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LIV or Die

Die Satten verlassen das sinkende Schiff

Von Rüdiger Meyer, Fotos: Getty Images (1), LIV Golf

Mit den Abgängen von Brooks Koepka und Patrick Reed ist LIV in unruhiges Fahrwasser geraten. Zumal bei den Verbliebenen der Frust wächst, dass sie 18 Löcher mehr schrubben müssen. Reichen Weltranglistenpunkte als Rettungsring? Oder steht LIV kurz vor der Kollision mit dem Eisberg?

Wohl noch nie zuvor in der Geschichte des Profi-Golfs gab es einen Spieler, der mehr Macht in seinen Händen gehalten hat als der für 2026 nach einem Arbeitgeber suchende Bryson DeChambeau. Der nebenbei als Golf-Profi tätige YouTuber ist das unbestrittene Zugpferd von LIV Golf. Als er 2022 für kolportierte 125 Millionen Dollar bei dem saudischen Start-up unterschrieb, lockte den Amerikaner nicht nur das Geld. Vor allem reizte ihn die Chance, sich durch die zusätzliche Freizeit ein Standbein im Internet aufzubauen, das ihm selbst nach dem Karriereende noch ein sattes Einkommen garantieren sollte. Sein Sieg bei der US Open 2024 in Pinehurst bestärkte nicht nur DeChambeau auf seinem eingeschlagenen Weg. Auch LIV-Finanzier Yasir Al-Rumayyan sah darin eine Bestätigung für seine Mission, der PGA Tour endgültig das Wasser abzugraben. Doch nur 19 Monate später haben sich die Vorzeichen komplett geändert.

Während die Liga beim Start 2022 damit Schlagzeilen machte, Major-Sieger und große Namen wie Phil Mickelson, Dustin Johnson, Sergio García, Ian Poulter oder Martin Kaymer mit neunstelligen Dollar-Schecks zu verpflichten, ist seit der 2023er-Stellenoffensive mit Verträgen für Jon Rahm oder Tyrrell Hatton kein Superstar mehr hinzugekommen. Im Gegenteil: Kaum dass die ersten Verträge ausgelaufen sind, sagen sich einige Stars der ersten Stunde, dass sie nicht noch weitere Nullen auf dem Konto brauchen, sondern lieber wieder sportlich relevant sein wollen.

LIV or Die: Er ist hier der Boss: Yasir Al-Rumayyan
Er ist hier der Boss: Yasir Al-Rumayyan

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VOR ALLEN DINGEN ABER ZEIGTE DAS STATEMENT, DASS KEINER BEI LIV VERSTEHT, WIE DIE WELTRANGLISTE FUNKTIONIERT.
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Der Abgang von Brooks Koepka war noch zu verschmerzen. Der fünffache Major-Sieger hat von Anfang an klargemacht, dass er sich auf der LIV Tour nicht wirklich wohlfühlt.

Wie er zwischen den Zeilen in der Netflix-Doku "Full Swing" andeutete, hatte sein Wechsel mehr mit finanzieller Sicherheit aufgrund seiner unsicheren Gesundheitslage zu tun als mit Überzeugung. Doch als wenige Wochen später auch Patrick Reed LIV in die Wüste schickte, schrillten bei den Saudis die Alarmglocken. Kurz zuvor hieß es noch, Reed sei in neuen Vertragsverhandlungen und LIV habe all seine Bedingungen erfüllt. Und obwohl der Masters-Sieger von 2018 noch bis Herbst auf der PGA Tour gesperrt ist, verzichtete er auf garantiertes Geld und erkämpfte sein Salär mit drei überragenden Auftritten auf der DP World Tour auf sportliche Art. Schwerstarbeit für die Spin-Doktoren von LIV, die kurzerhand eine Pressekonferenz einberaumten, in der Jon Rahm, Bryson DeChambeau und Cameron Smith wie nordkoreanische Funktionäre ihre Loyalität zum Dear Leader LIV bekunden mussten. Das Problem dabei: Die Mimik war so überzeugend wie die von Til Schweiger. Der Australier Cam Smith, der zuletzt fünf Major-Cuts in Folge verpasste, schlug sich noch am besten, als er sagte: "Ich bin glücklich, wo ich bin." Jon Rahm versprach mit leerem Gesichtsausdruck: "Ich plane nicht, irgendwo hinzugehen." Und De-Chambeau stellte schlicht fest: "Ich habe bis 2026 einen Vertrag, also freue ich mich auf dieses Jahr", wirkte dabei aber, als hätte ihm gerade jemand erzählt, sein Hund sei überfahren worden.

