Verantwortlich dafür ist Michael Fischer. 2019 hatte er gemeinsam mit Martin Eulgem die Idee, das Allgäu mit einer ganz besonderen Turnierserie als Golf-Destination zu etablieren. Wie beim großen Wintersport-Vorbild sollten Teilnehmer auf vier verschiedenen Golfplätzen im Allgäu spielen. Als ARD-Kommentator Tom Bartels das Event vor Jahren während der Vierschanzentournee erwähnte, hatte ich sofort ein Foto vor meinem geistigen Auge: ich mit einem Golfbag auf dem Bakken der Schattenbergschanze sitzend. Zum damaligen Zeitpunkt hatte ich jedoch noch keine Ahnung, dass die Bonus-Attraktion des Turniers bereits ein Nearest-to-the-Pin-Wettbewerb vom Schanzentisch war - und zwar des großen Bruders.
Während ich die Heini-Klopfer-Schanze hinaufschaue, zweifle ich langsam an meiner Idee. Nicht nur, weil es schon vom Schanzentisch bis zur im Auslauf steckenden Fahne 295 Meter sind, wie mir Michael Fischer - der sich angesichts dieses Events eigentlich analog zum einstigen "1, 2 oder 3"-Moderator in Michael Schanze umbenennen sollte - erzählt. Auch habe ich in den letzten Jahren eine leichte Form von Höhenangst entwickelt. Da trifft es sich gut, dass ich im Gewimmel der Teilnehmer ein vertrautes Gesicht sehe: Wolfgang. Im letzten Jahr hatte ich den Sales Specialist von Garmin auf einem Marketing-Event getroffen. Wie ich ist er beruflich hier. Garmin ist als Sponsor des Schanzen-Shots unterwegs und zeichnet mit dem Launch-Monitor Approach R50 die Schläge der Teilnehmer und Teilnehmerinnen auf, um ihnen ein Gefühl für die Länge und Richtung ihrer Schläge zu geben. Schließlich verliert man von dort oben jegliches Gefühl für Distanzen. Nach einer kurzen Begrüßung erzähle ich Wolfgang von meiner Fotoidee und leite das Gespräch ganz vorsichtig auf mein eigentliches Anliegen: irgendwie aus der Nummer mit dem Bakken herauszukommen. "Wolfgang, mir ist gerade aufgefallen, dass ich nicht gleichzeitig auf dem Bakken sitzen und den Auslöser meiner Kamera drücken kann. Würdest du, wenn du den Launch-Monitor wieder abgebaut hast, mit mir nach oben fahren und mich unterstützen?" Als er zusagt, starte ich Stufe zwei meines Plans. Ich lasse die Bedienung meiner Kamera in der Erklärung so kompliziert aussehen, dass er von sich aus vorschlägt, das Fotomodell zu geben. Hätte ich eine Zigarre dabei, würde ich wie Hannibal Smith darauf herumkauen und triumphieren: "Ich liebe es, wenn ein Plan funktioniert."


»DER BALL IST AUF DER TRIBÜNE GELANDET. DEN KÖNNEN WIR MESSEN.«
In sieben Jahren hat es niemand näher als 2,72 Meter zur Fahne geschafft. Die Frage nach dem richtigen Schläger stellt sich dabei nicht. Bei dieser Distanz heißt es Augen zu und Driver raus, denn selbst zu lange Schläge können von der Steinwand hinter dem Auslauf zurück und ins Ziel springen.
Als ich an der Reihe bin, ist mein einziges Ziel, den Ball möglichst gerade zu schlagen. Viel fehlt nicht. Als der Ball in den Himmel steigt, sehe ich, wie er nach links driftet. Ein Blick auf den Approach R50 von Garmin zeigt: Ein offenes Schlägerblatt hat zu einer Launch Direction von 1,5° nach links geführt. Was der R50 allerdings nicht weiß: Auch der Wind kommt von links und sorgt dank der exponierten Lage dafür, dass meine Streuung im Rahmen bleibt. "Der Ball ist auf der Tribüne gelandet. Den können wir messen", tönt es aus Michaels Funkgerät. Am Ende sind es 30 Meter vorbei am Macan.
Der ernste Teil der Vierplätzetournee beginnt für mich nur wenige Hundert Meter entfernt im Golfclub Oberstdorf. Bereits im Vorfeld hatte mir Vierplätzetournee-Veteran Steffen verraten, dass der von Donald Harradine auf engstem Raum errichtete Neunlochplatz nicht gerade sein Favorit sei. Ich verstehe schnell warum. Bahn 7, die während des Turniers als Loch 3 gespielt wird, schlängelt sich in einem schmalen S am Waldrand entlang. Auf Bahn 9 toppe ich meinen zweiten Schlag mitten in eine hübsche Holzhütte, die zwischen zwei Fairways steht, und unser letztes Loch, die eigentliche Bahn 4, benötigt einen Drive, an dem bereits viele Mitglieder und noch mehr Greenfeegäste verzweifelt sind. Schließlich fällt das Fairway des Par 4 steil nach rechts ab. Stoppt der Ball nicht, rollt er ins Aus. Wie gut, dass ich mir um Fairway-Treffer keine Sorgen machen muss, denn an diesem Tag läuft wenig zusammen.

