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Challenge

Ein Mann sieht rot

Von Rüdiger Meyer, Fotos: Stefan von Stengel

Haben Frauen einen unfairen Vorteil, weil ihre Abschläge zu weit vorne sind? Wir haben auf dem WINSTONlinks die Probe aufs Exempel gemacht und eine Frau und einen Mann im Match Play von Rot gegeneinander antreten lassen.

Machen wir uns nichts vor: Viele Männer halten die sogenannten Damenabschläge für einen Witz. Sie holen sich bei Scramble-Turnieren eine Dame ins Team, weil sie an einigen Bahnen dadurch 80 bis 100 Meter an Länge einsparen, und wenn Bryson DeChambeau sich auf die roten Tees stellt, ist sein Ziel nicht, unter 60 zu spielen, sondern gleich unter 50. Dieses Vorurteil kulminierte in den Online-Reaktionen auf Linn Grants Siege beim Scandinavian Masters 2022 und 2024, das als Mixed Event von verschiedenen Teeboxen ausgetragen wurde. Als die Schwedin 2024 Landsmann Henrik Stenson neun Schläge hinter sich ließ, wurde im Internet nicht etwa ihre überragende Leistung gelobt, sondern behauptet, sie habe einen unfairen Vorteil gehabt. Dass die zweitbeste Dame auf Platz 15 landete und doppelt so viele Männer wie Frauen den Sprung ins Wochenende schafften, passte zwar nicht ins Narrativ, aber für so etwas sind Trolle bekanntlich nicht empfänglich. Doch wie groß ist der Vorteil der roten Tees wirklich? Um dies herauszufinden, haben wir bei WINSTONgolf in Mecklenburg-Vorpommern die Probe aufs Exempel gemacht und ein Mano-a-Mano-Match angesetzt, oder besser gesagt Mano-a-Womano.

Dass wir uns für den WINSTONlinks entschieden haben, ist kein Zufall. Der von David Krause gestaltete Platz gehört zum einen zu den anspruchsvollsten in Deutschland. Zum anderen hat man hier erkannt, dass vordere Abschläge nicht nur für Damen eine sinnvolle Sache sind. Auf 16 der 18 Bahnen sind die blauen Tees parallel gesteckt, sodass diese Boxen sowohl für Herren wie auch für Damen geratet und dabei für Bogey-Golfer vergleichbar anspruchsvoll sind: die besten Voraussetzungen für ein geschlechterübergreifendes Match Play. Doch wer genau sollte antreten? Auf Herrenseite stelle ich mich persönlich zur Verfügung - auch um ein Trauma zu überwinden. Im jugendlichen Leichtsinn spielte ich kurz nach der Eröffnung des WINSTONlinks 2011 den Platz bei starkem Wind von Weiß und wurde böse verprügelt. Und auch als ich mich vor zwei Jahren an den gelben Tees versuchte, war der Score wie die Rechnung für das anschließende Schöntrinken des Ergebnisses: dreistellig. Die Aussicht, von Rot einfach eine gehörige Portion Spaß an der Runde zu haben, klang deshalb umso verlockender. Alles, was noch fehlte, war eine Gegnerin mit einem vergleichbaren Handicap für meine 12,1 und einer ähnlichen Neugier für ein solches Experiment. Auftritt Clara Hartmann.

Challenge:

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ICH WAR AM ERSTEN ABSCHLAG UNGLAUBLICH NERVÖS, DESHALB SPIELE ICH AUCH UNGERN TURNIERE.
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Die 24-Jährige ist angehende Ärztin und hat im Zuge ihrer klinischen Ausbildung bei den Schweriner Helios Kliniken Vorbeck zu ihrer golferischen Heimat gemacht. Der WINSTONlinks ist für sie allerdings auch fast Neuland, da sie den Großteil ihrer Runden auf dem Schwesterplatz spielt. Mit Handicap 11 und einem satten 200-Meter-Drive ist sie die ideale Protagonistin für unser Experiment. Und als sie hört, dass ich den wahnwitzigen Plan habe, an allen Par 4 und Par 5 den Driver zu zücken, verzichtet sie sogar auf die fünf Vorgabeschläge, die ihr laut Handicap-Tabelle zustehen würden. Unabhängig vom Ergebnis ist ohnehin schon jetzt klar: Diese Runde wird unvergesslich, denn um 20 Uhr wird der Mond die Sonne zu 85 Prozent bedecken und für eine partielle Sonnenfinsternis sorgen. Antike Kulturen sahen dies als Unglückszeichen an. Ob dies an diesem Tag für Clara oder für mich gelten wird, muss sich erst noch zeigen.

