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Die tragische Gestalt der US Open: Phil Mickelson

Grand Slam – Teil 2

Vier Siege für ein Halleluja

Von Rüdiger Meyer, Fotos: Getty Images, Imago

US OPEN FEHLT

SCOTTIE SCHEFFLER, SAM SNEAD, PHIL MICKELSON

Doch so bitter Palmers Schicksal auch war, die tragischsten Geschichten wurden bei der US Open geschrieben. Mit gerade mal acht Teilnahmen und vier Top-Ten-Plätzen hat Scottie Scheffler noch nicht genug Narbengewebe aufgebaut, um für sein Golfer-Leben gezeichnet zu sein. Jedoch sind Sam Snead und Phil Mickelson warnende Beispiele von Spielern, bei denen der Sieg in der nationalen Meisterschaft jahrzehntelang eingeplant war und doch nie zustande kam. Bei Snead endete gleich der erste Start 1937 in einem zweiten Platz. Ein Schicksal, das ihm in den nächsten 16 Jahren noch drei weitere Male widerfuhr. Bezeichnend war dabei, dass Snead vor allen Dingen in den Schlussrunden nicht in der Lage war, den Sack dichtzumachen. "Hätte ich in der letzten Runde jedes Mal eine 69 gespielt, hätte ich neun US Open gewonnen. Neun!", trauerte er am Ende seiner Karriere den verpassten Chancen hinterher. Keine davon nagte mehr an ihm als die Niederlage 1947 im St. Louis Country Club. Mit einem brillanten Birdie am letzten Loch spielte sich der damals 35-Jährige ins Play-off, das damals noch im Zählspiel über 18 Löcher ausgetragen wurde, gegen Lew Worsham. Gleich am ersten Loch der Verlängerung ging Snead in Führung. Drei Löcher vor Schluss führte er gegen den unbeschriebenen Worsham mit zwei Schlägen Vorsprung, doch der ehemalige Matrose halbierte den Rückstand mit einem Birdie an der 16 und zog nach einem Fehler Sneads an der 17 gleich. Was folgte, war eine Millimeterentscheidung - im wahrsten Sinne des Wortes. An der 18 hatten beide einen so kurzen Putt zum Par, dass die Distanz offiziell vermessen werden musste. Mit 65 Zentimetern lag Snead 25 Millimeter weiter weg, musste vorlegen und zitterte den Putt am Loch vorbei. Dieser Fauxpas übertraf sogar noch Sneads Blackout von 1939, als ihm im Philadelphia Country Club nur ein Par zum Sieg gefehlt hatte, er das Par 5 aber in der Annahme spielte, er müsse ein Birdie notieren. Sein aggressives Spiel resultierte in zwei Bunker-Lagen und einem fatalen Triple-Bogey.

Grand Slam: Ritter der traurigen US Opens: Scottie Scheffler und Sam SneadGrand Slam: Ritter der traurigen US Opens: Scottie Scheffler und Sam Snead
Ritter der traurigen US Opens: Scottie Scheffler und Sam Snead

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HÄTTE ICH IN DER LETZTEN RUNDE JEDES MAL EINE 69 GESPIELT, HÄTTE ICH NEUN U.S. OPEN GEWONNEN. NEUN!
- Sam Snead -
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69 Jahre später wiederholte sich die fast identische Geschichte mit einem anderen Protagonisten: Phil Mickelson. Mit zwei Masters und einer PGA Championship im Gepäck hatte er das Image des Major-Versagers endlich abgestreift und war bereit für seinen größten Triumph. Wie Snead brauchte er in Winged Foot lediglich ein Par am letzten Loch, um zu gewinnen. Und wie Snead spielte "Lefty" zu aggressiv. Bereits an der 17 hatte er seinen Drive in einen Mülleimer geslict, konnte aber noch das Par retten. Anstatt an der 18 auf Nummer sicher zu gehen, griff er erneut zum Driver und schoss den Ball links in Richtung Zeltstadt. Sein zweiter Schlag traf einen Baum, der dritte produzierte ein Spiegelei im Bunker, der vierte rollte ins Rough und am Ende standen ein Doppel-Bogey und eine weitere bittere Niederlage in seiner US-Open-Bilanz. "Ich bin immer noch fassungslos. Ich kann einfach nicht glauben, dass ich das getan habe. Ich bin so ein Idiot", fasste er anschließend seinen Blackout besser zusammen, als es jeder Reporter hätte tun können. Es war Mickelsons bitterste US Open-Niederlage, aber beileibe nicht seine einzige. Er selber trauert dabei vor allem der 2004er-Austragung in Shinnecock Hills hinterher, als sein Abschlag an der 17 direkt vor einem Stein in einem Bunkere landete: "Das ist das Turnier, das ich mehr als jedes andere hätte gewinnen müssen. Angesichts der Schwierigkeit des Platzes würde ich sagen, dass ich in meinem Leben noch nie eine bessere US Open gespielt habe." Insgesamt sechs zweite Plätze - zwei mehr als jeder andere - hat der Kalifornier in seiner Vita stehen und bei fünf von ihnen lag er im Verlauf der Finalrunde wenigstens in geteilter Führung, zuletzt 2013 an seinem 43. Geburtstag.