Meine Runde im Golf Resort Sonnenalp-Oberallgäu wird dabei fast zum Desaster. Als notorischer Kaltstarter komme ich 15 Minuten vor meiner Tee-Time ins Clubhaus - und erfahre, dass ich am falschen Ort bin. Denn das Resort besteht aus zwei verschiedenen Plätzen, die nicht direkt nebeneinander liegen. Ich bin zum Golfplatz Sonnenalp gefahren, gespielt wird aber in Oberallgäu. Über einspurige Straßen husche ich schnell rüber und scheine es gerade noch pünktlich zu schaffen - bis ich sehe, wo sich der erste Abschlag befindet. Vom Clubhaus eile ich einen so steilen Aufstieg hinauf, dass meine Lunge brennt, als sei ich Kettenraucher.
Der Platz selber hat sonst keinen so starken Anstieg mehr, führt aber trotzdem über anspruchsvolles Gelände, dessen größter Test überraschenderweise die vier Par 5 sind, die auf der Scorekarte mit Handicap 2, 3, 6 und 11 geführt werden. Dabei muss auf Bahn 3 der zweite Schlag über eine Wiese gespielt werden; die bergauf und im harten Dogleg nach links führende Bahn 5 trägt nicht ohne Grund den Namen "Waldschneise" und auf der 15 wird der zweite Schlag blind auf ein tiefer liegendes Fairway gespielt. Lediglich am Par 4 der Bahn 7, das nicht ohne Grund "Grand Canyon" heißt, muss eine noch tiefere Schlucht überwunden werden.


Deren letzter Platz ist für mich der Allgäuer Land- und Golfclub in Ottobeuren. Die Kleinstadt südöstlich von Memmingen ist vor allem durch ihr Benediktinerkloster bekannt, das von den Front Nine des Platzes fast immer im Blick ist. Aber auch der Golfplatz ist eine Pilgerreise wert, allein schon wegen des sensationellen Pflegezustands. Natürlich hat der Zustand der Grüns im Mai auch immer etwas mit Glück zu tun. Aber wenn man wie ich in einer Runde in sieben Grünbunkern landet und jedes Mal die gleichen perfekten Bedingungen vorfindet, ist dies ein großes Gütesiegel für das Greenkeeping-Team.
Der Platz selber ist abwechslungsreich, fair und optisch reizvoll gestaltet. Obwohl der Club sich den Verbund zwischen Golf und Natur auf die Fahne geschrieben hat, was man an den vielen Blumenwiesen sieht, die verirrte Drives schlucken, war man doch klug genug, den Wald nicht einfach willkürlich wuchern zu lassen. Stattdessen stechen wie an Bahn 3 einzelne, optisch reizvolle Bäume hervor. Wenn man etwas bemäkeln möchte an dem ebenso ansprechenden wie anspruchsvollen Platz, der aufgrund kleiner Grüns ein gutes Eisenspiel verlangt, sind es Fairway-Bunker an Stellen, wo der Weg ins Grün ohnehin durch Bäume versperrt ist. Zudem wirken die gedrängten letzten drei Bahnen als sei das Gelände ausgegangen. Doch das zu kritisieren wäre in etwa so, als würde man bei einem Skiflug-Weltrekord die fehlende Telemark-Landung bemängeln.



