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Holland

Auf links geweht

Von Rudi Schaarschmidt, Fotos: Rudi Schaarschmidt

Wenn nicht gerade eine Pandemie das Leben weitgehend lahmlegt, sind die Küstenstädtchen an der holländischen Nordsee zur Hochsaison so verstopft wie Opas Arterien. Nicht aber die feudalen Golfplätze der Region. Auf engstem Raum tummeln sich dort drei altehrwürdige Monsterwiesen, die auf jeder Bucket List stehen sollten.

Als sich ein mögliches Zeitfenster für diesen lange erträumten Golftrip plötzlich auftat, wollte nur die Wettervorhersage nicht mitspielen: Regen quer und orkanartige Winde! Also erneut aufschieben? Auf keinen Fall! Es gibt auf dem europäischen Festland keine andere Gegend, in der drei der besten Golfplätze des gesamten Kontinents auf engerem Raum beieinanderliegen als jene zwischen Zandvoort und Scheveningen. An diesem kleinen Küstenabschnitt liegen mit Kennemer, Noordwijkse und The Hague drei herausragende Links-Kurse, die in den verschiedensten Ranglisten ständig in den Top Ten auftauchen. Dass die meteorologischen Prognosen eher zum Bau einer Arche denn zum Golfspielen animierten - geschenkt.

Drei Top-Plätze in zwei Tagen. Das ist wie Speed-Dating, allerdings nicht mit Lieschen und Kunigunde, sondern mit Luxus-Models. Alle elf Minuten chippe ich zum Par, ┐comprende? Natürlich hatten wir den drei Clubs unser Vorhaben mitgeteilt, sie in unserem Magazin zu würdigen. Die Reaktionen waren unisono das schriftliche Äquivalent eines freundlichen Lächelns verbunden mit dem Hinweis, man sei an jeglicher Art von Werbung nicht interessiert. Es gibt unter den über 200 Golfanlagen in den Niederlanden eine einstellige Anzahl Clubs, in denen der Geldadel beheimatet ist. Diese drei gehören dazu. Man ist gern unter sich und mag es, wenn der Platz nicht so überfüllt ist, schon gar nicht durch irgendwelche Strandtouristen. Hier lassen sich die Teetimes nicht Wochen im Voraus buchen, sondern werden nur kurzfristig (zwischen ein und drei Tagen im Voraus) vergeben. Auch die Anzahl der Greenfee-Runden, die man als Gast dort in einem Jahr drehen darf, ist streng reglementiert, doch ist man erst mal da, darf man sich durchaus willkommen fühlen.

Holland:

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Für alle, die noch nicht das Vergnügen hatten: Links-Plätze sind Wölfe in Schafspelzen. Auf den ersten Blick harmlos, beißen sie während der Runde mit ermüdender Regelmäßigkeit.
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Das Ambiente des Kennemer Golf & Country Club lässt Golferherzen höher schlagen. Vom Parkplatz aus führt ein gewundener Weg hinauf zum ältesten Clubhaus des Landes, das beinahe britischen Charme versprüht und reetgedeckt erhaben über dem Golfplatz thront. Vom gegenüberliegenden, schnuckeligen Häuschen des überaus freundlichen Caddiemasters sind es jeweils nur ein paar Schritte bis zu den ersten Teeboxen der drei Neunloch-Schleifen, die nach ihren Architekten (Harry Colt und Frank Pennink) sowie einem ehemaligen Vorstand und Ehrenmitglied (van Hengel) benannt sind. Mehrfach war Kennemer bereits Schauplatz der Dutch Open. Nach der Erweiterung auf 27 Löcher im Jahr 1985 wurden dann die neun Bahnen des Van-Hengel-Kurses, die ersten drei Pennink- und die letzten sechs Colt-Bahnen gespielt. Zuvor war dem großen Severiano Ballesteros hier 1976 sein erster Profiturniersieg gelungen.

Zu behaupten, Links-Golf wäre etwas völlig anderes als das, was wir von unseren heimischen Wiesen gewohnt sind, ist in etwa so informativ wie die Nachricht, dass Wladimir Klitschko mit seinen Händen auch streicheln kann. Für alle, die noch nicht das Vergnügen hatten: Links-Plätze sind Wölfe in Schafspelzen. Auf den ersten Blick harmlos, beißen sie während der Runde mit ermüdender Regelmäßigkeit. Es benötigt viel Erfahrung, um ermessen zu können, wie die Bälle auf den welligen Fairways rollen und wie man die tiefen Bunker vermeiden kann. Was abseits des Fairways aus der Entfernung halb so wild aussieht, entpuppt sich beim Annähern oftmals als undurchdringliches Buschwerk. Durch den zumeist offenen Charakter der Plätze nimmt jeder Wind ungefiltert Einfluss aufs Spiel, was in Küstennähe ein deutlich größerer Faktor ist als im Inland. Die Kombination dieser Elemente und ihre Komposition machen gute Links-Plätze zu Erlebnissen, die man im Gedächtnis behält. In Kennemer warten zudem einige blinde Schläge auf die Golfspieler, was bei der Premierenrunde für zusätzliche Spannung sorgen kann. Oder für Verdruss. An einem Tag, an dem insgesamt keine zehn Flights über den Platz huschten, wurden wir auf unserem letzten Fairway ohne jeden Warnruf beinahe von den Abschlägen des Folge-Flights niedergestreckt. Dass ich daraufhin mit dem Mienenspiel eines King-Kong-Darstellers auf die beiden Damen hinter uns zusteuerte, um ihnen die Meinung zu geigen, zeigte keinerlei Wirkung, im Gegenteil. Statt eine Entschuldigung zu vernehmen, mussten wir uns noch beschimpfen lassen, wir hätten zu lange nach unseren Bällen gesucht.

