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Freddy Schott

Zwischen Genie und Wahnsinn

Von Rüdiger Meyer, Interview: Wolfgang Block, Fotos: Mike Meyer, Jan Oliver Pemöller, BMW Golfsport

Sieger in Bahrain, Letzter in Schottland. Freddy Schott ist ein Golfer der Extreme. Doch gerade das macht den 25-Jährigen so sympathisch und nahbar. Er ist ein Kämpfer, Draufgänger und Mensch, der sich vom Partytier zum Vollblutprofi entwickelt hat.

Wer den Golfer Freddy Schott verstehen will, muss sich nur seine letzten beiden Auftritte auf der European Tour anschauen. Bei der BMW International Open liegt er nach 33 Löchern auf der Cut-Linie, als er eine tückische Fahnenposition auf Loch 16 attackiert und im Wasser landet: Doppel-Bogey! Auf dem Tee der 18 ist die Ausgangslage klar. Nur mit einem Eagle ist zu verhindern, dass er zum sechsten Mal in Folge eine Zweitage-Woche hat. Doch er blockt seinen Drive in den Fairway- Bunker. Für TV-Kommentator Jay Townsend ist die Sache klar: "Die Bunker-Kante macht es unmöglich, dass er das Grün attackiert." Offensichtlich kennt der ehemalige Profi-Golfer Freddy Schott nicht. Der 25-Jährige greift aus 226 Metern sein Eisen, zielt auf das VIP-Zelt zur linken Seite und lässt den Ball so perfekt zurückfaden, dass er drei Meter vor der Fahne landet. Zurück bleiben ein euphorisiert jubelndes Publikum und ein Kommentator, dem die Kinnlade runterfällt. "Willst du mich veräppeln? So was geht doch nicht!", stammelt Townsend. Kurz nachdem Schott den Eagle-Putt gelocht und sich ins Wochenende gerettet hat, zeigt er sich am Mikrofon der DP World Tour überglücklich: "Das in diesem Moment bei meinem Heimturnier zu schaffen bedeutet mir alles." Am Ende fährt er als 16. sein bisher bestes Ergebnis bei der BMW International Open ein. Freddy Schott, der Draufgänger.

Vier Tage später steht der Düsseldorfer bei der Scottish Open am Tee von Loch 10 des Renaissance Golf Club und schlägt seinen ersten Drive wieder in den Bunker. Dieses Mal kann er nicht entkommen und notiert das Bogey. Es ist der Auftakt einer Albtraum-Serie, die Schott als Profi noch nie erlebt hat. Auf neun seiner ersten zehn Löcher kassiert er einen Schlagverlust, später kommen sogar noch ein Doppel- und ein Triple-Bogey hinzu. Das einzige Birdie wirkt dagegen fast, als wolle ihn der Platz verhöhnen. Nicht nur ist Schott Letzter, zwischen ihm und dem Vorletzten liegen auch so viele Schläge wie zwischen dem Ersten und dem 145. Ein Großteil der European-Tour-Spieler hätten an dieser Stelle eine Verletzung vorgetäuscht und zurückgezogen. Doch das geht gegen den Stolz von Schott. Er steht am nächsten Tag wieder am ersten Tee. Der Cut ist nicht zu schaffen, aber er spielt auf drei Par 3 das Birdie und rehabilitiert sich mit einer beachtlichen 68. Freddy Schott, der Kämpfer.

Doch was bringt ihn dazu, in solchen Situationen nicht aufzugeben? Das verriet uns ein entspannter Freddy bereits im Juni, als wir ihn bei einem Event von Golf House und seinem Sponsor Ecco in Green Eagle trafen. "So was ist einfach Golf. Aber es ist auch genau das, was einen immer wieder motivieren wird, dass dich Golf einfach so unglaublich erdet. In einem Moment kannst du gefühlt alles machen, was du willst. Und im nächsten stehst du auf dem Platz und es klappt nichts mehr. Es ist einfach der geilste Sport der Welt."

Freddy Schott: Protokoll eines Verbrechens: Kaymer Shot von Dellingshausen (r.)Freddy Schott: Protokoll eines Verbrechens: Kaymer Shot von Dellingshausen (r.)
Protokoll eines Verbrechens: Kaymer Shot von Dellingshausen (r.)

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ICH HABE MIT 13 JAHREN DIE HERRENCLUB-MEISTERSCHAFT GEWONNEN, DAS WAR ZIEMLICH COOL.
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Obwohl er erst 25 Jahre alt ist, hat Freddy den Golfschläger bereits länger in der Hand als die meisten 60-Jährigen. Mit drei Jahren nahmen ihn seine Eltern mit in den Golfclub Op de Niep, wo er die ersten Schwünge machte und eine steile Entwicklungskurve hinlegte. So steil, dass selbst die Erinnerung an seine erste Runde unter Par bereits verblasst ist. "Ich erinnere mich nicht so ganz, ich bin mir aber recht sicher, dass es mit 13 oder 14 Jahren eine 1 unter Par war." Klar, dass richtige Gegner bei solchen Ergebnissen ausbleiben: "Ich habe mit 13 die Herren-Clubmeisterschaft gewonnen, das war ziemlich cool." Nur drei Jahre später spielt er Bundesliga - an der Seite eines gewissen Marcel Siem. Das Talent des Longhitters Schott spricht sich herum, bis ins Ausland. "Ich habe täglich über Instagram ein bis zwei Nachrichten von US-Colleges und den Coaches dort bekommen", erinnert sich Freddy. Doch er wählt einen anderen Weg. "Ich habe mir das angeschaut und bin zu dem Schluss gekommen, dass ich mehr der selbstbestimmte Typ bin. Die Entscheidung im Januar 2021, im Alter von 19 Jahren bereits Profi zu werden, hing auch damit zusammen, dass ich mich eben nicht in diese starren Strukturen begeben wollte."

