Nun könnte man argumentieren, das Niveau der Golfplätze sei in Wales qualitativ nicht so hoch wie im Rest des Vereinigten Königreichs. Top100golfcourses.com etwa listet unter den besten 100 Clubs in Großbritannien und Irland nur einen walisischen. Doch dies ist zum Teil auch eine sich selbst erfüllende Prophezeiung: Weniger Spieler bedeuten weniger Verfechter, die sich für die Qualität walisischer Golfplätze einsetzen. Dabei hat Cymru, wie Wales in der Landessprache genannt wird, bereits früh einen Fürsprecher von großem Namen gehabt: Bernard Darwin.
Der Enkel des Evolutionstheoretikers Charles Darwin nahm als Sechsjähriger im walisischen Aberdovey zum ersten Mal einen Golfschläger in die Hand. Daraus entstanden zwei Liebesbeziehungen. Die zum Golf, die ihn später zum angesehensten Golfjournalisten seiner Zeit machte, und die zu Aberdovey. In seinem Buch "The Golf Courses of the British Isles" schrieb Darwin 1910 eine Liebeserklärung an Aberdovey, von der jede Frau (und jeder Mann) nur träumen kann: "Jeder Golfer hat einen Platz, für den er eine blinde und unerklärliche Zuneigung empfindet. Wenn er zu seiner golfsportlichen Heimat aufbricht, packt er seine Schläger mit ganz besonderer Freude ein. [...] Ein Golfer kann nur einen Golfplatz haben, für den er ganz so empfindet, und meiner ist Aberdovey."

»MIT STUART IN ROYAL ST. DAVID'S ZU SPIELEN IST, WIE MIT EINEM FRISCH VERHEIRATETEN ÜBER SEINE EHEFRAU ZU SPRECHEN.«
Mein erster Stopp ist passenderweise der Conwy Golf Club, der Ort, an dem Golf in Wales begann. Zwar ist der 1890 gegründete Club offiziell nur der drittälteste des Landes. Doch es finden sich Hinweise, dass bereits 1869 in Conway Marsh auf einem provisorischen Neunlochplatz gespielt wurde. In den 150 Jahren, die seither vergangen sind, hat Conwy mehr Eingriffe über sich ergehen lassen als Cher. Ein Grund waren die offenen Dünen, die Conwy an windigen Tagen in die Wüste Gobi bei Sandsturm verwandelten, ein anderer der Bau des 1991 eröffneten Tunnels unter dem River Conwy. Als ich den North Wales Expressway verlasse und die letzten Meter zum Golfclub fahre, mache ich meine erste Bekanntschaft mit den Besonderheiten der walisischen Sprache, denn das Verkehrsschild hatte beim "Glücksrad" offenbar kein Geld mehr für Vokale und zeigt den Weg zum "Cwrs golff". Auf dem Parkplatz weicht die Vorfreude aber erst mal Ernüchterung, denn statt großer Dünen erwartet mich eine flache Wiese. Doch wie so oft ist der erste Eindruck trügerisch, denn der gesamte Platz hat subtile Ondulierungen und die Dünen mögen zwar nicht groß sein, aber sie sind vorhanden, wie das Grün der 2 beweist. Das Par 3 ist zwischen sanften Dünen eingebettet und führt an die Mündung des River Conwy. Danach gibt es einen U-Turn und die dritte Bahn spielt entlang der Küste. Es ist ein spannender Auftakt für einen Platz, der gerade auf den Front Nine ebenso reiz- wie anspruchsvoll ist. Die ersten acht Bahnen bestehen nur aus Par 3 und Par 4, von denen vier über 400 Yards von den Backtees messen. Sie sind auch die Löcher, die in Küstennähe bleiben und gerade an Loch 7 für fantastische Ausblicke sorgen. Die Back Nine erhalten ihren optischen Reiz dagegen vom Conwy Mountain - oder wie die Einheimischen ihn nennen: Mynydd y Dref. Hier entsteht die Schwierigkeit aus schmalen, mit Ginster gesäumten Fairways, was bei einem böigen Wind selbst einen Sicherheits-Drive zum Balanceakt macht. Doch darüber muss ich mir an diesem Tag keine Gedanken machen. Im Gegenteil, bei 25 °C und sengender Sonne wäre ich für ein bisschen mehr Brise sogar dankbar.
Nach der Runde bleibt weder Zeit für ein kühles Getränk noch für einen Besuch des historischen Conwy Castle. Doch das lässt sich verschmerzen, schließlich steht als Nächstes Royal St. Davids auf dem Plan, wo nach einer 80-minütigen Autofahrt bei voll aufgedrehter Klimaanlage eine Burg noch größeren Kalibers wartet: Harlech Castle. "Kein Golfplatz auf der Welt hat einen herrlicheren Hintergrund als die alte Burg", schwärmte Bernard Darwin bereits 1910. "Egal wohin wir gehen, sie gerät nie aus dem Blickfeld, und selbst wenn unser Blick die Hügel von Snowdonia in der Ferne streift, kehren wir mit unstillbarer Sehnsucht zu der Burg zurück."