THE OPEN FEHLT

BYRON NELSON, RAYMOND FLOYD

Noch einmal neun Monate und elf Tage älter war Raymond Floyd, als er sich 1986 das erste Mal in die Siegerliste der US Open eintragen konnte und bis zum Erfolg von Hale Irwin 1990 als ältester Champion in den Siegerlisten stand. Zu einer Zeit, in der eine Golfkarriere mit 40 Jahren schon fast am Ende war, widersetzte sich der Mann aus North Carolina dem Zahn der Zeit und wurde noch mit 49 Jahren Zweiter beim Masters hinter Fred Couples. Auch wenn Floyd zweimal die PGA Championship gewinnen konnte, war das Turnier in Augusta sein Steckenpferd. Neben dem Sieg im Jahr 1976 gelangen ihm im Wohnzimmer von Bobby Jones noch zehn weitere Top-Ten-Platzierungen. Auf der anderen Seite des Atlantiks sah es für ihn jedoch weniger rosig aus. Einzig zwischen 1976 und 1981 wirkte es so, als könne Raymond Floyd die Nuss Links-Golf knacken. Auf dem legendären Old Course von St. Andrews setzte er mit einer 68 in der Schlussrunde die Bestmarke im Clubhaus, doch Jack Nicklaus leistete sich keinen Fehler. Als Floyd 1992 zur Halbzeit noch mal in der Spitzengruppe lag, machte er aus seinem Herzen keine Mördergrube: "Wenn ich die Karriere ohne den Sieg hier beende, werde ich damit leben können. Aber mein Ziel ist es, die Open zu holen." Es gelang ihm nicht.

Vier Siege für ein Halleluja: Raymond Floyd scheiterte am Links-Verkehr
Raymond Floyd scheiterte am Links-Verkehr
Nur für einen weiteren Spieler ist die Claret Jug die einzige fehlende Trophäe in der Vitrine: Byron Nelson. Der amerikanische Golf-Gentleman hatte eigentlich keine Ambitionen, bei der Open Championship mitzuspielen. Dass er dennoch zweimal antrat, war eher Zufällen geschuldet. 1937 fand der Ryder Cup sieben Tage vor dem Turnier in Carnoustie statt und das gesamte US-Team hängte noch eine Woche dran. Obwohl Nelson als Fünfter bewies, dass Links-Golf bei Weitem kein Fremdwort für ihn ist, interessierten ihn weitere Teilnahmen nicht, zumal kurz darauf der Zweite Weltkrieg ohnehin für sechs Jahre Zwangspause sorgte und Nelson danach in den Ruhestand ging. Nur als er 1955 Urlaub in Frankreich machte, nutzte er die sich zufällig bietende Chance auf eine Teilnahme in St. Andrews und wurde 32.

Dass Nelson natürlich in keiner Liste der besten Spieler aller Zeiten fehlen darf, beweist, dass der Karriere-Grand-Slam nicht die Ultima Ratio im Golfsport ist. Dennoch ist eine Mitgliedschaft in diesem besonderen Club mit zahlreichen Vorteilen verbunden. Denn neben Ruhm und Ehre scheint seinen Mitgliedern auch ein besonders langes Leben beschert zu sein, wenn man nach der - zugegeben begrenzten - Datenbasis geht. Kein Einziger von ihnen ist vor dem 85. Lebensjahr verstorben und Gary Player ist seit letztem November schon der zweite 90er in diesem Club. Wer weiß? Vielleicht geht es bei Major-Siegen also ja doch manchmal um Leben und Tod.

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