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Zwei außer Rand und Band

Nelly Korda & Scottie Scheffler

Von Rüdiger Meyer, Fotos: Getty Images, Adidas

Von ihren letzten zehn Starts gewannen Nelly Korda und Scottie Scheffler neun. Eine Dominanz, wie sie der Golfsport lange nicht gesehen hat. Dabei bauen die beiden Amerikaner auf die gleichen Stärken: harte Arbeit, Willenskraft und ein brillantes langes Spiel.

Nelly Korda


Eigentlich hätte Nelly Korda bei den Olympischen Spielen in Tokio außer sich vor Freude sein sollen. Im August 2021 hatte sich die damals Weltranglisten-Erste nach ihrem ersten Major-Sieg auch die olympische Goldmedaille erspielt, doch in der anschließenden Pressekonferenz überwog die Selbstkritik. "Ich mache es mir nie einfach", lamentierte sie. "Ich habe nie die Führung verloren, aber es kam mir so vor, weil ich das Gefühl hatte, nicht gut gespielt zu haben."

Nun gehört es zur Grundausstattung von Weltklasse-Athleten, besonders selbstkritisch zu sein. Doch aktuell dürfte es der 25-Jährigen schwerfallen, etwas an ihrem Spiel zu bemäkeln. Mit fünf Siegen in Folge stellte sie den LPGA-Rekord von Nancy Lopez und Annika Sörenstam ein, doch besonders beeindruckend war dabei die Art und Weise, wie sie triumphierte und bewies, dass sie eine komplette Golferin ist. Der krönende Moment war natürlich ihr zweiter Major-Sieg bei der Chevron Championship, doch Korda überzeugte auch mit drei überzeugenden K.o.-Erfolgen beim T-Online Match Play, einem nervenstarken Play-off-Triumph gegen Lydia Ko bei der LPGA Drive On Championship, einem Birdie-Feuerwerk bei der Ford Championship und einem sehr wilden Comeback bei der Fir Hills Seri Pak Championship. Mit der unglaublichen Siegesserie hat sie nicht nur 650 direkte Gegnerinnen hinter sich gelassen, sie ist im internen Familienduell auch gleich doppelt an Vater Petr vorbeigezogen.

Die tschechische Tennislegende gewann zwischen 1991 und 1998 zehnmal auf der ATP-Tour und holt sich 1998 mit dem Sieg bei der Australian Open in Melbourne ihren einzigen Grand-Slam-Titel. Tochter Nelly steht nach ihrem dreimonatigen Zwischensprint nun bereits bei zwei Major-Titeln und 13 LPGA-Triumphen. Der mittlerweile 56-jährige Petr wird die Wachablösung im Hause Korda verschmerzen. Schließlich brachte er nach seinem dopingbedingten Karriereende Nelly und ihre sechs Jahre ältere Schwester Jessica im floridianischen Bradenton zum Golf: "Wir wollten sie nicht zum Tennis drängen und haben ihnen mehrere Sportarten beigebracht. Jessica hat sich für Golf entschieden und für Nelly war es leichter, in ihren Fußstapfen zu folgen."

Zwei außer Rand und Band: 'Who's your daddy?' (l.) Alter Trick: den 15. Schläger unterm Arm versteckt (r.)Zwei außer Rand und Band: 'Who's your daddy?' (l.) Alter Trick: den 15. Schläger unterm Arm versteckt (r.)
'Who's your daddy?' (l.) Alter Trick: den 15. Schläger unterm Arm versteckt (r.)

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NELLY KORDA VERSCHLISS PUTTER WIE PETE TOWNSHEND GITARREN. SIE VERZWEIFELTE BEI DER TRAINERSUCHE MEHR ALS DER FC BAYERN. UND SIE WECHSELTE IHRE GRIFFTECHNIKEN ÖFTER ALS EIN JUDOKA.
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Ein Jahr nachdem Jessica ihren ersten LPGA-Titel eingefahren hatte, schlug für die jüngere Schwester bei der US Women's Open 2013 ihre große Stunde. Kurz vor ihrem 15. Geburtstag schaffte Nelly mit Papa Petr an der Tasche sensationell den Cut und legte damit den Grundstein für eine beeindruckende Jugendkarriere, die sie unter anderem 2015 zum Junior Solheim Cup nach St. Leon-Rot führte, wo sie dem US-Team zum ersten Sieg auf europäischem Boden verhalf.

