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Golfpunks dieser Welt

Mildred Ella 'Babe' Didrikson Zaharias

Von Janek Weiss, Fotos: Getty Images

Frauen seien besser in Multitasking, heißt es. Der beste Beweis ist Babe Didrikson, die in einem halben Dutzend Sportarten gleichzeitig reüssierte und zur größten Golferin aller Zeiten wurde.

Bestenfalls außergewöhnlich, meist jedoch schlicht inakzeptabel: So gestaltet sich Anfang der 1930er- Jahre die öffentliche Wahrnehmung weiblicher Sportlerinnen. Und doch gibt es diese athletische Urgewalt: Babe Didrikson Zaharias. Schon als Teenager kennt sie nur eine Ambition: "Mein Ziel war es, der beste Athlet zu werden, der je gelebt hat." Wohlgemerkt: Athlet - nicht bloß Sportlerin, schon gar nicht Golferin. Noch ahnt sie nicht, dass sie später gerade in dieser Disziplin zur vielleicht Größten aller Zeiten aufsteigen wird. Jahre später wird sie über ihren oft an Arroganz grenzenden Ehrgeiz, ihre Mentalität, sagen: "Ich spiele ein Spiel. Ob Mann oder Frau, das macht keinen Unterschied für mich." Am 16. Juli 1932 tritt sie bei den olympischen Ausscheidungswettkämpfen in Evanston als Leichtathletin an - und die Welt nimmt Notiz.

Geboren am 26. Juni 1911 wächst Mildred als eines von sieben Kindern norwegischer Einwanderer im texanischen Port Arthur auf. Nachdem ein Hurrikan die Stadt verwüstet hat, zieht die Familie 30 Kilometer landeinwärts nach Beaumont. Mildred ist ein burschikoses Mädchen - heute würde man wohl Tomboy sagen: markante, beinahe kantige Gesichtszüge, hohe Wangenknochen, ein entschlossenes Kinn. Ihre Augen blitzen wach und fokussiert, sind stets auf den Sport gerichtet - auf jeden Sport: Tennis, Schwimmen, Boxen, Volleyball, Handball, Bowling, sogar Billard. Bemerkenswert dabei: All das sind lediglich ihre Nebendisziplinen. Auf die Frage, was sie denn überhaupt nicht spiele, antwortet sie einmal, ganz ihrer selbstbewussten Natur entsprechend, kokett und trocken: "Mit Puppen."

Bis heute hält sich die Legende, dass sie als junges Mädchen beim Baseballspielen mit den Jungs stets die längsten Homeruns geschlagen habe. So erhält sie ihren Spitznamen Babe, benannt nach Babe Ruth, dem legendären Homerun-König der New York Yankees. Ihre große Bühne wird allerdings Basketball, wofür sie 1930 direkt aus der Highschool heraus von der Employers Casualty Company, einer texanischen Versicherungsgesellschaft, rekrutiert wird. Sie suchen Spielerinnen für die Golden Cyclones, mit denen die 19-Jährige fortan durch die USA tingelt. Dabei entwickelt sie einen Wettbewerbsinstinkt, der beinahe manisch wirkt. Mitspielerinnen berichten später, Babe habe selbst Trainingsspiele behandelt, "als hinge das Leben davon ab". Um ihren Amateurstatus nicht zu gefährden, wird sie für 75 Dollar im Monat als Sekretärin angestellt und kann sich voll auf den Sport konzentrieren. Sie siedelt nach Dallas über, und als wäre ein voller Spielkalender als Basketballerin nicht genug, wendet sie sich einer kurzen, aber umso spektakuläreren Leichtathletikkarriere zu.

Golfpunks dieser Welt: Champagnersäbel überflüssig: Babe köpft mit dem Driver (r.)Golfpunks dieser Welt: Champagnersäbel überflüssig: Babe köpft mit dem Driver (r.)
Champagnersäbel überflüssig: Babe köpft mit dem Driver (r.)

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WENN DU JUNGS SCHLAGEN WILLST, MUSST DU MIT JUNGS SPIELEN.
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Der arroganten Ankündigung "Ah'm gonna lick you single-handed!" (sinngemäß: "Euch mach ich doch mit links platt!") lässt sie bei der Olympiaqualifikation Taten folgen. In gut drei Stunden tritt sie in acht Disziplinen an, ist in fünf siegreich und stellt vier Weltrekorde auf. Laut IOC-Regularien darf sie als Frau aber nur in maximal drei Disziplinen bei den später im Jahr stattfindenden Olympischen Spielen in Los Angeles an den Start gehen. Sie entscheidet sich für Speerwerfen, Hochsprung und den 80-Meter-Hürdenlauf. Mit 43,69 Metern wird sie zur ersten Olympiasiegerin im Speerwurf. Über 80 Meter Hürden stellt sie in 11,7 Sekunden einen Weltrekord auf und auch im Hochsprung sorgt sie mit 1,65 Metern für eine neue Weltbestleistung. Die Goldmedaille geht aber an die gleichplatzierte Landsfrau Jean Shiley, nachdem Babes letzter Sprung aus fadenscheinigen Gründen für ungültig erklärt worden ist. Zweimal Gold, einmal Silber. Haken dran - Mildred Ella sucht eine neue Herausforderung.

