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US Open 2024

The Place beyond the Pines

Von Rüdiger Meyer, Fotos: Getty Images, Pinehurst Resort

Nach zehn Jahren kehrt die US Open zurück nach North Carolina. Die deutsche Course-Designerin Angela Moser ist dank ihres neuesten Golfplatzes untrennbar mit Pinehurst verbunden und verrät, was den Ort und das diesjährige Turnier so besonders macht.

Pinehurst ist ein gutes Pflaster für Deutschland. Unvergessen, wie Martin Kaymer bei der US Open 2014 die Weltelite in Grund und Boden spielte. Aber auch einige Landsleute erlebten bei den bisherigen US-Open-Austragungen auf dem legendären No.-2-Kurs von Donald Ross Sternstunden. 1999 erreichte Sven Strüver mit Platz 32 ebenso das beste Major-Ergebnis seiner Karriere wie Marcel Siem mit Platz zwölf im Kaymer-Jahr. Gute Voraussetzungen also für Quasi-Titelverteidiger Kaymer, Deutschlands aktuell besten Golfer Stephan Jäger und Bernhard Langer, der nach 19 Jahren zum ersten Mal wieder für eine US Open qualifiziert ist. Seine letzte? 2005 in Pinehurst, als er 33. wurde. Doch vor unseren diesjährigen Teilnehmern hat bereits eine andere die deutsche Flagge in den Sandboden von North Carolina gebohrt: Angela Moser.

Die 39-jährige Golfplatzarchitektin, die seit vielen Jahren mit Renaissance Golf Design arbeitet, durfte als ausführende Architektin Pinehurst No. 10 bauen. Der erste neue Golfplatz, den das Resort in knapp 30 Jahren bauen ließ, bringt die Augsburgerin und vor allem ihren Chef Tom Doak in eine Linie mit Jack Nicklaus (Pinehurst No. 9), Rios Olympiaplatz-Designer Gil Hanse (Pinehurst No. 4) und natürlich Donald J. Ross, der 1907 mit dem meisterhaften No. 2 den Grundstein für das Resort legte. Einem Platz, den er in seinen eigenen Worten einmal "der fairste Test für Meisterschafts-Golfer ist, den ich je gestaltet habe" titulierte. Eine Einschätzung, die auch mehr als 100 Jahre später noch Bestand hat, wie uns Angela Moser bestätigt. "Der Golfplatz verteidigt sich meist durch die Grüns. Es gibt einige Fahnenpositionen, um die es nur wenig Platz zum Landen des Balls gibt. Und da kommt es ein bisschen drauf an, wie dein Course Management ist, denn es macht einen Riesenunterschied, von wo du das Grün anspielst und ob du ein Wedge in der Hand hältst oder ein Eisen 6."

Dabei ist der heutige Platz untypisch für eine US Open. Für gewöhnlich verhindert die United States Golf Association (USGA) mit kniehohem Rough, dass die Profis das Turnier unter Par beenden. Auch in Pinehurst wurde 1999 und 2005 auf diese Maxime gesetzt. Als Payne Stewart und der Neuseeländer Michael Campbell ihre US-Open-Trophäen in die Höhe stemmten, war No. 2 grüner als der Hulk.

US Open 2024: Legende: Die Menge huldigt dem Kapitän der Cleeks (l.)US Open 2024: Legende: Die Menge huldigt dem Kapitän der Cleeks (l.)
Legende: Die Menge huldigt dem Kapitän der Cleeks (l.)

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DIE DIESJÄHRIGE US OPEN WIRD VOR ALLEM IM KOPF GEWONNEN, DA AUF PINEHURST NO. 2 SCHLÄGE BUCHSTÄBLICH IN DIE BINSEN GEHEN KÖNNEN.
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Doch 2011 versetzte der Club das Schmuckstück in den Originalzustand zurück - mit breiteren Fairways und ohne Rough. Stattdessen haben sich blühende Wildpflanzen ihren natürlichen Platz auf dem offenen Boden zurückgeholt. Vor allem aber stechen die mehr als 200.000 Rispengrasbüschel ins Auge, die in der sandigen Landschaft North Carolinas wachsen. Und dennoch: Außer bei Kaymer zeigte Pinehurst No. 2 auch 2014 seine Zähne und wurde nicht etwa eine Bomberwiese. Stattdessen bescheinigten alle Beteiligten dem Platz, der eine Woche später auch die US Women's Open erfolgreich ausrichtete, so große Qualitäten, dass die USGA Pinehurst No. 2 zur ersten "Anchor Site" für die US Open machte und damit eine Rückkehr alle fünf, sechs Jahre garantiert.

