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Kolumne: Golfplatz-Designer

15 Meter zu weit gebaggert

Von Tony Ristola, Fotos: Tony Ristola

Hobbygolfer werden nach Golfrunden mindestens genauso regelmäßig zu allwissenden Architekturexperten wie Fußballfans nach Niederlagen zu Möchtegern-Cheftrainern. Dabei gibt es in 99 Prozent aller Fälle einen guten Grund, warum an dieser Stelle ein verfluchter Fairway-Bunker gebuddelt wurde oder warum dieser verdammte Baum nicht gefällt wurde. Golfplatzdesigner Tony Ristola weiß ganz genau, was ein gutes Golfloch ausmacht.

Die erste Spielbahn, mit der ich mich in meiner neuen GolfPunk-Kolumne auseinandersetzen möchte, ist ein 540 Meter langes Par 5 mit einem Wasserhindernis, das das gesamte Grün flankiert, und darin liegt das Problem. Der Fairness halber möchte ich nicht verraten, wo genau sich dieses Golfloch befindet. In den kommenden Monaten werde ich auch eine Spielbahn, die ich selbst entworfen und gebaut habe, unter die Lupe nehmen und in diesem Fall den Standort natürlich verraten.

Ich habe diese Bahn, mit der wir uns hier befassen wollen, bereits unzählige Male gespielt und ganz egal wo mein Abschlag gelandet ist - auf dem Fairway, im Bunker links oder irgendwo im Semi-Rough - die Schläge zwei und drei waren immer dieselben: sicheres Vorlegen mit einem kurzen oder mittleren Eisen gefolgt von einem Pitch aus etwa 120 Metern über das Wasser in Richtung Fahne. Diese sich ständig wiederholende und langweilige Abfolge von Schlägen wird von einer Schwachstelle im Design erzwungen, denn selbst nach einem Killerabschlag ist das Risiko, das Grün mit dem zweiten Schlag zu attackieren, schlicht zu groß.

"Schlauberger!", wird der ein oder andere jetzt wahrscheinlich denken und fragen: "Warum spielst du anstelle der 250 Meter carry aufs Grün nicht möglichst nahe links ans Grün heran, um dann mit einem Lob-Wedge aus kurzer Entfernung eine Birdie-Chance zu schaffen?" Das ist keine Alternative, denn der Teich ragt weit ins Fairway hinein und halbiert es somit. Ein aggressiver zweiter Schlag in diese Gegend ist mit beinahe genauso viel Risiko verbunden wie ein direkter Schlag aufs Grün, denn die Gefahr, diese Annäherung unpräzise zu spielen und links im Semi-Rough oder, noch schlimmer, rechts im Wasser zu landen, ist groß. Selbst für wirklich gute Golfer ist die einzig vernünftige Option, von vornherein auf eine Dreischlagstrategie zu setzen. Langweilig, keine Frage, allerdings minimiert dies die Bogey-Gefahr.

Somit ist es leider relativ egal, ob der Abschlag auf einer perfekten Linie an der Bunkerkante entlangfliegt und auf dem Fairway landet, vom Bunker geschluckt wird oder ins Rough fliegt. Schlag Nummer zwei ist in jedem dieser Fälle exakt derselbe und darin liegt die Schwäche dieses Designs.

Für Wochenendgolfer ist diese Spielbahn ein harter Test, sie ist lang und bietet links des Teichs nur wenig Raum, den Ball sicher abzulegen. Aber nicht nur für Wochenendgolfer, sondern auch für echte Cracks ist dieses Golfloch alles andere als ideal geplant. Denn die Kosten- Nutzen-Rechnung, möchte man dieses Par 5 mit dem zweiten Schlag angreifen, geht einfach nicht auf. Zeichnen sich gute Golflöcher nicht durch das Gegenteil aus? Anspruchsvoll und verlockend für die guten Spieler, ohne dabei den höheren Handicaps die Tür vor der Nase zuzuschlagen und auch den weniger begabten Golfern eine Möglichkeit zu geben, die Hindernisse sinnvoll zu umspielen.

Kolumne: Golfplatz-Designer:

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DIAGONALE WASSER HINDERNISSE ODER TEICHE, DIE EIN GRÜN LEDIGLICH FLANKIEREN, GEHÖREN ZU DEN FEINSTEN ELEMENTEN DER GOLFPLATZARCHITEKTUR.
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Wie könnte man dieses Par 5 verbessern? Eine Möglichkeit wäre, die Tees etwa 50 Meter nach vorne zu verlegen, um die Wahrscheinlichkeit, das Grün mit dem zweiten Schlag zu erreichen, signifikant zu erhöhen. Doch diese Variante scheidet aus, denn zwischen existierenden Abschlägen und Fairway verläuft eine Senke, in der keine neuen Teeboxen gebaut werden können.

Die einfachste, schnellste und gleichzeitig auch preiswerteste Lösung wäre, das Fairway in seiner Breite nach links an der Stelle des Teichs zu verdoppeln. Somit würde das Loch besonders für mittlere und hohe Handicaps deutlich einfacher und spielbarer werden, denn neuer Raum zum Vorlegen würde entstehen und auch der Winkel für den Schlag zur Fahne wäre deutlich entschärft, da in den meisten Fällen nicht mehr das gesamte Wasserhindernis überquert werden müsste. Eine deutliche Verbesserung, keine Frage, eine aufregende Risk-/Reward- Möglichkeit, das Grün mit dem zweiten Schlag anzugreifen, fehlt allerdings weiterhin, denn noch immer schneidet der Teich ins Fairway und verteidigt die komplette Breite des Grüns.

