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Solheim Cup

Duell der Giganten

Von Rüdiger Meyer

Europa gegen die USA. Hull gegen Korda. Nordqvist gegen Stanford. Angela Yin gegen eine mysteriöse Krankheit. Der 20. Solheim Cup steckt voll spannender Geschichten. Wer behält in den Niederlanden die Oberhand?

Laut ihrem Familienstammbaum hatte Louise Solheim vier Kinder, aber in Wirklichkeit hat sie fünf Babys zur Welt gebracht, denn die Ehefrau von Ping-Gründer Karsten Solheim war die treibende Kraft hinter dem größten Teamwettbewerb im Damengolf. 1990 bat LPGA-Commissioner Bill Blue die Solheims um eine Audienz - und um Unterstützung. Er und seine europäischen Kollegen wollten ein weibliches Pendant des Ryder Cup auf die Beine stellen, brauchten für die ersten zwei Austragungen einen Geldgeber und dachten an die Solheims, die sich bereits als Förderer des Damengolfs etabliert hatten. Doch Louise Solheim ging der Vorschlag nicht weit genug. Sie wollte das Event gleich 20 Jahre sponsern und mit ihrer Firma Ping im Hintergrund bleiben: Alle Augen sollten auf den sportlichen Wettstreit gerichtet sein. Neun Monate später kam Louise Solheims bekanntestes Baby im floridianischen Lake Nona Golf & Country Club zur Welt und ist bis heute zu einem gesunden und gedeihenden Twen herangewachsen.

Die 20. Auflage des Solheim Cup findet vom 11. bis 13. September im niederländischen Bernardus Golf statt und ist seit dem 2015er-Solheim-Cup in St. Leon-Rot für deutsche Golf-Fans die beste Chance, sich dieses Event live anzusehen. Dass sich die diesjährige Ausgabe besonders lohnen dürfte, hat mit drei Namen zu tun. Auf amerikanischer Seite hat Nelly Korda nach einer Atempause im vergangenen Jahr wieder zu ihrer Top-Form zurückgefunden, zwei Majors gewonnen und sich die Spitze der Weltrangliste zurückgeholt. Und anders als Tiger Woods, Phil Mickelson und Co. wird sie beim Solheim Cup nicht plötzlich von Bayern München zu Tennis Borussia Berlin. Zehn ihrer 16 Matches konnte Korda gewinnen und hatte bei keinem ihrer vier bisherigen Auftritte eine negative Bilanz. Einen kleinen Schönheitsfleck kassierte ihre Bilanz allerdings beim letzten Solheim Cup, als sie das Einzel gegen Europas Superstar verlor: Charlie Hull. Die Engländerin fertigte Korda mit 6&4 ab und erwies sich für Europas Team als ähnlich unverzichtbar wie Justin Rose bei den Herren.

Seit Charley Hull 2013 als 17-Jährige im Colorado Golf Club ihr Debüt gab und kräftig dabei mithalf, den ersten europäischen Sieg auf US-Boden klarzumachen, hat sie sich jedes Mal ins Team gespielt und ist mit einer Siegbilanz von 61 Prozent die unangefochtene Anführerin in Anna Nordqvists Team. Die Chancen stehen gut, dass an Hulls Seite Esther Henseleit in die Arena tritt. Die beiden erwiesen sich beim letzten Solheim Cup als effektives Team im klassischen Vierer und könnten auch in den Niederlanden wieder gemeinsam auftreten. Auf Henseleit, die 2024 zum ersten Mal beim Solheim Cup dabei war, könnte dieses Mal eine größere Rolle zukommen. Mit ihrem brillanten Auftritt bei der British Women's Open, in der sie sich erst im Play-off geschlagen geben musste, bewies Henseleit nach ihrer Silbermedaille in Paris erneut, dass sie für die große Bühne geschaffen ist. Henseleits Glanzauftritt in Royal Lytham war ein entscheidender Moment für die europäische Qualifikation. Lange Zeit hatte die Deutsche als sechstbeste Europäerin in der Weltrangliste um ihren Platz zittern müssen. Doch mit dem zweiten Platz in England verdrängte sie Chiara Tamburlini in den LET Solheim Cup Standings hauchdünn auf den dritten Platz, sodass die Schweizerin den Platz im Team verpasste.

