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Tagesausflug Islay

Mit dem Privatjet nach Schottland

Von Tim Southwell, Fotos: James Robinson

Scharf auf eine Runde Golf, doch der Wetterbericht ist apokalyptisch oder der Heimatplatz wird von Rentnergruppen, die langsamer spielen als Gletscherzungen zu Tal fließen, in Beschlag genommen? Ein Tagesausflug im Privatjet ist die Lösung für dieses Dilemma, denn in Schottland scheint angeblich die Sonne.

Die Regeln für unsere Tagesausflüge sind simpel: Zwischen Abreise und Rückkehr dürfen nicht mehr als 24 Stunden liegen und es müssen mindestens 18 Löcher Golf gespielt werden. Auch wenn unsere bisherigen Abenteuer - Low-Budget-Ryanair-Trip nach Girona oder mit einem sunbeamgelben AMG GT S nach Paris - allesamt nicht von schlechten Eltern waren, spielt die jüngste Auflage des Tagesausflugs natürlich in einer anderen Liga. Es soll nach Islay gehen, die südlichste Insel der Inneren Hebriden, wo nicht nur der spektakuläre Machrie Links auf uns wartet, sondern auch feinster Single Malt und ein königliches Dinner im schnieken "Islay House"-Hotel. Oh, ein Detail sollte natürlich noch erwähnt werden: Wir fliegen im Learjet.

Wir sind die Gäste von Stratajet, einem vom Jonny Nicol, seines Zeichens ehemaliger Tornado-Pilot der Royal Air Force, gegründeten Unternehmen, das sich vorgenommen hat, den Markt für Flüge im Privatjet zu revolutionieren. Jonny störte sich daran, dass die Art und Weise, wie Privatflugzeuge normalerweise genutzt werden, extrem ineffizient ist, schließlich setzen diese Millionärsspielzeuge ihr Passagiere an der gewünschten Destination ab und kehren dann oft ohne Fracht oder gar Passagiere an ihren Basisflughafen zurück. "Empty leg" nennt Jonny diese Ressourcenverschwendung und ist sich sicher, mittlerweile die Lösung dafür gefunden zu haben.

Alles schön und gut, aber selbst mit einer optimierten Auslastung der Flugzeuge muss ein Golftrip im Privatjet doch ein Vermögen kosten, oder? Nicht wirklich: "Für eine Gruppe von vier bis acht Golfer kostet der Service von Stratajet nicht mehr als normal gebuchte Linienflüge", ist sich Nicol sicher.

Warten in der Schlange vor dem Check-in und das unangenehme Begrabbeln während der Sicherheitskontrolle sind für uns Privatjetnutzer an diesem Tag selbstverständlich Relikte aus einer entfernten und kleinbürgerlichen Vergangenheit. Kurz vor Abflug am Flughafen - in unserem Fall Biggin Hill in Kent - aufkreuzen und lächelnd das Ticket präsentieren genügt völlig. Auch um das Wohlergehen der Golfschläger muss sich niemand Sorgen machen, denn die kommen einfach mit an Bord.

Der Start mit einem Learjet hat überhaupt nichts von der trägen Behäbigkeit eines kommerziellen Airliners. Es dauert nur ein paar Sekunden und schon haben wir die Wolkendecke durchbrochen und das neblige Wetter Südenglands unter uns gelassen. Es wird Zeit, die Champagnerkorken knallen zu lassen und davon zu träumen, wie in weniger als zwei Stunden ein Ball auf dem ersten Fairway von Machrie einschlagen wird.

Tagesausflug Islay:

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ISLAY IST SO ETWAS WIE DAS JAMAIKA SCHOTTLANDS. ZUGEGEBEN, DAS WETTER SPIELT BEI DIESER ANALOGIE NICHT GANZ MIT.
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NACH HIER KOMMT NICHTS MEHR

Islay (sprich: "Eila") ist ein Paradoxon, denn die Insel ist abgelegen und liegt doch gleichzeitig um die Ecke viel geflogener Routen. Nur etwas mehr als 200 Kilometer Luftlinie sind es vom Airport in Glasgow bis hierher, doch von nirgendwo sonst im Vereinigten Königreich gibt es einen Direktflug hierher. Das Umsteigen in Glasgow muss daher jeder Islay-Besucher in Kauf nehmen und das kostet nicht nur Zeit, sondern auch Geld. Uns bleibt dieser Zwischenstopp heute glücklicherweise erspart.

