Was normalerweise nur ärgerlich ist, hatte für Adam Scott eine besondere Relevanz. Seit der Open Championship im Jahr 2001 hatte er kein einziges Major verpasst. Nur drei Major-Teilnahmen fehlten ihm noch, um als zweiter Spieler nach Jack Nicklaus die magische Grenze von 100 Majors in Folge zu knacken. Nummer 98 war dank seines lebenslangen Startrechts in Augusta National gesichert, und da die PGA Championship regelmäßig die Top 100 der Weltrangliste einlädt, schien auch Nummer 99 nur eine Formsache zu sein. Doch ausgerechnet der Jubiläumsstart bei der US Open in Shinnecock Hills war plötzlich unsicher, da Scott als 62. der Weltrangliste auch das Top-60-Qualifikationskriterium haarscharf verpasste. Natürlich hätte ihm die USGA eine Sondereinladung aussprechen können, aber Scott wollte sich seinen Start auf ehrliche Weise verdienen. Und tatsächlich: Ein vierter Platz bei der Cadillac Championship reichte, um seinen Weltranglistenplatz so zu polstern, dass er Mitte Mai die Einladung sicher hatte. Dennoch waren seine Gefühle für diese historische Leistung zwiegespalten, wie er in einer Pressekonferenz verriet: "Ich weiß nicht so recht, was ich davon halten soll. Ein Teil von mir will noch nicht der Typ sein, bei dem es nicht ums Gewinnen von Turnieren geht. Ich würde lieber den Sieg bei der US Open feiern, anstatt nur dort mitzuspielen."
Tatsächlich ist Adam Scott jemand, der sich mehr über Konstanz als über Siege definiert hat. Seine 14 PGA-Tour-Siege reichen nicht für die Top 50 der ewigen Bestenliste und das letzte Mal eine Trophäe in die Höhe stemmen konnte er im Februar 2020 beim Genesis Invitational. Doch seit er am 15. Juli 2001 zum ersten Mal die Top 100 des Official World Golf Ranking knackte, ist er unglaubliche 1.300 Wochen lang nie wieder herausgefallen. Wie lange das her ist? Damals kostete die Apple-Aktie 30 Cent, Netflix versendete noch DVDs, 1860 München spielte in der Bundesliga und die Mutter (!) von Queen Elizabeth war noch am Leben.
PLATZIERUNGEN BEI 99 STARTS
1.-10. PLATZ: 20%
11.-25. PLATZ: 25%
26.-50. PLATZ: 27%
51.-75. PLATZ: 2%
MISSED CUT: 24%

»EIN TEIL VON MIR WILL NOCH NICHT DER TYP SEIN, BEI DEM ES NICHT UMS GEWINNEN VON TURNIEREN GEHT.«
Nachdem er sich Ende 2001 als 49. um Haaresbreite in die Top 50 der Weltrangliste gespielt hatte, erlebte Scott seinen "Harry Potter"-Moment, als ihm eine Einladung für das golferische Hogwarts in den Briefkasten flatterte: Der Augusta National Golf Club lud ihn zu seinem ersten Masters ein. Der für Neulinge notorisch schwierige Platz von Bobby Jones erwies sich als maßgeschneidert für Scott, der seine erste Turnierrunde unter Par absolvierte und am Ende mit Rang neun sein erstes von bis heute 20 Top-Ten-Ergebnissen in einem Major notieren durfte. Jedoch lief gerade die Anfangszeit von Scotts Major-Karriere alles andere nach Plan. Von seinen ersten zwölf Starts endeten sieben mit einem freien Wochenende, und wenn er in den Top Ten landete, kam dies meist nur durch einen guten Sonntag und ohne ernste Siegchancen. Den Adrenalinrausch der Jagd auf einen großen Titel spürte er erst beim Masters 2011.