Die Chance, dieses Par 5 zu einem großartigen Golfloch zu machen, wurde leider während der Bauphase versäumt. Eine zehn bis 15 Meter weiter links verlaufende Wasserkante würde nicht nur die Wasserbeule im Fairway eliminieren, sondern den gesamten Charakter der Spielbahn zum Besseren verändern. Die Hälfte des Grüns mit dem Fairway zu verbinden und gleichzeitig auch zur Spielrichtung hin zu öffnen würde dieses Golfloch für Spieler aller Handicap-Klassen deutlich attraktiver und variabler machen.

Wäre ein Teil des Grüns mit dem Fairway verbunden, würde dies nicht nur Longhittern die Chance geben, das Grün in zwei Schlägen mit einem präzisen zweiten Schlag zu erreichen, gleichzeitig würde auch mehr Druck auf dem Abschlag lasten, denn nun wäre es nicht mehr egal, ob dieser auf dem Fairway oder im Bunker landet. Und selbst wenn der Drive im Bunker oder im Rough landet, blieben immer noch weitaus mehr Alternativen, wohin der Ball vorgelegt werden könnte, als im Moment. Konservativ vor das Wasserhindernis, um einem vollen Schlag aus 120 Metern ins Grün zu haben, oder aggressiv in den nun breiteren Teil des Fairways, von wo aus nur ein kleiner Pitch oder sogar nur ein Chip in Richtung Fahne notwendig ist? Planspiele, die in der jetzigen Form des Spielbahn flachfallen.

All diese Möglichkeiten und Taktiküberlegungen entstehen, weil das Verhältnis Risiko/Belohnung für den zweiten Schlag zugunsten der Golfer verbessert wurde. Es würden mehr Birdies und Eagles gespielt werden, die Nummer der Wasserbälle und potenziellen Desaster an diesem Loch würde jedoch ebenso steigen. Statt einer langweiligen Abfolge immer gleicher Schläge, von denen nur einer - der dritte - wirklich gut sein muss, würde dieses Par 5 zu einer Herausforderung mit jeder Menge Optionen werden, das dazu verleitet, aggressiv zu spielen, und vor jedem Schlag sorgfältiges Abwägen erfordert. Genau das sind die Zutaten interessanten, aufregenden und vor allem unterhaltenden Golfs.

Spieler mit höheren Handicaps hätten darüber hinaus die Chance, ihren zweiten Schlag auch aus weiteren Entfernungen noch aufs Grün rollen zu lassen, was vor allem Golfern mit weniger Schlägerkopfgeschwindigkeit zugutekommt, die den Ball flacher und mit weniger Spin schlagen. Die Chance, dieses Grün in zwei Schlägen zu erreichen und der desinteressierten Familie noch am darauffolgenden Wochenende von dieser Heldentat zu erzählen, besteht in der jetzigen Form leider keineswegs.

Wasserhindernisse direkt in der Spiellinie stellen Spieler vor vollendete Tatsachen. Wie eine Verkehrsampel erzeugen sie eine Rot-oder Grün-Situation und nehmen Golfern die Entscheidung ab. Das ist nicht ideal. Golflöcher dieser Art zählen zu den schwersten für durchschnittliche Golfer, weil die Wahrscheinlichkeit groß ist, einen Ball zu versenken. Gute Spieler müssen sich hier dagegen keinerlei Gedanken machen. Ihre Taktik wurde vom Platzdesign vorbestimmt. Sie kennen ihre Limits, schließen unnötiges Risiko aus und ziehen weiter zum nächsten Loch.

Diagonale Wasserhindernisse oder Teiche, die ein Grün lediglich flankieren, gehören zu den feinsten Elementen der Golfplatzarchitektur, denn sie lassen jedem Spieler die Möglichkeit, zwischen verschiedenen Routen mit unterschiedlichen Risiken zu wählen. Das Wasserhindernis weiter nach rechts zu verlegen würde dieses Par 5 für alle Golfer nicht nur spielbarer und unterhaltsamer machen, sondern vor allem auch strategisch interessanter. Der erzwungene Carry-Schlag würde für die rechte Seite des Grüns immer noch existieren, aber jeder Spieler hätte auch eine sichere Route aufs Grün zur Verfügung.

Dies ist also auf keinen Fall ein schlecht designtes Golfloch, allerdings haben 15 Meter zu wenig Fairway eine potenziell brillante Spielbahn in ein Schnarch fest verwandelt und ein Paradebeispiel dafür, wie wichtig die strategisch korrekte Platzierung von Wasserhindernissen während der Bauphase eines Golfplatzes ist. Denn das Korrigieren unzureichender Arbeit, nachdem ein Golfplatz bereits eröffnet wurde, ist nicht nur kompliziert und teuer, sondern im wahrsten Sinne des Wortes Drecksarbeit.

 

DER AUTOR

Tony Ristola, ein Amerikaner mit finnischen Wurzeln, kann nicht nur Golf spielen - er war als Teaching- sowie als Playing-Pro aktiv -, sondern fand in der Golfplatzarchitektur seine wahre Bestimmung. Zusammen mit Arbeitern, von denen die meisten noch nie einen Golfplatz gesehen hatten, schuf er mit Sand Valley in Polen sein erstes, international gefeiertes 18-Loch-Layout. Als einziger Golfplatzarchitekt garantiert er, jeden einzelnen Tag der Planungs- und Bauphase einer neuen Anlage vor Ort zu sein. www.tonyristola.com

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