Von royaler Poshness ist man hier allerdings weit entfernt. Das Clubhaus befindet sich in einem weißen Bungalow und das Restaurant serviert Pub-Essen der Marke hemdsärmelig. Während ich mich mit einem Ham and Cheese Sandwich mit Pommes für die bevorstehende Runde stärke, fragt ein Golfer den Barkeeper, mit wem er seine Nachmittagsrunde spielen könne. Ich biete ihm an, mir Gesellschaft zu leisten - nicht ahnend, dass daraus eine der angenehmsten Golfrunden überhaupt entstehen wird. Stuart kommt ursprünglich aus Boston und hat sich vor 25 Jahren bei einer Golfrunde in Royal St. David's so schockverliebt wie Bernard Darwin in Aberdovey. Damals schwor Stuart, irgendwann zurückzukehren und Mitglied in Royal St. David's zu werden. Im Juni hat er seinen Lebensmittelpunkt ins englische Sheffield verlegt und seinen Traum wahr gemacht. Jeden Monat pendelt er nun für ein Wochenende nach Harlech, quartiert sich ins clubeigene "Dormy"-Zimmer ein und spielt so viel Golf wie möglich.
Dass Royal St. David's zu den drei besten Golfplätzen in Wales gezählt wird, kann nicht hoch genug bewertet werden. Für gewöhnlich werden nonkonformistische Plätze in solchen Rankings abgestraft und dieser Links ist nur ein Par 69 mit fünf Par 3 und zwei Par 5. Dass er dennoch alles andere als ein Kurzplatz ist, beweist ein Blick auf die Scorekarte: Von den Backtees misst er mit 6.114 Metern mehr als manch deutsches Par 72. Und wenn man bedenkt, dass normalerweise ein "gwynt cryf" bläst, also ein starker Wind, möchte man hier nicht gerade handicapwirksam spielen. Als Freizeitrunde hingegen ist der Spaßfaktor grandios. Dabei nutzt der Platz nicht einmal alle Vorzüge des Geländes aus, denn die mächtigen Dünen im Hintergrund bleiben nur Deko. Stattdessen bewegen sich die Bahnen auf dem flachen Gelände davor auf und ab. Dass sie dennoch ihren Reiz behalten, liegt an den klug eingesetzten Bunkern und einem Routing, das mit jedem Loch die Himmelsrichtung wechselt, wodurch ständig auf den Wind reagiert werden muss, der heute allerdings Sommerferien macht.
Mit Stuart in Royal St. David's zu spielen ist, wie mit einem frisch Verheirateten über dessen Ehefrau zu sprechen. An jedem Abschlag erklärt er mir den Charakter der Bahn und beginnt zu schwärmen - und verspricht gleichzeitig, dass das nur der Aufgalopp sei. Das Beste komme wie so oft zum Schluss. Er hat recht. Das in Dünen versteckte Grün der kurzen 12 ist das erste Highlight, der in eine Düne gebaute Abschlag der 13 das nächste. Und dann folgen vier Löcher, nach denen sich jeder Golfer die Finger leckt. Während die ersten Bahnen eindeutig menschliche Züge aufweisen, wirken die letzten, als hätte Mutter Natur sie vor Hunderten Jahren genauso geschaffen und jemand nur an ein paar Stellen den Rasen gemäht. Die Grüns sind mutiger onduliert, es gibt blinde Schläge und die Dünen sorgen für spektakuläre Ausblicke. Dass die Sonne mittlerweile tief am Himmel steht und den Platz in ein atemberaubendes Spiel aus Licht und Schatten verwandelt, tut sein Übriges. Der perfekte Abschluss meines ersten Golftags in Wales.

