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Spirit(s) of the game

Golf und Gin

25.09.2017 | Von Christoph Keller, Fotos: Mike Meyer

Petrol Heads vs. GolfPunks. Wer auf die Isle of Man fährt, hat nicht unbedingt Golf im Sinn, sondern meist Benzin im Blut. Die Insel ist durch das legendäre TT-Race eine Pilgerstätte für lebensmüde Motorradfahrer. Warum eine Reise in die Irische See für Golfer trotzdem sehr verlockend ist, hat unser Autor und Master Distiller Christoph Keller erlebt.

Derbyhaven, Isle of Man, Irische See. Dieses autonome Inselchen, das mit 33 Meilen mal 13 Meilen gerade mal die räumliche Ausdehnung des Stadtbezirks von London erreicht, hat seine besten Tage als Seebad der englischen High Society in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts lange hinter sich. Jetzt bin ich ausgerechnet in jenem hintersten Winkel des englischen Königreichs gelandet, der überhaupt keine Geschichte und Tradition mit destilliertem Alkohol hat. Hier gibt es keine historischen Destillerien, kein traditionelles hochprozentiges Kulturgut, keine Affinität für Spirits. Dafür aber andere Attraktionen - ebenfalls mit vielen Umdrehungen!

Dass die Isle of Man nicht als völlig unscheinbares geografisches Kuriosum in globaler Vergessenheit dahinvegetiert, sondern in bestimmten Kreisen einen Ruf wie Donnerhall genießt, verdankt sie vor allem der legendären Tourist Trophy, einem der spektakulärsten Motorradrennen der Welt, das seit über 100 Jahren auf der Insel veranstaltet wird und jährlich bis zu 50.000 Petrol Heads anzieht. Was einst als beschauliches Rennen für knatternde Zweitaktmotorräder begonnen hat, ist heute ein internationales Spektakel am Rande der Legalität und des Wahnsinns. Auf den kleinen Sträßchen der Insel durch enge Dorfgassen, über kleine Steinbrücken und die extrem kurvige Mountain Road donnern heute Superbikes mit Durchschnittsgeschwindigkeiten (!) von rund 200 Kilometern pro Stunde. Eine Gravur auf dem Siegerpokal ist für professionelle wie semiprofessionelle Rennfahrer aus der ganzen Welt gleichbedeutend mit einem Grünen Jackett für Golfer - ein Grabstein auf dem Friedhof von Douglas aber die wesentlich wahrscheinlichere Alternative. In jeder Rennsaison, die immer im Juni stattfindet, sterben hier durchschnittlich sechs Adrenalin-Junkies bei tödlichen Unfällen. Die YouTube-Videos dieser Kamikaze-Piloten werden millionenfach im Netz angeklickt, die Opfer verehrt wie Märtyrer. All dies ist möglich und tatsächlich noch erlaubt, weil das Rennen eine solch lange Tradition hat und durch den gigantischen Umsatz der Rennwochen für viele "Manxies", wie die Einwohner der Insel liebevoll genannt werden, mittlerweile die Lebensgrundlage bildet. Und zugegeben: Wenn so ein Superbike mit 300 Sachen und geschätzten 150 Dezibel in fünf Metern Entfernung an den Zuschauern vorbeifliegt, dann bleibt einem schon mal kurz das Herz stehen und die Faszination an den geballten 200 PS auf zwei Rädern siegt über die Vernunft.

Spirit(s) of the game:

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JETZT BIN ICH AUSGERECHNET IN JENEM HINTERSTEN WINKEL DES ENGLISCHEN KÖNIGREICHS GELANDET, DER ÜBERHAUPT KEINE GESCHICHTE UND TRADITION MIT DESTILLIERTEM ALKOHOL HAT.
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Man kann es auf der Isle of Man aber auch wesentlich ruhiger angehen und sich mit den mindestens genauso historischen Golfplätzen der Insel beschäftigen. Davon gibt es hier nämlich neun Stück auf engstem Raum, darunter die sehens- und spielenswerten Parkland-Courses von Ramsey, Peel und Douglas, aber auch einen der aufregendsten Links-Courses der Welt, der von Experten regelmäßig in die Top 50 der schönsten britischen Plätze überhaupt gewählt wird: die Castletown Golf Links an der Südspitze der Insel.

