Featured StoriesFeatured Stories

Golfpunks dieser Welt

Peter Thomson

Von Janek Weiss, Fotos: Getty Images, Imago

Obwohl er fünf Open gewann, spielt der Australier Peter Thomson im Konzert der Major-Legenden meist nur die zweite Geige. Dabei traf er auf dem Platz und abseits immer den richtigen Ton.

Nichts beschreibt die Essenz von Peter Thomson so genau wie eine Anekdote von der Open Championship 1955. Thomson war als Titelverteidiger nach St. Andrews gereist, doch auf der Runde produzierte der Australier lauter Sockets. Von Peter Alliss angesprochen, ob er jetzt auf die Driving Range gehe, um das Problem auszumerzen, antwortete Thomson trocken: "Nein, ich gehe ins Hotel und denke darüber nach." Vier Tage später nahm er erneut die Claret Jug mit nach Down Under.

Warum Thomson Training für überschätzt hält, lässt sich bis in seine Kindheit zurückverfolgen. Am 23. August 1929 im Melbourner Vorort Brunswick geboren, spürt er von seiner Geburt an die Folgen der weltweiten Depression. Das Geld ist so knapp, dass sich der kleine Peter das Zimmer mit dem Opa teilt und Sport nur mit Gottes Segen stattfindet. Doch im Cricket-Team der presbyterianischen Kirche findet sich der Grundschüler nicht zurecht. "Ich war ein Einzelgänger und hatte wenig Freunde." Da trifft es sich gut, dass sich nur 200 Meter vom Elternhaus entfernt der Royal Park Golf Course befindet. Das heimliche Schleichen auf den Neunlochplatz ist simpel. Schwieriger ist es, Golfbälle zum Spielen zu finden: "Es gab keine zu kaufen, da der gesamte Kautschuk für Kriegszwecke verwendet wurde", erinnert er sich im Interview mit der World Golf Hall of Fame.

Doch zum Glück hat Royal Park zwei Hindernisse: eine undurchdringliche Hecke auf der Westseite und eine Bahnlinie. "Wenn man einen Ball dort hinunterschlug, ließ man ihn wegen des Zugverkehrs lieber liegen. Aber wenn man so jung ist wie ich, schreckt einen nichts ab." Um sein Leben nicht unnötig zu gefährden, beschränkt sich Peter auf das Nötigste: "Ich hatte nie mehr als zwei Bälle auf einmal, was das Training einschränkte." Statt Bälle zu knüppeln, übt der Junge heimlich auf dem Platz und erntet sogar das Verständnis der Mitglieder. Die Wertschätzung geht so weit, dass wegen dem 15-Jährigen die Vereinssatzung geändert wird, da das Mindestalter für einen Beitritt bis dahin 18 Jahre betrug. Ein Jahr später gewinnt der Teenager seine erste Clubmeisterschaft.

Golfpunks dieser Welt: Bereit für die Gatorade-Dusche (r.)Golfpunks dieser Welt: Bereit für die Gatorade-Dusche (r.)
Bereit für die Gatorade-Dusche (r.)

»
Das Preisgeld für die Open war so gering, dass bis Weihnachten alles weg war.
«

Dass ihm Großes im Golfsport bestimmt ist, erkennt jeder, der die Zeichen richtig zu deuten weiß, bereits seit Peter drei Jahre alt ist. "Meine Großmutter hatte damals eine Freundin, die aus dem Teesatz las. Sie sagte: ,Ich sehe ihn auf grünen Feldern und er wird überall auf der Welt bekannt sein.' Meine Mutter nahm dann an, ich würde später mal für das australische Nationalteam Cricket spielen", schmunzelt Peter noch Jahre später, gibt aber selber nicht viel auf die Weissagung: "Wahrscheinlich hat die Dame das zu jedem Jungen gesagt. Aber bei mir traf es ein."

Den Lebensunterhalt verdient Peter nach der Schule unglücklich mit seiner Berufswahl als Chemiker. Also trifft er eine wegweisende Entscheidung: "Ich will Golf-Profi werden!" Seine Mutter ist entsetzt, sieht sie Peter im Geiste schon obdachlos auf der Straße sitzen. Sein Vater indes ist begeistert, hatte er selbst doch seinen eigenen Traum als Cricket-Profi nie ausleben können. Es gibt nur ein Problem: Die PGA of Australia hat verfügt, dass angehende Profis während der zweijährigen Ausbildung keine PGA-sanktionierten Turniere spielen dürfen. So bleiben Thomson, der im Pro-Shop des Riversdale Golf Club arbeitet, nur die Australian Open und die Victorian Close Championship, die er gleich im August gewinnt. Als Helfer in der Not erweist sich Norman von Nida, der 1947 und 1948 den britischen Turnierzirkus dominiert. Die australische Golflegende arrangiert Matches, die für volle Taschen sorgen - und Schlagzeilen. "Norman von Nida wurde sensationell 3 auf 1 von Peter Thomson geschlagen, einem 19-jährigen Assistant Pro aus Victoria", titelt die "Melbourne Truth" am 11. Juni 1949.

