Initiator dieser - im wahrsten Sinne des Wortes - Schnapsidee ist die Hinrichsen's Farm Distillery in Dunsum auf Föhr. Seit sie beim Verwandtschaftsbesuch im Hudson Valley auf den Whisky-Geschmack gekommen ist, kombiniert die Familie von Jan Robert Hinrichsen Wattwanderung und Tasting-Event. Doch zur Feier ihrer doppelten Auszeichnung bei den World Whiskies Awards 2026 als nachhaltigste und beste Single Estate Distillery, bei der vom Getreideanbau übers Mälzen bis hin zur Destillation alles auf einem Hof bleibt, sollte die Wattwanderung jetzt um Schläger und Golfball ergänzt werden. Eine Idee, die so grandios klingt, dass sie selbst einem Abstinenzler wie mir das Wasser im Munde zusammenlaufen lässt.
Allerdings beginnt das Abenteuer Wattgolf erst einmal ernüchternd. Weil auf die Fährverbindungen zwischen den nordfriesischen Inseln noch weniger Verlass ist als auf die Deutsche Bahn, stehe ich in Dagebüll vor einem leeren Terminal, als mich eine junge Frau anspricht. "Hi, ich bin Anna, die Tochter von Jan. Willst du mit nach Amrum?" Meine erste Frage, wie sie mich erkannt hat, kann ich mir gerade noch verkneifen, als ich realisiere, dass ich ein Golfbag auf dem Rücken trage. Doch die zweite, viel wichtigere Frage lautet: "Wie?" Kaum ausgesprochen, sehe ich schon die Antwort. Vor dem Hafen wartet Annas Papa bereits in einem eigens organisierten Motorboot. Vor meinem geistigen Auge werden Erinnerungen an einen Albtraum-Trip in Irland wach, als eine schauklige Bootsfahrt zur Skellig Michael damit endete, dass zehn Journalisten über der Reling hingen und ich in der Mitte des Boots eine Panikattacke erlitt. Dennoch springe ich nicht nur ins Boot, sondern setze mich an die Spitze und genieße den Fahrtwind, während wir in nur 25 Minuten nach Amrum düsen.


»DIE SONNE SCHEINT, ES IST FAST WINDSTILL UND DIE NORDSEE IST PLATTER ALS EIN WITZ VON FIPS ASMUSSEN.«
Angesichts der unterschiedlichen Voraussetzungen ist es nur logisch, dass das Event als Dreier-Scramble ausgetragen wird. Zudem steht als einziger Schläger ein Eisen 7 zur Verfügung, um zu verhindern, dass man den Ball aus den Augen und im Watt verliert; in den Weltmeeren treibt schließlich auch ohne Golfbälle schon genug Plastikmüll. Wie wichtig dies ist, wird schnell klar. Obwohl man den Ballflug vor dem strahlend blauen Himmel perfekt verfolgen kann, ist es gar nicht so leicht, auf dem Weg zum Ball in der Spur zu bleiben. Schließlich gibt es am Horizont nur wenige Anhaltspunkte, die Orientierung bieten. Darum ist der wichtigste Mann an diesem Tag auch unser Forecaddie oder, wie man ihn in Friesland nennt, Wattführer. Er hilft nicht nur, die Bälle zu lokalisieren, sondern zeigt uns vor allem eine Route, die tiefe Priele umgeht, weshalb wir uns auch in einer S-Kurve zwischen den Inseln bewegen. So werden aus zweieinhalb zwar knapp siebeneinhalb Kilometer, dafür kommt man jedoch trocken in Föhr an. Oder besser gesagt nahezu trocken, denn kurz hinter Amrum wartet ein Priel, der auch bei Niedrigwasser noch ordentlich Wasser führt und gleich zu Beginn für eine Abkühlung sorgt.
Dabei zeigt sich deutlich der Unterschied zwischen tidenerfahrenen Friesen und jemandem wie mir, der zum letzten Mal mit acht Jahren durchs Wattenmeer gewandert ist. Während die anderen nur ein Eisen 7 und Rucksäcke mitgenommen haben, die ihre besten Zeiten längst hinter sich haben, habe ich alles in mein nagelneues Big-Max-Sunday-Bag gepackt, darunter Regensachen, Wechselklamotten und meine Schuhe, die ich vor dem Schlammbad gegen Neoprenlatschen ausgetauscht habe. Als das Wasser mit jedem Schritt tiefer wird und den Saum meiner Shorts erreicht, muss ich das Bag vom Rücken nehmen und die nächsten 50 Meter über dem Kopf tragen wie ein Gewichtheber seine Langhantel. Umso größer ist die Freude, dass der Wasserpegel an meinem Bauchnabel aufhört zu steigen und man nicht wie in einem Looney-Tunes-Cartoon nur noch ein Golfbag auf ein paar Händen aus dem Wasser ragen sieht.