Eine verständliche Entscheidung, denn man kann sagen, dass das golferische Herz Amerikas in Pinehurst schlägt. Weit bevor es Bandon Dunes, Streamsong und Co. gab, gründete Softdrink-Magnat James Walker Tufts mit Pinehurst ein Golf-Mekka. "Die Stadt hat ihren ganz eigenen Charme", fasst Angela Moser den Reiz ihrer elfmonatigen Wahlheimat zusammen. "Ganz viel trägt dazu bei, wie Pinehurst gebaut worden ist. Die Olmsted Brothers, die auch den Central Park in New York gestaltet haben, haben eine für amerikanische Verhältnisse ungewöhnliche Stadt konzipiert. Alle Straßen sind geschwungen, man kann total schön spazieren gehen."

Ein Besuch des abseits der US Open gerade einmal 17.000 Einwohner zählenden Pinehurst ist daher auch ein bisschen, als wäre man mit Marty McFly und seinem DeLorean in die Vergangenheit gereist - und der Golfsport dient dabei als Flux-Kompensator.

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Neben dem Pinehurst Resort gibt es in direkter Umgebung viele andere exzellente Plätze wie den exzentrischen Tobacco Road, Dormie Club oder Southern Pines und Mid Pines. Und so ist es nur passend, dass pünktlich zur US Open die 1998 nach Florida abgewanderte World Golf Hall of Fame nach Pinehurst zurückkehrt. Auch der Bau von Pinehurst No. 10, das den Grundstein für eine auf viele Jahre und mehrere Plätze angelegte Resort-Erweiterung namens Pinehurst Sandmines legt, wurde mit Hinblick auf die US Open konzipiert und stand dementsprechend im Fokus der Öffentlichkeit, wie sich Moser schmunzelnd erinnert: "Dadurch dass Pinehurst so bekannt ist, waren auf einmal ganz viele Menschen auf der Baustelle. Sonntags sind die Leute regelrecht hingepilgert und jeder hat versucht, einen Blick zu erhaschen. Pinehurst lebt Golf, atmet Golf - es ist unglaublich."

Das soll sich auch in den Zuschauerzahlen widerspiegeln. Nachdem bei der letztjährigen US Open im Los Angeles Country Club täglich 22.000 Zuschauer auf der Anlage waren, rechnet USGA Managing Director Reg Jones für Pinehurst mit doppelt so viel Interesse.

Damit der Platz Fans und Spielern einen würdigen Rahmen bieten kann, wurde "bereits 2023 zusätzlich aerifiziert. Teilweise haben sie sogar den Platz geschlossen, um alles in Schuss zu bringen", erinnert sich Angela Moser. Für die Single-Handicapperin wird die diesjährige US Open vor allem im Kopf entschieden, da auf Pinehurst No. 2 Schläge buchstäblich in die Binsen gehen können: "Ganz wichtig ist, dass du im Spiel bleibst. Man kann mit der Lage in den Binsengräsern auch richtig Pech haben. Und dann kommt es darauf an, wie man die Grüns anspielt. Da geht es darum, nüchtern abzuwägen: Greife ich jetzt die Fahne an oder lege ich ab - und wenn ja, wo? Wenn man irgendwo an der falschen Seite das Grün verpasst, viel Glück!"

Der Grund dafür sind die von Donald Ross präferierten Turtleback Greens in der Form eines Schildkrötenpanzers. Dass ein Schlag, der nur wenige Zentimeter die Perfektion verpasst, so böse bestraft werden kann, mögen einige als unfair empfinden, für Moser ist es jedoch ein Kennzeichen ihrer Profession: "Es ist gute Golfplatzarchitektur, wenn der Golfer überlegen muss, welche Schläge er im Repertoire hat und wie er dieses Loch mit den eigenen Möglichkeiten am besten spielt." Abgesehen von der Tagesform sollten daher starke Eisenspieler und echte Könner ums Grün favorisiert sein. Ein Blick in die aktuellen Statistiken der PGA Tour fördert dabei einen wenig überraschenden Favoriten zutage: Auch hier wird der Sieg wieder nur über Scottie Scheffler führen.