Eine australische Zeitung schreibt dagegen ganz anders über Thomson: in der Ich-Form. Der Jungprofi wird Golf-Korrespondent, erst für "The Argus" und später für "The Age", was zu ungewöhnlichen Turnierberichten führt. "Am Samstag habe ich eins meiner Lebensziele realisiert. Ich gewann die Australian Open", feiert sich Thomson am 08. Oktober 1951. Spannender sind jedoch seine Kommentare über den Golfsport an sich. Dabei erkennt Thomson früh, dass die Dominanz der USA ein Problem ist: "Nur unser Weltklasse-Cricket-Spieler Sir Donald Bradman investierte jemals so viel in sein Spiel, wie Sam Snead, Lloyd Mangrum und Jack Burke in ihr Golf stecken. […] Ob wir Australier je deren Standard erreichen, muss sich zeigen. Die erste Voraussetzung dafür wäre jedoch eine Turniersaison, von deren Preisgeld wenigstens zehn Golfer ihr Leben bestreiten können", fordert Thomson schon 1953. Dass er später zur zentralen Triebfeder der Asian Tour wird, kommt daher wenig überraschend.

Golfpunks dieser Welt:
Thomson wird schnell zum dominanten Spieler in Ozeanien. Er gewinnt jedes bedeutende Turnier in Australien und sichert sich die New Zealand Open zwischen 1950 und 1971 gleich neunmal. Doch in Erinnerung bleibt er für eine andere Open - die Open. 1951 wagt er sich zum ersten Mal an das altehrwürdige Turnier. "Ich habe meine Überfahrt selbst bezahlt, das kostete damals etwa 300 Pfund", erinnert er sich. Nur 20 davon bekommt er als Preisgeld für seinen sechsten Platz zurück. Henry Cotton malt ein düsteres Bild, als er das erste Mal mit Thomson spielt: "Du erwartest doch wohl nicht, dass du so deinen Lebensunterhalt verdienen kannst. Das schaffst du nicht!" Es dauert nicht lange, bis Cotton eines Besseren belehrt wird. 1952 und 1953 wird Thomson bereits Zweiter bei der Open Championship.

Was danach passiert, verändert nicht nur seine Autorenzeile in "The Argus". 1954 ergänzt die Zeitung Thomsons Namen um den Zusatz "British Open Champion", ein Jahr darauf ist er "Dual British Open Champion" und 1956 steht "Triple British Open Champion" über seinen Artikeln - der erste Hattrick-Sieger nach Young Tom Morris und Bob Ferguson. Zu Thomsons Wohnzimmer wird dabei der diesjährige Open-Austragungsort Royal Birkdale. 1954 betritt Thomson zum ersten Mal den Club in Southport - und ist niedergeschlagen. Die Schläger seines neuen Sponsors MacGregor sind Müll. "Ich kann die Open damit nicht gewinnen, dann kann ich auch gleich zu Hause bleiben", gibt er später Einblick in seine Gedanken. Statt aufzugeben, spricht er den schottischen Schlägerhersteller John Letters an, leiht sich einen Schlägersatz und setzt sich knapp gegen ein Verfolgertrio durch. Danach tut er etwas Unvorstellbares für einen Golfprofi: Er gibt Letters die Glück bringenden Schläger zurück.

Dass es nicht am Equipment liegt, beweist Thomson mit der erfolgreichen Titelverteidigung in St. Andrews. Und als er 1956 in Royal Liverpool erneut triumphiert, ist das Siegen schon so sehr Routine, dass er ein entscheidendes Detail vergisst: das Jackett für die Siegerehrung. "Ich sah Max Shaw, den Kapitän von Royal Melbourne, und bat ihn, mir seines zu leihen", erinnert sich Thomson 2009 in einem Interview mit "The Age". "Als seine Ehefrau das Jackett später in die Wäscherei geben wollte, fand sie einen Preisgeldscheck über 1.000 Pfund in der Tasche." Geld, das Thomson dringend braucht. "Das Preisgeld für die Open war so gering, dass bis Weihnachten alles weg war", antwortet er nur halb im Scherz auf die Frage, was ihn bei der Open angetrieben hat. Sicher ist es aber auch der Ehrgeiz, es allen Kritikern zu beweisen. Obwohl Thomson zwischen 1954 und 1958 nur gegen einen Spieler verliert - Bobby Locke verhindert 1957 das Quintuple - wird Thomson immer noch belächelt. Weil die besten US-Spieler in der Regel nicht zur Open reisen, gilt er als Major-Sieger zweiter Klasse. Eine Unterstellung, die er auch noch Jahrzehnte später persönlich nimmt: "Es gab immer ein paar US-Golfer, die mitspielten. Als ich 1954 zum ersten Mal gewann, war der legendäre Jimmy Demaret dabei. 1955 kam US-Open-Champion Cary Middlecoff nach St. Andrews. Das wird oft vergessen." Doch dann kommt die Open Championship 1965.

