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Schwinger Club Vol. 33

Christian Ehrhoff

Von Rudi Schaarschmidt, Fotos: Patrick Runte

Vorbei die Zeiten von Bully, Powerplay und Crosscheck. Einer der größten Puckjäger unseres Landes hat Schlittschuhe und Helm an den Nagel gehängt und den Schläger gewechselt.

Wir sind Eishockey! Wir alle waren es zumindest beim Wintermärchen 2018 für ein paar Wochen. Was war da nicht plötzlich für eine Eishockey-Euphorie im ganzen Land, als die deutsche Nationalmannschaft - bislang meist ein besserer Sparringspartner für die Großen - bei den Olympischen Spielen in Pyeongchang anfing, die gesamte Weltelite zu vermöbeln: erst den Vize-Weltmeister Schweiz, dann Schweden und im Halbfinale sogar Kanada! Im Endspiel gegen Russland fehlten lediglich 55 Sekunden zur Goldmedaille - mehr Drama geht nun wirklich nicht, Baby. Die Live-Übertragung im ZDF verfolgten am frühen Sonntagmorgen (um fünf Uhr) 3,2 Millionen Fans (51,2 Prozent Marktanteil).

Einer dieser unsterblich gewordenen Silberhelden ist Christian Ehrhoff, der seine Karriere einen Monat später beendet und seither viel Zeit zum Golfspielen hat. Wir sind im Golfclub Elfrather Mühle in Krefeld verabredet und ich male mir aus, was mich erwartet: todsicher eine Figur wie ein Kleiderschrank. Höchstwahrscheinlich tätowiert, als handele es sich bei dem Schrank um einen mit Bauernmalerei. Eine Gestalt wie der Beißer aus den Bond-Filmen, in dessen Gebiss ziemlich sicher die ein oder andere Lücke klafft. Und vermutlich ein rauflustiger und lauter Charakter. Hey, der Typ war eineinhalb Jahrzehnte Eishockeyprofi, überwiegend in den USA! Dann steigt Christian Ehrhoff aus seinem Auto aus und alles ist ganz anders. Klar habe ich auch vor dem Fernseher mitgezittert, aber von Eishockeyspielern erkennt man in ihrer Montur im Fernsehen so viel wie von Neil Armstrong, wenn er über den Mond hüpft. Christian Ehrhoff ist schlank und drahtig und hat eher die Figur eines Stabhochspringers. Er ist groß (1,88 m), aber kein Hüne. Er hat längere Haare, ein smartes Gesicht und könnte Zahnpasta-Werbung machen. Sein topgepflegtes Erscheinungsbild und die Brille verleihen ihm eine intellektuelle Anmutung. Und dann begrüßt er mich. Leise und ruhig, freundlich und eher zurückhaltend. So viel zu Klischees und deren Wahrheitsgehalt.

Die Meisterschale und den DFB-Pokal habe ich schon im Original in den Händen gehalten. Aber es ergreift mich doch eine besondere Ehrfurcht, als ich zum ersten Mal in meinem Leben eine olympische Medaille in den Händen halte. Ich bin überrascht, wie schwer die Silbermedaille ist, die der glühende BVB-Fan mitgebracht hat.

Mit vielen Mitgliedern unseres "Schwinger Club" trifft man sich und philosophiert über Golf und das Leben. Es gibt aber auch Typen, die das ganze Blabla zwar gut und schön finden, sich aber eigentlich denken: "Wann zocken wir endlich?" Echte GolfPunks eben. Das war zuletzt bei Martin Rütter so und das ist bei Christian Ehrhoff genau so. Keine Frage also, dass wir selbst im sommerigsten Sommer aller Sommer 18 Löcher miteinander spielen und währenddessen über seine Karriere und seine Leidenschaft für den Golfsport quatschen.

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Als kleiner Junge hat der heute 36-Jährige oft seine größere Schwester zum Eislaufen begleitet und ist selbst ein wenig herumgerutscht. Dann hat er mit seinem Vater Ausschnitte von einem Eishockeyspiel im TV gesehen und gesagt: "Papa, das will ich auch machen." Weil es in seiner Heimatstadt Moers aber keine Bambini-Mannschaft gab, schloss er sich dem Krefelder EV an, wo er zunächst alle Jugendmannschaften durchlief und am Ende als 20-jähriger Profi mit den KEV Pinguine 2003 Deutscher Meister wurde. Es folgte der Sprung in die beste Liga der Welt. In der NHL absolvierte der Verteidiger in den folgenden 13 Jahren 862 Spiele für die San Josť Sharks, Vancouver Canucks, Buffalo Sabres, Pittsburgh Penguins, Los Angeles Kings und Chicago Blackhawks. In einer Lockout-Time der NHL spielte der Verteidiger 2012 für Krefeld in der DEL. Angesichts des millionenschweren Vertrags, den Ehrhoff bei seinem damaligen Verein in Buffalo unterzeichnet hatte, musste Krefeld für den "geliehenen" Spieler eine Versicherung abschließen. Kostenpunkt: 20.000 Euro pro Monat. 2016 kehrte er endgültig nach Deutschland zurück und hängte noch zwei Jahre bei den Kölner Haien dran. Zudem spielte Ehrhoff 118-mal für die deutsche Nationalmannschaft, unter anderem bei sieben Weltmeisterschaften und vier Olympischen Spielen. Für die Abschlussfeier in Pyeongchang wurde er vom Deutschen Olympischen Sportbund zum Fahnenträger der deutschen Athleten bestimmt. "Das war emotional unglaublich und unvergesslich", erzählt er mit leuchtenden Augen von dieser großen Ehre. Sein WhatsApp-Foto zeigt ihn mit einer Deutschland-Fahne in der Hand, der Silbermedaille um den Hals und einem Strahlen im Gesicht.

