RIP Pete Dye:

RIP Pete Dye

Auf die harte Tour

10.01.2020 | Von Jan Langenbein

Mit Pete Dye starb diese Woche der einflussreichste Golfplatzarchitekt der vergangenen 50 Jahre. Auch in der GolfPunk Redaktion hat der Meister bleibenden Eindruck hinterlassen.

Am gestrigen Donnerstag verstarb Pete Dye im Alter von 94 Jahren. Kein anderer Platzarchitekt drückte dem Golfsport weltweit in den vergangenen 60 Jahren einen derart unverwechselbaren Stempel auf. Zusammen mit seiner Frau Alice - die beiden waren 68 Jahre lang verheiratet und arbeiteten gemeinsam an unzähligen Golfplatzprojekten - entwarf und baute Pete Dye mehr Weltklasse Golfplätze als jeder andere Designer des vergangenen halben Jahrhunderts. Man muss kein Architekturexperte sein, um die einmalige Handschrift Dyes bereits auf der ersten Spielbahn einer seiner Anlagen zu erkennen. Zu einzigartig ist sein Stil, Bunker zu formen und platzieren oder Grünkomplexe zu gestalten.
Persönlich treffen konnte ich Pete Dye in den vergangenen 15 Jahren, seit ich mich als Golfjournalist versuche zwar nie und das ist wirklich bedauernswert. Seine Golfplätze haben mich in dieser Zeit jedoch mehrmals in die Knie gezwungen und dabei bleibende Eindrücke hinterlassen, wie es keine Anlagen noch aktiver Platzdesigner je konnten.

FIRST BLOOD: TPC SAWGRASS


Meine erste Runde auf einem Pete Dye Platz trug sich 2007 auf dem TPC Sawgrass zu, was in etwa so wäre, als würde ein Katholik seinen ersten Gottesdienst direkt im Petersdom beiwohnen. Seit Tagen war ich während des Players Championship bereits über den Platz marschiert und hatte jedes der 18 meisterhaft in den Sumpf von Florida gebauten Golflöcher aus jedem erdenklichen Blickwinkel inspiziert, als die Mail aus dem Clubhaus kam, die bestätigte, dass ich am Montagmorgen nach Ende des Turniers selbst würde spielen dürfen - PGA Tour Rough, Sonntagsfahnenpositionen und flatternde Nerven inklusive. Lediglich die riesigen Tribünen würden wenige Stunden nach Phil Mickelsons Sieg an gleicher Stelle leer sein, doch das senkte die Aufregung nicht wirklich. Die ersten 90 Minuten auf Dyes Meisterwerk waren dann der zu erwartende golferische Offenbarungseid. Triplebogeys und Vierputts gaben sich die Klinke in die Hand und ich verstand zu gut, warum Ben Crenshaw nach der Eröffnung dieses Platzes spottete: "Das ist Star Wars Golf. Designt von Darth Vader persönlich." Auf jeder anderen Anlage wäre ich nach meiner erbärmlichen Leistung nach neun Löchern wahrscheinlich Richtung Clubhaus abgebogen. Dyes Marterwiese war allerdings derart faszinierend und einzigartig, dass es schlicht unmöglich war, ihr all die verlorenen Bälle und Striche auf der Scorekarte wirklich übel zu nehmen. Genauso wie man Darth Vader Wutausbrücke und Massenmord ebenfalls nicht krumm nehmen kann. Am 17. Abschlag angekommen, kam es dann wie es kommen musste und der erste Shank des Tages beförderte meinen Pro V1 in einem furchtbaren 70 Winkel in den See. Was soll`s - diese erste Pete Dye Erfahrung zählt trotzdem zu den schönsten Erfahrungen meines bisherigen Golferlebens.

