Geboren am 26. Juni 1911 wächst Mildred als eines von sieben Kindern norwegischer Einwanderer im texanischen Port Arthur auf. Nachdem ein Hurrikan die Stadt verwüstet hat, zieht die Familie 30 Kilometer landeinwärts nach Beaumont. Mildred ist ein burschikoses Mädchen - heute würde man wohl Tomboy sagen: markante, beinahe kantige Gesichtszüge, hohe Wangenknochen, ein entschlossenes Kinn. Ihre Augen blitzen wach und fokussiert, sind stets auf den Sport gerichtet - auf jeden Sport: Tennis, Schwimmen, Boxen, Volleyball, Handball, Bowling, sogar Billard. Bemerkenswert dabei: All das sind lediglich ihre Nebendisziplinen. Auf die Frage, was sie denn überhaupt nicht spiele, antwortet sie einmal, ganz ihrer selbstbewussten Natur entsprechend, kokett und trocken: "Mit Puppen."
Bis heute hält sich die Legende, dass sie als junges Mädchen beim Baseballspielen mit den Jungs stets die längsten Homeruns geschlagen habe. So erhält sie ihren Spitznamen Babe, benannt nach Babe Ruth, dem legendären Homerun-König der New York Yankees. Ihre große Bühne wird allerdings Basketball, wofür sie 1930 direkt aus der Highschool heraus von der Employers Casualty Company, einer texanischen Versicherungsgesellschaft, rekrutiert wird. Sie suchen Spielerinnen für die Golden Cyclones, mit denen die 19-Jährige fortan durch die USA tingelt. Dabei entwickelt sie einen Wettbewerbsinstinkt, der beinahe manisch wirkt. Mitspielerinnen berichten später, Babe habe selbst Trainingsspiele behandelt, "als hinge das Leben davon ab". Um ihren Amateurstatus nicht zu gefährden, wird sie für 75 Dollar im Monat als Sekretärin angestellt und kann sich voll auf den Sport konzentrieren. Sie siedelt nach Dallas über, und als wäre ein voller Spielkalender als Basketballerin nicht genug, wendet sie sich einer kurzen, aber umso spektakuläreren Leichtathletikkarriere zu.


»WENN DU JUNGS SCHLAGEN WILLST, MUSST DU MIT JUNGS SPIELEN.«
Der amerikanische Sportjournalismus weiß oft nicht, wie er mit ihr und ihren schier unglaublichen Leistungen umgehen soll. Viele Artikel schwanken zwischen Bewunderung und Irritation. Babe ist zu laut, zu ehrgeizig, zu dominant für das traditionelle Frauenbild ihrer Zeit. Manche bewundern sie grenzenlos. Der legendäre Sportjournalist Grantland Rice schwärmt, sie habe "die vollkommenste Harmonie von Muskelkraft sowie geistiger und körperlicher Koordination, die die Sportwelt je gesehen hat". Andere reagieren mit offener Ablehnung. Joe Williams, Kolumnist des "New York World-Telegram", fordert gar: "Es wäre besser, wenn sie und ihresgleichen zu Hause blieben, sich hübsch machten und darauf warteten, dass das Telefon klingelt." Babe selbst begegnet solcher Kritik mit demonstrativer Selbstsicherheit: "Es ist nicht Angeberei, wenn man es auch wirklich kann."
Sie ist 21 Jahre alt und irgendwann zwischen Hürden und Speer holt sie ihre seit der Highschool unangetasteten Golfschläger aus dem Keller und schließt sich einigen Journalisten für eine Runde Golf im Brentwood Country Club an. Laut Grantland Rice schießt sie auf Anhieb eine 91 und jagt ihre Drives gut 250 Yards die Fairways hinunter. Eine beeindruckende Demonstration ihrer athletischen Fähigkeiten, schließlich misst sie kaum 1,70 Meter und wiegt nur 66 Kilogramm. Wo andere Jahre benötigen, um ein Gefühl für Schläger, Platz und Rhythmus zu entwickeln, erobert Babe auch den Golfsport im Sturm. Sie trainiert obsessiv, studiert Schwünge, perfektioniert ihr kurzes Spiel. "Ich schlug Bälle, bis meine Hände bluteten und schmerzten. Ich tapte meine Hände, bis das Tape blutdurchtränkt war." Ihr Erfolg ist unvermeidlich.

