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Seltenheit - 100 Amerikaner und keiner schreit: 'Get in the hole!'

Golfpunks dieser Welt

Ralph Guldahl

Von Rüdiger Meyer, Fotos: Getty Images

Ralph Guldahl war der Phil Mickelson seiner Zeit. Jahrelang scheiterte der Fanliebling daran, bei Großereignissen den Sack zuzumachen. Doch als der Bann brach, wurde er für kurze Zeit der Major-Dominator schlechthin.

Am 10. Juni 1933 steht Ralph Guldahl am letzten Abschlag des North Shore Country Club. Nur noch ein Loch liegt zwischen dem 21-Jährigen, der als einer von nur fünf Spielern ein PGA-Tour-Event im Teenager-Alter gewonnen hat, und der US Open. Ein Birdie bedeutet den alleinigen Sieg, ein Par bringt ihn ins Play-off gegen den unerfahrenen Johnny Goodman, der an der Bürde vermutlich zerbrechen wird. Guldahl produziert einen majestätischen Drive, der auf der Fairway-Mitte zum Halten kommt, doch das nachfolgende Eisen startet zu weit rechts, landet auf der Kante eines Bunkers und tröpfelt zurück ins Sandhindernis. Mit jugendlicher Unbeschwertheit steigt er in den Bunker, wirbelt den Ball hinaus und sieht, wie er knapp anderthalb Meter an der Fahne zum Halten kommt. Der Routine-Putt zum Par wird zum Albtraum, als Guldahl das Break unterschätzt. Dass er den Siegerscheck von 1.000 Dollar erhält, weil Goodman Amateur ist, kann nicht darüber hinwegtrösten, dass er die Chance auf Unsterblichkeit weggeworfen hat. Die Niederlage zerfrisst Guldahl innerlich. Zwar holt er im Jahr danach einen Turniersieg und landet bei der US Open in Merion in den Top Ten, doch die Dämonen von 1933 lassen ihn nicht los. Entmutigt und besorgt um seine finanzielle Zukunft gibt er mit nur 23 Jahren den Traum eines Lebens als Golfprofi auf, der als Kind begann.

Der mittlere Sohn der norwegischen US-Einwanderer Olaf Guldahl und Anna Nordli wird am 22. November 1911 in Dallas geboren und will als Jugendlicher wie so viele Altersgenossen als Caddie etwas Geld verdienen. Doch nur selten springt ein Bag für ihn heraus. Stattdessen studiert er im Lakewood Country Club das Golfspiel derer, die ihn nicht an seiner Tasche haben wollen. Als abends die Fairways so leer sind wie sein Magen, schleicht sich Ralph im Mondlicht auf den Platz und probiert aus, was er gesehen hat. Sein Kurzspiel feilt er tagsüber auf dem Baseballplatz, wo er den Ball Richtung der Bases pitcht und chippt. Das intensive Training zahlt sich aus. Schon bald gewinnt er die ersten Turniere und sichert sich als Kapitän der Woodrow Wilson High School 1927 die Landesmeisterschaft. Im Januar 1930 schreibt sich Ralph bei der Texas Open ein und liegt nach drei Runden auf dem vierten Platz. Die Aussicht auf einen saftigen Preisgeldscheck bringt ihn dazu, spontan ins Profi-Lager zu wechseln - eine Option, die zur damaligen Zeit auch während eines Turniers möglich ist. Ralph beendet das Turnier auf dem elften Platz, kassiert 51 Dollar und bestreitet von nun an mit Golf seinen Lebensunterhalt. Dass dies keine Kurzschlusshandlung war, beweist er im gleichen Jahr bei der US Open, bei der er als jüngster Teilnehmer auf Platz 39 landet. 1931 gewinnt er die Santa Monica Open und heiratet kurz darauf die Texanerin LaVerne Fields - Guldahl schwebt auf Wolke sieben. Der verschobene Putt bei der US Open zwei Jahre später holt ihn brutal auf den Boden der Tatsachen zurück.

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WENN GULDAHL JEMANDEM EINE BLUTTRANSFUSION GÄBE, WÜRDE DER PATIENT AN UNTERKÜHLUNG STERBEN.
- SAM SNEAD -
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Die Zeit ohne Golf ist hart. Guldahl hält sich mit unerfüllenden Gelegenheitsjobs über Wasser. Er verkauft Autos und geht nach Hollywood, wo er bei Warner Brothers als Tischler arbeitet. Wie für "Star Wars"-Star Harrison Ford vier Jahrzehnte später erweist sich auch für Guldahl die Tischlerei quasi als Casting-Gelegenheit. Zahlreiche Schauspieler und Regisseure finden Gefallen an dem Golftalent und starten ein analoges GoFundMe, um ihm die Rückkehr auf die PGA Tour zu finanzieren. Das vermeintliche Karriereende wird so zum Sabbatical und 1936 kehrt Guldahl triumphal aufs Fairway zurück. Gleich im ersten Jahr gewinnt er dreimal, darunter die Western Open, die damals einen höheren Stellenwert als das Masters hat. Endgültig unsterblich macht er sich ein Jahr später bei der US Open in Oakland Hills.

