Folge mit einem Ergebnis unter 70 Schlägen. Diese beeindruckende Serie endete nach sechs Wochen erst bei der Tour Championship mit einer 71 in Runde 2 und ist die zweitlängste Serie dieser Art in der Geschichte der PGA Tour. Konstant gutes Spiel hatte im Spätsommer der Saison 2018 einen Namen: Tony Finau.

Das gesamte Interview findet Ihr in GolfPunk Ausgabe 06/2018

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