Den neuen Job beginnt er überraschenderweise nicht in Deutschland. "Meinen ersten Start als Profi habe ich auf der Sunshine Tour gemacht, weil sich das für mich damals angeboten hatte mit meiner Base in Kapstadt", erinnert er sich. Bei der Gauteng Championship verpasst er nach Runden von 77 und 74 allerdings deutlich den Cut.

Doch nur sechs Wochen später wird er bei der Cape Town Open bereits Siebter. Noch besser läuft es, als er nach Europa zurückkehrt. Im September gewinnt er gleich bei seinem ersten Start auf der Pro Golf Tour die Gelpenberg Open - obwohl der junge Mann auf dem Siegerfoto, der damals noch als Frederik Schott in den Startlisten steht, kaum Ähnlichkeit hat mit dem, der uns im Restaurant von Green Eagle gegenübersitzt. Frederik hatte noch kurz geschorene Haare, Freddy hat eine majestätische Langhaarmähne zu seinem Markenzeichen gemacht.

Freddy Schott: Bereit für Major-Siege: Den Scheffler-Shuffle hat er schon drauf
Bereit für Major-Siege: Den Scheffler-Shuffle hat er schon drauf
Das Jahr 2022 wird zu einer der wichtigsten Stationen in Freddys Profi-Karriere. Weil er auf der Challenge Tour nur einen eingeschränkten Status hat, muss er die ganz harte Tour gehen, ohne Startgarantie zu einigen Turnieren fahren und sich durch die Monday-Qualifier quälen. Nach zwei Top-Five-Resultaten steht für den Newcomer eine Gewissensentscheidung an. Die BMW International Open bietet Freddy eine der wenigen Möglichkeiten, auf der DP World Tour zu spielen. Aber zeitgleich findet auch ein ChallengeTour-Event statt. Freddy setzt Kopf über Herz, sagt in München ab und spielt bei der Blot Open de Bretagne. Sein vierter Platz ist nicht nur eine Bestätigung seiner Entscheidung, er liegt dadurch am Ende der Saison neun Plätze besser im Road to Mallorca. Für das Jahr darauf ist das Gold wert, denn Freddy schafft es tatsächlich auf die European Tour, nicht zuletzt weil er im August noch die Frederikshavn Challenge gewinnt. Als er kurz danach in einem früheren GolfPunk-Interview darauf zurückblickt, klingt er wie Peter Maffay, der sich an sein erstes amouröses Abenteuer erinnert: "In gewisser Form bin ich in diesem Sommer vom Jungen zum Mann geworden."

Dass der Sprung in die europäische Elite-Liga für den Rheinländer so schnell gekommen ist, nimmt ihm eine harte Entscheidung ab: "Ich habe mir zu Beginn drei Jahre gegeben, um auf die DP World Tour zu kommen. Hätte das nicht funktioniert, hätte ich mir Gedanken gemacht, ob Golfprofi überhaupt das Richtige für mich ist." Jedoch gibt er zu, dass eine Alternative zur Golf-Karriere nicht existierte. "Mein Plan B wäre spontan zustande gekommen, ich habe mir nie wirklich Gedanken darüber gemacht. Ich glaube auch, dass man mit einem Plan B zu bequem wird. Wenn du da hochwillst, darfst du dich nicht mit einer Situation anfreunden, die eigentlich nicht dem entspricht, was du willst."

Das, was Freddy will, ist gewinnen. Doch davon ist er in seiner ersten Saison auf der DP World Tour weit entfernt. Bei zehn der ersten 13 Turniere verpasst er den Cut. Nach fünf Monaten auf der großen Tour stehen gerade einmal 14.000 Euro Preisgeld zu Buche - brutto. "Ich glaube, die meisten unterschätzen, welche Kosten wir Profis alle tragen müssen", gibt er zu bedenken. Rechnet man die Reisekosten nach Südafrika, Mauritius, in den Nahen Osten, nach Singapur, Indien, Japan und China dagegen, liegt er vermutlich nicht über dem Existenzminimum. Zwar legt er die Eingewöhnungsprobleme mit der Zeit ab, sichert sich ein Top-Ten-Resultat in Dänemark und überzeugt bei der Porsche European Open als 14., aber am Ende des Jahres ist die Tourkarte weg. Wenn auch nur für wenige Tage. Wie schon bei den Monday-Qualifiern beweist Freddy auch auf der Q School, dass er bestehen kann, wenn die Existenz auf dem Spiel steht. Nach sechs zermürbenden Tagen sichert er sich nicht nur die Tourkarte, er gewinnt das Mammut-Event sogar, holt sich einen Preisgeldscheck über 20.000 Euro und - noch viel wichtiger - jede Menge Selbstvertrauen. "Ich habe jede einzelne Sekunde genossen. Ich weiß wieder, dass ich gewinnen kann; es spielt keine Rolle, dass es nur die Q School ist."

Vier Monate später darf er wieder von einem Sieg träumen, dieses Mal von einem richtigen. Bei der Porsche Singapore Classic geht er nach zwei Runden als Führender im letzten Flight auf die Schlussrunde. 24 Stunden später hat sich das Blatt allerdings komplett gewendet. Nach zwei katastrophalen Löchern und einer 76 muss er am Sonntag im ersten Flight von der 10 ran. "Es fühlt sich echt scheiße an! Das ist kein schönes Gefühl", fasst er die Situation zusammen, der er rückblickend aber auch Positives abgewinnen kann. "So etwas ist auch Teil des Lernprozesses. Vieles lernt man leider Gottes nur auf die harte Tour."

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