"Ehrlich gesagt war das in meiner Uni-Zeit nicht mein Lieblingsplatz, ich habe da nicht gut gespielt", relativiert Morikawa, der nach eigenen Angaben ein Dutzend Mal dort antrat. Davon war wenig zu sehen. Nach zwei Runden mit sechs Schlägen Rückstand nur auf Platz 25 spielt er an beiden Schlusstagen die beste Runde des Felds. Seine 129 Schläge für das Wochenende sind ein neuer Major-Rekord. Das Ausrufezeichen setzt er dabei an Bahn 16. Eigentlich legt sich Morikawa im Vorfeld jedes Turniers einen festen Plan zurecht, den er konsequent befolgt: "Ich habe am Anfang der Woche nicht geplant, das Grün an der 16 anzugreifen. Ich habe es die ganze Woche nicht mal während der Proberunden versucht." Doch die 269 Meter am Sonntag sind zu verlockend: "Zum Glück schlage ich nicht 300 Meter, es war die perfekte Driver-Länger für mich." Der über den Haufen geworfene Plan resultiert in einem Drive, der zwei Meter neben der Fahne landet, in einem Eagle mündet und ihm die Wanamaker Trophy beschert - die er bei der Siegerehrung fast zerstört, als der Deckel herunterfällt.

»PUTTEN GING MIR ANDERS ALS DAS LANGE SPIEL NIE LEICHT VON DER HAND. ES KOMMT MIR VOR, ALS KÖNNTE ICH NACH ZWEI WOCHEN PAUSE ZURÜCKKOMMEN UND EINEN PERFEKTEN CUT NACH DEM NÄCHSTEN SCHLAGEN, ABER PUTTEN IST EIN STÄNDIGER KAMPF.«
Ein wenig scheint es wie eine Staffelübergabe: Woods begann seine Major-Siegesserie, als Collin zwei Monate alt war, und beendete sie zwei Monate vor Morikawas Profidebüt. Und das Erstaunliche: Morikawa wirkt sogar noch mehr auf die großen Ereignisse fokussiert. Brauchte Woods noch zwölf Major-Starts als Profi, um sein zweites Major einzufahren, sind es bei seinem Nachfolger gerade mal acht. Im Juli 2021 bringt Morikawa von seinem ersten Start bei einer Open Championship gleich die Claret Jug mit nach Hause. Noch nie zuvor in 161 Jahren Major-Geschichte hat ein Spieler zwei der vier großen Events beim Debüt gewonnen. Und nur sieben Spieler gewannen fünf Majors vor ihrem 25. Geburtstag: Gene Sarazen, Bobby Jones, Jack Nicklaus, Seve Ballesteros, Tiger Woods, Rory McIlroy und Jordan Spieth. Seither ist der Major-Express jedoch ein wenig entgleist. Zwar gelingen Morikawa in den 16 weiteren Starts noch vier Top-Ten-Resultate, richtig nah kommt er dem Sieg allerdings nur bei der PGA Championship 2024, bei der er als Führender in der Schlussrunde sechs Schläge auf Spielpartner Xander Schauffele verliert.


Morikawa und sein Team sind sich dieses Problems bewusst. "Wann immer er gewinnt, frage ich ihn: ,Welcher Putter war es heute?'", versucht Coach Sessinghaus, das Ganze mit Humor zu nehmen. Sein Schützling hingegen wirkt fast schon defätistisch. "Putten ging mir anders als das lange Spiel nie leicht von der Hand", klagt er gegenüber "Golf Digest". "Es kommt mir vor, als könnte ich nach zwei Wochen Pause zurückkommen und einen perfekten hohen Cut nach dem nächsten schlagen, aber Putten ist ein ständiger Kampf." Das Gefühl wird von der Statistik gedeckt. Seit er auf die PGA Tour gekommen ist, hat er auf den Grüns nur in einem Jahr keine Schläge auf den Durchschnitt des Felds verloren. Umso erstaunlicher, dass er ausgerechnet auf den anspruchsvollen Grüns von Augusta National besser zurechtkommt. In den letzten drei Jahren hat Morikawa in den Putting-Statistiken dort entweder im Mittelfeld gelegen oder sogar Schläge auf die Konkurrenz wettgemacht. Und 2026 hat er noch eine Geheimwaffe dabei. Ende Januar spielt Morikawa in seiner Wahlheimat Las Vegas eine Runde mit Min Woo Lee, Kurt Kitayama und dessen Bruder und Caddie Daniel. Frustriert über sein Spiel greift er sich den Spider Tour X von Daniel und hat gleich ein gutes Gefühl: "Ich habe ihm im Scherz gesagt, dass ich ihn vielleicht einsacke." Aus Spaß wird Ernst und zwei Wochen später ist Kitayamas Putter in Morikawas Hand, als er beim Pebble Beach Pro-Am zum Sieg einlocht. Als er kurze Zeit später darauf angesprochen wird, ob sein Kumpel den Putter vielleicht zurückhaben will, wirkt er wie Charlton Heston beim Kongress der amerikanischen Waffen-Lobbyisten von der NRA. Wobei Morikawa statt "Nur aus meinen kalten, toten Händen" etwas diplomatischer und mit einem Augenzwinken antwortet: "Der gehört jetzt mir!" Dass er dabei erneut sein breitestes Lächeln aufsetzt, ist auch als eine Kampfansage zu verstehen. Collin Morikawa ist zurück.