Am Finaltag geht Guldahl schlaggleich mit Sam Snead als Zweiter auf die letzten 18 Löcher. Wie damals üblich richten sich die Startzeiten nicht nach den Platzierungen und Guldahl ist erst Stunden nach seinen Konkurrenten an der Reihe. Während Ed Dudley mit sieben Bogeys und einem Doppel-Bogey komplett einbricht, bleibt Sam Snead eiskalt. Als er nach einem Birdie auf der 18 für eine 71 unterschreibt und von der Menge gefeiert wird, packt Snead der Übermut. Der 25-Jährige gibt bereits Siegerinterviews und nimmt Glückwünsche entgegen, als sich rumspricht, dass Guldahl einen Lauf hat. Mit einem Eagle an der 8 und einem anschließenden Birdie macht Guldahl seinem Spitznamen "Goldie" alle Ehre. Zwar wecken zwei Bogeys kurz Erinnerungen an das Desaster von 1933, doch nach zwei Birdies ist die Sache gelaufen. Auf dem Weg zum letzten Grün zückt Guldahl den Kamm aus der Hosentasche und richtet sein Haar. "Ich wusste, dass ich die US Open gewinne. Ich konnte nicht mehr verlieren und wollte gut aussehen, wenn die Fotografen Bilder von mir und der Trophäe machen."

Die US Open 1937 ist nicht nur ein Sieg für den Texaner, sie ist eine Machtdemonstration. Mit 281 Schlägen bricht er den Turnierrekord - auf einem Platz, der erst 42 Jahre später bei der PGA Championship ein niedrigeres Gesamtergebnis zulässt. Und als sich die Golfelite zwölf Monate später in Cherry Hills erneut trifft, wischt Guldahl wieder mit der Konkurrenz den Boden: Nach drei Runden noch vier Schläge zurück, nimmt er mit einer überragenden 69 dem Führenden Dick Metz gleich zehn Schläge ab und kann den Kamm bereits vor dem 18. Loch zücken. Seit 1921 hat niemand die US Open mit einem größeren Vorsprung gewonnen. Und bis heute haben es nur sechs andere Spieler geschafft, ihren US-Open-Titel zu verteidigen. Die Transformation von "einem der größten Versager des Sports zu einem der größten Stars", wie es die "New York Times" 1938 formulierte, ist komplett. "Es gab eine Zeit, als er der beste Spieler der Welt war", schwärmte ausgerechnet PGA-Tour-Rekordsieger Snead in seiner Autobiografie "Slammin' Sam".

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Fairerweise muss man jedoch sagen, dass die Golfwelt damals sehr Amerika-zentrisch war. Nur 1937 wagt Guldahl den Trip über den Atlantik, als er ins Ryder-Cup-Team der USA berufen wird. Während seine Teamkollegen das Flugzeug nehmen, besteigt Ralph mit Ehefrau LaVerne und Sohn Ralph jr. ein deutsches Dampfschiff und schippert zehn Tage lang über den Atlantik. Jahre später verriet Ralph jr. das tragische Geheimnis hinter dieser Tortur: "Mit elf Jahren verabschiedete meine Mutter ihre beste Freundin am Flughafen und sah, wie die Maschine abstürzte. Alle starben und meine Mutter schwor sich, niemals im Leben zu fliegen." Die lange Reise hat keinen Einfluss auf Guldahls Leistung. Beim Ryder Cup im Southport and Ainsdale Golf Club wird er zum unangefochtenen Star. Wie bei den fünf Austragungen zuvor ging man davon aus, dass die Heimmannschaft erneut dominieren würde, doch im Vierer holt Guldahl mit Tony Manero einen Punkt und bringt die Amerikaner vor den Einzeln in Führung. Kapitän Walter Hagen weiß, was er an Guldahl hat, und setzt ihn an die erste Stelle gegen den amtierenden Open Champion Alf Padgham. Das Duell der beiden Landesmeister wird zu einer Demütigung. Nach 18 Löchern liegt Guldahl bereits 6up, nach 29 beendet das Regelbuch den ungleichen Kampf. Guldahl gewinnt mit 8&7, führt die USA zum ersten Auswärtssieg und steht eine Woche später im Fokus eines internationalen Zwischenfalls, als er bei der Open Championship in Carnoustie die britischen Fans der Unsportlichkeit bezichtigt.

