Auch als Morikawa im Februar beim Pebble Beach Pro-Am antritt, sind die Mundwinkel eher nach unten gezogen. Mit einem verpassten Cut auf Hawaii und Platz 54 bei der Phoenix Open ist die Saison nicht gerade ideal gestartet, und als 25. nach zwei Runden scheint er auch in Pebble Beach aufs Mittelmaß verdammt zu sein. Doch als ihm am Samstag aus heiterem Himmel eine 62 gelingt, ist Morikawa plötzlich mitten im Geschehen. An eine entspannte Gesichtsmuskulatur ist trotzdem nicht zu denken. In Führung liegend unterläuft dem 29-Jährigen am vorletzten Loch einer der schlechtesten Eisen-Schläge seiner Karriere, der nur knapp den Pazifik verfehlt und in einem Bogey resultiert. Am 18. Tee ist die Lage klar: Ein Birdie bringt ihm den größten Sieg seit vier Jahren, ein Par das Play-off. Und ein Bogey? Nun ja, sagen wir es mal so: Der Einzige, der für sehr lange Zeit die weißen Beißer des 29-Jährigen zu sehen bekäme, wäre sein Zahnarzt.


»ICH HABE DIE ANDEREN NIE ALS TYPEN GESEHEN, BEI DENEN ICH WACKLIGE KNIE BEKOMME, WENN ICH SIE SEHE. BEI TIGER WOODS WAR DAS ANDERS.«
Dass Morikawas Sieg mehr als ein Strohfeuer ist, beweist er in den Wochen darauf mit zwei weiteren Spitzenresultaten beim Genesis Invitational und beim Arnold Palmer Invitational. Und auch wenn ihn bei der Players Championship eine Rückenverletzung zum vorzeitigen Rückzug zwingt, ist die Konkurrenz gewarnt - ganz besonders wenn es zum Masters geht.

Einen Großteil seines Erfolgs verdankt der Kalifornier Rick Sessinghaus. "Meinen ersten Golf-Unterricht hatte ich in einem Junior Camp auf dem Scholl Canyon Golf Course in Glendale. Ich war fünf", erinnert sich Morikawa. Damals bringt ihm ein Ehepaar die ersten Golfschwünge dabei, doch Collin ist völlig fasziniert von Sessinghaus, der am anderen Ende der Driving Range die besseren Spieler unterrichtet. Drei Jahre später gehört Collin dazu. Dafür gibt der begeisterte Fan der Los Angeles Dodgers sogar seine Liebe zum Baseballspiel auf. Von Rick Sessinghaus, der abgesehen von einer sechsmonatigen "Beziehungspause" im Herbst 2023 bis heute Morikawas Coach geblieben ist, lernt der Junge nicht nur die Technik, sondern vor allem auch Taktik und situatives Spiel. "Es gibt da draußen viele gute Schwünge, aber wenige Golfer", erkennt der PGA-Pro bereits damals Collins Potenzial, dessen Einlösung nicht lange auf sich warten ließ.


Obwohl Morikawa bereits von Anfang an der Starspieler seines Teams ist, bewirbt er sich in seinem zweiten Studienjahr zusätzlich noch an der Haas Business School, einem der angesehensten Studiengänge der USA. Wie wichtig es ihm ist, nicht nur eine weiße Kugel durch die Gegend zu schlagen, zeigt sich 2016. Bei der Air Capital Classic hat das Golftalent die Chance, gegen echte Profis auf der Web.com Tour anzutreten. Mit 17 unter Par schafft es der 19-jährige Amateur ins Play-off gegen Ollie Schniederjans und den späteren US-Open-Sieger J. J. Spaun. "Management-Agenturen fingen an, ihn zu kontaktieren. Sie wollten, dass er die Schule beendet und Profi wird", erinnert sich Sessinghaus gegenüber der Tageszeitung "Rafu Shimpo". Morikawa bleibt standhaft, spielt sich stattdessen an die Spitze der Amateur-Weltrangliste und büffelt fleißig weiter: "Das Studium abzuschließen war mir wirklich wichtig. Das war schon immer mein Plan. Ich wollte meinen Abschluss in Betriebswirtschaft machen und dann bereit sein." Nach vier Jahren hat er sein Diplom in der Hand und die Grundlage für einen Bürojob in der Tasche. Nicht dass er ernste Pläne gehabt hätte, einen seriösen Beruf zu ergreifen. "Ich habe ewig von der PGA Tour geträumt", strahlt er nach seinem Wechsel ins Profi-Lager. Und auf die Nachfrage, was sein Plan B ist, wenn es nicht klappt, verkündet er kurzerhand, dann werde er eben auf der Korn Ferry Tour oder in Europa spielen.

Steckbrief
Name: COLLIN MORIKAWAJahrgang: 1997
Wohnort: LAS VEGAS, NEVADA
Profi seit: 2019
Weltrangliste: PLATZ 6 (MÄRZ '26)
Beste Runde: 61 (TOUR CHAMPIONSHIP 2023)
Lieblingsverein: LOS ANGELES DODGERS
ERFOLGE
2019: BARRACUDA CHAMPIONSHIP
2020: WORKDAY CHARITY OPEN, PGA CHAMPIONSHIP
2021: WGC-WORKDAY CHAMPIONSHIP, THE OPEN CHAMPIONSHIP, DP WORLD TOUR CHAMPIONSHIP
2023: ZOZO CHAMPIONSHIP
2026: AT&T PEBBLE BEACH PRO-AM
Trotz des klaren Berufsziels ist ihm klar, dass es nicht über Nacht gehen wird. Nach der ersten Runde seines Profi-Debüts bei der Canadian Open 2019 steht Justin Thomas während eines gemeinsam Abendessens dem jungen Überflieger mit Rat und Tat zur Seite. "Er sagte mir, man habe so vielen Erwartungen, aber man wisse nie, wie es startet. Justin Rose habe, als er Profi wurde, 21 Cuts in Folge verpasst. Wir seien nicht nur hier, um ein paar Jahre zu spielen, wir seien hier für ein ganzes Leben. Das ist der beste Rat, den ich bisher bekommen habe." Bei Collin Morikawa ist er aber überflüssig, denn er macht den umgekehrten Rose, startet mit 22 geschafften Cuts in die Karriere und liegt damit in der ewigen Bestenliste nur hinter Tiger Woods. Morikawas Bilanz in dieser Zeit: ein Sieg, drei weitere Top-Five-Resultate, drei Top Ten und dreieinhalb Millionen Dollar Preisgeld.