LIV or Die: LIV or Die:
An die Oberfläche quoll die Frustration des 32-Jährigen Anfang Februar in einem Interview mit dem britischen Magazin "Today's Golfer", als es darum ging, dass LIV auf der Suche nach Weltranglistenpunkten in diesem Jahr von den namensgebenden 54 Löchern auf 72 wechselt: "Ist es das, wofür wir unterschrieben haben? Nein! Ich denke, wir wollten anders sein, deshalb bin ich im Moment etwas skeptisch gegenüber dieser Sache." Er war nicht allein. Paul Casey lamentierte: "Was ist unser USP, wenn wir davon weggehen? Ich hätte eher was anderes geändert." Und Tyrrell Hatton behauptet gar, als die Spieler Ende 2023 einen Fragebogen über den Wechsel auf 72 Löcher ausfüllen sollten, hätten sich nur drei dafür ausgesprochen. Offensichtlich sind LIV-Golfer in den Worten von Friedrich Merz nicht viel mehr als Lifestyle-Teilzeitler.

Allerdings hat der zusätzliche Arbeitstag bei nahezu vollem Lohnausgleich (das Preisgeld pro Turnier steigt von 25 auf 30 Millionen Dollar) für die Öl-Botschafter auch einen positiven Nebeneffekt. Am 03. Februar verkündete Trevor Immelman als Chairman des Official World Golf Ranking, dass LIV-Turniere ab sofort mit Punkten für die Weltrangliste ausgestattet werden. Während die PGA Tour knapp, kleinlaut und arrogant kommentierte: "Wir respektieren die heutige Entscheidung", fühlte sich LIV Golf wieder einmal unfair behandelt. Weil nur 57 Spieler antreten, beschloss das OWGR-Komitee, lediglich den Top Ten Punkten zu geben und das Ganze als Small Field Tournament einzuordnen, wodurch nur 70 Prozent der eigentlich zustehenden Punkte verteilt werden. "Nach diesen Regeln wird ein Spieler, der den elften Platz belegt, genauso behandelt wie ein Spieler, der den 57. Platz belegt. Die Beschränkung der Punkte auf die ersten zehn Plätze benachteiligt unverhältnismäßig stark Spieler, die konstant hohe Leistungen erbringen, aber knapp unterhalb dieser Schwelle landen", echauffierte sich LIV in einer schnell zusammengeschusterten Pressemitteilung.

LIV or Die:
Ironischerweise hat die Liga allerdings selbst gerade eine Regel eingeführt, die konstante Leistungen weniger belohnt, weil es ihnen peinlich war, dass Jon Rahm ohne Sieg die Jahreswertung 2025 vor Fünffach-Sieger Joaquín Niemann holte. Vor allen Dingen aber zeigte das Statement, dass dort keiner versteht, wie die Weltrangliste funktioniert. LIV will Punkte, damit ihre Spieler bessere Chancen auf Major-Teilnahmen haben. Dies geschieht aber nicht, indem Platz 54 einen Punkt kassiert, sondern dadurch, dass vorne viele Punkte verdient werden. Und wie Weltranglisten-Experte @Robopz auf X ausführt, sorgte die Begrenzung auf zehn Plätze dafür, dass der Sieger in Riad 23 Punkte erhielt. Hätten die Top 30 Punkte kassiert, wären es nur 16,8 gewesen. Oder um es anders auszudrücken: Obwohl das Qatar Masters laut OWGR das stärkere Feld hatte als LIV Riyadh, gingen mehr Punkte an Riad-Regent Elvis Smylie als an Katar-König Patrick Reed. Ob gewollt oder nicht, die Regel hat also die Chancen erhöht, dass wir mehr LIV-Spieler bei den Majors sehen. Doch ist das wirklich eine gute Sache?

Seit dem Start von LIV im Jahr 2022 gab es 16 Major-Turniere. Spieler, die zu irgendeinem Zeitpunkt für LIV gespielt haben, kamen bei 359 Starts auf lediglich 34 Top-Ten-Ergebnisse, darunter aber immerhin vier Siege. Allerdings ist dies in etwa so, als hätte man im Februar 2025 SAP-Aktien gekauft und würde sich für die vorherigen Kursgewinne feiern, schließlich holten Cameron Smith und Jon Rahm ihre Major-Siege noch vor dem Wechsel. Dank Brooks Koepka und Bryson DeChambeau gingen dennoch zwei der 16 letzten Majors an aktive LIV-Spieler. Beachtlich, aber in der Breite sieht es anders aus. Offenbar haben sich zu viele bereits daran gewöhnt, sonntags nicht zu spielen, denn bei 276 Starts von LIV-Aktivisten endeten 112 vor dem Wochenende. Und von den 32 Spielern, die in den letzten vier Jahren mehr als eine Top-Ten-Platzierung bei Majors sammelten, kamen gerade einmal sieben von LIV - und mit Patrick Reed und Brooks Koepka haben zwei von ihnen der Tour jetzt den Rücken zugekehrt.

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