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Helden aus der zweiten Reihe

Niklas Lemke - Mr. Q School

Von Rudi Schaarschmidt, Fotos: Imago, Getty Images

Als kleiner Junge wollte Niklas Lemke die Rekorde von Tiger Woods brechen. Stattdessen kämpft der Schwede Jahr für Jahr um die Tourkarte und hofft unverdrossen auf seinen Moment im Rampenlicht.

Niklas Lemke hat seine kindliche Leidenschaft für den Golfsport auch mit 42 Jahren nie verloren. Wenn er den Ball perfekt trifft und die weiße Kugel genau so fliegt, wie er es sich vorgestellt hat, gerät er ins Schwärmen: "Ich liebe es immer noch, diese Schläge zu machen." Man glaubt ihm aufs Wort. "Manchmal schlage ich schlecht, weil ich einfach zu übermotiviert bin, diesen Schlag meistern zu wollen. Diese Begeisterung spüre ich immer noch in mir." Vielleicht ist genau das der Grund, warum er nach all den Jahren immer noch da ist. Denn die Karriere des Schweden ist keine gerade Linie. Sie ist eine Geschichte von Umwegen, Zweifeln, bemerkenswerter Beharrlichkeit und ganz viel Qualifying School.

Golf war bei Lemke nie nur ein Sport. Es war Teil der Familie. Sein Vater Bertil arbeitete als Club-Pro. Erst in Stockholm, dann in Linköping, wo Niklas geboren wird. Sieben Jahre in Folge spielte Bertil Lemke bei der Scandinavian Open in Schweden auf der European Tour mit Legenden wie Bernhard Langer, Nick Faldo, Greg Norman oder Seve Ballesteros. "In einer dieser Turnierwochen hat er am Samstagabend gemeinsam mit Seve Ballesteros und Jim Dent bei einem Longhitter-Wettbewerb die Zuschauer begeistert", erzählt Niklas, der seinen ersten Golfschläger bekommt, als er kaum laufen kann. "Ich erinnere mich an meine Golfanfänge in Linköping im Alter von drei oder vier Jahren." Kein Wunder, dass er schon als Kind ziemlich gut ist. Sein erstes Idol: Nick Faldo. 1992, beim Scandinavian Masters, schenkt der Engländer dem jungen Niklas seinen Ball, den der angegraute Niklas bis heute in Ehren hält. Auch Ernie Els und Vijay Singh bewundert er für ihre Schwünge - und natürlich Tiger Woods.

Mit 18 wird Lemke Schwedens Junioren-Match-Play-Champion. Er zählt zu den besten zehn College-Spielern in Amerika und macht seinen Abschluss in Soziologie an der Arizona State University. 2007 erzielt er einen Durchschnitts-Score von 70,03. In der langen Geschichte der Hochschule waren nur Paul Casey, Phil Mickelson und Jon Rahm besser. Im selben Jahr wechselt er ins Profi-Lager. "Es war eine tolle Zeit", schwärmt er rückblickend über diese Phase seiner Laufbahn, in der er Mitspieler wie Dustin Johnson oder Billy Horschel in den Schatten stellte. Spieler, die zu Major- und FedEx-Cup-Siegern wurden. "Früher war es schwieriger, das zu akzeptieren. Du schaust auf die Ranglisten, siehst deine ehemaligen Kollegen als PGA-Toursieger, als Major-Sieger, während du selbst in der zweiten Liga spielst und enttäuscht bist." Warum sie und nicht er? "Ich glaube, dass ich damals einfach noch nicht bereit war. Im College lebst du in einer behüteten Welt und jeder kümmert sich um dich. Wenn du ins Profi-Leben katapultiert wirst, musst du dein Leben selbst organisieren, dich an neue Orte gewöhnen. Dann spielst du erst mal nicht gut, beginnst zu zweifeln, schaust, was andere machen, und denkst: ,Vielleicht sollte ich mal dieses oder jenes probieren.' Diese Unsicherheit führt nicht zu einem besseren Spiel." Sie führt auf die Challenge Tour.

