Dass Aaron überhaupt den Sprung nach Übersee geschafft hat, ist neben harter Arbeit auch das Ergebnis eines glücklichen Zufalls. Nachdem er 2012 mit nur 17 Jahren Profi geworden ist, dauert es eine Weile, bis er Fuß fasst. Erst 2015 gelingt ihm der Sprung von der drittklassigen EuroPro Tour auf die damalige Challenge Tour und er verpasst dort nur um Haaresbreite den unmittelbaren Aufstieg zur European Tour. Also überlässt er 2017 nichts mehr dem Zufall. Im März gewinnt er die Kenya Open und wird am 18. Grün von seiner Mutter in die Arme geschlossen, die zum ersten Mal seit ihrem 14. Lebensjahr wieder ihr Heimatland Kenia besucht. Im Mai gewinnt er das Costa del Sol Match Play. Und als er im Juli bei der Le Vaudreil Golf Challenge die Konkurrenz in Grund und Boden spielt, bekommt er die Battlefield Promotion: den direkten Aufstieg zur DP World Tour. "Das hat meine Erwartungen vollkommen übertroffen", rekapituliert Rai. "Aber es war eine tolle Chance, weil ich mich den Rest des Jahres akklimatisieren und gut auf meine erste volle Saison vorbereiten konnte." Im November 2018 folgt bei der Hong Kong Open schon der erste Sieg, und als er 2020 bei der Scottish Open triumphiert, hat er eine gute Basis gelegt, um den nächsten Karriereschritt anzugehen.


»ICH BIN AUS GROSSBRITANNIEN IN DIE USA GEZOGEN, UM MEINEN REISESTRESS IN GRENZEN ZU HALTEN UND BESSERE TRAININGSMÖGLICHKEITEN AUF DEM PLATZ UND ABSEITS DAVON ZU HABEN.«
Die Spielmöglichkeit in den USA wirbelt sein Leben vollkommen durcheinander. "Ich bin aus Großbritannien in die USA gezogen, um meinen Reisestress in Grenzen zu halten und bessere Trainingsmöglichkeiten auf dem Platz und abseits davon zu haben", fasst der zurückhaltende Star die größte Umstellung zusammen. Aber auch sein Spiel muss er für die neue Herausforderung ändern. "Die Konkurrenz auf der PGA Tour ist ein wenig dichter. Die Spitze unterscheidet sich nicht extrem von der DP World Tour, aber am anderen Ende ist alles viel enger zusammen. Und bereits nach den ersten Turnieren im Herbst 2021 habe ich Unterschiede gemerkt. Die Grüns sind schneller und ondulierter. Darum habe ich meine Putt-Bewegung geändert." 2024 trägt diese Anpassung Früchte.
Bei der Wyndham Championship fängt Rai mit einer furiosen Schlussrunde noch Max Greysermann ab, sichert sich seinen ersten Titel in den USA und eine prestigeträchtige Einladung zum Masters - auch wenn diese an die falsche Adresse geht. "Sie wurde an meine Mutter zugestellt", lacht Rai. Überhaupt wird der erste Auftritt beim Masters zur Familienangelegenheit. Freundin Gaurika trägt das Bag beim Par-3-Wettbewerb und Vater Amrik begleitet ihn bei seinem ersten Besuch in Augusta National. "Wir sind im Februar für zwei Tage hingefahren. Ich habe nicht nur viel über den Platz gelernt, diese zwei Tage mit meinem Dad in Augusta waren auch in persönlicher Hinsicht etwas ganz Besonderes." Als 27. bei seinem Debüt gehört Aaron Rai zu den wenigen Spielern, die bei ihrem ersten Start von Augusta National nicht gedemütigt werden.
Das Masters 2026 könnte noch eine Steigerung bringen. Sollte es hier aber nicht mit seiner ersten Major-Top-Ten-Platzierung klappen, wartet mit der Open Championship ein besonderes Heimspiel. Schließlich ist Royal Birkdale nur 160 Kilometer von Wolverhampton entfernt und viele Freunde und Weggefährten werden die Chance nutzen, um ihn anzufeuern. Und wer den englischen Sommer kennt, weiß, dass seine zwei Handschuhe hier definitiv nicht fehl am Platz sind.



