1990 war der Shoal Creek Country Club in Birmingham Gastgeber der PGA Championship. Als Clubgründer Hall Thompson gefragt wurde, ob sich Shoal Creek nicht langsam mal für afroamerikanische Mitglieder öffnen sollte, zeigte er sich unversöhnlich: "Der Club ist unser Zuhause und wir wählen, wen wir wollen. Wir diskriminieren in keinem anderen Bereich, nur halt die Schwarzen." Das Echo war gewaltig: Obwohl der Club in einer Nacht-und-Nebel-Aktion einen Afroamerikaner aufnahm, zogen große Firmen ihre TV-Werbung zurück und Majors sollten nie wieder an Clubs gehen, die diskriminieren.
Der Imageschaden blieb nicht auf Shoal Creek begrenzt. Ganz Alabama galt plötzlich als intoleranter Staat, doch mit einem riesigen, weltoffenen Golfprojekt sollte das Kainsmal getilgt werden. Dr. David G. Bronner, CEO der Retirement Systems of Alabama, suchte nach einer Möglichkeit, die von ihm verwaltete Pensionskasse krisensicher zu machen, indem er in Golf investierte. Quer über den Staat verteilt wollte er Golfplätze bauen, um den Tourismus anzukurbeln und mit den Einnahmen die Rentenbezüge anzuheben. Da zahlreiche Gönner das Projekt unterstützten, indem sie Land stifteten, schien alles in trockenen Tüchern zu sein. Es gab nur ein Problem: Renommierte Golfarchitekten wie Jack Nicklaus und Arnold Palmer wollten nichts damit zu tun haben und lachten Bronner regelrecht aus. Nur der längst in Rente gegangene 84-jährige Robert Trent Jones zeigte sich aufgeschlossen für das Projekt und ging mit seinem Assistenten Roger Rulewich ans Werk.

»EGAL WEN MAN TRIFFT, JEDER IST FREUNDLICH, ZUVORKOMMEND UND HILFSBEREIT.«
Ein logischer Startpunkt wäre das idyllisch am Golf von Mexiko gelegene Mobile. Die mit 187.000 Einwohnern viertgrößte Stadt des Staates ist mit ihren Stränden optimal, um die sieben Stunden Zeitunterschied wegzustecken, ohne gleich in den Mietwagen steigen zu müssen. Wer sich dennoch fit genug fühlt, kann in Magnolia Grove auf den Spuren der Profis wandeln. Sowohl die LPGA als auch die Korn Ferry Tour haben bereits auf dem Crossings Course Station gemacht. Hinzu kommen noch der Falls Course und 18 Par-3-Löcher, die ebenfalls an typische Resort-Kurse erinnern. Das Problem am Start in Mobile ist allerdings, dass man den Regional-Airport nur mit Umsteigen in den USA erreicht, was bedeutet, dass man am ersten Ankunftsort nicht nur das Einwanderungsprozedere durchläuft, sondern auch das Gepäck einsammeln und noch einmal wieder abgeben muss. Um uns diesen Aufwand zu ersparen, fliegen wir nach Atlanta und sind erst einmal positiv überrascht. Nur wenige Wochen vorher machten Horrornachrichten über bis zu vier Stunden Wartezeiten in Atlanta die Runde. Jetzt sitzen wir innerhalb von nur 45 Minuten im Mietwagen und machen uns auf zu unserer ersten Station.
Huntsville ist die bevölkerungsreichste Stadt Alabamas und zugleich das intellektuelle Zentrum. Nirgendwo sonst in den USA haben Promovierte einen höheren Bevölkerungsanteil. Der simple Grund: Huntsville ist das Herzstück der Luft- und Raumfahrt- sowie Verteidigungsindustrie. Blue Origin lässt hier seine Triebwerke herstellen und auch Boeing und Northrop Grumman beschäftigen jeweils mehr als 10.000 Angestellte. Vor allem aber ist Huntsville seit 1960 Standort des Marshall Space Flight Center der NASA, das maßgeblich an der Mondlandung beteiligt war, wie im US Space & Rocket Center zu bestaunen ist. Zwischen 1.500 Artefakten, Erklärtafeln, einer Replik von Wernher von Brauns Büro und Attraktionen, die G-Kräfte simulieren, findet sich auch ein originalgroßer Prototyp der Saturn-V-Rakete, unter dem man locker ein Par 3 errichten könnte.


Da wir unsere Reise entgegen dem Uhrzeigersinn geplant haben, führt uns unser nächster Stopp an den Tennessee River. Der gut 1.000 Kilometer lange Fluss verbringt knapp 40 Prozent seiner Reise im Norden Alabamas, wo er Muscle Shoals seinen Namen gab, weil sich eben Muscheln an einer flachen Stelle sammelten. Den besten Blick auf den Fluss und den zur Stromerzeugung gebauten Wilson Dam hat man aus dem "360 Grille", einem langsam rotierenden Turmrestaurant, dessen Ausblick nur noch von Qualität und Quantität des Essens getoppt wird.
Exzess gibt es in Muscle Shoals nicht nur auf dem Teller, sondern auch auf dem Golfplatz. In "The Shoals" gibt es neben dem Schoolmaster Course auch den Fighting Joe Course, benannt wie so vieles im Süden nach einem umstrittenen Konföderierten-General. Mit 7.400 Metern von den Backtees zählt er zu den zehn längsten Golfplätzen auf der Welt - und dementsprechend spielt er sich auch: Die Strategie besteht darin, den längsten Schläger im Bag zu zücken und so kräftig draufzuprügeln, wie es geht. Entsprechend hoch ist hier die Frustrationsschwelle. Erst die letzten beiden Löcher - ein klug um einen See designtes Par 5 und ein kurzes Par 3 mit Blick auf den Tennessee River - treffen den richtigen Ton.

Eine Driving Clinic braucht es auch für Ross Bridge. Der bisher letzte Golfplatz des Robert Trent Jones Trail öffnete 2005 und ist mit 7.490 Metern der fünftlängste Platz der Welt. Zum Vergleich: Der Nordkurs von Green Eagle ist mehr als 400 Meter kürzer. Doch auf der anderen Seite spielt sich der Platz von den vordersten Tees 900 Meter kürzer als das "Green Monster", sodass wirklich alle Spielstärken hier faire Abschläge finden. Ein Segen, denn da in Ross Bridge nur ein Platz gebaut wurde, konnte Roger Rulewich seine ganze Konzentration darauf verwenden und gestaltete ein echtes Meisterwerk mit breiten Drive-Landezonen, aufregenden Höhenunterschieden und spektakulären Par-3-Löchern. Und obwohl Gimmicks wie Fontänen oder Wasserfälle oft peinlich sind, machen sie hier Sinn, denn eine Wassermühle und der darauf folgende kleine Wasserfall sind eine Hommage an die Bergbautradition der Gegend.
Die findet sich auch im benachbarten Oxmoor Valley an den Signature Holes des Ridge Course. Das Grün von Loch 3, einem 493 Meter langen Par 5, ist in einen Tonsteinfelsen eingebettet, auf dessen Spitze sich dann der spektakuläre Abschlag für die vierte Bahn findet. Es ist nicht der einzige Höhenunterschied auf diesem extrem ondulierten Platz, auf dem es ausnahmsweise mal sinnvoll ist zu fahren, anstatt zu laufen.



