Dass der Club sich seiner Bedeutung für die Golfgeschichte bewusst ist, wird bereits beim Blick auf das Clubhaus sichtbar. Eine runde Plakette erinnert an das Vermächtnis von Frank Stableford und "das neue System des verrückten Doktors", das am 16. Mai 1932 zum ersten Mal in einem Turnier ausprobiert wurde. Und zwei Meter davon entfernt prangen unter dem in Gold gefassten Clublogo die Worte "Home of Stableford". Ein cleverer Marketingschachzug, denn um in unmittelbarer Nachbarschaft der Open-Plätze Royal Liverpool (10 km) und Royal Birkdale (15 km) zu bestehen, braucht es eine unverwechselbare Geschichte - und die zieht man in Wallasey konsequent durch. An jeder Fahnenstange prangt "Home of Stableford" und jeder einzelne Teemarker besteht aus einem Antlitz von Dr. Stableford.


»Weil ich die erste Startzeit habe, treffe ich immer wieder Greenkeeper, denen man anmerkt, wie stolz sie sind, an diesem Ort zu arbeiten.«
Um zu verstehen weshalb, wandele ich in Stablefords Fußstapfen und spiele eine Runde auf dem 1891 konzipierten Platz. Das erste Loch ist ein relativ unkompliziertes, kurzes Par 4, doch dann finden wir an Bahn 2 gleich zwei Gedenktafeln. Die eine betrifft Old Tom Morris, der den Platz einst konzipierte. Das Grün der 2 ist eines von nur vieren, die bis heute unverändert geblieben sind. Die zweite erinnert an den Tag, an dem Frank Stableford hier sein System ersann.
Auf den ersten Blick wirkt es seltsam, dass ausgerechnet hier ersonnen wurde, ein Loch zu streichen. Es gibt weder Wasser noch Ausgrenze und das Fairway ist 40 Meter breit. Zu Stablefords Zeiten dürfte es allerdings enger gewesen sein bei ähnlicher Länge. Selbst von den gelben Tees liegen zwischen Tee und Grün mehr als 400 Meter. Nach zwei sehr guten Schlägen liege ich immer noch 30 Meter vor dem Grün. Doch wer braucht Stableford, wenn man Neunmeter-Putts locht?

Ironischerweise beweist ausgerechnet Bobby Jones, einer der besten Golfer aller Zeiten, den Sinn von Stableford. Bei seiner ersten Open im Jahr 1921 landete Jones im Hill-Bunker, der tückischsten Verteidigung auf Loch 11 des Old Courses von St. Andrews. Nach vier vergeblichen Versuchen aus dem Bunker zerriss Jones seine Scorekarte und gab auf. Dieser "unrühmlichste Misserfolg meiner Golfkarriere", wie es der Gentleman-Golfer später nannte, dürfte den meisten von uns bekannt sein. Stablefords System sollte dazu beitragen, dass alle Spieler motiviert sind, bis zum Ende weiterzuspielen. Auch deshalb macht es Sinn, dass ihm die Idee am zweiten Loch von Wallasey kam, denn wer sich so früh schon die Runde versaut, hat es nicht weit bis zum Parkplatz.
Dabei wäre es eine Schande, in Wallasey vorzeitig aufzuhören. Während im benachbarten Royal Liverpool bei großzügiger Auslegung gerade einmal sechs Löcher die Dünen berühren, konnten Old Tom Morris und später Harold Hilton und James Braid in Wallasey aus dem Vollen schöpfen. Ihr Routing zog sich durch eine spektakuläre Dünenlandschaft mit unzähligen Höhenwechseln. Dass es heute auch zahlreiche flache Abschnitte gibt, hat viele Gründe. Erst musste der Club einen Teil des gepachteten Landes abtreten. Ende der 1930er wurden dann eine halbe Million Tonnen Sand abgebaut, um Beton für einen Uferwall zu gewinnen. Und schließlich sorgten Hitlers Allmachtsfantasien dafür, dass der britische Staat zahlreiche Spielbahnen enteignete, um Verteidigungsanlagen zu bauen, da die Liverpool Docks immer wieder Ziele der deutschen Luftwaffe waren. Erst 1952 konnte der Club wieder auf vollen 18 Löchern operieren, nachdem er neues Land bekam, das leider jedoch den Dünencharakter der anderen Bahnen vermissen lässt.


Dass der Platz trotz dieser ganzen historischen Verwerfungen eine unbändige Spielfreude bereitet, liegt auch daran, dass der Pflegezustand sensationell ist. Weil ich die erste Startzeit habe, treffe ich immer wieder Greenkeeper, denen man anmerkt, wie stolz sie sind, an diesem Ort zu arbeiten, und die alle den neuen Course Manager über den grünen Klee loben. Denn seit John McLoughlin vor sechs Jahren seinen Dienst antrat, ist auf den Fairways eben kein Klee mehr zu finden. Die Spielfreude mag aber auch daran liegen, dass ich bei vollkommener Windstille so gut wie jedes Fairway treffe und nicht mal ansatzweise in Versuchung komme, das Stableford-System in Anspruch nehmen zu müssen. Dummerweise kommt mir dieser Gedanke nicht auf dem Grün der 18, sondern bereits auf dem Tee - fünf Sekunden später verschwindet mein Drive im dicksten Rough von Wallasey. Schlimmer noch: Nachdem der zweite Drive das Fairway gefunden hat, sehe ich, dass im Grün der 18 keine Fahne steckt. Also ziele ich zur Grünmitte, suche nach dem Loch und rette mit einem Zwei-Putt aus 20 Metern das Doppel-Bogey. Einen nervösen Blick auf die Scorekarte später stelle ich erleichtert fest: Handicap 10, Strich vermieden.
Als ich unter den wachsamen Augen von Frank Stablefords Porträt an der Bar meine Punkte zähle, komme ich auf 82 Schläge und 38 Punkte. Doch als ich einen Blick auf die offiziellen Stableford-Regeln von 1949 werfe, die gerahmt an der Wand hängen, stelle ich wieder einmal fest, wie viel einfacher wir es haben als unsere golferischen Ahnen. Nicht nur stehen uns nahezu endlos fliegende Bälle und dreimal so große Driver-Köpfe zur Verfügung, das Stableford-System ist auch deutlich großzügiger. Denn mit Handicap 12 hätte ich nach den Anweisungen des guten Doktors nicht etwa mit einer Vorgabe von 14 gespielt, sondern von meinem Handicap einen Vorgabeschlag subtrahieren müssen. Doch nur 35 Punkte! Aber Moment: Ganz oben steht, dass das Ganze nicht gegen Par, sondern gegen Bogey gerechnet wird. Also 44 Punkte? Ich bin kurz davor, den Barkeeper nach einem Glasmarker zu fragen, um wie Russell Crowe in "A Beautiful Mind" die Scheiben des Clubhauses mit Stableford-Formeln vollzukritzeln, als mir eines einfällt. Dr. Stableford hat sein System entwickelt, damit die Menschen auf der Golfrunde Spaß haben. Wen stört es, ob am Ende 35, 38, 44 oder 55 Punkte herausgesprungen sind? Am Spaß, den ich im Home of Stableford hatte, ändert das nichts.