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Kaum waren wir zurück im Auto, knurrte der Himmel wie ein Turbodiesel mit defektem Ladedruckregler und die Wassermassen, die sich dabei entluden, wurden von den wechselnden Windböen von allen Seiten gegen unsere Scheiben gepeitscht. Am Noordwijkse Golfclub angekommen, erreicht der Sturm seinen Höhepunkt. Gut, dass in dem Greenfee-Arrangement ein Mittagsmenü enthalten ist, denn nach zwei Stunden klarte es schließlich wieder auf und Petrus hatte die Duschbrause über Holland wieder abgestellt. Ja, Holland. Der Volksmund verwendet diesen Begriff häufig als Synonym für die gesamten Niederlande, was streng genommen falsch ist. Aber die westlichen Provinzen, in denen auch Amsterdam, Rotterdam und Den Haag liegen, zählen tatsächlich zu Holland. Und weil die sandigen Böden der Links-Kurse auch mit größeren Wassermassen gut klarkommen, ging es wenig später tatsächlich auf die nächste Runde.

Wer seinen Blick von der erhöhten Teebox des ersten Abschlags erst einmal in Ruhe über die Anlage schweifen lässt, wird sofort enthusiasmiert: GolfPorn! Wobei hier auf den ersten neun Löchern parklandähnliche Spielbahnen mit seitlich flankierenden Baumreihen in die Dünen modelliert wurden. 2001 landete der Noordwijkse Golfclub erstmals in den Top Ten der besten Plätze auf dem europäischen Festland. Nicht umsonst wurden auch hier bereits zahlreiche Dutch Open ausgetragen und die Namen der Sieger lesen sich wie das Who's who der Golfprominenz: Payne Stewart (1991), Bernhard Langer (1992 und 2001) oder Colin Montgomerie (1993). Die Kritiken an diesem Platz, die man in dem einen oder anderen Golfforum findet, kann nur nachvollziehen, wen auch das Muttermal im Antlitz von Blake Lively stört.

Eine Möwe, die uns über einige Spielbahnen hinweg als interessierter Zuschauer begleitet, kann nicht viel vom Golf verstanden haben, denn unsere Darbietungen würde ich nur mit dem Wort "unglücklich" beschreiben. Andererseits sind diese fliegenden Zaungäste auf dieser anspruchsvollen Wiese wahrscheinlich einiges an golferischem Elend gewöhnt.

Holland: Sommer an der Nordsee: Lichtschutzfaktor null reicht vollkommen
Sommer an der Nordsee: Lichtschutzfaktor null reicht vollkommen
Für den kommenden Tag kündigte unsere Wetter-App einen Orkan an. Was zu dem geseltenen Luxus führte, dass wir uns unsere Teetime im Royal Haagsche Golf & Country Club aussuchen konnten versehen mit dem Hinweis, dass man nicht damit rechnen dürfe, auch tatsächlich spielen zu können. Beim Verlassen unseres Hotels am Pier flogen uns am nächsten Morgen bereits die ersten Stühle und Werbeschilder auf der Promenade entgegen und feiner Sand peitschte vom Strand in unser Gesicht, dass es schmerzte. Aber: Wir haben tatsächlich gespielt. Als Einzige an diesem Tag. Im Sekretariat dieses 1893 gegründeten und im Stile eines amerikanischen Country Club angelegten Areals konnte man es kaum glauben und hat sich dazu hinreißen lassen, das Greenfee angesichts der Umstände, die jeden Windsurfer auf Nimmerwiedersehen im Universum hätten verschwinden lassen, um 100 auf 125 Euro zu reduzieren!

Auch der Caddiemaster zog verwundert die Brauen nach oben, als doch tatsächlich zwei offensichtlich Verrückte den Weg zum ersten Abschlag hochkrochen. Aber mal ehrlich: Können wir uns noch an jede Runde in unserem Heimatclub vor 15 Jahren erinnern? Nie im Leben. Von dieser Runde im königlichen Golfclub von Den Haag bei einem Wind, der um die Ohrenhaftung fürchten lässt, werde ich selbst in 15 Jahren noch jeden Schlag im Gedächtnis haben. Das liegt auch an der Anmutung des Platzes, dem man sich so würdevoll nähert wie ein Autofreak einem Aston Martin. Der Blick über die Anlage ist großartig. Es gibt Stimmen, die sprechen vom europäischen Shinnecock. Allerdings wartet "The Hague", wie er international häufig abgekürzt wird, deutlich hügeliger in den von Gräsern, Büschen und Bäumen bewachsenen Dünen auf seine Opfer.