Zwei Momente haben sich von dem Turnier eingeprägt: Rory McIlroys Desaster an Loch 10, als er mit einem Drive gen Butler Cabin den Titel wegwarf, und Charl Schwartzels Birdie-Festival auf den letzten vier Löchern, mit dem er das Grüne Jackett sicherte. Doch dazwischen lag Adam Scott lange Zeit in Führung und hatte Ambitionen, als erster Australier in Augusta zu siegen. Doch diese Niederlage war nicht annähernd so schmerzhaft wie die gegen einen anderen Südafrikaner. Bei der Open Championship 2012 hatte sich der Graveur schon bereit gemacht, das A in die Claret Jug zu meißeln. Doch dann begannen bei dem Australier die Nerven zu flattern wie bei einem Teenager vor seinem ersten Kuss. Mit vier Bogeys auf den letzten vier Bahnen überließ er Ernie Els nicht nur die Open-Trophäe, er band sogar noch eine Schleife drum herum. Das Trauma von Royal Lytham wirkt bis heute nach: "Es schmerzt sogar noch mehr, als es damals tat", gab Scott 2022 einen Einblick in sein Seelenleben. "Es gibt kein Turnier, das ich mehr gewinnen möchte als die Open Championship, weil ich schon als junger Golfer eine engere Verbindung zu dem Turnier hatte als zu den amerikanischen Majors."


FÜNFJAHRESWERTUNG
2001 - 2005
2006 - 2010
2011 - 2015
2016 - 2020
2021 - 2026
SIEG
TOP 10
TOP 25
MISS CUT
Der Sieg beim Masters 2013 war nicht nur ein karrieredefinierender Moment, auch war er die Grundlage dafür, dass Scotts Major-Marathon möglich wurde. Weil in Augusta immer 50 Spieler weniger am Start sind als bei den anderen drei Majors, ist eine Einladung zum Masters so schwer zu bekommen wie ein Backstage-Pass für das Coachella-Festival. Mit seinem Sieg hält Scott jetzt aber eine Dauerkarte in der Hand, die sich beispielsweise Davis Love III gewünscht hätte, dessen Major-Serie von 70 Starts in Folge beim Masters 2008 ein jähes Ende fand. Es ist insofern nicht verwunderlich, dass sich in den Top Ten der meisten Major-Starts in Folge ansonsten nur Masters-Sieger finden: Jack Nicklaus (146), Tom Watson (87), Sergio García (83), Vijay Singh (67), Nick Faldo (61) sowie Ben Crenshaw und Jordan Spieth (53). Bei zweien von ihnen hätten es leicht noch mehr sein können. Sergio Garcías Serie etwa wurde abrupt von Corona unterbrochen, als er wegen eines positiven Tests von dem auf November verschobenen Masters 2020 zurückziehen musste. Phil Mickelson dagegen hätte bei 110 Starts in Folge stehen können, wenn er nicht aufgrund der Krebserkrankung seiner Ehefrau und des Highschool-Abschlusses seiner Tochter freiwillig auf zwei Starts verzichtet hätte. Deshalb ist sich auch Adam Scott bewusst, dass seine sensationelle Serie auch etwas schicksalshaft ist: "Ich glaube, ein bisschen Glück gehört dazu. Ich hatte generell großartige Beratung und Unterstützung im physischen und trainingsbezogenen Bereich, wodurch ich gesund und praktisch verletzungsfrei geblieben bin. Ich habe eigentlich keine kleinen Wehwehchen oder Dinge, die Anlass zur Sorge geben. Zumindest nicht bis zu dem Punkt, an dem ich mich fragen müsste, ob ich diese Woche spielen kann oder nicht." Nur einmal stand seine Teilnahme auf Messers Schneide. Im Mai 2008 war Scott in einem Londoner Pub, um sich das Champions-League-Finale zwischen Manchester United und Chelsea anzusehen. Auf dem Heimweg schlug ein Freund die Autotür zu, ohne zu realisieren, dass Scotts Hand noch darin steckte: Knochenbruch! Ein Arzt verordnete sechs Wochen Sportpause. Das Problem: Die US Open war in drei. Erst eine Zweitmeinung gab ihm die erhoffte Freigabe für das Turnier, das er sogar als 26. beendete. Im Nachhinein wäre es auch ziemlich peinlich gewesen, mit einem läppischen Bruch im kleinen Finger nicht anzutreten, während Tiger Woods mit einem doppelten Beinbruch und Kreuzbandriss den Titel holte.