Schon nach wenigen Metern ist mir klar, dass ich es hier mit einem Bucket-List-Course zu tun habe, nicht zuletzt wegen einer Besonderheit des Platzes. Rechts vom dritten Grün führt ein kleiner Pfad nach Porthdinllaen hinab, genauer gesagt zum "Ty Coch Inn". Hinter diesem Namen, der auf Deutsch nichts anderes als "rotes Haus" heißt, verbirgt sich eines der charmantesten Halfway Houses der Welt - auch weil es eigentlich kein Halfway House ist. Die einzige Kneipe des Orts versorgt jeden Mittag Hunderte Gäste. Gut möglich also, dass das Warten auf ein Sandwich hier länger dauert als die Runde Golf. Ich habe glücklicherweise Zeit und genieße die einzigartige Kulisse, bevor ich mich auf den Weg zu unserer letzten Station mache: Bernard Darwins geliebtes Aberdovey.
Der Legende nach hatte ein gewisser Colonel Ruck nach einigen Runden im englischen Formby Blut geleckt und wollte auch zu Hause Golf spielen. Er kaufte neun Blumentöpfe von einer Frau aus dem Ort und vergrub sie als Löcher im Marschland. Aus diesen simplen Anfängen wuchs und gedieh das heutige Par 71 an der Mündung des River Dyfi. Obwohl ich mit dem Auto anreisen habe ich es zum ersten Tee einige Meter weiter als Bernard Darwin. Auf dem Weg vom Parkplatz zum Clubhaus passiere ich den Bahnsteig, auf dem der Autor vor über 100 Jahren ankam. Kein Wunder, dass er schrieb: "Es gibt wohl keinen Platz, wo das erste Tee so nah am Bahnhof liegt." Seit Darwins Zeiten wurde der Platz stark verändert. Der legendäre Cader Bunker an der dritten Bahn existiert leider nur noch auf historischen Bildern und auch andere Exzentriken sind Aberdovey ausgetrieben worden. Doch der Platz ist als golferischer Test immer noch derart exzellent, dass Ian Woosnam hier die Grundlage für seine Masters-gekrönte Profikarriere legte. Der am Fuß der Cambrian Mountains gelegene Platz ist ein klassischer Out-and-in-Links, der sich entlang der Eisenbahnlinie bewegt und auf atemberaubende Weise durch die Dünen schlängelt. Ein Anblick, der im Licht der tief stehenden Sonne jedem Golf-Romantiker das Herz erweicht.
Doch davon sollte man sich nicht einlullen lassen. Mit 6.200 Metern ist Aberdovey nicht gerade ein Pushover, was vielleicht auch das Motto des Clubs erklärt: "Os nad wyt gryf, bydd gyfrwys" - "wenn du nicht stark bist, sei clever". Dass diese Backtees ausgerechnet "Darwin Yards" heißen, lässt den Namensgeber aber vermutlich im Grabe rotieren. In "Golf Between Two Wars" schrieb Darwin über die einstige Platzverlängerung: "Meiner Meinung nach fehlgeleitete Leute zogen einen renommierten Fachmann hinzu und er lieferte das Gewünschte: Er dehnte den Platz bis zur maximalen Länge aus." Darwins Kritik sorgte letztendlich mit dafür, dass man 1933 auf einer Vereinssitzung beschloss, Aberdovey wieder 500 Yards kürzer zu machen. Man hätte also besser die gelben Abschläge "Darwin Yards" nennen sollen. Und Darwin hatte recht: Auf vernünftige Länge gestutzt macht Aberdovey einen Riesenspaß. So sehr, dass man gut verstehen kann, warum er sich damals in diesen Platz und in Golf in Wales allgemein verliebte. Hoffentlich erzählt niemand den Amerikanern davon.
Golfplätze in der Region

CONWY GOLF CLUB
18 Löcher, Par 72, 6.318 mAdresse
Beacons Way, Conwy,
LL32 8ER, United Kingdom
Tel. +44 (0)1492.592423
conwygolfclub.com
Greenfee
145 Euro (Mai bis September), 115 Euro (April und Oktober), 90 Euro (November bis März)
Nach unzähligen Umbauten hat der Platz seine heutige Form in den 1980er-Jahren gefunden. Als einziger Nordwales-Kurs mit Championship-Maßen trug er 2006 das Qualifiying für die Open Championship aus. Dass damals nur drei Spieler unter Par lagen, zeigt den Anspruch des Layouts, wenn es kräftig bläst. Obwohl der Untergrund flach ist, hat er viele sanfte und natürliche Wellen.
Killerloch
Loch 7 hat eine absolute Premiumlage. Das 411 Meter lange Par 4 führt rechts am Meer entlang. Weil die meisten sich daher lieber rechts halten, warten dort drei gestaffelte Fairway-Bunker auf ungenaue Drives. Weil der Schlag ins Grün lang sein wird, muss dort nur ein Grünbunker links vorne aus dem Spiel genommen werden, denn der Punchbowl-artige Grünkomplex hilft, wenn man leicht ungenau ist.
www.conwygolfclub.com