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Statt auf Tamburlini setzte Nordqvist mit ihren Captain's Picks auf andere Namen: auf die Irin Leona Maguire, die mit einer fast 71-prozentigen Siegquote als Match-Play-Gigantin gilt, sowie auf drei Rookies: die Engländerin Mimi Rhodes, die 2025 fast die Order of Merit der LET gewann, die direkt hinter ihr platzierte Französin Nastasia Nadaud und die Spanierin Julia López Ramírez, die 2024 noch die weltbeste Amateurin war und sich mittlerweile auf der LPGA Tour etabliert hat. Am Ende hat Kapitänin Anna Nordqvist so die zwölf besten Europäerinnen der Weltrangliste ins Team aufgenommen. Mit einer Ausnahme: Lokalmatadorin Dewi Weber. Die Niederländerin katapultierte sich durch einen dritten Platz bei der Women's PGA Championship ins Rampenlicht, konnte unglücklicherweise aber auf die Schnelle keine Mitgliedschaft auf der Ladies European Tour mehr bekommen, sodass Anna Nordqvist sie nicht hätte nominieren dürfen. Dennoch freut sich auch Weber auf das Turnier: "Diese Veranstaltung wird für den Jugendgolfsport und für Frauengolf in den Niederlanden im Allgemeinen supercool. Das wird ein großartiges Ereignis!"

Der 2018 eröffnete Bernardus Golf in Nordbrabant hat dabei zum ersten Mal die besten Golferinnen der Welt zu Gast. Bisher wurde auf dem Kyle-Phillips-Design nur dreimal die Dutch Open ausgetragen. Nimmt man diese Turniere als Grundlage, scheint es auf dem Platz vor allem darauf anzukommen, einen heißen Putter zu besitzen - Kontinentallwettstreite eben.

Solheim Cup: Solheim Cup:
TEAM

EUROPA

CHARLEY HULL (ENG, 15-9-3)
ESTHER HENSELEIT (GER, 1-1-1)
LOTTIE WOAD (ENG, Rookie)
MAJA STARK (SWE, 3-3-2)
LEONA MAGUIRE (IRL, 8-3-1)
JULIA LÓPEZ RAMÍREZ (ESP, Rookie)
CÉLINE BOUTIER (FRA, 7-6-1)
CARLOTA CIGANDA (ESP, 12-11-4)
LINN GRANT (SWE, 3-6-0)
NANNA KOERSTZ MADSEN (DEN, 1-1-1)
NASTASIA NADAUD (FRA, Rookie)
MIMI RHODES (ENG, Rookie)

ANNA NORDQVIST
ANNA NORDQVIST
Mit 39 Jahren ist die Schwedin zweitjüngste europäische Kapitänin aller Zeiten und als 113. der Weltrangliste nur unwesentlich schwächer als viele ihrer Spielerinnen. Nordqvist, die seit 2009 bei jedem Solheim Cup als Spielerin dabei war, setzt eine schwedische Tradition fort: In acht der 20 Events wurde Europa von einer Schwedin angeführt - nicht nur, weil die Landesfarben die traditionellen europäischen Outfits widerspiegeln. Acht ihrer Spielerinnen kennt Nordqvist aus früheren Solheim Cups, mit Boutier und Maguire hat sie bereits Vierer gebildet. Obwohl Nordqvists eigene Bilanz mit 17 Siegen und 15 Niederlagen fast ausgeglichen ist, hat sie sich im Solheim Cup unsterblich gemacht: Ihr gelang 2013 das erste Hole-in-one.

