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Kommentar

Das ist doch kein Sport!

Von Jan Langenbein

Mo Money Mo Problems - stehen wir vor einer neuen Weltordnung im Profigolf? Darauf kannst du dein Girokonto verwetten.

Kann sich noch jemand an die abschließenden Bilder des Madefor-TV-Matches zwischen Tiger Woods und Phil Mickelson 2020 erinnern, auf denen der siegreiche Linkshänder vor den gewonnenen zehn Millionen Dollar posierte? Vielleicht ging es damals nur mir so, aber mich ekelte dieser riesige Haufen Scheine, der erschreckend drastisch an Walter Whites zusammengetragenes Crystal-Meth-Geld erinnerte, regelrecht an.

Sprung in die Gegenwart: Humor kann man den LIV-Golf-Verantwortlichen nicht absprechen, ließen sie doch den Heisenberg des Golf beim LIV-Invitational in London zum O'Jays-Hit "For the Love of Money" von 1979 aufs erste Tee marschieren. "Money, money, money, money... money! Some people got to have it. Some people really need it", heißt es da und Phil reckte grinsend den Daumen nach oben. Schließlich sind den Saudis seine Dienste angeblich 200 Millionen Dollar wert. Reiner Signing-Bonus, versteht sich, Preisgelder kommen noch dazu.

Phils Kontoauszug kann mir eigentlich egal sein, oder? Eigentlich schon, doch wenn dieser am Grundgerüst meines Golfverständnisses rüttelt, sieht die Sache anders aus. Das bedarf wohl einer Erklärung: Ehrlich gesagt nervt mich kaum eine Diskussion mehr als das immer wieder auftauchende "Golf ist doch kein richtiger Sport!" Diesen Klassiker bornierter Voreingenommenheit bekommt man meist von ahnungslosen Nicht-Golfern zu hören und Tiger lieferte in den vergangenen 30 Jahren jede Menge Munition, um argumentativ erfolgreich dagegenzuhalten. Die von Greg Norman und saudischen Ölmilliarden initiierte Palastrevolution im Profigolf lässt mich mittlerweile allerdings an meiner bisherigen Position in der Frage "Ist mein Lieblingshobby auf professionellem Niveau Sport?" erheblich zweifeln. Zumindest wenn es um Profigolf im Stile von LIV Golf geht.

Überrascht von der Professionalität der YouTube-Übertragung und genervt vom Leaderboard im Formel-1-Stil saß ich während der drei Runden der LIV-Premiere vor dem Rechner und wartete darauf, dass sich irgendeine Gefühlsregung einstellen mochte. Doch die blieb aus, ganz egal wie oft die Kommentatoren in meinen Schädel hämmerten, um wie viele Millionen die 48 Golfsöldner hier gerade spielten. Warum sollte man als Golf-Fan mitfiebern, ob Multimillionär XY am Ende seines Arbeitstags ein paar Millionen mehr auf dem Konto hat? Und das liegt gar nicht mal per se an der moralisch äußerst fragwürdigen Quelle des Geldes. Aus genau demselben Grund haben Fans in aller Welt für den FedEx Cup kaum mehr als ein müdes Schulterzucken übrig.

Wenn in St. Andrews die 150. Open ausgetragen wird, reicht die Siegerliste bis zu wettergegerbten Schotten in Tweet-Jacketts zurück, bei der Players Championship wird mitgefiebert, weil sich bis zum 18. Grün kein Pro vor Pete Dyes Sadismus in Sicherheit wiegen kann, und selbst die BMW International Open in München haben mit Paul Azinger, Colin Montgomerie, John Daly und Martin Kaymer derartig viele klangvolle Namen auf der Trophäe eingraviert, dass es schlicht eine Ehre ist, als zukünftiger Gewinner seinen eigenen dazugesellen zu dürfen. Garantiert haben bei keinem dieser drei zufällig gewählten Beispiele 99 Prozent der Golf-Fans einen blassen Schimmer, wie hoch die Summe auf dem Siegerscheck ausfällt. Dass bei der spannendsten, emotionalsten und schlichtweg großartigsten Woche im Golfkalender, dem Ryder Cup, erst gar kein Preisgeld im Spiel ist, spricht Bände.

Ein Event, dessen einzig wertstiftendes Element eine obszön hohe Geldsumme ist, ist kein Sport. Er fällt eher in die Kategorie Schaukampf la professionelles Wrestling. Wer sich vom Undertaker und John Cena besser unterhalten fühlt als von Usain Bolt und Tiger Woods, bitte schön. Daran gibt es nichts auszusetzen. Man sollte am Ende aber nicht so tun, als hätte das Ergebnis dieser Veranstaltung für Fans irgendeine Relevanz.

Schon viele Jahre vor LIV habe ich darüber fantasiert, was wohl passierte, würde ein stinkreicher Hedgefonds-Hengst, verärgert über seine erfolglosen Bemühungen, im Augusta National Golf Club aufgenommen zu werden, während der ersten vollen Aprilwoche in seinem Country Club 200 Millionen Dollar für ein Einladungsturnier auf den Tisch legen. Startberechtigt wären die ersten 50 der Golfweltrangliste, von denen der Sieger 100 Millionen und selbst das Schlusslicht auf dem Leaderboard noch einen siebenstelligen Betrag mit nach Hause nehmen dürfte. Denn wie sagte Bobby Axelrod einst so treffend? "Was nützt es, ,Fuck-you-Money' zu besitzen, wenn man nicht ab und zu auch mal 'Fuck you' sagt?" Wie wir heute wissen, wäre das Masters in diesem Jahr eine traurige Veranstaltung und das Champions Dinner ein waschechtes Seniorentreffen gewesen.

Bezeichnenderweise machte im Pressezelt des LIV-Invitationals die Anekdote die Runde, einer der 48 Teilnehmer hätte ein Foto des zweistelligen Millioneneingangs auf seinem Kontoauszug abfotografiert und in die WhatsApp-Gruppe von PGA-Tour-Kollegen gestellt. Es ist also erwiesenermaßen naiv, erfolgreichen Golfprofis Loyalität gegenüber dem System abzuverlangen, das sie nicht nur zu globalen Superstars, sondern ganz nebenbei auch noch steinreich gemacht hat. Noch ärgerlicher ist es, dass es ebenfalls naiv ist, Loyalität gegenüber den Fans einzufordern, denn wir sind die wahren Verlierer dieser neuen Wirklichkeit, die nichts anderes als endlose Rechtsstreitigkeiten und eine Aufsplitterung der Golfwelt, wie wir sie kennen, zur Folge haben wird. Allzu oft werden wir die besten Spieler der Welt nicht mehr gemeinsam in einem Starterfeld erleben können, bereit, den Besten der Besten auf den größten Bühnen unseres Sports auszufechten.

Wirklich gefeiert hätte ich es, hätte der DJ im Centurion Club nicht zur Titelmelodie der einstigen TV-Show eines ehemaligen US-Präsidenten, dessen LIV-Auftritte uns noch bevorstehen, sondern zu Richard Ashcroft gegriffen: "Cause it's a bitter sweet symphony, that's life. Tryin' to make ends meet, you're a slave to money then you die." Hätte Phil Mickelson zu diesen Zeilen grinsend Thumbs up verteilt, das wäre großer Sport gewesen.

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