Der amerikanische Sportjournalismus weiß oft nicht, wie er mit ihr und ihren schier unglaublichen Leistungen umgehen soll. Viele Artikel schwanken zwischen Bewunderung und Irritation. Babe ist zu laut, zu ehrgeizig, zu dominant für das traditionelle Frauenbild ihrer Zeit. Manche bewundern sie grenzenlos. Der legendäre Sportjournalist Grantland Rice schwärmt, sie habe "die vollkommenste Harmonie von Muskelkraft sowie geistiger und körperlicher Koordination, die die Sportwelt je gesehen hat". Andere reagieren mit offener Ablehnung. Joe Williams, Kolumnist des "New York World-Telegram", fordert gar: "Es wäre besser, wenn sie und ihresgleichen zu Hause blieben, sich hübsch machten und darauf warteten, dass das Telefon klingelt." Babe selbst begegnet solcher Kritik mit demonstrativer Selbstsicherheit: "Es ist nicht Angeberei, wenn man es auch wirklich kann."

Sie ist 21 Jahre alt und irgendwann zwischen Hürden und Speer holt sie ihre seit der Highschool unangetasteten Golfschläger aus dem Keller und schließt sich einigen Journalisten für eine Runde Golf im Brentwood Country Club an. Laut Grantland Rice schießt sie auf Anhieb eine 91 und jagt ihre Drives gut 250 Yards die Fairways hinunter. Eine beeindruckende Demonstration ihrer athletischen Fähigkeiten, schließlich misst sie kaum 1,70 Meter und wiegt nur 66 Kilogramm. Wo andere Jahre benötigen, um ein Gefühl für Schläger, Platz und Rhythmus zu entwickeln, erobert Babe auch den Golfsport im Sturm. Sie trainiert obsessiv, studiert Schwünge, perfektioniert ihr kurzes Spiel. "Ich schlug Bälle, bis meine Hände bluteten und schmerzten. Ich tapte meine Hände, bis das Tape blutdurchtränkt war." Ihr Erfolg ist unvermeidlich.

Golfpunks dieser Welt: 100 Meter? Klarer Fall für das Pitching-Speer
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Und so beginnt 1935 mit dem Gewinn der Texas Women's Amateur Championship die Evolution des Frauen-Golfsports: "Sie sagen, Golf sei einfach für mich gewesen, weil ich eben Athletin sei. Aber es gibt kein Mädchen auf der LPGA-Tour, das auch nur annähernd so hart gearbeitet hat wie ich. Es ist die schwierigste Sportart, die ich je angegangen bin." Auch weil sie mit bürokratischen Hindernissen zu kämpfen hat. Zunächst werden ihr der Amateurstatus und damit die Voraussetzung zur Teilnahme an den prestigeträchtigen Turnieren der Zeit verweigert, da sie als Athletin in anderen Sportarten Geld verdient. Sie wird Botschafterin für Wilson Sporting Goods und geht, so wie damals auch bei den Herren üblich, auf Werbe-Tour. Bei Charity-Turnieren und in Promi-Events wird sie gerne mit Schauspieler Bob Hope in einen Flight gepackt, der seine Comedy-Routine um einen Satz erweitert: "Es gibt nur eine Sache, die an Babe und mir nicht stimmt: Ich schlage den Ball wie ein Mädchen und sie wie ein Mann."

Dabei ist das Geschlecht für Babe vollkommen nebensächlich: Egal ob X- oder Y-Chromosomen, sie will einfach alle besiegen. Deshalb tritt sie 1938 auch bei der Los Angeles Open auf der PGA Tour gegen ein reines Männerfeld an. Mit Runden von 81 und 84 Schlägen verpasst sie den Cut, vielleicht auch weil sie abgelenkt ist. Als Gag hat der Veranstalter sie mit einem Wrestler in einen Flight gesteckt: Zwischen ihr und George Zaharias funkt es. Sie heiraten noch im gleichen Jahr und er begleitet sie fortan als Manager.

Es ist kein Widerspruch. Nähert man sich Babe über ihre Biografie "This Life I've Led", verbirgt sich hinter der kompromisslosen Athletin, hinter der an Arroganz grenzenden Selbstgewissheit eine warme und reflektierte Persönlichkeit, die in späteren Jahren nicht nur als Mentorin für die neue Generation von Golferinnen in Erscheinung tritt, sondern ihnen auch maßgeblich den Weg ebnet: Nach Babe dürfen Frauen kraftvolle, selbstbewusste Athletinnen sein. Sie macht sichtbar, was Frauen im Sport jahrzehntelang abgesprochen wurde: physische Dominanz, kompromisslosen Ehrgeiz und die Fähigkeit, die Sportwelt nach eigenem Belieben herauszufordern.