Danach ging es für die Teenagerin auf der Überholspur weiter. Mit 18 Jahren debütierte sie auf der Symetra Tour, mit 19 qualifizierte sie sich für die LPGA Tour und im Alter von 20 Jahren holte sie bei der Swinging Skirts LPGA Taiwan Championship schließlich ihren ersten Titel.

Doch bereits bei diesen ersten Erfolgen drängte sich bei Nelly Korda wie bei Scheffler der Vergleich mit "Happy Gilmore" auf - allerdings nicht wegen ihres Golfschwungs, vielmehr fühlte man sich bei ihr an die Szene erinnert, in der Happy sein erstes Hole-in-one schlägt und danach feststellt: "Das war so viel einfacher als Putten. Ich sollte den Ball jedes Mal mit dem ersten Schlag einlochen." Regelmäßig ruinierte sich Korda ein besseres Ergebnis auf den Grüns. Was folgte, kennt jeder, der schon einmal von den Yips geplagt war: Korda verschliss Putter wie einst Pete Townshend Gitarren. Sie verzweifelte bei der Suche nach einem geeigneten Trainer mehr als der FC Bayern München. Und sie wechselte ihre Grifftechniken öfter als ein Judoka.

Zwei außer Rand und Band: Die begehrteste Trophäe im Golf: der weiße Bademantel
Die begehrteste Trophäe im Golf: der weiße Bademantel
Nach einem desaströsen Auftritt bei der US Women's Open 2021 beschloss Korda daher, zum Cross-handed-Griff zu wechseln. Zwei Wochen später gewann sie das Meijer LPGA Classic, sieben Tage darauf mit der Women's PGA Championship gar ihr erstes Major. Doch die vermeintliche Lösung des Problems erwies sich schon bald darauf als genauso effektiv wie Klebeband bei einem Wasserrohrbruch. Aus diesem Grund entschied sich die Amerikanerin Ende 2023 für eine Komplettrenovierung. Mit Eric Dietrich holte sie sich einen neuen Putting-Guru an ihre Seite, ihr alter Scotty Cameron Prototype Putter wanderte zurück ins Bag und nach zwei mehr oder minder frustrierenden Jahren auf dem Grün kehrte sie zum traditionellen Putting-Griff zurück.

Nach lediglich einem Turnier Eingewöhnungszeit begann Nelly Ende Januar ihren epischen Run, über den selbst ihre männlichen Kollegen ins Schwärmen geraten. "Mit Nelly zu spielen ist, wie mit Adam Scott zu spielen", lobt beispielsweise Jordan Spieth ihren eleganten Schwung. Und selbst Scottie Scheffler gab zu, dass er gegen Nelly nur ein kleiner Fisch ist: "Fünf Siege in Folge. Wenn es ein Wettbewerb wäre, hätte sie mich fest im Griff. Das ist schon etwas ganz Besonderes. Es war ein Vergnügen, ihr zuzusehen."

Dass Kordas männliches Gegenstück in ihr einen Seelenverwandten sieht, liegt nicht nur daran, dass die beiden mit einem auf gleiche Stärken und Schwächen aufgebauten Spiel fast identische Erfolge eingefahren haben. Korda und der gerade mal zwei Jahre ältere Scheffler haben auch eine recht ähnliche Persönlichkeit. Beide reißen sich nicht gerade darum, im Fokus der Öffentlichkeit zu stehen, sind ruhig und zurückhaltend und sehen Interviews eher als lästige Pflichtaufgabe. Während Scheffler das Glück hat, dass es auf der PGA Tour reihenweise extrovertierte Spieler gibt, die in die Bresche springen können, ist die LPGA Tour darauf angewiesen, dass Spielerinnen wie Nelly Korda das Frauengolf ein wenig aus der Nische holen und in eine neue Preisgeldsphäre katapultieren. Für ihre fünf Siege gegen die besten Felder, die das Damengolf aufbieten kann, verdiente Korda gerade einmal 66 Prozent des Preisgelds, das Scottie Scheffler für seinen am geringsten dotierten Turniersieg erhielt.

