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Amateur Championship

Mittendrin statt nur dabei

Von Rüdiger Meyer, Fotos: Getty Images, Rüdiger Meyer

Die 131. Amateur Championship brachte einen irischen Volkshelden und einen deutschen Überraschungs-Star hervor. Wir haben uns unter die Zuschauer gemischt und erlebten Spitzensport hautnah.

Für Golf-Fans gibt es Turniere, die eine ganz besondere Faszination ausüben. Traditionalisten besuchen die Open Championship. Wer die beste Stimmung erleben will, feiert beim Ryder Cup die erneute Demütigung der Amerikaner. Und wer Aura-Farming betreiben will, gibt mit einem Besuch des Masters an. Die Amateur Championship steht dagegen bei den wenigsten auf dem Zettel. Warum eigentlich? Das wollten wir bei einem Besuch in Royal Liverpool herausfinden - und haben festgestellt, dass man nirgendwo sonst hochklassigem Golfsport so nahe kommen kann wie beim zweitältesten Golfturnier der Welt.

Dass wir ausgerechnet die 131. Ausgabe der Amateur Championship besuchen, ist kein Zufall, schließlich kehrt das Turnier 2026 an seine Wiege zurück. 1885 organisierte der Royal Liverpool Golf Club ein Match-Play-Event, das für alle Amateure eines offiziell registrierten Golfclubs offen war. In dem noch unausgegorenen Format bedeutete ein Unentschieden nach 18 Löchern, dass beide Spieler eine Runde weiterkamen, was zu zahlreichen Freilosen und einem Halbfinale mit nur drei Teilnehmern führte. Dennoch war das Turnier ein voller Erfolg - was vielleicht auch daran lag, dass das Preisgeld für den Sieger Allan Macfie mit 60 Pfund sechsmal so hoch ausfiel wie bei der Open Championship. Ein Jahr später beschlossen Vertreter von St. Andrews, Prestwick und Royal Liverpool, daraus ein reguläres Event zu machen, das bis zum Zweiten Weltkrieg als eines der vier Majors galt und Namen wie Harold Hilton, John Ball und natürlich Bobby Jones in seinen Siegerlisten führt, der 1930 bei der Amateur Championship den Grundstein für seinen Grand Slam legte.

Knapp 100 Jahre später hat das Prestige des Turniers etwas gelitten, was an seinem ungünstigen Zeitpunkt liegt. Mitte Juni ist die College-Saison in den USA gerade vorbei, weshalb viele junge Amateure wie der Weltranglisten-Erste Jackson Koivun bereits ihren Wechsel ins Profi-Lager vorbereiten. Zudem findet parallel die US Open statt, was dazu führt, dass der beste Junior der Welt Miles Russell nach seiner erfolgreichen Qualifikation für Shinnecock den Flug nach Liverpool wieder absagt. Doch wer glaubt, dass das Turnier dadurch leicht zu gewinnen ist, irrt. Dafür sorgt allein schon der brutale Modus, in dem die Amateur Championship ausgetragen wird. 288 Spieler aus 41 Ländern, darunter 13 Deutsche, messen sich zunächst einmal in zwei Zählspielrunden auf Royal Liverpool sowie im benachbarten West Lancashire Golf Club. Nur die 64 Besten qualifizieren sich im Anschluss für den Match-Play-Modus, wobei bei Schlaggleichheit die letzten Plätze in einem gnadenlosen Stechen vergeben werden. Und so kommt es, dass am Mittwochmorgen das erste Tee von Liverpool zum O.K. Corral wird, nur dass die (Schieß-)Eisen nicht von Wyatt Earp und Doc Holiday geführt werden, sondern unter anderem von Ian Poulters Sohn Luke, dem Vorjahres-Finalisten Gavin Tiernan und dem deutschen Trio Tim Wiedemeyer, Nils-Levi Bock und Emil Riegger. Es dauert nur ein Loch, bis das Shootout beendet ist. Während ausgerechnet die beiden Bestplatzierten des World Amateur Golf Ranking Poulter und Wiedemeyer ihre Wunden lecken müssen, folgen Bock und Riegger ihren Nationalmannschaftskollegen Wolfgang Glawe und Tjelle Rieger in die Runde der besten 64.