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ANGELA MOSER

INTERVIEW

Wie lange hast du in Pinehurst gelebt?
Das kann ich dir genau sagen. Ich habe mein Visumsantrag eingereicht und am 16. Januar 2023 die Nachricht bekommen, dass ich meinen Pass wieder abholen kann. Meine Mutter hat mich dann direkt zum Flughafen gefahren und ich habe den nächsten Flieger nach Pinehurst genommen, wo ich die nächsten elf Monate gelebt und gearbeitet habe.

Du warst bei diesem Projekt Lead Design Associate. Was heißt das?
Ich manage die Baustelle und fungiere als eine Art Schnittstelle für Tom Doak, weil ich seine Vorstellungen von den Bunkern und Grünkomplexen kenne. Im Prinzip bin ich so etwas wie die Bauleiterin, wobei es auch auf Seiten von Pinehurst und dem Bauunternehmen entsprechende Verantwortliche gab.

Konntest du trotzdem auch weiterhin als Shaperin tätig sein?
Normalerweise müsste ich nicht so viel auf der Maschine sitzen, aber das macht ja auch Spaß. Für mich war es besonders schön, genügend Zeit zu finden, um Grün 17 zu bauen. Das ist das einzige Grün, das ich zu 100 Prozent allein gebaut habe. Wenn alle abends fix und fertig nach Hause gegangen sind, habe ich noch zwei Stunden die Ruhe genossen und meine Kreativität ausgelebt. Nach der 17 kam so viel Zeitdruck, dass das nicht mehr möglich war.

Das klingt nach Stress pur...
Das war wirklich krass. Ich habe versucht, es mir nicht anmerken zu lassen, aber natürlich habe ich den Druck gespürt. Wenn man jeden Tag so viel Golf-Historie lebt, will man auch den bestmöglichen Job machen. Gerade zusätzlich wenn Pinehurst darauf hinweist, dass man die erste Golfplatzarchitektin ist, die mit dem Resort auf die eine oder andere Weise in Verbindung gebracht wird.

Wie habt ihr es geschafft, den Platz so schnell fertigzukriegen?
Das ist ja ein ganz anderes Klima als hier in Deutschland, wo man auf Wachstumsphasen warten muss. In Pinehurst konnten wir jederzeit Bermudagras-Soden legen, die schön zusammenwachsen und fast sofort gemäht werden müssen. Mit Kaltwetter-Rasen wie Fescue wäre das nicht möglich, das braucht Minimum ein Jahr, um richtig einzuwachsen.

Was war besonders an diesem Gelände?
Das Land hat eine bewegte Geschichte. Loch 8 war Teil einer kleinen Sandmine, dort gibt es Hügel, Kämme und spannende Erdbewegungen. Dazu hat man inzwischen auch richtig große Kiefern auf dem Gelände, das ist richtig cool. Später war es mal eine Pfirsichplantage, weswegen wir zwei Teiche haben. Und dann hatten wir noch vier Bahnen eines alten Golfplatzes namens The Pit. Das Gelände wirkte durch all diese Elemente etwas zerrissen und wir wollten die Landschaft wieder zusammenfügen. Eine spezielle Herausforderung stellte dazu eine Gasleitung dar. Wir mussten für das schwere Gerät mehrere Brücken bauen, das macht einem schon Sorgen. Denn was passiert, wenn die hochgeht?

Wie kam es, dass dieser Golfplatz The Pit so lange brach lag?
Pinehurst hat das Gelände damals mit der Absicht gekauft, unmittelbar zwei Plätze zu bauen. Sie hatten sogar schon Bäume gefällt, aber dann kam 9/11 und es wurde nie realisiert. Als sie jetzt 20 Jahre später einen neuen Anlauf gestartet haben, sind wir da quasi reingerutscht, weil Tom Doak gerade Zeit hatte und ich in Neuseeland fertig war.

