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Technik-Kolumne

Torquin' Bout A Revolution

Von Mike Rentsch, Fotos: Marvin Sedelies

Kann die Zero-Torque-Technologie zittrige Putter wirklich zu Tiger Woods in seinen Höchstzeiten machen? Wir haben bei HIO Golf in Hamburg den Selbstversuch gemacht.

Allheilmitteln darf man mit Skepsis begegnen. 1898 produzierte Bayer ein Schmerzmittel, das nicht nur gegen Tuberkulose und Lungenentzündungen Einsatz fand, sondern selbst Kindern als Hustenmittel verschrieben wurde. Der Name des angeblich nebenwirkungsfreien Medikaments? Heroin! Nun hat ein Allheilmittel mit hohem Suchtfaktor auch in den Golfsport Einzug gehalten: der sogenannte Zero-Torque-Putter. Durch eine clevere Gewichtsverteilung im Schlägerkopf und eine andere Konstruktion von Schaft und Hosel sollen die Zauberstäbe dafür sorgen, dass der Putter mehr auf Linie bleibt als ein MAGA-Abgeordneter im Repräsentantenhaus. Der angebliche Vorteil: Gepushte oder gepullte Putts mit offenem oder geschlossenem Schlägerblatt gehören der Vergangenheit an, kurze Putts werden seltener verschoben und längere Putts laufen sauberer vom Schlägerblatt, sodass die Längenkontrolle konstanter wird. So zumindest die Theorie.

Nun können alle Kollegen im Büro bestätigen, dass ich nicht jeder Modeerscheinung hinterherlaufe. Aber der Zero-Torque-Hype ist auch an mir nicht spurlos vorübergegangen. Nicht dass ich auf dem Putting-Grün Yips hätte, aber es passiert mir einfach zu oft, dass ich bei langen Distanzen am Ende mit drei statt zwei Putts vom Grün gehe. Auch wenn die Schuld vermutlich bei mir selbst zu suchen ist, ist es einfacher, das Ganze aufs Material zu schieben. Die perfekte Möglichkeit, meinen unkooperativen Putter zu entsorgen, ergab sich, als unser Kolumnist Fabian über das Fitting mit Zero-Torque-Puttern schrieb. Ein kurzer Anruf und nur wenige Wochen später stehe ich neben Fitter Hagen Fahr im Hamburger HIO-Studio und schaue mir die neuesten Zero-Torque-Modelle an.

Bevor ich meine Hand an die magischen Putter legen darf, drückt mir Hagen zunächst einmal einen Revealer in die Hand. Der Plexiglaszylinder sieht auf den ersten Blick aus wie eine durchsichtige Pringles-Dose oder etwas, was ältere Männer bei Beate Uhse kaufen, und hat ebenfalls eine spannende Funktion. Der Schläger wird darin eingespannt und von den Händen isoliert. Wenn man nun damit puttet, wird der Revealer seinem Namen gerecht und enthüllt, wie sehr der Putter verdreht. Zur Illustration spannt Hagen zuerst meinen aktuellen Caledonia-Blade-Putter ein, der bei der Puttbewegung hin- und herwackelt wie Götterspeise. Als ich das Gleiche mit einem Zero-Torque-Putter versuche, wird der Wackelpudding plötzlich zur Crème brûlée und bleibt stabil. Bereits bei diesem kleinen Experiment wird mir klar: Das ist ein Gamechanger.

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Aber welches ist nun das beste der vielen Modelle? Schließlich haben neben den Vorreitern LAB Golf mittlerweile eigentlich sämtliche Hersteller einen Zero-Torque-Putter oder Vergleichbares im Angebot oder in Planung. Eine Sache ist mir dabei vom ersten Moment an klar: Der klobige LAB-DF3-Putter, den J.J. Spaun bei seinem US-Open-Sieg in der Tasche hatte, wird es auf keinen Fall. Damit müsste ich mir auf der Runde mit den Jungs 18 Löcher lang nur Gespött anhören. Klingt eitel, hat aber durchaus seine Berechtigung, wie mir Hagen bestätigt: "Den psychologischen Effekt kann man beim Putter-Fitting nie ausschalten. Deswegen ist es wichtig, dass der Putter auch optisch gefällt. Wenn du in einer Drucksituation den Ball vorbeidrückst, ist kein Golfer gut genug zu sagen: ,Das war ich.' Stattdessen denken die meisten: ,Ich hätte doch den anderen Putter nehmen sollen.'"

Schon nach wenigen Minuten kristallisieren sich bei mir zwei Favoriten heraus: der Allan Pistol von PXG sowie der OZ.1i HS von LAB Golf. Beide eint, dass sie mir ein vertrautes Gefühl geben. Die frühen Zero-Torque-Modelle haben allesamt auf einen Center-Schaft gesetzt. Diese beiden neueren Modelle schaffen durch clever designte Hosel die optische Illusion eines Center-Schafts, sind aber Heel Shafts und damit näher an meinem bisher gewohnten Putter. Vielleicht führt auch dies dazu, dass ich gerade bei diesen beiden Modellen bereits in der Ansprechposition hohes Selbstvertrauen habe und den Ball fast immer sauber treffe. "Ich habe das Gefühl, ich kann keinen Fehler machen", spreche ich meine Gedanken laut aus. Das Gefühl wird von Hagens Daten bestätigt: Selbst bei meinen schlechtesten Putts komme ich maximal ein Grad von außen, und sogar als ich den Ball weiter vorne an der Spitze treffe, rollt er noch bis zur Fahne auf der Leinwand - und das, obwohl mir in der Simulation vollkommen das Gefühl für das richtige Tempo fehlt. Als ich erneut einen virtuellen Sieben-Meter-Putt nicht nur an der Fahne vorbei, sondern fast vom Grün ins Wasser putte, hat Hagen Mitleid mit mir und verkürzt die Distanz so, dass Pixel und Realität übereinstimmen.

Technik-Kolumne: Lesebrille: auch auf Grüns hilfreich
Lesebrille: auch auf Grüns hilfreich
Dass meine Putts mit dem Oz.1i HS am Anfang viel länger laufen als gewohnt, liegt auch an einer Eigenheit von LAB, wie Hagen erklärt: "Die Griffe sitzen nicht gerade drauf. Es sind sogenannte Forward Press Grips. Allein schon das hilft dem Amateur, die Hände vor dem Ball zu lassen und komprimierten Kontakt zu bekommen." Hinzu kommt, dass es der erste LAB-Putter mit einem Insert ist. Dies sorgt nicht nur für höhere Ballgeschwindigkeiten im Vergleich mit PXGs Allan Pistol, ich meine auch, ihn besser kontrollieren zu können. Oder um es in den unvergesslichen Worten von Andreas Möller zu sagen: "Vom Feeling her hatte ich ein gutes Gefühl." Diese subjektive Wahrnehmung reicht in Kombination mit den objektiven Daten aus, um eine finale Entscheidung zu treffen. Inwieweit der Oz.1i HS dann meine Scores verbessern wird, weiß ich erst, wenn die Saison wieder losgeht. Denn wie es Otto Rehhagel für ein weiteres legendäres Fußballzitat so schön formulierte: "Die Wahrheit liegt auf dem Platz."

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