Als wir am ersten Tee stehen, ist von dem bevorstehenden Naturphänomen noch nichts zu sehen. Die Sonne brennt regelrecht auf uns ein, als ich meinen Ball auftee. Dass ich mir dreisterweise die Ehre schnappe, hat dabei nichts mit männlicher Eitelkeit zu tun, sondern war Claras ausdrücklicher Wunsch. Den Grund dafür verrät sie mir nach der Runde: "Ich war am ersten Abschlag unglaublich nervös, deshalb spiele ich auch ungern Turniere." Dass ich meinen ersten Drive perfekt das von Rot sehr einladende Fairway runterjage, kann für Claras Nervosität alles andere als förderlich gewesen sein. Umso beeindruckender, was direkt danach folgt. Mit einem leichten Draw kommt ihr Ball in der rechten Hälfte des Fairways auf und lässt meinen Abschlag zehn Meter kurz. Als sie auf dem Grün auch noch souverän einen Vier-Meter-Putt zum Par locht und die erste Bahn für sich entscheidet, ist eine Sache klar. Das hier wird ein Match auf Augenhöhe - wenn ich mich die nächsten Löcher steigere.

Challenge: WINSTONlinks: ein echtes Bootcamp für den Sensenmann (l.). Olympia kann kommen: als Fahnenträgerin überzeugendChallenge: WINSTONlinks: ein echtes Bootcamp für den Sensenmann (l.). Olympia kann kommen: als Fahnenträgerin überzeugend
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Nachdem wir Bahn zwei souverän geteilt haben, wird an der 3 das erste Mal meine Driver-Strategie getestet, denn die 60 Meter weiter vorne liegenden roten Tees erweisen sich nicht als Vorteil. Von Gelb ist das Par 5 eine simple Sache: den Drive in die breite, tiefer liegende Landezone legen, den zweiten Schlag ins 45° nach links abknickende Fairway und danach das erhöhte Grün angreifen. Von Rot sieht die Sache anders aus, denn nach 185 Metern lauern Hecken. Es gibt zwei Optionen: entweder ein langes Eisen zücken und damit den Längenvorteil wieder aufgeben oder Hit and Hope mit dem Driver. Ich entscheide mich für Letzteres, treffe tatsächlich den Flaschenhals und gleiche das Match mit einem Par wieder aus. Als ich an der 4 dieselbe Strategie wähle, bleibt mein Fade dummerweise aus. Während ich von Gelb über meinen geraden Drive in Jubel ausgebrochen wäre, landet er von Rot in einem Rough, bei dem selbst die USGA gesagt hätte: "too much". Erstaunlicherweise greift Clara ebenfalls zum Driver und donnert den Ball 220 Meter das Fairway hinunter. Als ich sie nach ihrer Strategie frage, stellen wir fest, dass wir die gleichen Stärken und Schwächen im Spiel haben. "Eigentlich würde ich hier das Holz 3 nehmen, aber im Moment habe ich Probleme, meine langen Eisen zu treffen. Deswegen versuche ich, vom Tee so weit wie möglich zu schlagen, und hoffe auf mein recht gutes kurzes Spiel."

Die Golf-Biografie von Clara liest sich wie die Geschichte vieler Jugendlicher. Mit acht Jahren ging sie mit ihrem Bruder und den Eltern zu einem Probetraining und leckte Blut. Doch dann traf sie auf einen Trainer, der statt auf Fördern auf Fordern setzte und ihr die Lust am Sport nahm. Nach einem Ausflug zum Tennis fand sie erst in den letzten Jahren wieder zurück zum Golf. Vom Tennis geblieben ist ein etwas zu flacher Schwung, verrät sie. Daher auch die perfekten Drives auf der einen und die Probleme mit den Eisen auf der anderen Seite.

Challenge: Satter Drive: Da staunt der Laie und der Fachmann wundert sich
Satter Drive: Da staunt der Laie und der Fachmann wundert sich
An der 5 bleibt der Driver jedoch in der Tasche: Es ist das erste Par 3 der Runde. Aus 96 Metern greift Clara dagegen zum Eisen 9 und erreicht knapp das Grün, während ich einen Dreiviertelschwung mit dem Pitching Wedge mache. Der Ball landet so nah an der Fahne, dass ich das Match wieder teilen kann und feststelle: Die Par 3 könnten mir an diesem Tag den Allerwertesten gegen Clara retten. Denn von Nervosität ist bei ihr nichts mehr zu spüren, wie sie an der 7 beweist.

Die Besonderheit am WINSTONlinks ist, dass David Krause Speed-Pockets eingebaut hat. Kleine Abhänge, die noch einmal Dutzende Meter Extra-Roll geben, wenn man sie trifft. Aus diesem Grund sind Genauigkeit und Länge hier auch kein Widerspruch, sondern gehen Hand in Hand. Weil Clara diese Kombination besser gelingt, liegt sie nach einem 245-Meter-Drive auf einmal 70 Meter vor mir und hat keine Probleme, erneut in Führung zu gehen. Und als sie am darauffolgenden Par 3 ein perfektes Eisen 8 rund drei Meter an die Fahne legt, muss ich mich mächtig strecken, um mit einem Par einen größeren Rückstand zu verhindern. Doch dann kippt das Match. Claras Pitch an der 8 hat zu wenig Spin und rollt unglücklich über das Grün. Als sie am nächsten Loch einen schlechten Drive hat und auf der 10 das Up-and-down verpasst, liege ich plötzlich 2 auf.

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