Wie arbeitest du mit Tom Doak im Team?
Tom ist klar der Hauptarchitekt und alle wichtigen Entscheidungen werden mit ihm abgeklärt. Vieles, was in die Kategorie Organisierung fällt, ist für ihn aber nicht so wichtig beziehungsweise wird von mir übernommen. Für mich sind das wertvolle Erfahrungen, die ich in meine eigenen Projekte mitnehme. Pinehurst war von Anfang an etwas unüblich. Tom hatte das Routing für No. 10 bereits fertig, als wir im Dezember 2022 unser erstes Vorort-Gespräch führten. Man geht gemeinsam über den Platz, bespricht, mit welchen Bahnen angefangen wird und welche Art von Bunkern oder Grüns wir uns vorstellen. Im Großen und Ganzen sind wir ein eingespieltes Team. Die 17 hat er ohne Änderung genehmigt und das Grün der 14 hat er selber modelliert, während ich die Bunker gebaut habe. Kurz gefasst: Ob Routing, Pläne, grobe Erdmodellierung oder Feinarbeiten, man deckt so ziemlich alles ab und springt eben dort ein, wo gerade Not am Mann ist.

Für Laien ist der Arbeitsaufwand schwer abschätzbar. Wie lange braucht ihr etwa für ein Grün? Tage, Wochen, Monate?
Die Hauptfrage, die wir uns stellen, ist immer: Wie kann ich das möglichst natürlich bauen? Es geht ja nicht darum, das Rad neu zu erfinden. Es gibt einen guten Grund, warum Tom diese Location für das Grün ausgewählt hat, und ganz oft muss man da gar nicht viel machen. Einige unserer Grüns waren bereits in einer halben Stunde fertig geformt und sind gerade deshalb besser.

Was hast du bei diesem Projekt Neues über dich und Golfarchitektur gelernt?
Über mich habe ich gelernt, wie ich meine Zeit besser manage und dass ich auch Grenzen setzen muss. Das habe ich allerdings nur in Hinblick auf Medienanfragen umgesetzt. Und was Golfplatzarchitektur betrifft, vergleiche ich es gerne mit klassischer Musik: Für mich ist das Routing wie eine Sinfonie. Jeder Satz ist etwas anders, besteht aus anderen Tonarten oder Instrumenten, die mit Höhen und ruhigen Phasen das Werk so einzigartig machen und ein gewisses Gefühl erzeugen. Ein richtig gesetzter Paukenschlag kann die Dramatik erhöhen. Am Ende ist es aber das Gesamtwerk und nicht eine einzelne Note, die das Stück auszeichnet. Ganz ähnlich ist es auf dem Golfplatz. Es ist wichtig, dass man nicht immer den gleichen Schlag ins Grün spielt, dass das Grün nicht immer in die gleiche Richtung fällt und die Bunker nicht jedes Mal gleich platziert sind. Dieses Bedienen von anderen Geschmacksnoten ist uns sehr wichtig. Was Einzigartigkeit der Bahnen, Vielfalt, Abwechslung und Harmonie für einen guten Golfplatz bedeuten, habe ich in Pinehurst einmal mehr gelernt.

Was sind die Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen eurem Platz No. 10 und dem berühmten No. 2?
Wir haben uns bei den meisten Bahnen dem offenen Sandboden-Wiregrass-Look von Pinehurst No. 2 angeschlossen. Ein Riesenunterschied ist die Topografie: No. 10 hat einen wahnsinnigen Höhenunterschied. Man hat dadurch unglaubliche Ausblicke. Anders als No. 2, das mitten in Pinehurst sitzt, ist No. 10 mitten im Nirgendwo, also hat man natürlich auch mehr Tierwelt. Wir haben im Moment sogar eine Weißkopfseeadler-Familie. Ansonsten sind wir etwas länger. No. 10 ist ein Par 70 mit offiziell bis zu 6.400 Metern, das man theoretisch auch auf fast 6.600 strecken kann. No. 2 hat im normalen Spielbetrieb auch 6.400 Meter, aber als Par 72.

Du hast euren neuen Platz ja schon öfter gespielt. Hat sich die Golferin Angela Moser schon über die Architektin Angela Moser geärgert?
Natürlich, aber meistens bringt es mich zum Schmunzeln. Auch wenn ich einen fremden Golfplatz spiele und die Gefahr sehe, nehme ich die Herausforderung gerne an. Das macht mir eigentlich am meisten Spaß.

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