Das Setting für diesen Platz ist atemberaubend: Die Links liegen auf der Halbinsel Langness mitten im Naturschutzgebiet und sind an allen drei Seiten von der rauen Irischen See umgeben. Spektakuläre Ausblicke hat man auf die Castletown Bay, das ehrwürdige King Williams College und die Derbyhaven Bay, die zwei Leuchttürme und einige Monumente aus dem 17. Jahrhundert garnieren. Im Meer tummeln sich Seehunde, Delfine und Riesenhaie, die Ruine eines ehemaligen Grandhotels beim Clubhaus versprüht einen gewissen morbiden Charme.

Und der Platz selbst? 1892 vom großen Old Tom Morris zwischen den Dünen und Felsen auf einer Fläche der Halbinsel angelegt, die zuvor als Schauplatz der Manx-Pferderennen diente, wurde der Platz von Mackenzie Ross (Turnberry) nach dem Zweiten Weltkrieg sensibel redesignt und bietet nun alle Aspekte eines klassischen Links-Platzes: Harter, sandiger Untergrund, Ginsterbüsche, struppige Fescue-Gräser, Pot-Bunker und all die anderen Späße. Dazu gesellen sich eben die typisch felsigen Klippen-Features der Langness-Halbinsel wie zum Beispiel am Signature Hole des Platzes. Die Furchteinflößende 17 ("The Gully") wartet am Abschlag mit einer 185 Meter breiten Felsenbucht, die es mit dem Drive zu überspielen gilt. Mein Lieblingsloch ist aber das "Road Hole" (Nr. 5), das sich entlang der Zufahrtsstraße in einem großen Bogen am Strand entlangwindet und einen präzisen Abschlag erfordert.

Aber Präzision ist nur die eine Seite der Medaille, eine gesunde Länge auf diesem wunderbaren Kurs angesichts der brutalen 6.156 Meter von den blauen Tees ebenfalls von Vorteil.

Am 19. Loch, einem liebevoll betriebenen kleinen Clubhaus angekommen, wird man durch die spektakulären Blicke auf das großartige Panorama für die Schinderei auf dem Platz belohnt. Denn diese sind mindestens so begeisternd wie der brachiale Sound der schweren Motorräder beim TT-Race, ein Adrenalin-Kick fürs Auge und für die Golfer-Seele. Umso überraschender, dass dieser Ort immer noch ein echter Geheimtipp ist, denn man begegnet außer ein paar versprengten amerikanischen Touristen meist nur echten Locals - und wie mir Johnny Evans, der Pro des Clubs, verraten hat - ab und zu auch den golfverrückten Prinz Henry, der sich regelmäßig mit dem Privatjet nach Castletown einfliegen lässt, nur um diesen Platz zu spielen.

Was trinken wir aber nun im Clubhaus? Auf einer Insel, die überhaupt keine Geschichte und Tradition mit destillierten Alkoholen hat, mitten im englischen Königreich? In solch einer Situation empfiehlt sich der gute alte Gin Tonic.