Helden aus der zweiten Reihe:

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JETZT TRÄUME ICH DAVON, DASS ICH ES WEITERHIN GENIESSEN KANN UND IMMER NOCH BESSER WERDE. ICH HABE DAS GEFÜHL, DASS NOCH ETWAS IN MIR STECKT.
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Golfprofi zu sein klingt nach Freiheit. In Wahrheit ist es oftmals ein Balanceakt am Limit, gerade finanziell. Reisen, Hotels, Trainer - der Druck ist konstant. Zwischen 2007 und 2017 gewinnt Lemke vier Satellite-Turniere auf drittklassigen Touren, was jeweils etwa 5.000 Euro einbringt. 2011 ein unerwartetes Highlight: Beim European-Tour-Event Nordea Masters auf Bro Hof Slott wird er Dritter, was ihm plötzlich 94.000 Euro in den Säckel spült - sein bis heute höchstes Preisgeld. "Ich hatte zuvor acht oder neun Wochen am Stück auf der Challenge Tour gespielt und wollte eigentlich eine Pause machen. Aber wenn du eine Einladung zu solch einem Turnier bekommst, nimmst du sie auch an. Dann Dritter zu werden, das war ein unglaubliches Gefühl und finanziell eine Riesenerleichterung." Vor lauter Euphorie spielt er in der Folgewoche gleich die Irish Open und liegt nach zwei Runden erneut in der Spitzengruppe. "Dann ging der Vorhang zu. Es war meine zehnte Turnierwoche in Folge. Das war zu viel."

In den ersten Jahren bleibt trotz der einen positiven Ausnahme und trotz der Unterstützung durch Titleist sowie einige schwedische Sponsoren am Ende einer Saison kaum etwas übrig. "Es ist ein Unterschied, ob du zum Spaß spielst oder für Geld", sagt Lemke. 2016 erreicht er einen Tiefpunkt. "Ich wusste nicht mehr, wohin ich den Ball schlage. Kein Geld, privat lief es schlecht - das war hart." Der heute in sich ruhende Hüne zerbricht damals Schläger. "Wenn du in jungen Jahren den Cut um einen Schlag verpasst, reagierst du anders als mit 40. Dafür braucht es aber Zeit und Erfahrung. Auch heute gibt es natürlich noch Momente, in denen ich angepisst bin, aber mittlerweile geht das schnell wieder vorbei."

Er legt damals vier Monate Pause ein und sammelt in dieser Zeit Erfahrungen als Sportkommentator im Fernsehen, was ihm Spaß macht. Und doch: Er bleibt. Vielleicht auch wegen Menschen wie seinem Mental-Coach Lars Evertsson, der ihn seit 15 Jahren begleitet. "Er ist ein großer Teil meiner Karriere", sagt Lemke. "Nicht nur im Golf, auch im Leben." Mittlerweile hat er seine Einstellung verändert, legt den Fokus mehr auf den Prozess und die Weiterentwicklung. Lemke hat kein Management. Zu seinem kleinen Team gehören neben Evertsson noch Schwungcoach Mikael Detterberg, Physio Christian Berg und Caddie Oscar Zetterwall.

Helden aus der zweiten Reihe: Helden aus der zweiten Reihe:
Um Lemkes Karriere zu verstehen, muss man die Q School verstehen. Immer wieder der gleiche Kreislauf: Hoffnung, Druck, Unsicherheit. "Mittlerweile komme ich damit gut zurecht. Am Anfang dachte ich, ich müsste jeden Tag eine 67 spielen", sagt er. "Doch das stimmt nicht. Du kannst dir auch eine schlechtere Runde erlauben. Es geht um Geduld und darum durchzukommen." Einige Male schafft er es. "Die Karte für 2019 zu erkämpfen und 23 Turniere mit einigen guten Platzierungen spielen zu können war cool." Aber: Trotz dreier Top-Ten-Platzierungen verpasst er die Tourkarte am Ende um gerade einmal zwei Punkte. "Das war hart. Ich hatte das Gefühl, richtig gut gespielt zu haben. Mit dem heutigen System hätte ich die Karte behalten, damals aber musste ich wieder in die Q School und habe mir die Karte zurückgeholt."

2020 kommt er seinem ersten großen Sieg so nahe wie nie zuvor und seither nie wieder. Beim Qatar Masters spielt er trotz eines Doppel-Bogeys auf der 17 mit einer 65 die beste Schlussrunde. "Ich hatte gar nicht damit gerechnet und war schon fast weg, als mir gesagt wurde, ich solle bleiben, weil die Führenden Probleme hätten." Am Ende verpasst er das Stechen um einen Schlag. Bei drei weiteren Turnieren landet er in den Top Ten. Ende 2022 muss er jedoch wieder in die Q School und verliert seine volle Spielberechtigung. Auch 2023 schafft er es nicht, über die Tour-Mühle zurückzukehren, und spielt 2024 einmal mehr auf der Challenge Tour. Was sich frustrierend anhört, empfindet Niklas völlig anders. "Viele echte Freunde wie Joakim Lagergren, Mikael Lindberg, Rikard Karlberg oder Per Längfors waren auf der Tour dabei. Wir bilden eine verschworene Gemeinschaft. Rikard hatte die Idee, dass wir uns gemeinsam Häuser oder Apartments mieten. Also sind wir das ganze Jahr über zusammen gereist, alle mit denselben Ambitionen. Keiner hat sich darüber beschwert, wo wir waren. Wir haben alle ordentlich gespielt und hatten viel Spaß miteinander. Es war eines der schönsten Jahre."