Doch dann macht einer meiner Mitspieler eine naheliegende Entdeckung. Alle 50 Zentimeter stößt man bekanntermaßen auf die berühmten Spaghettihäufchen, die sich perfekt als natürliche Tees eignen. Und siehe da: Plötzlich steigen die Bälle butterweich in den nordfriesischen Himmel und sorgen dafür, dass sich das Gesicht unseres Wattführers aufhellt. Bei unserem anfänglichen Spieltempo sah er uns schon in größter Gefahr, es nicht vor der Flut nach Föhr zu schaffen. Als einer der Einheimischen darauf hinweist, dass wir unsere Bälle auf den Ausscheidungen von Wattwürmern aufteen, kann ich mir gerade noch verkneifen, sinngemäß Andreas Brehme zu zitieren: "Haste Scheiße am Ball, haste Scheiße am Ball."
Auf unserem Weg durchs Watt fallen mir zwei verblüffende Dinge auf: Zum einen fühlt sich das Wasser in jedem der Mini-Priele, die wir durchlaufen, unterschiedlich warm an. Zum anderen fällt es uns kinderleicht, unsere Bälle wiederzufinden. Als die Aktion geplant wurde, sollte ursprünglich mit Bällen aus Fischfutter gespielt werden, um keinen Müll im Nationalpark Wattenmeer zu hinterlassen. Doch dann wurde gesagt, dies sei nicht nötig. Und tatsächlich: Zwar rollen die Bälle nicht, sie bohren sich aber auch nicht ins Watt ein. Und wenn sie im Wasser landen, ist es so klar und niedrig, dass man jede Murmel problemlos wiederfindet und ich mir wünsche, die Teiche meines Heimatclubs wären genauso.


Unsere letzte Aufgabe ist es, einen U-Turn um einen großen Priel zu spielen, der mittlerweile schon wieder hüfthoch Wasser führt; schließlich ist das Niedrigwasser bereits drei Stunden her. Um rechtzeitig aus dem Watt zu kommen, beginnen wir, gleichzeitig zu schlagen, was angesichts der Breite des Watts überhaupt kein Problem darstellt. Und so kommen wir dem Ziel immer näher: einer kleinen Treppe, die aus dem Watt hinaufführt zum Dunsumer Deich, auf dem friedlich einige Schafe grasen. Mit einem kleinen Punch lege ich die letzten 40 Meter zurück, notiere eine 58 für unseren Dreier-Scramble und reklamiere einen Platzrekord - ganz wie ein Bobfahrer, der als Erster den jedes Jahr frisch gebauten Eiskanal in St. Moritz befährt.
Als wir auf dem Deich den Schlamm von unseren Schuhen klopfen, dauert es nur 15 Minuten und die Nordsee hat sich den improvisierten Golfplatz zurückgeholt. Doch Jan Robert Hinrichsen macht uns bei einer Gulaschsuppe in seinem Hofladen und der Whisky-Verkostung in einem unbeschreiblich urigen Tasting-Zimmer Hoffnung auf mehr. Der Whisky-Experte verspricht, dass das Wattgolf-Event keine einmalige Sache bleiben soll. Aber macht euch keine Hoffnung: Unser Platzrekord bleibt auch bei einer Neuauflage dieses Events auf alle Zeit unantastbar. Schließlich haben die Wanderroute von Amrum nach Föhr und der Geschmack von Hinrichsen's Whisky eine entscheidende Gemeinsamkeit: Jedes Jahr ist es ein bisschen anders.