Zwei außer Rand und Band:
"Nelly hat eine Verantwortung, und so wie ich sie kenne, möchte sie die wahrscheinlich nicht immer annehmen", baut Solheim-Cup-Kapitänin Stacy Lewis ein wenig Druck auf ihre Star-Spielerin auf. "Ich würde mir wünschen, dass sie so viel wie möglich über das Golfspiel hinaus für uns tun könnte." Eine Bitte, der Korda zumindest bei der Chevron Championship nachgekommen ist. Nach ihrem Siegesputt hatte sie eine Botschaft für den Fernsehsender NBC, der das Turnier lediglich an zwei Tagen und das auch eher schlecht als recht übertragen hatte: "Wir brauchen eine Bühne. Wir müssen zur Hauptsendezeit im Fernsehen zu sehen sein. Und wir müssen die Talente präsentieren, die wir hier draußen haben - und das sind eine ganze Menge. Wir brauchen nicht nur die Unterstützung des Publikums, sondern auch die der Fernsehsender."

Um das zu erreichen, muss Nelly Korda zum Glück nur da weitermachen, wo sie Ende April aufgehört hat. "Was uns am meisten hilft, ist natürlich, dass sie weiterhin gutes Golf spielt", gibt auch Stacy Lewis zu. Ein Traumszenario für das amerikanische Damengolf wäre dabei natürlich, wenn Korda Inbee Parks drei Major-Siege von 2013 einstellen könnte. Einen noch größeren Anschub könnten zumindest in den USA die Olympischen Spiele bringen. Sollte Nelly Korda in Paris ihren Titel verteidigen und sich mit einer zweiten Goldmedaille in die Annalen eintragen, wäre der Imagegewinn immens.

Er käme zu einer idealen Zeit, denn in den USA hat der Frauensport gerade seinen Moment im Scheinwerferlicht. Dank eines im Januar 2023 verabschiedeten Gesetzes müssen auf globaler Bühne agierende US-Sportler und -Sportlerinnen in Zukunft gleichermaßen kompensiert werden. Im August strömten mehr als 92.000 Zuschauer zu einem College-Volleyballspiel nach Nebraska. Und beim jährlichen March-Madness-Basketball-Turnier der besten US-amerikanischen Uni-Teams stellte die sensationell aufspielende Caitlin Clark nicht nur das parallel stattfindende Männerturnier in den Schatten, das Finale zwischen Clarks Iowa Hawkeyes und den Huskies der University of Connecticut lockte mit 14,2 Millionen Zuschauern sogar ein größeres TV-Publikum an als die NBA-Finals, die Baseball World Series und das diesjährige Masters.

 
Nellys Stats 2024

Nellys Stats 2024

FAIRWAY-TREFFER 74,22% (78.)
DRIVING DISTANCE 264,74 yds. (32.)
GREENS IN REGULATION 75,85% (1.)
DURCHSCHNITTS-SCORE 69,22 (1.)
STROKES GAINED 2,76 (1.)
PUTTING AVERAGE 29,57 (53.)

NELLYS TITEL 2024


LPGA DRIVE ON CHAMPIONSHIP
Total: 273 (-11)
Money: 262.500 $

FIR HILLS SERI PAK CHAMPIONSHIP
Total: 275 (-9)
Money: 300.000 $

FORD CHAMPIONSHIP
Total: 268 (-20)
Money: 337.500 $

T-MOBILE MATCH PLAY
4&3 vs. L. Maguire
Money: 300.000 $

THE CHEVRON CHAMPIONSHIP
Total: 275 (-13)
Money: 1.200.000 $

Die LPGA versucht, auf diesen Zug aufzuspringen, indem man sich zum ersten Mal richtig auf die Social-Media-Aktivitäten konzentriert und die Reichweite dadurch verdreifachen konnte. Auch Nelly Korda ist mit mittlerweile knapp 900.000 Instagram-Followern schon eine ernst zu nehmende Influencer-Größe geworden und lässt ihre Fans hinter die Kulissen blicken - ohne dabei ihre zurückhaltende Art aufzugeben. "Ich habe das Gefühl, dass die Art und Weise, wie ich für meinen Sport werbe, einfach zu mir passt. Ich bin mir selbst sehr treu. Ich werde nie etwas tun, womit ich mich nicht wirklich wohlfühle. Und hoffentlich kann ich auf diese Weise den Sport fördern", fasst sie ihre derzeitige Strategie zusammen. Mit anderen Worten: Nelly Korda hält es wie die Duisburger Fußballlegende Adi Preißler: "Entscheidend is' auf 'm Platz!"

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