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Golfpunks dieser Welt

Fay Crocker

Von Rüdiger Meyer, Fotos: Getty Images

Fay Crocker war in der US-Vertretung von Buenos Aires nur angestellt, aber wenn sie den Schläger in die Hand nahm, wurde sie zur Sport-Botschafterin und bewies, dass auch außerhalb der USA gutes Golf gespielt wird.

Anno 1955 kontrollierten die USA die Siegerlisten im Damengolf so souverän wie heute Venezuela. Die Women's Western Open, das von 1930 bis 1954 im Match Play ausgetragene erste Damen-Major, hatte im Finale nur Amerikanerinnen gesehen. Bei den 15 Ausgaben der Titleholders Championship waren unter den Top Ten der Leaderboards nur US-Flaggen zu sehen und bei neun bisherigen US Women's Open Championships hatten nur zwei Frauen die US-Phalanx durchbrochen: die Engländerin Frances Stephens mit einem sechsten Platz und Fay Crocker aus Uruguay, die 1950 Sechste und 1954 Neunte geworden war. Ebendiese Fay Crocker steht nun am 02. Juli 1955 am ersten Tee des Wichita Country Club und hat die Chance, Geschichte zu schreiben. Obwohl sie sich acht Schläge Vorsprung erarbeitet hat, ist der Sieg noch lange nicht in trockenen Tüchern. Immerhin ist eine der Verfolgerinnen Louise Suggs, die die Western Open bereits viermal gewonnen hat - und trotzdem noch neun Jahre jünger als Crocker ist, deren 40 Jahre für das damalige Damengolf methusalemische Ausmaße erreicht hat. Crockers größter Gegner ist an diesem Tag allerdings eine andere Dame: Mutter Natur.

Bereits am Freitag hatte der Wind mit bis zu 65 km/h über die Prärie von Kansas geweht, doch am Samstagvormittag kommt die Uruguayerin mit den unwirtlichen Bedingungen deutlich schlechter zurecht. Zwei missglückte Schläge zum Auftakt setzen das Motto für die Vormittagsrunde, während der Crockers Vorsprung immer mehr zusammenschrumpft. Als sie für ihre 79 unterschreibt, hat sie auf Suggs nur noch drei Schläge Vorsprung, auf Jungprofi Mary Lena Faulk sogar nur einen - und am Nachmittag warten die gleichen 18 Löcher noch einmal. Doch dieses Mal bleibt Fay standhaft. Mit einer 74 zieht sie der Konkurrenz wieder davon und schreibt als erste Nicht-US-Gewinnerin Geschichte. Dabei ist die Grande Dame gerade einmal seit 18 Monaten Profi.

Der am 02. August 1914 geborenen Urenkelin eines nach Südamerika ausgewanderten Walfängers aus Neuengland ist der Sport in die Wiege gelegt. Ihr Großvater beteiligte sich am Bau des ersten Golfplatzes in Uruguay, Mutter Helen war auf dem Tenniscourt genauso erfolgreich wie auf dem Golfplatz und Vater Frederick gewann 27 nationale Golfmeisterschaften in Uruguay - die damals wohl nur in etwa so stark besetzt waren wie die Clubmeisterschaft im Golfclub Hürth-Kalscheuren. Mit sechs bekommt Fay von ihrem Vater zwei abgesägte Schläger in die Hand gedrückt. Drei Jahre später darf sie die heimische Veranda, auf der Papa ihr ein Übungsfeld eingerichtet hat, verlassen und im Club de Golf del Uruguay spielen, wo ihr noch heute ein Erinnerungsstein gewidmet ist. Mit 13 Jahren nimmt sie zum ersten Mal an der Landesmeisterschaft von Uruguay teil. Ein Jahr später gewinnt sie - ihr erster von insgesamt 15 Titeln. Im Nachbarland Argentinien läuft es nicht ganz so rund. Bei 15 Starts kann sie lediglich zwölfmal triumphieren, die anderen drei Jahre schafft sie es "nur" ins Finale. Ihre Dominanz ist so groß, dass sie mit 24 Jahren den Golfverband Uruguays darum bittet, gegen Männer anzutreten. Ihr Argument: "Männer haben gegenüber uns Frauen vom Tee einen großen Vorteil mit ihrer extremen Kraft, aber von da an sollten wir genauso gut sein." Ihrem Antrag wird stattgegeben, sie muss jedoch von den Herren-Abschlägen spielen.

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SIE IST EINE STILISTIN DER ALTEN SCHULE, DEREN GOLFSCHWUNG SELBST VON BOBBY JONES LOB GEERNTET HAT.
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Fay willigt ein und verweist alle Alphamännchen auf die Plätze. Der Konquistadorin des südamerikanischen Golfs wird klar, dass sie woanders hinmuss, um wirklich herausgefordert zu werden.