VOLLGAS: BRICKYARDS CROSSING


2008 kam ich auf dem Weg zum Ryder Cup mehr oder wenige zufällig am legendären Oval von Indianapolis vorbei, wo Pete Dye einen seiner wahrscheinlich ungewöhnlichsten Golfplätze gebaut hatte: Brickyard Crossing. Vier Spielbahnen dieses 18 Loch Platzes befinden sich innerhalb der Rennstrecke, auf der jedes Jahr die Indy 500 ausgetragen werden. Obwohl die beinahe surreale Szenerie von leeren Rängen - die an Rennwochenende bis zu 400.000 Fans Platz bieten - leicht ablenken kann, war Pete Dyes geniale Handschrift auch hier sofort auszumachen. Ein Golfplatz an einem solch ungewöhnlichen - ganz ehrlich: eigentlich unpassenden - Ort ist normalerweise verdammt dazu, ein Gimmick zu sein und nahezu nicht in der Lage, durch eigenen Charakter zu überzeugen. Kaum wurden an den Wänden der ersten Grünbunker die Pete Dye typischen Eisenbahnschwellen sichtbar, war jedoch klar: hier ist man in guten Händen. Und mag auch der Adrenalinrausch während einer Golfrunde hier nicht ganz einer Runde auf der Rennstrecke mit über 300 km/h Durchschnittsgeschwindigkeit vergleichbar sein, hier Golf zu spielen ist ohne Zweifel das Highlight einer Woche, in der das europäische Ryder Cup Team vernichtend geschlagen wurde.

RIP Pete Dye:

MODERNER KLASSIKER: WHISTLING STRAITS


2012 ergab sich völlig unverhofft die Chance, dem Schauplatz von Martin Kaymers erstem Majorsieg einen Besuch abzustatten und solch eine Gelegenheit lässt man selbstverständlich nicht aus. Tief im touristischen Niemandsland von Wisconsin machte Spülbecken und Kloschüssel-Milliardär Herb Kohler zusammen mit Pete Dye Ende des letzten Jahrtausends deutlich, was aus plattem Farmland entstehen kann, wenn Geld keine Rolle spielt. Zugegeben, die Lage am Ufer des Lake Michigan macht den Championship Course von Whistling Straits zu etwas besonderem. Es sind jedoch die unzähligen Bunker - angeblich sind es 967 - und Dyes unglaubliche Gabe, Erde zu bewegen, die diesen einmaligen Golfplatz bereits wenige Monate nach seiner Eröffnung zu einem echten Klassiker würdigte, in Zukunft zahlreiche Majorturniere und sogar den Ryder Cup auszutragen. Drei PGA Championships und eine U.S. Senior Open fanden bisher hier statt und 2020 wird im September mit dem Ryder Cup erneut Golfgeschichte in Whistling Straits geschrieben. Ich hatte mittlerweile das Glück, zwei weitere Male an diesen entlegenen Ort zurückkommen zu dürfen und war jedes Mal von der Vielseitigkeit dieses Designs überrascht. Je nach Jahreszeit und Wetterverhältnissen kann der Championship Course in Whistling Straits wie ein Chamäleon nicht nur seine Erscheinung sondern auch seinen Charakter verändern. Von einem opulenten Meisterschaftslayout amerikanischer Prägung bei feuchtem Herbstwetter, der Longhitter gnadenlos bevorzugt, zu einem brettharten Linksplatz, der ein rasiermesserscharfes kurzes Spiel und jede Menge Vorstellungskraft erfordert, ist hier alles möglich und das beste 17. Loch, das die Dyes während ihrer langen Karriere designt haben, findet sich meiner Meinung nach nicht in Sawgrass sondern in Wisconsin.

ZUGABE: GOLF DE BARBAROUX


Schon richtig: um einem dieser drei Traumziele einen Besuch abzustatten, braucht es nicht nur einen Transatlantikflug, sondern auch ein stattliches Budget für Greenfees. Obwohl Pete und Alice hauptsächlich in Amerika tätig waren gibt es jedoch auch in Europa die Möglichkeit, einen echten Dye zu spielen. 100 Kilometer westlich von Nizza wartet mit Golf de Barbaroux nämlich ein echter Geheimtipp auf jeden Golfabenteurer. Das einzige Dye Design auf dem europäischen Festland verfügt über all die Greatest Hits, die Dye Fans bei ihren Wallfahrten erwarten: riesige Fairwaybunker, die Teeshots zur Glaubensfrage machen, Eisenbahnschwellen, die Grünbunker noch fieser aussehen lassen und Grünkonturen verrückter als Jack Nicholson in "The Shining". Wer sich ernsthaft für Golfplatzarchitektur interessiert, sollte sich auf den Weg nach Südfrankreich machen. Schließlich war hier ein Genie am Werk.

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