Featured StoriesFeatured Stories

Alabama – Teil 2

Ab in den Süden

Von Rüdiger Meyer, Fotos: Rüdiger Meyer, PR

Jedoch wird man auf dem Robert Trent Jones Trail kaum jemanden finden, der mit einem Trolley unterwegs ist oder gar trägt. Die USA sind eine Nation auf vier Rädern, egal ob auf dem Golfplatz oder dem Highway, wo uns ein Pick-up-Truck nach dem anderen überholt. An den Highways bekommt man auch die unangenehmere Seite Alabamas präsentiert. Hier im "Bible Belt" passiert man ständig überdimensionale Billboards mit radikalen Slogans wie "Geh in die Kirche oder der Teufel wird dich holen" oder "Amerika. Liebe es oder verlasse es". Die sympathische Seite findet man allerdings, wenn man vom Highway abfährt und irgendwo einkehrt. Überall wird man nahezu von der "Southern Hospitality" erdrückt. Egal wen man trifft, jeder ist freundlich, zuvorkommend und hilfsbereit - wobei wir uns durchaus bewusst sind, dass man mit einer anderen Hautfarbe andere Erfahrungen machen kann.

Dies wird vor allem bei einem Besuch des Civil Rights Institute deutlich. Gegenüber der 16th Street Baptist Church, in der am 15. September1963 bei einem Bombenanschlag des Ku-Klux-Klan vier afroamerikanische Mädchen ums Leben kamen, entstand eine Gedächtnisstätte, um an den beschwerlichen Kampf um Bürgerrechte zu erinnern, der heute so aktuell ist wie lange nicht mehr. Unter den Gewürdigten des Civil Rights Institute finden sich auch zwei Einwohner unseres nächsten Stopps: In Alabamas Hauptstadt Montgomery war Martin Luther King jr. als Pastor aktiv und Rosa Parks startete dort den Busboykott, der zur Initialzündung der Bürgerrechtsbewegung wurde. Mitte Mai zogen wieder Tausende Menschen vor das Parlamentsgebäude von Montgomery, um gegen die drohenden Wahlrechtsbeschränkungen der Republikaner zu protestieren.

Alabama:
Auf dem Robert Trent Jones Trail spürt man davon zum Glück nichts, denn Afroamerikaner haben hier anders als in den vielen Privatclubs der Gegend die gleichen Rechte: Wer das Greenfee zahlt, darf spielen. Noch erbaulicher ist, dass wir dieselbe Damengruppe, die uns im Civil Rights Institute begegnete, jetzt auch im Clubhaus von Capitol Hill treffen. Selbst Golferinnen aus den USA verschließen offenbar nicht die Augen vor den Bürgerrechtsverfehlungen von Legislative, Judikative und Exekutive. An diesen orientieren sich auch die Namen der drei Plätze von Capitol Hill.

Da der gemeinhin als am besten geltende Judge Course noch bis Herbst umgebaut wird und der Legislator sehr gewöhnlich aussieht, spielen wir den Senator Course und reiben uns erst einmal verwundert die Augen. Mitten in Alabama findet sich ein Golfplatz, der versucht, den Stil schottischer Links-Plätze nachzuahmen. Dies gelingt nur so halb, weil die starken Regenfälle der Vorwochen deutlich machen, dass der Untergrund wenig mit den harten Links-Böden zu tun hat, die wir von den Britischen Inseln gewohnt sind. Entsprechend muss man hier die Grüns hoch anspielen. So ist der Links-Stil eher ein optischer Effekt, der allerdings für einen der visuell reizvollsten Plätze des Robert Trent Jones Golf Trail sorgt.

Alabama: Alabama:
So unterschiedlich die Golfplätze sind, so uniform ist der Rest. Sämtliche Clubhäuser wurden im exakt gleichen Stil gebaut und haben ebenso die gleiche Aufteilung wie die Zimmer der dazugehörenden Unterkünfte. Was im ersten Moment nach Fertigbaustil klingt, hat einen cleveren Effekt, wie wir nach vier Tagen feststellen. Niemand muss nach Umkleiden, Toiletten oder dem Pro-Shop fragen, und wer dank Jetlag mitten in der Nacht im Hotelbett aufwacht, braucht nicht einmal Licht, um sich zurechtzufinden. Auch auf dem Platz muss man sich nicht lange orientieren. Sämtliche Standorte haben die gleichen Farbmarkierungen an den Teeboxen, die alle auf die exakt gleichen Handicaps ausgerichtet sind. Man kann also gleich am ersten Tee auf die optimale Box marschieren.

Für mich sind es die orangen Tees, was insbesondere an unserem letzten Stopp passend ist, denn es ist die Farbe der Auburn Tigers. Weil Alabama kein einziges Profi-Team aus einer der vier großen Ligen beheimatet, ist hier alles auf College-Football ausgerichtet und dabei besonders auf die große Rivalität zwischen den Dauersiegern der Alabama Crimson Tide und den zuletzt 2010 siegreichen Auburn Tigers. Aus diesem Grund ist der häufigste Gruß in Alabama auch nicht "Hello" oder "How are you?", sondern "Roll Tide" und "War Eagle", die beiden Schlachtrufe der rivalisierenden Universitäten. Klar, mit welchem davon wir als Golfer eher sympathisieren - auch wenn uns ein Eagle bis zu unserem letzten Stopp verwehrt bleibt.

Alabama:
Dies liegt vor allem an den trickreichen Grüns, die Trent Jones und Rulewich angelegt haben. Neben den offensichtlichen Ondulierungen haben sie auch viele subtile Breaks eingearbeitet, die oft in die genau entgegengesetzte Richtung führen, sodass man beim Lesen der Grüns schnell das Gefühl hat, ein Analphabet zu sein. Dies wird nirgends so deutlich wie im Grand National Resort, dem Kronjuwel des Robert Trent Jones Golf Trail. Insbesondere der Lake Course, bei dem an elf Löchern Wasser ins Spiel kommt, ist ein visueller Augenschmaus und ein Test für alle Aspekte des eigenen Spiels. Und auch der Links ist so gut, dass er bei den meisten anderen der zehn Standorte als der Top-Platz gelten würde. In Auburn ist er allerdings nur das Nebenprojekt.

Wie herausragend solche Zweitversuche sein können, beweist uns Stacy Brown beim heimlichen Highlight unseres Trips. Die Gastronomin hat mit dem Fast-Casual-Franchise Chicken Salad Chick ein kleines Vermögen verdient, mit ihrem neuen Projekt "Botanic" im Vorort Opelika aber das genaue Gegenteil gemacht. Zusammen mit Ehemann King Braswell, einem Gärtner, hat sie ein unbeschreiblich elegantes Fine-Dining-Restaurant in einen Botanischen Garten gesetzt und dabei fast schon eine Metapher für den Robert Trent Jones Golf Trail erschaffen. So wie Stacy altes Mauerwerk und gar einen abgewrackten Kornsilo genommen und einer neuen Bestimmung zugeführt hat, hat der Trail den Ruf von Golf in Alabama so sehr rehabilitiert, dass dies auch ein Elefant im Porzellanladen nicht niederreißen kann.

Featured Stories