1939, mit 25 Jahren, reist Fay nach Connecticut, um an der US Women's Amateur Championship im Wee Burn Club teilzunehmen. Zwar ist in der dritten Runde für sie Schluss, doch ihr Auftritt reicht, um die US-Medien in Ekstase zu versetzen. "Es herrschte Aufregung um Fay Crocker, deren Proberunden in den tiefen 70ern die meisten einheimischen Spieler aus ihrer Illusion rissen, dass Pam Barton aus England die einzige Ausländerin sei, um die sie sich Sorgen machen müssten", wurde am 26. August 1939 im altehrwürdigen "New Yorker" geschwärmt. "Unabhängig vom Ergebnis dürfte sie bei allen Frauenwettbewerben eine herausragende Rolle spielen. Die kräftig gebaute junge Dame schlägt den Ball wie ein Mann und spielt im Allgemeinen auch wie einer." Und das berühmte "Time Magazine" wusste sogar ganz genau, wie welcher Mann: "Ihre langen Abschläge überzeugten die Zuschauer, dass sie der Sam Snead des Frauengolfs ist."

Doch während Snead in den nächsten elf Jahren 35 Turniere gewinnt, verschwindet Fay Crocker von der Bildfläche und spielt nur noch ihre nationalen Meisterschaften in Uruguay und Argentinien. Statt ihren Reisepass zu nutzen, stellt sie als Angestellte der US-Botschaft in Buenos Aires selber Visa aus. Dort wird im Juli 1950 auch erstmals von ihrem US-Comeback berichtet. Im "American Foreign Service Journal" berichtet Oscar H. Guerra, dass Miss Crocker "im September ihre Teilnahme an der US Women's Amateur auf Bobby Jones' Heimatplatz in Atlanta, Georgia, plant. Ihr Handicap ist +2". Und wie bei ihrem ersten Auftritt elf Jahre zuvor dominiert sie auch im East Lake Golf Club wieder die Schlagzeilen. Nach überzeugenden Auftritten in den ersten Runden trifft Fay im Viertelfinale auf die aufstrebende Golferin Mae Murray aus Vermont. Obwohl Crocker nach 18 Löchern mit einer 72 eine der besten Runden des Tages spielt, kommt es zum Sudden Death. Als nach 24 Löchern immer noch keine Siegerin gefunden ist, muss das Match aufgrund von Dunkelheit auf den nächsten Morgen vertagt werden. Dort dauert es weitere drei Bahnen, bis Crocker einen Viermeter-Putt zum Teilen verfehlt und sich so der späteren Finalistin Murray geschlagen geben muss. Es ist bis heute das längste Match der Turniergeschichte und für den Hausherrn Bobby Jones "das großartigste Match, Männer oder Frauen, das ich jemals gesehen habe". Als Crocker zwei Wochen später bei der US Women's Open die Top Ten knackt, wird ihr langsam klar, dass Visa abzustempeln nicht gerade die beste Nutzung ihrer Talente ist.

Im Januar 1954 mit 39 Jahren beschließt sie endlich, Profi zu werden. Ihr erster Auftritt bei der Sea Island Women's Open endet mit Rang sieben und einem Platzrekord in der Finalrunde, den ein Fan mit 100 Dollar vergütet. Ihr erstes Jahr als Profi beendet Fay Crocker zwar ohne Sieg, aber mit konstantem Spiel. Ein zweiter Platz und zahlreiche weitere Top-Ten-Platzierungen verhelfen ihr in der Geldrangliste auf den zehnten Platz. Nur ein kleiner Aufgalopp für das, was folgen soll. Im Februar gewinnt sie in Miami die Serbin Open und wird mit 40 Jahren, 6 Monaten und 18 Tagen die älteste Debütsiegerin der LPGA - der Rekord hat bis heute Bestand. "Es war ein unglaubliches Gefühl, als der letzte Putt fiel und ich wusste, dass ich endlich mein erstes großes Turnier gewonnen habe", gibt sie sich nach der Runde erleichtert. Die Serbin Open ist klar ihr Lieblingsturnier, gewinnt sie es doch auch in den nächsten beiden Jahren. Nachdem die Uruguayerin 1955 auch noch bei der ersten Wolverine Open triumphiert hat (benannt nach dem Maskottchen der University of Michigan, nicht nach Hugh Jackman), folgt bei der US Open in Wichita der große Durchbruch. Nach jeder Runde ruft sie ihre Familie in Montevideo an und mit jedem Anruf steigt die Aufregung. Als sie nach der vierten Runde verkündet, dass sie die Führung über die Runden gerettet und 2.000 Dollar Preisgeld gewonnen hat, schmeißen die Eltern eine große Party.