Es gibt nur wenige Momente, die erhebender sind, als nach einem 80-minütigen, völlig stressfreien Flug mit zwei Gläsern Schampus zu viel im Kopf aus einem Learjet zu steigen und über das Rollfeld zum schon wartenden Taxi zu marschieren. Besonders wenn dieses Taxi nur fünf Minuten bis zum ersten Abschlag eines Weltklasse- Links-Platzes unterwegs sein wird.

Spricht man Golfer, die bereits eine Runde auf Machrie Links gedreht haben, auf diesen Platz an, ist deren Antwort meist eine mit feuchten Augen vorgetragene romantisch verklärte Lobeshymne. Bereits während des kurzen Fußweges zum ersten Tee wird mir klar, warum alle, die hier schon einmal den Schläger schwingen konnten, verzaubert zurückkehrten. Zwar bläst der Wind heute höllisch - selbst die Locals gaben mir mit einem Augenzwinkern mit auf dem Weg, dass es "etwas lebhaft werden könnte da draußen" -, doch ganz egal, wohin der Wind den ersten Drive auch trägt, hier wird jeder Golfer sein Herz sofort verlieren.

Machrie Links liegt in der Laggan Bay und wurde 1891 von William Campbell entworfen. Drei Jahre nachdem seine Arbeit vollbracht war, wanderte er in die USA aus und wurde dort der erste Pro im Country Club zu Brookline. Donald Steel legte in den 1970er-Jahren Hand an das ursprüngliche Layout, um den Platz etwas anspruchsvoller zu gestalten, schließlich hatten die Bälle in den vergangenen 80 Jahren deutlich weiter fliegen gelernt.

Machrie ist einer dieser Links-Plätze, die einem das Gefühl vermitteln, buchstäblich am Ende der Welt Golf zu spielen. Bis vor Kurzem gab es auf diesem Golfplatz noch mehr blinde Schläge als irgendwo sonst auf dem Planeten. Dieser Platz hatte immer schon den Ruf, ein "unberührtes Design" zu sein, also eine Anlage, die wie aus der Zeit gefallen schien. Das war die Magie von Machrie Links.

Doch leider trafen nicht nur den Golfplatz, sondern auch das dazugehörige Hotel 2011 erhebliche finanzielle Schwierigkeiten. Das heruntergekommene Resort wurde von Gavyn Davies und seiner Frau Sue Nye gekauft. An Liquidität mangelte es den beiden nicht, schließlich war sie die rechte Hand des ehemaligen Premierministers Gordon Brown und auch Herr Davies musste sich als ehemaliger Chefökonom von Goldman Sachs und Vorsitzender der BBC nicht über ein zu geringes Jahreseinkommen beklagen. Zwei Millionen Pfund bezahlten die beiden für die Anlage. Ein echtes Schnäppchen, doch nur die beiden selbst und Gott wissen, wie viele Millionen seither in Machrie Links gepumpt werden mussten.

Tagesausflug Islay: Nach dem Whisky Tasting: 'Ich hab 'ne Fahne'Tagesausflug Islay: Nach dem Whisky Tasting: 'Ich hab 'ne Fahne'
Nach dem Whisky Tasting: 'Ich hab 'ne Fahne'
Das neue Hotel ist nur Monate von seiner Eröffnung entfernt und wird über 50 Zimmer verfügen, was es mit Abstand zum größten Hotel auf der gesamten Insel macht.

Man muss kein Prophet sein, um absehen zu können, dass die Eröffnung dieser neuen Übernachtungsmöglichkeit einen neuen Ansturm auf dieses so nahe und doch nun für einige Jahre vom Radar der reisenden Golfer verschwundene Golfparadies auslösen wird. Doch nicht nur Golfer, sondern auch Whisky-Enthusiasten, Ornithologen und Naturliebhaber haben auf Islay ihr Eldorado gefunden.

JAMAIKA AUF SCHOTTISCH

Während wir uns auf dem ersten Fairway auf unsere Schläge in Richtung Grün bereit machen, stößt Machries Golfdirektor Dean Muir zu uns, der vor seiner Anstellung hier den Job als Greenkeeper in Muirfield innehatte. Er beginnt, die Änderungen am Golfplatz zu erklären, die in den vergangenen Jahren umgesetzt wurden. European- Tour-Pro D. J. Russell zeichnete dafür verantwortlich und zog nicht nur Ian Woosnam, sondern auch Dean selbst dabei zurate.

"Das Ganze hat sich zu einem komplett neuen Golfplatz entwickelt", meint Dean. "Die alten Löcher spielten sich beinahe ausschließlich in andere Richtungen. Wir nutzen insgesamt sieben Positionen ehemaliger Grünkomplexe erneut. Eine Menge spielt sich daher also komplett ungewohnt für Golfer, die vor 20 Jahren das letzte Mal hier waren."