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NIRGENDWO SONST KOMMT MAN HOCHKLASSIGEM GOLFSPORT SO NAHE WIE BEIM ZWEITÄLTESTEN GOLFTURNIER.
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Dass jeder 16. Spieler im Match-Play-Feld die deutschen Farben vertritt, kann Bundestrainer Ulrich Eckhardt als echten Erfolg verbuchen, schließlich haben deutsche Spieler in über 140 Jahren Amateur Championship keine große Rolle gespielt. Den größten Erfolg feierte 2000 der heutige Spielerberater Christian Reimbold, als er erst im Finale knapp dem Finnen Mikko Ilonen unterlag. Kein anderer Deutscher hat es auch nur ins Halbfinale geschafft, wobei die letzten Jahre einen Aufwärtstrend zeigten: 2022 und 2024 kam Laurenz Schiergen ins Viertelfinale. Dieser Traum platzt für zwei der Deutschen gleich in der ersten Runde, in der sich die ganze Bandbreite des Feldes zeigt. Während Nils-Levi Bock deutlich das Nachsehen gegen den 19-jährigen Schweden Edwin Askerfors hat, befindet sich Wolfgang Glawes Bezwinger am anderen Ende des Altersspektrums. Der 33-jährige Ire Matthew McClean gewann bereits 2023 die amerikanische Jungsenioren-Meisterschaft und trat im gleichen Jahr beim Masters und bei der US Open an. So übersteht nur das Duo Riegger und Rieger den Mittwoch - und nach einer deutlichen Niederlage gegen den Franzosen Arthur Carlier muss am Donnerstagvormittag auch Tjelle Rieger die Segel streichen.

Die sukzessive Verkleinerung des Feldes führt dazu, dass mit jeder Runde der Zuschauerzuspruch in den einzelnen Matches steigt. Doch wenn man nicht wüsste, dass hier eines der bedeutendsten Amateurturniere der Welt steigt, würde man es nicht vermuten: Es gibt weder Tribünen noch Absperrungen. Stattdessen dürfen die Zuschauer direkt auf dem Fairway neben, vor und hinter den Spielern laufen, was dazu führt, dass man jeden einzelnen Schwung aus direkter Nähe miterleben und jede taktische Besprechung mit den Caddies mithören kann. Es sind Einblicke, die man bei keinem anderen Turnier der Welt bekommt - auch weil sich die Zahl der Offiziellen in Grenzen hält. Neben Starter Mike Lay, der am ersten Tee für die sekundengenaue Einhaltung der Abschlagzeiten sorgt, sind nur einige Referees über den Platz verteilt. Das Gros der Arbeit wird von Freiwilligen aus dem Club verrichtet wie Junioren-Kapitän Alfie Barrick, der in Emil Rieggers Achtelfinal-Match gegen den Engländer Lewy Hayward den Scorer gibt. Er ist neben der offiziellen Webseite und einer Ergebnisleinwand an Loch 7 die einzige Chance, sich über das aktuelle Ergebnis zu informieren, denn ein Boardträger kommt erst ab dem Achtelfinale zum Einsatz. Ab dem Halbfinale wird den letzten beiden Gruppen sogar wie bei der Open Championship ein Zen-Spezialist zur Seite gestellt, der die Bunker harkt.

Im Achtelfinale muss Emil Riegger diesen Job noch selbst verrichten. Der 21-Jährige vom GC Hubbelrath, der aktuell an der University of Maryland studiert, verzichtet bewusst auf einen Caddie, weil er auf dem Platz lieber bei sich bleibt. Dazu passt auch sein kontrolliertes Auftreten. Von außen ist Riegger nicht anzusehen, ob er 3up oder 3down liegt, und auf einen emotionalen Ausbruch bei einem Birdie oder Bogey kann man lange warten. Dass Bundestrainer Eckhardt das Nachwuchstalent nach dem Turnier etwas überschwänglich mit Scottie Scheffler vergleicht, liegt vielleicht auch daran, dass Riegger kühl kalkulierend auf die Runde geht und den vorab erstellten Game-Plan konsequent durchzieht. Dabei kommt ihm im Match gegen Lewis Hayward zugute, dass er als groß gewachsener Longhitter einen klaren Vorteil gegenüber seinem Gegner hat. Während Riegger auf einigen Par 5 das Grün mit zwei langen Eisen erreicht, muss der Marlborough-Mann aus dem Süden Englands den Driver vom Fairway zücken, um mitzuhalten - womit ihm an Loch 3 ein Eagle gelingt.