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Nun gibt es kein Halten mehr. Crocker gewinnt 1956, 1957 und 1958 je zwei Turniere, 1957 beendet sie die Geldrangliste auf Platz zwei, obwohl ihr Sieg beim Hot Springs Four-Ball mit Partnerin Marilynn Smith nicht als offizieller LPGA-Sieg anerkannt wird. Mit der 15 Jahre jüngeren Smith verbindet sie eine Freundschaft, die sogar so weit geht, dass die Südamerikanerin zwischenzeitlich bei Smith' Oma in Wichita lebt. In ihrer Biografie "Have Clubs, Will Travel" schwärmt Smith, dass Crocker "jede Runde Golf mit Talent und Intensität angeht. Sie ist eine Stilistin der alten Schule, deren Golfschwung selbst von Bobby Jones Lob geerntet hat".

Doch auch wenn Bobby Jones ihr größter Fan ist, darf Fay Crocker nie auf dessen heiligem Rasen in Augusta National spielen - schließlich ist der Club damals noch eine reine Männerbastion. Also tut sie das Nächstbeste: Sie spielt nebenan. Drei Jahre nach dem Masters etabliert die LPGA mit der Titleholders Championship ihr zweites Major und wählt als Austragungsort den Augusta Country Club, der sich mit dem poshen Augusta National eine Grenze teilt. Dass der Platz Fay Crocker liegt, beweist sie bereits 1955, 1956, 1958 und 1959 mit Top-Ten-Platzierungen. Als sie 1960 aufteet, tritt etwas ein, was sie bereits bei der US Women's Open erfolgreich meistern konnte: ein extremes Wetterereignis. Nachdem sie mit einer 75 in der ersten Runde die Konkurrenz um vier Schläge in die Schranken verwiesen hat, macht ein Schneesturm das Spiel am Freitag unmöglich. Als es am Samstag weitergeht, sind die Temperaturen unwirtlich. "Ich habe so viele Klamotten an, dass ich meine Schläger kaum schwingen kann", klagt Crocker, nachdem sie mit einer weiteren 75 ihren Vorsprung hat halten können. Temperaturen von sieben Grad Celsius, die sich durch starken Wind noch deutlich kühler anfühlen, sorgen dafür, dass sich zahlreiche Spielerinnen mit Runden in den 80ern aus dem Titelkampf verabschieden. Lediglich Kathy Cornelius hat nach zwei Runden noch realistische Chancen auf den Titel. Für Fay Crocker ist allerdings ihr eigener Körper der größte Gegner: Eine Handgelenksverletzung, die sie sich vor Jahren zugezogen hat, flammt ausgerechnet jetzt wieder auf und bereitet ihr Probleme, wie sie nach der Finalrunde berichtet. "Ich habe mich wie verrückt ins Zeug gelegt, weil ich mir eine 74 zum Ziel gesetzt hatte. Mein linkes Handgelenk hat mir jedoch einen Strich durch die Rechnung gemacht. Ich konnte den Schläger nicht halten, bis ich die Hand mit Tape fixiert habe." Doch weder der Schmerz noch ihr Alter können sie stoppen. Mit sieben Schlägen Vorsprung holt sie ihr zweites Major im Alter von 45 Jahren, 7 Monaten und 11 Tagen. Bis heute ist sie damit der Jack Nicklaus der LPGA: die älteste Major-Gewinnerin aller Zeiten.

Ein Jahr später hängt sie ihre von Sponsor Spalding produzierten Fay Crocker Irons an den Nagel und kehrt zurück nach Südamerika. In nur acht Jahren auf der LPGA Tour hat sie genug Preisgeld gesammelt, um zu den zehn Topverdienerinnen der Liga zu gehören. Obwohl sie körperlich noch mithalten kann, fühlt sie sich mental erschöpft. Zudem will sie sich um ihre in die Jahre gekommenen Eltern kümmern und ihnen an ihrem Lebensabend zur Seite stehen. Dem Golf bleibt sie treu, indem sie ihr Wissen als Lehrerin im Club de Golf del Uruguay weitergibt. "Sie war eine strenge, aber herzliche Frau. Man ging in ihre Kurse, um zu arbeiten, nicht um Zeit zu verschwenden", erinnert sich Clubpräsident Francisco Ferber. "Fay kam in den Club und war eine Institution. Wir sahen mit großem Respekt zu ihr auf, sie war unser Idol."

Am 16. September 1983 stirbt Fay Crocker in Montevideo mit nur 69 Jahren, ihr golferisches Erbe bleibt jedoch bestehen. Bis heute haben 62 Nicht-Amerikanerinnen ein Major gewonnen, aber Fay Crocker wird für immer die Erste bleiben.

 
Titel

Titel

MAJOR

U.S. WOMEN'S OPEN - 1955
TITLEHOLDERS C'SHIP - 1960

LPGA TOUR

3x SERBIN OPEN - 1955-1957
WOLVERINE OPEN - 1955
ST. LOUIS OPEN - 1956
TRIANGLE ROUND ROBIN - 1957
HAVANA BILTMORE OPEN - 1958
WATERLOO OPEN - 1958
LAKE WORTH OPEN - 1960

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