"Zuerst dachten wir darüber nach, einen neuen Golfplatz um den alten herum zu bauen, um das Original zu erhalten", fährt er fort. "Doch die Machries-Magie liegt in der Einsamkeit und Abgeschiedenheit. Ich denke, diesen Aspekt haben wir sogar noch ausgebaut. Es hat beinahe drei Jahre gebraucht, um alles fertigzustellen. Besonders die Aussichten auf das Meer und die Umgebung konnten wir signifikant verbessern, was die gesamte Anlage auf ein neues Level hebt."

Islay ist so etwas wie das Jamaika Schottlands. Zugegeben, das Wetter spielt bei dieser Analogie nicht ganz mit, wenngleich die Insel dank des Golfstroms über ihr eigenes Mikroklima verfügt. Doch es gibt unübersehbare Parallelen zwischen diesem rauen Fleckchen Land und Bob Marleys Heimat und ich weiß, wovon ich rede, denn ich habe drei Jahre meines Lebens auf Jamaika verbracht.

Tagesausflug Islay:
Da wäre zunächst der Fakt des Insellebens und somit der Tatsache, dass man vom Trubel auf dem Festland schlicht abgeschnitten ist. Eine eigene Form von Tagesrhythmus ist die logische Folge. Hierherzukommen ist nicht ganz einfach und verlangt den Besuchern der Insel gewisse Mühen ab, die selbstverständlich belohnt werden.

Lediglich 3.200 Menschen leben auf Islay und ein gewisser "Maņana, maņana"-Vibe ist allgegenwärtig. Das soll nicht heißen, dass Gäste auf großartigen Service verzichten müssten. Diese entspannte Grundhaltung lässt sich vielmehr darin ablesen, dass jeder Inselbewohner absolut tiefenentspannt und unglaublich freundlich ist. Die Gebrauchsanweisung für dieses Fleckchen Erde ist simpel: Checke ein, lass dein Ego zu Hause und genieße die Gesellschaft der Inselbewohner.

Einige Golfplatzpuristen werden in den kommenden Jahren lamentieren, dass die unzähligen blinden Schläge, die Machrie einst ausmachten, verschwunden sind. Aber welcher Golfer mit einem halbwegs funktionierenden Hirn wird sich über solch eine Verbesserung tatsächlich beschweren? Die neu geschaffenen Ausblicke sind ein klares Upgrade und der raue Charme eines ursprünglichen Links-Platzes ist nach wie vor zu 100 Prozent vorhanden. Der Wind heult wie eine 747 kurz vor dem Start auf den ungeschützten Teeboxen und Sekunden später herrscht absolute Stille, denn man wandert durch eines der zahlreichen Dünentäler auf der Suche nach dem gespielten Ball. Absolute Stille abgesehen vom Donnern der gigantischen Wellen, die nur wenige Meter entfernt gegen die Felsküste branden.

 
Infobox

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ISLAY HOUSE
Das gerade frisch renovierte "Islay House" ist nicht wirklich ein Hotel, vielmehr zielt es darauf ab, so etwas wie das eigene Heim für die Zeit auf der Insel zu sein: entspannt, unprätentiös und trotzdem höchsten Standard bietend. Steven Haag ist der neue und stolze Besitzer dieses 1677 erbauten Hauses und gerne bereit, jedem die Geschichte zu erzählen, warum er bei seinem ersten Besuch in Islay 2008 beschloss, sein Geld hier zu investieren. Das Whisky-Angebot der Bar ist umfangreich - oder besser: enzyklopädisch - und bietet alles, was die momentan acht, bald neun Brennereien in den vergangenen 50 Jahren destilliert haben. Ein mit einem Michelin-Stern dekorierter Koch aus Brasilien zeichnet seit Kurzem für die Küche verantwortlich und sorgt dafür, dass das Essen nicht nur fantastisch ist, sondern auch eine Prise Südamerika auf Islay Einzug hält. www.islayhouse.co.uk

STRATAJET
Wie kann es sein, dass Flüge im Privatjet zu Preisen vergleichbar mit der Business Class der Lufthansa angeboten werden? Jonny Nicols Algorithmus macht es möglich. 2,5 Millionen Rechenvorgänge führt dieser Algorithmus bei jeder Anfrage aus, um die optimale Verbindung zu finden. In Europa allein gibt es 4.437.432 verschiedene Flugverbindungen zwischen allen öffentlichen Flughäfen und Flugfeldern. Die Chancen, einen freien Sitz für die gewünschte Strecke zu finden, sucht man auf eigene Faust, sind also praktisch null. Um diese Chance beträchtlich zu erhöhen, gibt es www.stratajet.com.