Das britische Nationalgetränk hat eine lange und bewegte Geschichte hinter sich, die ganz aktuell weiter fortgeschrieben wird, nachdem sich Gin zur absoluten Mode-Spirituose der letzten Jahre entwickelt hat. Ursprünglich vom holländischen Genever abgeleitet, erlebte die Wacholder-Spirituose durch die kolonialen Erweiterungen des Commonwealth im 18. Jahrhundert und den Zugriff auf exotische Gewürze eine erste Blüte, die aufgrund des hohen Verbrauchs an Getreide für den Basisalkohol sogar zu regelrechten Hungersnöten führte - und später zu den sogenannten Gin Acts, also Gesetzen gegen die Produktion und den Konsum von Gin. Gin wurde zum Synonym für jegliche Form von Schnaps, also destillierten Alkohol. Die zweite Blüte folgte nach der Entdeckung von Chinin als Malaria-Prävention, das am liebsten als Tonicwater verabreicht wurde und die Mischung von Gin und Tonic zu einem internationalen Standard werden ließ. Mit dem Siegeszug von Wodka, der ausgehend von Amerika seit dem beginnenden 20. Jahrhundert die internationale Bar-Kultur eroberte, geriet Gin in eine relative Vergessenheit und fristete ein Dasein als industriell hergestellte Massenspirituose und billige Basis für Mix-Cocktails.

Dies änderte sich aber im vergangenen Jahrzehnt, nachdem sich einige Pioniere der Destillationskunst wieder dem Gin als traditionell und handwerklich gebranntem Destillat zuwendeten und dieses Destillat mit all seiner Komplexität - der geschmacksgebenden Wacholdernote, den frischen Zitrusaromen, würzigen Basisnoten, floralen Kopfnoten und sogar fruchtigen Nuancen - wieder zum Leben erweckten. Seither ist ein regelrechter Hype um Gin auf der ganzen Welt entstanden mit über 2.000 neuen Marken und speziellen Gins in allen Variationen. Ein Trend, der übrigens tatsächlich von Deutschland ausging (wobei der Schwarzwald hier eine gewisse tragende Rolle spielt!) und danach schnell in England, Spanien und mittlerweile in der ganzen Welt aufgegriffen wurde.

Für unseren Gin Tonic im Clubhaus von Castletown spielt die Marke des Gins aber ebenso wenig eine Rolle wie die Wahl des passenden Tonicwater, das heute sowieso nur noch eine künstlich erzeugte Chemie-Limo mit viel Zucker ist, auch wenn die globalen Marketingagenturen hier viele gute Geschichten erfinden.

 
ZUR PERSON

ZUR PERSON

Christoph Keller ist 47 Jahre alt und trägt schon immer Vollbart. Als Jugendlicher spielte er mit den Leonberg Lobsters in der Baseball-Bundesliga und studierte im Anschluss Kunst, Kunstgeschichte und Philosophie. 1998 gründete er den Revolver Kunstverlag und führte diesen bis 2004, bevor er ihn verkaufte. Danach zog er in die Stählemühle im südlichsten Baden und fand dort eine Brennerei vor. 2005 wurde dann die Leidenschaft fürs Schnapsbrennen entfacht und er entwickelte als Master Distiller den legendären Monkey 47 Schwarzwald Dry Gin. Die Stählemühle entwickelte sich währenddessen zu einer der zehn besten Brennereien der Welt und dann nahm Christoph zum ersten Mal einen Golfschläger in die Hand, erspielte sich ein einstelliges Handicap, wurde Kapitän im Golfclub Schloss Langenstein und spielt gerne Runden mit Hickory-Schlägern.

Das Schöne an einer Insel, auf die man jeglichen hochprozentigen Alkohol importieren muss, ist ja, dass man hier eh das trinken muss, was es gerade so gibt. Ich rate nur immer dazu, nicht unbedingt zu einer Industriespirituose zu greifen, sondern zu wirklich handwerklich gemachten Produkten. Ausnahmsweise trinken wir heute mal nicht local, sondern international, weshalb auch durchaus ein Gin aus dem Schwarzwald in der Irischen See im Glas landen könnte - cheers!

CASTLETOWN GOLF LINKS
Derbyhaven, Isle of Man, Great Britain
Par 72, 6.732 Yards
Design: 1892 Old Tom Morris, Redesign in den 50er-Jahren durch Mackenzie Ross




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