Und so hat er sich 2024 mit 40 Jahren zum 14. Mal auf der Q School den jungen Wilden gestellt und ist am Ende überglücklich, sich die Karte für die DP World Tour zurückerobert zu haben. Bei den ersten sieben Turnieren landet er jedes Mal im Geld. Nach langer Durststrecke mit vielen verpassten Cuts kommt er gegen Ende der Saison wieder in Form und verteidigt als 115. im Race to Dubai mit einer Punktlandung seine Spielberechtigung. Die 318.000 Euro Preisgeld bedeuten sein finanziell bislang bestes Jahr. Auch 2026 sieht es so aus, als würde ihm bis zum Saisonende ein Ritt auf der Rasierklinge bevorstehen. Im April hat er sich wieder das Masters in Augusta im Fernsehen angeschaut. "Es ist seit meiner Kindheit mein Lieblingsturnier. Den Platz kenne ich in- und auswendig. Ich durfte ihn mal am Montag nach dem Turnier spielen. Ihn beim Masters spielen zu können wäre ein Traum."

Helden aus der zweiten Reihe: Unterschätzte Gefahr auf dem Golfplatz: die Staublunge
Unterschätzte Gefahr auf dem Golfplatz: die Staublunge
Golf ist kein Spiel der Perfektion. Lemke weiß das. "Ich weiß, dass sich nicht alles perfekt anfühlen muss, um zu gewinnen." Ein Satz, der einfach klingt - aber Jahre braucht, um ihn wirklich zu verinnerlichen. "Ich bin leider ein Perfektionist, was schmerzhaft sein kann", sagt er. "Ich muss besser darin werden zu akzeptieren, dass ich nicht alles kontrollieren kann, und muss die Schönheit darin erkennen, einen guten Score zu schaffen, ohne dass es perfekt gewesen ist." Ein Turniersieg auf der großen Bühne fehlt noch. Und ja, er würde etwas verändern. "Im Moment würde es sich ansonsten unvollständig anfühlen", sagt Lemke. Aber es ist nicht der einzige Antrieb - vielleicht nicht einmal der wichtigste. "Vor 30 Jahren wollte ich Tigers Rekorde brechen. Jetzt träume ich davon, dass ich es weiterhin genießen kann und besser werde. Ich habe das Gefühl, dass noch etwas in mir steckt." Das ist der Satz, der hängen bleibt. Nicht Rekorde, nicht Geld, nicht Ranglisten - sondern dieses Gefühl, dass da noch mehr ist. "Ich habe das Gefühl, dass ich mein Potenzial noch nicht voll ausgeschöpft habe. Dass ich den Schläger noch besser schwingen kann. Dass ich mich physisch noch verbessern kann. Dass ich psychisch und strategisch noch besser werden kann. Wenn ich auf dieser Leiter noch etwas aufsteigen kann, wäre ich zufrieden." Und vielleicht, irgendwann, dieser eine Moment. Ein Sieg. Oder einfach ein weiterer perfekter Schlag. "Ich bin ziemlich nah dran", sagt er. Und man glaubt ihm das auch.

 
Steckbrief

Steckbrief

Name
NIKLAS LEMKE

Alter
42 JAHRE

Wohnort
GÖTEBORG, SCHWEDEN

Profi seit
2007

Race to Dubai
112 (Stand April '26)

Lieblingsserie
YOUR FRIENDS & NEIGHBORS

Erfolge

2011:
3. PLATZ NORDEA MASTERS EUROPEAN TOUR

2012:
PEAB PGA GRAND OPENING NORDIC GOLF LEAGUE

2017:
STAR FOR LIFE PGA CHAMPIONSHIP NORDIC GOLF LEAGUE
SGT TOURFINAL ÅHUS OPEN NORDIC GOLF LEAGUE

2020:
3. PLATZ QATAR MASTERS EUROPEAN TOUR
6. PLATZ PORTUGAL MASTERS EUROPEAN TOUR

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