ISLAY WHISKY
Islay ist in den vergangenen 20 Jahren zu einer Pilgerstätte für Whiskyliebhaber aus aller Welt, besonders aber für Amerikaner geworden. Acht Brennereien können auf der 620 Quadratkilometer großen Insel besichtigt und deren Destillate natürlich auch verkostet werden. Laphroaig ist der wohl bekannteste der Islay Malts und berühmt für seine stark torfige Note. 40 ppm (parts per million) macht der Anteil des Torfs in einem Glas Laphroaig aus, doch wer im "Islay House" übernachtet und an der Bar Whisky-Experten Calum nett bittet, kann auch einen Islay Malt mit 300 ppm Torf bekommen. Andere berühmte Islay-Whiskys, die darauf warten, gekostet zu werden, sind Lagavulin, Bowmore und Ardbeg.

An den Löchern 6 und 7 wird es im Sommer, wenn die Tee-Times ausgebucht sind, garantiert zu fotobedingten Staus kommen, wie man sie von der 7 in Pebble Beach oder Loch 15 in Kingsbarns kennt, denn hier wird jeder zum Smartphone greifen, egal ob auf Platzrekordkurs oder mit bereits vier Strichen auf der Scorekarte. Die Aussicht von diesen beiden Spielbahnen muss einfach festgehalten werden, auch wenn der folgende Flight bereits verärgert mit den Armen rudert. Auf Loch 11 hat man das Meer dann hinter sich gelassen und die Landschaft hat sich vollkommen verändert. Nun dominiert torfiges Moorland die Szenerie und ein goldbrauner Fluss schlängelt sich durch das Fairway. Es ist dieselbe Farbe des weltberühmten Islay-Whiskys, dessen Geschmack wie die Essenz dieser Spielbahn anmutet.

Wie immer auf Golfplätzen, denen man noch während der Runde einen sicheren Platz in der persönlichen Top 20 zuspricht, vergehen auch die 18 Löcher auf Machrie Links viel zu schnell. Doch das ist an diesem Tag zu verschmerzen, schließlich wartet noch eine Whisky-Tour auf uns, bevor uns Stratajet wieder in Minutenschnelle auf herrlich weichen Ledersesseln über die Wolkendecke schießt.

Das Problem an dieser Art zu reisen ist die Erkenntnis, dass man beim nächsten Mal wieder in der unendlichen Schlange vor dem Ryanair Check-in stehen wird und dann sehnsüchtig an den Learjet und die unendliche Leichtigkeit des Seins im Inneren eines Privatjets zurückdenken wird.

Keine drei Stunden nach unserem letzten Glas Whisky setzt uns der Taxifahrer wieder vor der eigenen Haustür ab und glücklicherweise lügt die Wetter-App, was den angesagten Regen angeht. Formel-1-Weltmeister Lewis Hamilton oder "Billions"-Bösewicht Bobby Axelrod müsste man sein, deren Privatjets stehen schließlich allzeit bereit - aufgetankt und ready for takeoff. Aber hey, ist das eine Flasche Bruichladdich, die das Außenfach der Golftasche da auffällig ausbeult? Es könnte noch ein lustiger Abend werden.

Golfplätze in der Region

MACHRIE GOLF LINKS

18 Löcher, Par 71, 5.763 Meter

Adresse:
Isle of Islay
PA42 7AN, Schottland
Tel. +44 1496.302310
www.campbellgrayhotels.com

Greenfee:
ca. 100 Euro (April und Oktober)
ca. 135 Euro (Mai bis September)

Wer vor mehr als zehn Jahren diesem Platz schon einmal einen Besuch abgestattet hat, wird Machrie Links 2018 kaum wiedererkennen. Aus einem schrulligen kleinen Dorfgolfplatz, der mehr Bälle gefressen hat als Reiner Calmund Rippchen mit Kraut, ist ein ausgewachsener Links-Platz von internationalem Rang geworden. Es wird sicher nicht lange dauern, bis diese 18 Löcher auf den "Must play"-Listen amerikanischer und asiatischer Golftouristen auftauchen. 2018 und 2019 werden deshalb die Jahre sein, diese Perle noch ohne Staus auf den Tees genießen zu können.

Killerloch:
Es ist unmöglich, dem tosenden Meer in Machrie näher zu kommen, ohne nass zu werden, als auf der siebten Teebox. Die 361 Meter von den Back Tees sind dann ein harter Test für den Golfschwung, denn gerade von vorne oder hinten kommt der Wind hier nur an fünf Tagen im Jahr.

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