Fast genauso begeistert berichtet er davon, wie er bei den Olympischen Spielen 2002 sein großes Idol Wayne Gretzky getroffen hat, damals Teammanager der kanadischen Mannschaft. "Ich bin sofort in die Kabine gerannt, um tatsächlich noch einen Fotoapparat zu holen. Seine Frau hat dann ein Foto von uns beiden gemacht." Zu der Zeit hatte er bereits ein Autogramm der Eishockey-Legende. Sein Opa hatte ihm zum Geburtstag eine Freude machen wollen und einen Brief mit der Bitte um ein Autogramm geschrieben an: "Wayne Gretzky, Los Angeles, Kalifornien". Mit dem Geburtstagsgeschenk hat es nicht geklappt. Aber neun Monate später lag tatsächlich die Autogrammkarte in der Post.

In seinem ersten Jahr in San Josť bekam er vom Ausstatter des Teams auch eine Golfausrüstung geschenkt. In einer Sommerpause hat er in Deutschland mal angefangen zu spielen. Mittlerweile hat er sich auf Handicap 18,8 heruntergespielt. Als Linkshänder, da er wie die meisten Eishockeyspieler (ca. 75%) seine Schussbewegung auf dem Eis von links nach rechts ausführt. Es liegt in der Natur der Sache, dass viele Tennis-, Hockey- und Eishockeyspieler eine natürliche Begabung für den Golfsport mitbringen. Das ist bei Christian nicht anders. Wehe, er trifft seinen Drive perfekt. Dann kann zwischen meinem und seinem zweiten Schlag schon mal ein Minütchen vergehen. Dafür hat er das Putten nicht gerade erfunden. Bei den BMW International Open in Pulheim spielte er beim Pro-Am mit Martin Kaymer und Jan-Josef Liefers und war begeistert vom Treffen mit Gary Player, der auf dem achten Grün mit jedem Flight um die Wette puttete.

Im Alter von 19 Jahren stand seine Sportlerkarriere auf der Kippe. Er hatte einen Schlägerstock ins Auge bekommen und lag zehn Tage im Krankenhaus. "Es ist eine Narbe auf der Netzhaut zurückgeblieben. Seither sehe ich mit dem linken Auge nicht mehr scharf und kann damit nicht lesen. Aber das räumliche Sehen ist geblieben." Auf dem Eis musste er Gott sei Dank nicht lesen. Das war neben einem Rippenbruch nach einer, sagen wir mal, Rauferei auf dem Eis die einzige größere Verletzung, die ihn längere Zeit im wahrsten Sinne des Wortes außer Gefecht gesetzt hat - erstaunlich für eine so lange Karriere. Aber Eishockeyspieler sind eben auch anders gestrickt als Fußballer.

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Zu meiner Überraschung erklärt er, dass sein Beruf seinem Golfspiel nicht gutgetan habe. "Neben dem Eistraining habe ich auch Krafttraining gemacht. Beim Eishockey legt man all seine Kraft und auch sein ganzes Gewicht in einen Schlagschluss. Beim Golf sollte man das eher nicht tun", klärt er auf. "In der Sommerpause wurde mein Golf immer besser, während der Saison dann wieder schlechter." Somit dürfte die Einstelligkeit jetzt nur noch eine Frage der Zeit sein.

In Krefeld hat sich der Kufencrack vor fünf Jahren ein Haus gebaut. Mit einer Eisbahn im Keller. Er ist Familienmensch durch und durch. Seit 2007 ist Christian mit Farina verheiratet, die er 2002 bei einem Benefiz-Fußballspiel kennengelernt hat und mit der er mittlerweile drei Töchter (3, 7 und 9) hat. "Sie hat im Catering gearbeitet. Wir haben herausgefunden, dass wir an aufeinanderfolgenden Tagen Geburtstag haben und praktisch einen Tag lang gleich alt sind." Im Moment genießt es der Ex-Profi, erstmals richtig Zeit für sich, seine Familie und das Golfspielen zu haben. Keine Saisonvorbereitung mehr, keine eng getakteten Spielpläne oder brutalen Checks an die Bande. "Ich möchte die schönen Orte dieser Welt bereisen, Australien, Asien, exotische Inseln." Das dürfte kein Problem sein, im Gegensatz zu einem weiteren Herzenswunsch, den er mit nahezu allen Golfern teilt: Golf spielen im Augusta National Golf Club! Grundsätzlich will er dem Eishockey-Sport dennoch treu bleiben. "In welcher Funktion, muss ich mir aber noch überlegen."

Mit Christian Ehrhoff heißen wir eines der angenehmsten und sympathischsten Mitglieder in unserem "Schwinger Club" herzlich willkommen.

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