Das vielleicht Erstaunlichste an Adam Scotts Serie ist, dass er sich für nahezu alle 100 Major-Starts auf direktem Weg qualifizierte und fast nie den Umweg über die Qualifikationsmühle nehmen musste. Lediglich für zwei US Open nahm er am "Longest Day" teil, wie der 36-Loch-Qualifier ehrfurchtsvoll genannt wird. 2018, beim ersten Mal, kam es zu der bizarren Szene, dass der Masters-Sieger neben Finanzberater Andrew Pranger und College-Golfer Priyanshu Singh um das Ticket nach Shinnecock Hills kämpfte und sich mit 138 Schlägen auf der letzten Rille das Ticket erkämpfte. "Ich bin völlig aus dem Häuschen. Es war ein epischer Tag. Ich habe lange Zeit nicht mehr eins von diesen Dingern gespielt, aber es hat richtig Spaß gemacht", zeigte er sich anschließend begeistert.

Nun steht also in Shinnecock Hills Scotts 100. Major-Start in Folge vor der Tür - und damit auch die Frage, wie lange er diese Serie noch weiterführen kann. Sollten keine Verletzungen dazwischenkommen, sind die nächsten drei Starts bei der Open, dem Masters und der PGA Championship bereits gesichert. Die Achillesferse bleibt die US Open, bei der Scott traditionell die größten Probleme hatte. In Shinnecock Hills beispielsweise hat er bei seinen Auftritten 2004 und 2018 noch keine Runde unter 75 Schlägen absolviert und ist jenseits der Top 100 gelandet. Insgesamt sprangen bei den offenen Meisterschaften der USGA für ihn in 24 Versuchen gerade einmal drei Top-Ten-Resultate heraus. Bei der PGA Championship und der Open Championship waren es sechs und beim Masters vier sowie der Sieg 2013. Dass nur dieser eine Sieg heraussprang, hat einen einfachen Grund, den sein Ex-Trainer Butch Harmon bereits 2018 benannte: "Er hat einen der besten Schwünge der Golf-Geschichte, aber seine Putting-Statistiken sind grauenhaft." Nichts illustrierte dies besser als Scotts letztjähriger Auftritt bei der BMW PGA Championship, als er in vier Runden drei verschiedene Putter nutzte. Genau dies ist aber auch der Grund, warum Scott seine Major-Serie aufbauen konnte. Jeder Profi kann ein oder zwei Majors gewinnen, wenn der Putter in der richtigen Woche heiß läuft, danach aber auch wieder genauso schnell in der Versenkung verschwinden. Adam Scotts langes Spiel bildet hingegen ein so starkes Fundament, dass er selbst mit schlechtem Putten gute Ergebnisse liefert. Hat er also eine Chance, Nicklaus' ewigen Major-Rekord zu brechen? Dafür müsste er bis zum Masters 2038 durchhalten, dann wäre Scott 57.
Doch vielleicht wäre ein Ende der Strähne nicht das Schlechteste, denn mit "Dabei sein ist alles" kann der Mann, der auf die letzten drei Olympischen Spiele verzichtet hat, wenig anfangen. "Ich kann mir schon selbst auf die Schulter klopfen, dass ich all diese Turniere gespielt habe. Aber mein Kopf ist immer noch darauf eingestellt, dass ich in der Lage sein sollte, bei diesen Turnieren mitzuhalten", machte er zuletzt aus seinem Herzen keine Mördergrube. "Würde ich jetzt aufhören, wäre ich nicht wirklich zufrieden. Und ich würde es hassen, meine Karriere unzufrieden zu beenden. Ich habe das Gefühl, dass noch etwas Großes in mir steckt." Um das zu erreichen, gibt es sogar einen perfekten Ort: 2028 findet die Open Championship in Royal Lytham & St. Annes statt - der Ort, an dem Scotts Serie 2001 begann und wo er 2012 den sicher geglaubten Titel wegwarf.