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Doch weil Hayward auch immer wieder Fehler macht, gerät der Deutsche nie in Rückstand und sieht bereits wie der sichere Sieger aus, als er mit einem Birdie auf der 16 mit zwei Löchern in Führung geht. Selbst als Riegger auf der 17 das einzige No-Go begeht, einen Topfbunker besucht und das Bogey kassiert, gibt es keinen Anlass zur Sorge. Schließlich ist Hayward ein Engländer in einer Art Elfmetersituation - und ballert seinen nächsten Drive so weit aus der Linie, dass ihn alle im übelsten Rough Liverpools vermuten. Stattdessen findet Hayward seinen Ball auf dem Abschlag der 17, spielt das Birdie und erzwingt die Verlängerung. Eine Situation, in der Riegger sein Iceman-Charakter zugutekommt. Obwohl Hayward ihn mit einem guten Abschlag unter Druck setzt, bleibt der Deutsche bei seiner Strategie und spielt ein souveränes Par, während der Engländer das Up and Down verpasst. Der Einzug unter die letzten acht ist gesichert - und wieder wartet ein Engländer. Anders als Hayward ist Sam Easterbrook allerdings ein Longhitter, sodass das Viertelfinale zu einer Art Schwergewichtsduell wird, in dem sich die Kontrahenten ihre Drives um die Ohren hauen wie einst Joe Frazier und Muhammad Ali ihre Geraden und Haken.

Mit drei Birdies und einem Eagle setzt der 20-jährige Easterbrook bei auffrischendem Wind eine Marke, die gegen vier der anderen sechs Gegner zum Einzug ins Halbfinale gereicht hätte. Doch Riegger hat einen absoluten Traumtag erwischt, spielt die Bahnen 5 bis 17 in fünf unter Par und setzt auf der 18 das i-Tüpfelchen, als sein Annäherungsschlag die Fahne trifft. Die Freude darüber, als zweiter Deutscher überhaupt im Halbfinale zu sein, ist groß, dennoch hat das Mammutprogramm auch bei ihm Spuren hinterlassen. "Es ist schon anstrengend. Ich war ja am Mittwoch auch noch um sechs Uhr morgens im Play-off", gibt er uns nach der Runde Einblick in seine Verfassung.

109 Löcher hat er in den letzten 96 Stunden gespielt, weswegen er nach einer kurzen Mittagspause doch noch Bundestrainer Eckhardt als moralische und körperliche Unterstützung als Caddie an seine Seite holt. Er ist nicht das einzige vertraute Gesicht, das uns begegnet. Unser neuer Freund Alfie Barrick ist zurück und trägt das Scoreboard. Rieggers Gegner Matt Moloney von der University of Georgia hat sich indes die Caddie-Dienste seines in Runde 2 ausgeschiedenen Teamkollegen James Earle gesichert.

Dass es für die Spitzen-Amateure überhaupt möglich ist, zwei Runden an einem Tag zu spielen, liegt daran, dass sie erfrischend schnell sind - offenbar bekommt man erst mit dem Wechsel ins Profi-Lager Schlaftabletten verabreicht. Selbst wenn die Matches über 18 Löcher gehen, dauern sie in der Regel nicht einmal dreieinhalb Stunden. Mit einer Ausnahme: Das zweite Halbfinale zwischen dem Iren Stuart Grehan und dem Esten Richard Teder ist schnell drei Bahnen im Rückstand. Als wir uns zurückfallen lassen, ist der Schuldige schnell ausgemacht. Nicht nur, dass Teder auf den Grüns das Lesetempo eines Erstklässlers hat, er hat dazu noch die Zündschnur eines HB-Männchens, weshalb schlussendlich ganz Royal Liverpool erleichtert aufatmet, als sich Grehan auf dem 17. Grün durchsetzt.