Dabei ist das Geschlecht für Babe vollkommen nebensächlich: Egal ob X- oder Y-Chromosomen, sie will einfach alle besiegen. Deshalb tritt sie 1938 auch bei der Los Angeles Open auf der PGA Tour gegen ein reines Männerfeld an. Mit Runden von 81 und 84 Schlägen verpasst sie den Cut, vielleicht auch weil sie abgelenkt ist. Als Gag hat der Veranstalter sie mit einem Wrestler in einen Flight gesteckt: Zwischen ihr und George Zaharias funkt es. Sie heiraten noch im gleichen Jahr und er begleitet sie fortan als Manager.
Es ist kein Widerspruch. Nähert man sich Babe über ihre Biografie "This Life I've Led", verbirgt sich hinter der kompromisslosen Athletin, hinter der an Arroganz grenzenden Selbstgewissheit eine warme und reflektierte Persönlichkeit, die in späteren Jahren nicht nur als Mentorin für die neue Generation von Golferinnen in Erscheinung tritt, sondern ihnen auch maßgeblich den Weg ebnet: Nach Babe dürfen Frauen kraftvolle, selbstbewusste Athletinnen sein. Sie macht sichtbar, was Frauen im Sport jahrzehntelang abgesprochen wurde: physische Dominanz, kompromisslosen Ehrgeiz und die Fähigkeit, die Sportwelt nach eigenem Belieben herauszufordern.


Wenngleich ihr sportliches Wirken gesellschaftsrelevante Dynamiken in Gang setzt, so ist sie nie Feministin oder gesellschaftspolitische Strategin. Im Gegenteil: Seit sie bei den Olympischen Spielen die afroamerikanischen Sportlerinnen Tidye Pickett und Louise Stokes mobbte, wurde sie immer wieder durch rassistische Äußerungen und Handlungen auffällig. Doch weil dies zu der Zeit nicht ungewöhnlich war und ihre sportlichen Leistungen alles überstrahlten, ist dieser Aspekt ihres Vermächtnisses heute weitestgehend in Vergessenheit geraten.
In Erinnerung bleibt neben ihren sportlichen Leistungen vor allem ihre Rolle als Wegbereiterin für die Zukunft des professionellen Damen-Golfs. Als sie 1950 mit ihrer eng verbundenen Konkurrentin Patty Berg und elf weiteren Mitstreiterinnen die LPGA Tour gründet, ist es vor allem Babes Popularität, die Zuschauer, Sponsoren und das Interesse der Medien generiert. Sie ist es auch, die in den Gründerjahren administrative Aufgaben schultert und die Werbetrommel rührt. Kurz gesagt: Sie ist die Botschafterin des Frauen-Golfs. Und: Sie gewinnt immer weiter.

TITEL
OLYMPIA 1932
2x GOLD (80 M HÜRDEN + SPEERWURF)1 x SILBER (HOCHSPRUNG)
GOLF
10 MAJOR-SIEGE:3x US WOMEN'S OPEN (1948, '50 & '54)
3x TITLEHOLDERS CHAMPIONSHIP (1947, '50 & '52)
4x WOMEN'S WESTERN OPEN (1940, '44, '45 & '50)
WEITERE ERFOLGE:
U.S. WOMEN'S AMATEUR 1946BRITISH LADIES AMATEUR 1947 (ERSTE AMERIKANERIN, DIE DIESEN TITEL GEWANN)
GRAND SLAM 1950
1953 dann der reale Albtraum. Babe erfährt, dass sie an Darmkrebs erkrankt ist. Die Ärzte entfernen zwar den ursprünglichen Tumor und setzen einen künstlichen Darmausgang, aber der Krebs hat bereits in die Lymphknoten gestreut. Trotz dieses Todesurteils sieht Babe ihre Karriere noch nicht am Ende: "Du bist nur fertig, wenn du aufgibst!" Es ist das Statement einer unerschütterlichen Athletin. Wenige Wochen nach der Operation ist sie zurück auf der Tour. Sie gewinnt nicht nur sieben weitere Turniere, sondern bleibt dominant - trotz oder gerade wegen der unheilbaren Krankheit. Für sie, die ihren Körper schon seit ihrer Kindheit an die Grenzen des für machbar Gehaltenen geführt hat, ist es womöglich ihr größter Triumph. 1954 gewinnt sie noch einmal die US Women's Open. Es ist ihr letztes Major-Turnier. Sie zerpflückt die Konkurrenz und gewinnt mit zwölf Schlägen Vorsprung - sichtbar angeschlagen für jene, die Zeugen sind.
Am 27. September 1956 stirbt Babe Didrikson Zaharias im Alter von gerade einmal 45 Jahren. Den treffendsten Nachruf lieferte kein Geringerer als US-Präsident Dwight D. Eisenhower: "Ich glaube, jeder von uns ist traurig darüber, dass sie diesen letzten ihrer Kämpfe verlieren musste."