Golfpunks dieser Welt: Golfpunks dieser Welt:
Zum dritten Major in Royal Birkdale ist das Who's who des Golfsports gekommen: US-Titelverteidiger Tony Lema, Arnold Palmer, der 1961 in Birkdale gewonnen hatte, der amtierende US Open Champion Gary Player und der fünffache Major-Sieger Byron Nelson. Thomson wischt mit ihnen den Boden und holt sich als dritter Spieler der Golfgeschichte seine fünfte Claret Jug. Ein Triumph, der ihn so stolz macht, dass er Sohn Andrew die Claret Jug mit in die Vorschule gibt. Der Flex hat allerdings nicht den gewünschten Erfolg, der Vierjährige kommt mit Tränen in den Augen nach Hause. "Alle haben sich über mich lustig gemacht", beschwert sich Andrew über seine nicht gerade golf-affinen Mitschüler. "Einer der Jungs sagte, sein Vater hätte ein Dutzend davon zu Hause."

Obwohl die Open das einzige Major-Turnier bleibt, das Thomson gewinnt, sind auch seine späteren Jahre von Erfolg gekrönt. Auf der heutigen Champions Tour stellt er mit neun Siegen in einer Saison einen bis heute bestehenden Rekord auf. Und 1998 sorgt er als Presidents-Cup-Kapitän für eine Sensation. In Royal Melbourne steuert er die Internationals um Greg Norman, Ernie Els, Nick Price und Vijay Singh nicht nur zum bisher einzigen Sieg in der Geschichte des Events, die 20,5 : 11,5-Klatsche ist bis heute der dominanteste Triumph in der Historie des Wettstreits. Dass das gegnerische Team dabei von Jack Nicklaus angeführt wird, ist für Peter Thomson besonders schön. Schließlich soll er laut seinem Journalisten-Kollegen Jerry Tarde über den "Golden Bear" gesagt haben: "Nicklaus' Golfplätze sind wie Jack selbst - düster, humorlos und mit scharfen Kanten." Seine eigene Designphilosophie beschreibt Thomson, der unter anderem den Duke's in St. Andrews oder Carya in Belek gebaut hat, in "Golf Digest" dagegen so: "Als ich mit dem Journalismus anfing, gab mir mein Mentor den Grundsatz mit: ,Wenn deine Großmutter nicht verstehen kann, worüber du schreibst, ist es ein miserabler Text.' Diesen Grundsatz habe ich auf den Golfplatzbau übertragen. Wenn meine Großmutter den Platz nicht spielen kann, muss es ein miserabler Platz sein." Für den Erfolg dieser Philosophie spricht, dass er seit den 1970ern mit dem Golfplatzbau seinen Lebensunterhalt verdienen konnte.

Als Thomson am 20. Juni 2018 vier Jahre nach einer Parkinson-Diagnose stirbt, weint nicht nur Australien, sondern die ganze Golfwelt. Zur Trauerfeier in Melbourne erscheint deshalb auch ein ganz besonderer Gast: die Claret Jug. R&A-Chef Martin Slumbers hat die Trophäe zum Abschied von ihrem langjährigen Begleiter mitgebracht. Thomsons Ehefrau Mary zeigte sich gerührt: "Peter hätte gesagt, das wäre die größte Ehre überhaupt gewesen."

 
Titel

Titel

OPEN-SIEGE
ROYAL BIRKDALE (1954, 1965)
ST. ANDREWS (1955)
ROYAL LIVERPOOL (1956)
ROYAL LYTHAM & ST. ANNES (1958)

WEITERE ERFOLGE (AUSWAHL):
NEW ZEALAND OPEN (9-MAL)
AUSTRALIAN OPEN (1951, 1967, 1972)
TEXAS INTERNATIONAL OPEN (1956)
SPANISH OPEN (1959)
ITALIAN OPEN (1959)
GERMAN OPEN (1960)

Featured Stories