Golfpunks dieser Welt: Golfpunks dieser Welt:
1943 darf Babe wieder als Amateurin starten. Ihre Erfolge lassen sich in den Ergebnislisten nachlesen oder in einer Feststellung verdichten: Sie gewinnt alles. Sie dominiert. 41 LPGA-Tour-Siege sprechen für sich, davon zehn Majors. Aus dem All-Sports-Star wird die landesweit bekannte Golferin neuen Typs: "Ich hatte nie Angst davor, anders zu sein." Als sie 1945 beim zweiten Versuch den Cut bei der Los Angeles Open schafft, ist das eine Sensation: "Wenn du Jungs schlagen willst, musst du mit Jungs spielen." Eine weitere Barrikade ist gefallen. Und um zu zeigen, dass sie keine Eintagsfliege ist, gelingt ihr das Kunststück bei der Phoenix Open und der Tucson Open noch zwei weitere Male.

Wenngleich ihr sportliches Wirken gesellschaftsrelevante Dynamiken in Gang setzt, so ist sie nie Feministin oder gesellschaftspolitische Strategin. Im Gegenteil: Seit sie bei den Olympischen Spielen die afroamerikanischen Sportlerinnen Tidye Pickett und Louise Stokes mobbte, wurde sie immer wieder durch rassistische Äußerungen und Handlungen auffällig. Doch weil dies zu der Zeit nicht ungewöhnlich war und ihre sportlichen Leistungen alles überstrahlten, ist dieser Aspekt ihres Vermächtnisses heute weitestgehend in Vergessenheit geraten.

In Erinnerung bleibt neben ihren sportlichen Leistungen vor allem ihre Rolle als Wegbereiterin für die Zukunft des professionellen Damen-Golfs. Als sie 1950 mit ihrer eng verbundenen Konkurrentin Patty Berg und elf weiteren Mitstreiterinnen die LPGA Tour gründet, ist es vor allem Babes Popularität, die Zuschauer, Sponsoren und das Interesse der Medien generiert. Sie ist es auch, die in den Gründerjahren administrative Aufgaben schultert und die Werbetrommel rührt. Kurz gesagt: Sie ist die Botschafterin des Frauen-Golfs. Und: Sie gewinnt immer weiter.

 
TITEL

TITEL

OLYMPIA 1932

2x GOLD (80 M HÜRDEN + SPEERWURF)
1 x SILBER (HOCHSPRUNG)

GOLF

10 MAJOR-SIEGE:
3x US WOMEN'S OPEN (1948, '50 & '54)
3x TITLEHOLDERS CHAMPIONSHIP (1947, '50 & '52)
4x WOMEN'S WESTERN OPEN (1940, '44, '45 & '50)

WEITERE ERFOLGE:

U.S. WOMEN'S AMATEUR 1946
BRITISH LADIES AMATEUR 1947 (ERSTE AMERIKANERIN, DIE DIESEN TITEL GEWANN)
GRAND SLAM 1950

1953 dann der reale Albtraum. Babe erfährt, dass sie an Darmkrebs erkrankt ist. Die Ärzte entfernen zwar den ursprünglichen Tumor und setzen einen künstlichen Darmausgang, aber der Krebs hat bereits in die Lymphknoten gestreut. Trotz dieses Todesurteils sieht Babe ihre Karriere noch nicht am Ende: "Du bist nur fertig, wenn du aufgibst!" Es ist das Statement einer unerschütterlichen Athletin. Wenige Wochen nach der Operation ist sie zurück auf der Tour. Sie gewinnt nicht nur sieben weitere Turniere, sondern bleibt dominant - trotz oder gerade wegen der unheilbaren Krankheit. Für sie, die ihren Körper schon seit ihrer Kindheit an die Grenzen des für machbar Gehaltenen geführt hat, ist es womöglich ihr größter Triumph. 1954 gewinnt sie noch einmal die US Women's Open. Es ist ihr letztes Major-Turnier. Sie zerpflückt die Konkurrenz und gewinnt mit zwölf Schlägen Vorsprung - sichtbar angeschlagen für jene, die Zeugen sind.

Am 27. September 1956 stirbt Babe Didrikson Zaharias im Alter von gerade einmal 45 Jahren. Den treffendsten Nachruf lieferte kein Geringerer als US-Präsident Dwight D. Eisenhower: "Ich glaube, jeder von uns ist traurig darüber, dass sie diesen letzten ihrer Kämpfe verlieren musste."

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