Diese drei fantastischen Golfplätze, die auch an den Küsten Britanniens liegen könnten, sind jede Reise wert. Die Clubs setzen ein Handicap von 24 voraus, was auch bei bestem Wetter durchaus Sinn macht. Oftmals sind allein bis zum Erreichen des Fairways schon beachtliche Distanzen zurückzulegen, die einem Anfänger den Angstschweiß auf die Stirn treiben können. Drei Runden, ein Sturm und Hektoliter Wasser von oben später lassen wir das Golf-Speed-Dating bei einem Cocktail in der Skybar des The Hague Tower ausklingen. Würden wir es wieder tun? Komische Frage.

Golfplätze in der Region

KENNEMER GOLF & COUNTRY CLUB

KENNEMER GOLF & COUNTRY CLUB

27 Löcher

Van Hengel Course, Par 36, 3.236 Meter
Pennink Course, Par 36, 3.006 Meter
Colt Course, Par 36, 3.052 Meter

Adresse
Kennemerweg 78
NL 2042 XT Zandvoort
Niederlande
Tel. +31 23.571.8456
www.kennemergolf.nl

Greenfee
150 Euro

Seit 1928 wird auf dem von Harry Colt erbauten 18-Loch-Kurs gespielt. 1985 wurden weitere neun Bahnen von Frank Pennink harmonisch hinzugefügt. Direkt vor den Toren des Küstenstädtchens Zandvoort liegt dieser Links-Kurs in herrlicher Dünenlage gerade mal zwei Drive-Längen von der berühmten Grand-Prix-Rennstrecke entfernt.

Killerloch
Das Par 4 der A6 ist bei entsprechender Platzkenntnis und zwei perfekten Schlägen mit ihren 326 Metern sicher kein Ungetüm. Aber nur dann. Ansonsten warten nach dem Drive über eine Hügelkuppe in eine uneinsehbare Landezone ein Dogleg und ein Riesenbaum, der nicht selten dem zweiten Schlag in ein stark von hinten nach vorne abfallendes Grün im Weg steht.
www.kennemergolf.nl

NOORDWIJKSE GOLFCLUB

NOORDWIJKSE GOLFCLUB

18 Löcher, Par 72, 6.359 Meter

Adresse
Randweg 25
NL 2204 AL Noordwijk, NL
Tel. +31 252.373.761
www.noordwijksegolfclub.nl

Greenfee
150 Euro

Wer von Zandvoort aus am Strand etwa zehn Kilometer am Meer entlang nach Süden spazieren und dann über die Düne klettern würde, könnte im Noordwijkse Golfclub abschlagen. Hier wurden bereits 1916 erstmals die Dutch Open ausgespielt. Ungewöhnlich für einen Links-Platz: Auf fünf der 18 Bahnen sorgt Kiefernwald optisch für Parkland-Anmutung.

Killerloch
Die vierte Bahn (358 Meter, Par 4) führt nicht steil, aber stetig bergauf. Zur Rechten des welligen Fairways beginnt der Kiefernwald, zur Linken lauert der übliche Ginster. Das Grün ist nicht allzu groß, da für erhöht und links dahinter lauert ein Bunker, den man erst sieht, wenn man auf dem Grün steht.
www.noordwijksegolfclub.nl

KONINKLIJKE HAAGSCHE GOLF & COUNTRY CLUB

KONINKLIJKE HAAGSCHE GOLF & COUNTRY CLUB

18 Löcher, Par 72, 6.251 Meter

Adresse
Groot Haesebroekseweg 22
NL 2243 EC Wassenaar
Niederlande
Tel. +31 70.517.9607
www.khgcc.nl

Greenfee
225 Euro

Was den Briten ihr "Royal", heißt bei den Niederländern "Koninklijke" - der königliche Golfclub vor den Toren Den Haags wurde 1893 gegründet und ist damit der älteste des Landes. Obwohl gut drei Kilometer vom Meer entfernt im Inland gelegen, liegt dieser echte Country Club in einer derart hügeligen Dünenlandschaft, dass man daran zweifelt, in den Niederlanden zu sein.

Killerloch
Der Tee-Shot an Loch 14 (Par 4, 313 Meter) verlangt sicher Cojones. Links stehen weiße Pfähle, rechts Bäume, die Schneise dazwischen ist alles andere als breit. Zum Grün geht es die letzten 100 Meter steil bergauf in ein schmales langes Grün, das Fehlschläge zu allen Seiten auf unterschiedliche Weise, aber immer bitter bestraft.
www.khgcc.nl

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