Amateur Championship: Erhöhte Schwierigkeit: Windhose im Bunker (l.). Umkämpftes Finale im Vorlesewettbewerb (r.)Amateur Championship: Erhöhte Schwierigkeit: Windhose im Bunker (l.). Umkämpftes Finale im Vorlesewettbewerb (r.)
Erhöhte Schwierigkeit: Windhose im Bunker (l.). Umkämpftes Finale im Vorlesewettbewerb (r.)
Für Emil Riegger geht es dagegen erneut bis zum bitteren Ende, weil Moloney alles locht, was zu lochen ist, und der Deutsche selbst beste Chancen auslässt. Symptomatisch dafür wird die Bahn 13, als Moloney seinen zweiten Schlag derart verzieht, dass er im Topfbunker der dahinter liegenden Bahn 2 endet. Obwohl er von dort nur ins Rough ablegen kann, rettet er das Par, während Riegger ein routinemäßiges Up and Down zum Birdie verpasst. Es ist der entscheidende Fehler in einem hart umkämpften Match, das Moloney mit einem Par an der 18 einsackt. Für Riegger war es dennoch ein "cooles Event" und der bisher größte Erfolg seiner gerade erst in den Anfängen liegenden Karriere.

Davon kann bei Moloneys Finalgegner keine Rede sein, denn Stuart Grehan hat schon ein halbes Golfer-Leben hinter sich. Im Oktober 2017 wurde er Profi, schleppte sich sieben Jahre lang über die Mini-Touren Europas und schaffte bei 26 Starts auf der Challenge Tour gerade mal ein Top-Ten-Resultat. Als sein Sohn Kai geboren wurde, hatte der 33-Jährige genug vom unsteten Leben eines Tour-Pros, schulte zum Finanzberater um und ließ sich reamateurisieren. Sein Ziel: die Teilnahme am Walker Cup, die ihm 2017 durch einen Armbruch verwehrt blieb. Obwohl Grehan den diesjährigen Kontinentalwettstreit in seiner irischen Heimat ins Auge fasste, schaffte er es schon 2025 ins britisch-irische Team.

Doch in Lahinch will er im September nach elf Jahren den Walker Cup zurück auf die Inseln holen, denn dass Links-Golf seine eigentliche Stärke ist, kann nach dem Finaltag auch Matt Moloney bestätigen. Zwar geht der Amerikaner schnell in Führung, da Grehan zu Beginn "jeden verdammten Bunker" trifft, wie er gegenüber Schwiegervater und Caddie Dan lamentiert. Doch Grehan profitiert davon, dass das Finale über 36 Löcher geht. Während Moloney am Nachmittag einen kapitalen Doppel-Bogey-Bogey-Fehlstart hinlegt, findet der Ire zu seiner Stärke zurück und setzt mit einem Eagle an der 8 den entscheidenden Nadelstich. Zwar muss Grehan noch bis zum letzten Loch zittern, aber auf dem 36. Grün legt er den Birdie-Putt so nah ans Loch, dass Moloney die Kappe zieht und seinem 13 Jahre älteren Gegner zum Sieg gratuliert.

Der Jubelsturm bei den extra angereisten Mitgliedern aus Grehans Heimatclub County Louth folgt auf dem Fuß. "Mein Chef ist hergereist, meine Trainer sind gekommen und auch meine Familie war da. Die Unterstützung war einfach überwältigend", gibt sich der Ire nach der Runde begeistert und lädt im Clubhaus zu einem Selfie, das - was Anzahl und Begeisterung angeht - sogar das legendäre Oscar-Selfie von Ellen DeGeneres in den Schatten stellt. Es ist das finale Beweisstück, dass die Amateur Championship in puncto Zuschauernähe jedes andere Golf-Event in die Schranken weist.

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