Zurück in den USA wartet auf Guldahl nur noch ein unbezwingbarer Gegner: das Masters. 1937 sieht er schon wie der sichere Gegner aus, als er an der 12 seinen Ball in Rae's Creek schlägt, das Doppel-Bogey kassiert und das Nachsehen gegen Byron Nelson hat. Ein Jahr später muss er sich nur hinter Henry Picard einreihen. 1939 kommt Guldahl daher als großer Favorit nach Augusta National, wird jedoch erst einmal vom Wetter eingebremst. Die Auftaktrunde wird auf den Freitag verschoben und der Finaltag auf 36 Löcher angelegt. Dort brilliert "Goldie" in der Morgenrunde und schiebt sich mit einem Schlag Vorsprung an die Spitze. Wie zwei Jahre zuvor bei der US Open ist es wieder Sam Snead, der frühzeitig mit 280 Schlägen die Marke setzt. Doch dieses Mal weiß Snead, dass er sich nicht zu früh freuen darf, schließlich hat er wenige Wochen zuvor beim Sieg im Miami Biltmore International Four-Ball die Brillanz seines Spielpartners gesehen. "Wenn Guldahl jemandem eine Bluttransfusion gäbe, würde der Patient an Unterkühlung sterben", wird Snead später schwärmen. Und genau diese Coolness spielt Guldahl auf den letzten neun Löchern aus. Zwar heißt die Amen Corner damals noch nicht so, für die Konkurrenz sind die Löcher 11 bis 13 dennoch das letzte Abendmahl. An der 11 trifft Ralphs zweiter Schlag fast die Fahne und er notiert ein lockeres Par. Die 12 absolviert er anders als 1937 ohne nass zu werden. Und hätte es damals schon Fernsehbilder gegeben, dürfte Guldahls zweiter Schlag an der 13 selbst heute noch in keiner Masters-Montage fehlen: Nach einem kurzen Abschlag hat er aus einer Schräglage noch 210 Meter ins Grün - eine Distanz, die zur damaligen Zeit riskanter wirkt als Guldahls Reise zum Ryder Cup. Statt auf Nummer sicher zu gehen, greift er zum 3er-Holz und schlägt den Ball wenige Zentimeter an die Fahne. Die Messe ist gelesen: Sneads erster Major-Sieg muss noch drei weitere Jahre warten, während Guldahl sich endgültig in die Golf-Annalen einträgt. Umso erstaunlicher, dass es sein letzter großer Erfolg bleibt.

Golfpunks dieser Welt: Ralph Capone zückt seine tödlichste Waffe (r.)Golfpunks dieser Welt: Ralph Capone zückt seine tödlichste Waffe (r.)
Ralph Capone zückt seine tödlichste Waffe (r.)
Um die Gründe für seinen sportlichen Absturz in den 1940ern ranken sich viele Mythen. Einer der populärsten dreht sich um ein Golflehrbuch. 1939 bringt Guldahl mit "Groove Your Golf" ein Nachschlagewerk heraus, das seinen Schwung als Bilderserie zeigt. Der Legende nach soll Guldahl anhand der Bilder einen Schwungfehler entdeckt haben und wurde beim Versuch, ihn zu korrigieren, aus der Bahn geworfen. "Nonsens, das ist nie passiert", stellt er 1975 in einem Interview mit der "New York Times" klar. Stattdessen sind es eher äußere Umstände, die sein zweites, endgültiges Karriereende einläuten. Zum einen legt der Zweite Weltkrieg den Golfsport lahm, zum anderen ist da noch die Familie: "Deine Mutter und ich wollten dich nicht aus einem Koffer heraus großziehen", erinnert sich Ralph Guldahl jr. an die Worte seines Vaters, der vom Golfspieler zum Golflehrer wird und auch Howard Hughes, den Elon Musk seiner Zeit, als Schüler hat.

Am 11. Juni 1987, fast auf den Tag genau 50 Jahre nach seinem ersten US-Open-Triumph, stirbt Ralph Guldahl an einem schweren Herzinfarkt im Alter von 75 Jahren. Kurz zuvor hat er noch bei einer Runde im kalifornischen Braemar Country Club eine Even-Par-Runde gespielt. Ein Champion bis zum letzten Atemzug.

 
Titel

Titel

MAJOR
U.S. OPEN: 1937/38
MASTERS: 1939
TITLEHOLDERS C'SHIP: 1960

PGA TOUR
SANTA MONICA OPEN: 1931
ARIZONA OPEN: 1932
WESTWOOD GOLF CLUB, OPEN CHAMPIONSHIP: 1934
WESTERN OPEN, AUGUSTA OPEN, MIAMI BILTMORE OPEN: 1936
WESTERN OPEN: 1937/38
GREATER GREENSBORO OPEN, DAPPER DAN OPEN, MIAMI BILTMORE INT.: 1939
INVERNESS INVITATIONAL, MILWAUKEE OPEN: 1940

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