Auf dem Papier gelten wie bei den Herren auch bei den Damen die Amerikaner per se als Favoriten. Zwar sind sie nicht die weltweit dominierende Nation - dafür sind Länder wie Südkorea oder Japan zu stark -, doch im Rolex Ranking haben die USA zehn Spielerinnen unter den Top 60 der Welt platziert; für die zehntbeste Europäerin muss man dagegen bis auf Platz 90 runterscrollen. Doch das war in den letzten Jahren nie anders und bei den letzten vier Austragungen gewann dennoch dreimal Europa. Anders als beim Ryder Cup ist es dabei nicht etwa die Überlegenheit in den Vierern, die den Ausschlag gegeben hat: Seit 2015 behielten die USA in keiner einzigen Singles-Session die Oberhand. Vielleicht hat dies auch mit den Ausschlag gegeben, Angela Stanford den Kapitänsjob zu übertragen. Die 48-Jährige war damals das letzte Mal als Spielerin aktiv und trug mit ihrem Sieg gegen Suzann Pettersen dazu bei, dass die Amerikanerinnen das bisher letzte Mal einen Auswärtssieg landen konnten. Bei sechs Starts fuhr Stanford drei ihrer vier mageren Solheim-Siege im Einzel ein und soll ihre Schützlinge 2026 jetzt dazu bringen, im direkten Duell Frau gegen Frau wieder mehr Biss zu zeigen. Um das zu erreichen, setzt sie auf Erfahrung. Während Anna Nordqvist vier Neulinge einsetzt, hat Stanford wohl nur zwei am Start (ihre Captain's Picks kamen nach Druckabgabe). Allerdings gibt es ein unkalkulierbares Problem, denn der Start der amerikanischen Nummer zwei Angel Yin ist ungewiss. Die 27-Jährige, die bei ihren letzten sieben Major-Starts vier Top-Ten-Ergebnisse einfuhr, trat zur dritten Runde der KPMG Women's PGA Championship krankheitsbedingt nicht an und hat seither kein Turnier bestritten. In einem Interview mit "Golfweek" erklärte Stanford: ""Wir wollen Angel im Team haben, wir wollen, dass sie dabei ist. Aber wir müssen darauf vorbereitet sein, dass sie vielleicht doch nicht dabei ist." Bereits diese Formulierung lässt durchblicken, dass die Chancen für ihren Start wohl unter 50 Prozent liegen.

Solheim Cup:
TEAM

USA

NELLY KORDA (10-5-1)
ANGEL YIN (5-3-1)
JENNIFER KUPCHO (3-5-2)
YEALIMI NOH (2-1-0)
AUSTON KIM (Rookie)
LAUREN COUGHLIN (3-0-1)
ALLISEN CORPUZ (5-2-1)
ANDREA LEE (3-2-2)
ALISON LEE (2-5-0)
Mögliche Captain's Picks
LINDY DUNCAN (Rookie)
ROSE ZHANG (4-2-1)
MEGAN KHANG (7-3-3)
JENNY BAE (Rookie)

ANGELA STANFORD
ANGELA STANFORD
Wenn sich Angela Stanfords Solheim-Cup-Bilanz auf ihr Team überträgt, ist Europa der Sieg nicht mehr zu nehmen. Zwischen 2003 und 2015 schaffte es die 48-Jährige in sechs Teams, schloss jedoch lediglich 2007 mit einer positiven Bilanz ab. Insgesamt stehen ihren vier Siegen 13 Niederlagen gegenüber. Dass sie jetzt in die Verantwortung genommen wird, kommt nicht von ungefähr: Bei den letzten drei Kontinentalwettstreiten war sie die Vize-Kapitänin von Pat Hurst und Stacy Lewis. Und da sie älter ist als ihre Kolleginnen Michelle Wie, Morgan Pressel oder Paula Creamer, war ihre Beförderung in den Chefsessel die logische Konsequenz. Zumal sie 2024 ihre Profikarriere beendete und sich somit ganz auf ihren neuen Job konzentrieren kann.

Diese Unsicherheit führt zu einer ungewöhnlichen Situation, die mal wieder mit einem Umschlag zu tun hat. Doch anders als im Ryder Cup, wo per Briefwahl bestimmt wird, wer im Fall eines verletzten Gegners im eigenen Team aussetzen muss, kommt im Solheim Cup ein solcher nur vor Beginn des Wettkampfs ins Spiel. Stanford wird zwei Namen von Nachrückerinnen in einen Umschlag stecken, die im Fall eines gesundheitlichen Rückziehers vor Start des Turniers einspringen. Ihre Identität wird nur gelüftet, sollte der Ernstfall eintreten.

Spannung ist also nicht nur während des Turniers garantiert, sondern auch in den Tagen zuvor. Vielleicht sehen die üblicherweise zu den USA tendierenden Buchmacher auch deshalb ein spannendes Kopf-an-Kopf-Rennen ohne einen klaren Favoriten voraus. Sollten die Europäerinnen gewinnen, würden sie in der ewigen Bilanz übrigens auf 9 : 11 verkürzen und damit unterstreichen, dass der Solheim Cup zu den spannendsten und spektakulärsten Turnieren im Golfsport gehört - Männer und Frauen zusammengenommen. Wer außer Louise Solheim hätte das vor 36 Jahren gedacht?

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