In unseren Fittings erleben wir es täglich: Spieler investieren viel Zeit in Technik, in neue Putter-Modelle und in Trainingshilfen. Aber der Griff, also der direkte Kontaktpunkt zwischen Spieler und Schläger, wird kaum hinterfragt. Dabei ist er das Bauteil, das deine Puttbewegung am unmittelbarsten beeinflussen kann.
GRÖSSE IST KEIN TREND, SONDERN EIN WERKZEUG
Die wohl auffälligste Entwicklung der vergangenen Jahre ist die zunehmende Verbreitung von Oversize- und Jumbo-Griffen. Was früher exotisch wirkte, ist heute selbst auf Tour-Niveau Standard. Aus Fitter-Sicht geht es dabei nicht um "Größer ist besser", sondern um Kontrolle. Ein dickerer Griff reduziert in vielen Fällen den aktiven Einsatz der Handgelenke. Spieler, die dazu neigen, den Putter mit den Händen zu "schlagen", profitieren oft enorm von mehr Volumen. Der größere Griff nimmt Geschwindigkeit aus den Händen und verlagert die Bewegung stärker in die Schultern. Die Folge: Der Putt wird ruhiger und reproduzierbarer.
Aber auch das Gegenteil sehen wir. Spieler mit sehr wenig Handaktivität verlieren mit einem zu dicken Griff an Gefühl und Längenkontrolle. Deshalb ist die Bezeichnung "Oversize" oder "Jumbo" zweitrangig. Entscheidend ist, wie deine Hände den Griff umschließen und sich deine Schlagflächenkontrolle somit verändert. Im Fitting vergleichen wir deshalb alle Griffe nach Durchmesser, Gewicht und ihrem Profil - und messen, was sich tatsächlich im Treffmoment verändert.
TAPER ODER NO-TAPER? EINE FRAGE DER DRUCKVERTEILUNG
Ein weiterer entscheidender Faktor ist die Form des Griffs. Klassische Modelle sind konisch, also oben dicker und unten dünner. Das unterstützt eine stärkere Dominanz der unteren Hand. Für manche Spielertypen funktioniert das hervorragend, für andere führt es zu einer ungewollten Rotation der Schlagfläche. No-Taper-Modelle, also Griffe mit gleichbleibendem Durchmesser, sorgen für eine gleichmäßigere Druckverteilung zwischen beiden Händen. Gerade Spieler, die unter Druck zu viel mit der rechten Hand (bei Rechtshändern) arbeiten, stabilisieren damit oft ihre Schlagfläche signifikant. Im Putt-Lab sehen wir dann häufig: weniger Face-Rotation, einen konstanteren Loft im Treffmoment sowie eine bessere Startlinie.

MATERIAL UND GEWICHT - UNTERSCHÄTZTE PERFORMANCE-FAKTOREN
Auch das Material spielt eine größere Rolle, als viele denken. Moderne PU- oder EVA-basierte Griffe sind deutlich leichter als klassische Gummimodelle. Das verändert die Balance des gesamten Putters. Ein leichterer Griff verschiebt den Balancepunkt und kann das Kopfgefühl verstärken. Gerade bei modernen High-MOI-Puttern ist das relevant. Umgekehrt kann ein schwerer Griff das Schwunggewicht reduzieren und die Bewegung beruhigen. Zusätzlich beeinflusst die Oberflächenstruktur den Griffdruck. Ein weicher, leicht haftender Griff erlaubt es vielen Spielern, den Putter entspannter zu halten. Weniger Griffdruck bedeutet dann oft mehr Gefühl und eine bessere Distanzkontrolle.
OPTIK IST WICHTIG, ABER NICHT ENTSCHEIDEND
Farben, Muster, Logo: Das Angebot an Griff-Designs ist riesig. Und ja, das Auge spielt auch mit. Ein Griff, der optisch gefällt, kann mehr Vertrauen geben. Im Fitting geht Performance trotzdem immer vor. Wenn ein Griff fantastisch aussieht, sich deine Schlagfläche im Treffmoment jedoch um zwei Grad öffnet, ist er keine Option. Ganz egal, wie gut er zum eigenen Bag passt.
WARUM DER GRIFF KEIN ZUBEHÖR, SONDERN EIN PERFORMANCE-TOOL IST
Viele Golfer kaufen ihren Putter "von der Stange" und akzeptieren dabei den montierten Griff als Ultima Ratio. Aus Fitter-Sicht ist das vergleichbar mit einem maßgeschneiderten Hemd, über das man einen One-Size-Fits-All-Anzug trägt.
Wir analysieren im Griff-Fitting unter anderem:
- Griffdruck
- Schlagflächenstellung im Treffmoment
- Rotationsverhalten
- Schwungbahn
- Hand- und Armposition
- dynamischen Loft
WANN SOLLTEST DU ÜBER EINEN WECHSEL NACHDENKEN?
Ein neuer Griff ist nicht nur dann sinnvoll, wenn der alte rissig oder rutschig ist. Auch folgende Punkte sind klare Indikatoren:
- Du greifst unter Druck fester, als dir lieb ist.
- Deine Startlinie ist inkonstant.
- Deine Putt-Technik hat sich verändert (z.B. Arm-Lock oder Claw).
- Dein Gefühl auf den Grüns passt nicht mehr zu deinem Set-up.
AUS DER PRAXIS
Wir erleben gerade zu Recht eine neue Wertschätzung für den Putter. Er bekommt endlich die Aufmerksamkeit, die er seit langer Zeit verdient hat. Und das schließt den richtigen Putter-Griff mit ein. Er ist kein Trend, kein modisches Detail und kein Tour-Hype. Er ist ein funktionales Werkzeug, das deine Bewegung im Idealfall unterstützt und im schlechtesten Fall sabotiert.
Wenn du wirklich besser putten willst, achte nicht nur auf das Kopfdesign deines Putters oder deine Technik, sondern besonders auch auf den Teil, den du bei jedem Schlag in der Hand hältst. Denn am Ende gilt: Dein Griff entscheidet, wie viel Kontrolle du wirklich über deinen wichtigsten Schläger hast.

FABIAN WAGNER
Master-Fitter bei HIO FittingEigentlich hat Fabian Wirtschaftsinformatik studiert, doch dann kam Golf dazwischen, das ihn seit Beginn des Studiums nicht mehr loslässt. Im Laufe der vergangenen Jahre hat der Münchener bereits Hunderten Golferinnen und Golfern zu neuen, passenden Golfschlägern verholfen und half auch bereits gestandenen Tour-Pros, das passende Werkzeug zu finden.
www.hio-fitting.de