ROYAL ST. DAVID'S GOLF
18 Löcher, Par 69, 6.114 mAdresse
Harlech, Gwynedd,
Wales, LL46 2UB
Tel. +44 (0)1766.780361
royalstdavids.co.uk
Greenfee
170 Euro (Sommer), 105 Euro (Winter)
Bereits vom ersten Tee blickt man auf traumhafte Dünen, allerdings ist das in etwa so, als ob ein Typ am Strand stolz seinen Sixpack präsentiert und anschließend seinen Ehering aufblitzen lässt - bis zur 13 rühren die Bahnen die Dünen nicht an. Das heißt jedoch nicht, dass die ersten zwölf Löcher langweilig wären. Klug eingesetzte Bunker sorgen dafür, dass man sich nie ruhig zurücklehnen kann und entsprechend gewappnet ist, wenn man den aufregenden Schlussteil angeht.
Killerloch
Die erhöhte Teebox der 320 Meter langen 16 ist so schön, dass man gar nicht abschlagen möchte, schließlich genießt man hier nicht nur den allgegenwärtigen Blick auf das Harlech Castle, sondern auch über die aufregendsten Dünenbahnen des Platzes. Was man aber auch sieht, sind die neun Bunker, denen man tunlichst aus dem Weg gehen sollte, sowie die grasbewachsenen Dünen, in denen jeder Ball unweigerlich verloren ist.
www.royalstdavids.co.uk

CLWB GOLFF NEFYN
9 Löcher Par 35, 2.893 Meter (Front, Gelb),9 Löcher, Par 33, 2.293 Meter (Old, Blau),
9 Löcher Par 36, 3.069 Meter (New, Rot)
Adresse
Gwynedd LL53 6DA
+44 (0)1758.720966
nefyn-golf-club.co.uk
Greenfee
90 bis 115 Euro (Mai bis Juli, September), 80 bis 90 Euro (April, August, Oktober), 50 Euro (November bis März).
Die neun Löcher des Old Course sind bei Verfügbarkeit ohne Aufpreis zu spielen. Dank seiner Lage auf der Lleyn-Halbinsel ist der Old Course die ultimative GolfPorn-Location. Allerdings ist der klassische Platz nur noch an einzelnen Tagen spielbar. Die 18 weiteren Bahnen haben zwar auch den Vorteil, dass man von jeder Bahn die Irische See sehen kann, aber der Adrenalinpegel gegenüber dem Old Course verhält sich in etwa so, als würde man sich erst in den "Hangover Tower" setzen und anschließend die "Wilde Maus" fahren.
Killerloch
Alles andere, als hier ein Loch auf der Lleyn-Halbinsel aufzuführen, wäre verlogen. Doch welches? Obwohl viele das Par 3 der 3 lieben, fällt unsere Wahl auf Loch 4 - allein schon wegen des Drives. Das Fairway führt diagonal weg, sodass jeder, der eine zu aggressive Linie über die Schlucht wählt, seinen Ball in der Irischen See verschwinden sieht. Hat man sicher das Fairway erreicht, wartet ein anspruchsvoller Schlag ins Grün, das zwischen Felsen liegt, die wie Bumper eines Flippers fungieren.
www.nefyn-golf-club.co.uk

ABERDOVEY GOLF
18 Löcher, Par 71, 6.197 MeterAdresse
Gwynedd, LL35 0RT
+44 (0)1654.76749
aberdoveygolf.co.uk
Greenfee
145 Euro (April bis 13. September), 105 Euro (Oktober, November), 80 Euro (Dezember bis Februar)
Zwei Berühmtheiten haben Aberdovey auf die Golf-Landkarte gebracht: der Autor Bernard Darwin, der Aberdovey mit "der Kurs, den meine Seele liebt" beschrieb, und Masters-Sieger Ian Woosnam, der hier an seinem Spiel feilte. Harry Colt und James Braid haben an dem im Snowdonia National Park gelegenen Platz Hand angelegt und einen klassischen Out-and-in-Links-Platz erschaffen, der dank Ausblicken auf die Cambrian Mountains und die Irische See optisch ebenso begeistert wie spielerisch.
Killerloch
Bereits am dritten Loch liegt die Bahn, für die Aberdovey berühmt ist: "Cader". Das 152 Meter lange Par 3 wird nahezu blind über eine Düne gespielt. Zwar ist der Look nicht mehr so aufregend wie früher, als die Düne ein gigantischer Blow-out-Bunker war, der Abschlag in ein punchbowlartiges Grün ist dennoch nicht weniger aufregend.
www.aberdoveygolf.co.uk



