Featured StoriesFeatured Stories

LIV or Die – Teil 2

Die Satten verlassen das sinkende Schiff

Von Rüdiger Meyer, Fotos: Getty Images (1), LIV Golf

Doch warum ist LIV 2026 unattraktiver als im Jahr 2024? Nicht einmal Weltranglistenpunkte können mittlerweile verhehlen, dass die sportliche Relevanz nicht existent ist. Dass keiner mehr weiß, wer vergangenes Jahr LIV Chicago oder LIV Miami gewonnen hat - geschenkt! Auch bei der Suche nach den meisten Siegern auf der PGA Tour kommt man sich vor, als wäre man von Will Smith und Tommy Lee Jones geblitzdingst worden. Doch dort werden wenigstens nicht Spieler willkürlich gefeuert, weil sie den falschen Pass haben. Jinichiro Kozuma war 32. im LIV-Jahresranking 2025, passte jedoch als Japaner nicht zum Korean Golf Club Team und flog von der Tour, während Ian Poulter trotz Platz 48 wieder dabei ist. Allerdings ist das größte Problem, dass die TV-Übertragungen unfassbar öde sind. Der Kanonenstart und der Team-Wettbewerb zerstören aufgrund der Unübersichtlichkeit jede Spannung und das coole Antlitz, das sich die Liga mit Musik und anderem verpasst hat, vermittelt den Eindruck, dass es eigentlich um nichts geht.

Solche Probleme lassen sich leicht ignorieren, wenn man so viel Geld erhält, dass man für den Rest des Lebens ausgesorgt hat. Doch was, wenn dieses Gleichgewicht aus den Fugen gerät? Zwar versiegen die Ölquellen in Saudi-Arabien noch lange nicht, aber die Geldquellen möglicherweise schon jetzt. Als der saudische Staatsfond PIF 2022 im großen Maß auf Sport setzte, um sein verschmutztes Image reinzuwaschen, kostete ein Barrel Crude Oil noch deutlich über 100 US-Dollar, aktuell liegt er um 60 US-Dollar. Die fehlenden Einnahmen haben bereits dazu geführt, dass Saudi-Arabien Mammutprojekte wie das Siedlungsprojekt Neom zurückstufte, die Austragungsrechte an den Asian Winter Games 2029 zurückgab, die Bewerbung für die Handball-WM zurückzog und die Ausgaben für das Fußball-Projekt Saudi Pro League einschränkte. Entsprechend große Sorge herrscht bei LIV, das Geld verbrennt, als sei es eine Gasfackel.

LIV or Die: Ein Albtraum für Laktose-Intolerante: Milch trifft auf Rahm
Ein Albtraum für Laktose-Intolerante: Milch trifft auf Rahm

»
DIE NEUE STRATEGIE IST, SICH AN JUNGE MÄNNER HERANZUMACHEN UND SIE MIT GELD ZU KÖDERN.
«

Laut der südkoreanischen Zeitung "The Chosun Daily" hat der PIF bis Mai 2025 4,58 Milliarden US-Dollar in LIV investiert und über eine Milliarde Dollar Verlust geschrieben. In einem Interview mit der "Financial Times" macht Neu-CEO Scott O'Neill wenig Hoffnung auf Besserung. Der Weg zur Profitabilität sei "kürzer als zehn und länger als fünf" Jahre. Jedoch basiert er diese Chance auf schwarze Zahlen darauf, dass er Beteiligungen an den Teams verkauft, deren Wert er mit einer Milliarde Dollar taxiert. Sechs LIV-Mannschaften wären demnach so viel Wert wie ein NFL-Team. Offenbar handelt es sich also um eine Summe, die mehr aus der Luft gegriffen zu sein scheint als einst die Bewertung von Wirecard.

Die Folge der Finanzprobleme ist, dass es LIV seit 2024 nicht gelungen ist, auch nur einen hochkarätigen Namen zu verpflichten. Die neue Strategie ist stattdessen, sich an junge Männer heranzumachen und sie mit Geld zu ködern. Die Spanier David Puig, Josele Ballester und Eugenio Chacarra sowie die Amerikaner James Piot, Caleb Surratt und zuletzt Michael La Sasso erlagen der Verlockung des Geldes und wechselten direkt vom College in den Nahen Osten. Auf den ersten Blick verständlich: Der Weg ins Profilager ist gepflastert mit Spitzen-Amateuren, die ihr Talent nicht in Preisgelder umwandeln konnten. Doch die neue Strategie ist für beide Seiten unattraktiv. Das Produkt LIV erhält wenig Strahlkraft und für die Spieler selber ist es das erste Alarmsignal für die Karriere. Wer den Weg des geringsten Widerstands geht, traut sich sportlich wenig zu.

Die Satten verlassen das sinkende Schiff: Die 90er lassen grüßen: Lasershow wie im Cinemaxx
Die 90er lassen grüßen: Lasershow wie im Cinemaxx
Sind die Tage von LIV also gezählt? Diese Schlussfolgerung wäre sicher verfrüht. In einer volatilen Welt voll impulsgetriebener Diktatoren kann der Ölpreis schnell steigen und der PIF wieder im Geld schwimmen. Und die PGA Tour lässt mit ihrer Selbstgefälligkeit auch weiter genügend Einfallstore für die Konkurrenz.

Dass LIV beispielsweise Down Under ein so großer Hit ist, liegt daran, dass die Golfnation Australien jahrzehntelang von den großen Touren und besten Spielern kläglich vernachlässigt wurde. Wenn dann auch noch Cinderella-Geschichten wie Anthony Kims Sensationssieg vor mehr als 100.000 Zuschauern dabei herausspringen, gibt es ausnahmsweise einmal wieder positive Schlagzeilen für die Liga. Doch Adelaide ist wie Mallorca: nur einmal im Jahr.

LIV or Die: Notfallplan für die Zukunft: LIV Golf wird zu LIV Cricket (l.). Selbst LIV weiß: Die Zeit ist abgelaufen (r.)LIV or Die: Notfallplan für die Zukunft: LIV Golf wird zu LIV Cricket (l.). Selbst LIV weiß: Die Zeit ist abgelaufen (r.)
Notfallplan für die Zukunft: LIV Golf wird zu LIV Cricket (l.). Selbst LIV weiß: Die Zeit ist abgelaufen (r.)
Zum großen Lackmustest für die Zukunft des Profi-Golfs wird deswegen, wie sich Bryson DeChambeau am Ende des Jahres entscheidet. Brian Rolapp, CEO der PGA Tour, weiß ganz genau, dass er mit Brysons Abwerbung dem saudischen Rivalen den Todesstoß versetzen würde. Yasir Al-Rumayyan ist sich wiederum bewusst, dass er alles tun muss, um nicht in der golferischen Bedeutungslosigkeit zu verschwinden. Schon jetzt wird in der Presse spekuliert, DeChambeau könne für seine Vertragsverlängerung wenigstens 500 Millionen Dollar verlangen. Keine Frage: Der zweifache Major-Sieger ist der große Gewinner der letzten Monate.

Der größte Verlierer steht auch schon fest. Jon Rahm ist 2024 zu LIV gewechselt, weil er spekulierte, er könne so den letzten Stein zur Wiedervereinigung der Profitouren anstoßen. Doch weil die PGA Tour nicht wankte, ist der spanische Superstar jetzt derjenige mit der längsten Vertragsdauer - und könnte so der sprichwörtlich Letzte werden, der das LIV-Licht ausmacht.

Featured Stories