Während sich Hull köstlich amüsierte, herrschte bei den anwesenden Journalisten betretenes Schweigen und im Internet wurden die virtuellen Fackeln und Mistforken herausgeholt ob des vermeintlich kruden Scherzes einer Millionärin. Statt wie die meisten Stars am nächsten Tag eine unglaubwürdige Entschuldigung nachzuschieben, blieb sich Hull treu und erklärte: "Die Leute haben keine Ahnung von der Beziehung zwischen Adam und mir. Er ist wie ein großer Bruder für mich. Er macht sich ständig über mich lustig und fand den Scherz großartig." Und für ihre Kritiker hatte sie auch noch fünf ausgewählte englische Wörter übrig: "Grow a pair of balls!"
Dass niemand Charley Hull diese Unverblümtheit und Unangepasstheit übel nimmt, liegt daran, dass es authentisch ist. Dass sie als 16-Jährige im Profizirkus nahezu über Nacht zu einem Superstar wurde, hat nicht nur mit ihren Leistungen zu tun, sondern auch damit, dass sie als Mädchen von nebenan gilt - oder zumindest als Mädchen vom Pub nebenan. "Ich bin ich. Ihr wisst nicht, was als Nächstes aus meinem Mund kommt, und ich weiß es selber nicht. Ich werde immer ich sein. Entweder ihr mögt das oder ihr lasst es sein", beschrieb sie sich vor Kurzem einmal selber. Nicht der einzige Grund, warum sie in den Medien gerne als weiblicher John Daly bezeichnet wird.
Geschichten, die dies unterfüttern, gibt es viele. 2016 soll sie direkt nach einer vier Tage andauernden Party in den Flieger nach Florida gestiegen und anschließend bei der CME Tour Championship angetreten sein. Es wurde der erste LPGA-Sieg ihrer Karriere. Im Mai 2024 ging ein Video viral, auf dem sie mit Fluppe im Mund bei der US Women's Open Autogramme schrieb. Und erst vor wenigen Wochen gestand sie im Podcast "Untapped with Spencer Matthews", auf dem Höhepunkt ihres Nikotinkonsums 40 Zigaretten am Tag geraucht zu haben. Doch abseits dieser viralen Momente könnten John Daly und Charley Hull nicht unterschiedlicher sein.

»ALS ICH SIEBEN JAHRE ALT WAR, HABE ICH EINEN 17-JÄHRIGEN JUNGEN BESIEGT. ER WAR RICHTIG SAUER. UND ALS ER VERLOREN HATTE, SAGTE ER NUR: ,SCH... MÄDCHEN!'«
Sogar für ihre zwischenzeitliche Zigarettensucht gibt es eine erhellende Erklärung. 2023 wurde bei Hull ADHS diagnostiziert und sie bekam Beruhigungsmittel. Als sie feststellte, dass sie auf bestem Wege war, eine Abhängigkeit zu entwickeln, zog sie die Reißleine, ersetzte es durch Rauchen und hatte anschließend ihr Image weg. Doch seit einer Wette im März 2025 hat Charley Hull das Rauchen aufgegeben. Ihre aktuelle Anti-ADHS-Methode: Nikotinbeutel.
Die ADHS-Diagnose zeigt sich auch auf dem Golfplatz. In einer für Sechs-Stunden-Runden berüchtigten Sportart ist Charley Hull ein leuchtendes Beispiel dafür, dass es anders geht. "Auf dem Golfplatz bin ich leicht gelangweilt, weil ich schnell spiele und immer von einem Schlag zum nächsten übergehen möchte", erläutert sie. Selbst Dinge, die von außen wie Profiverhalten aussehen, sind ein Ausdruck ihrer Langeweile: "Die Leute denken bestimmt, dass ich mein Birdiebook genau studiere, aber tatsächlich kritzele ich nur darin herum." Wer braucht schon ein Birdiebook, wenn man mit so viel Talent gesegnet ist wie Charley Hull?
Bereits mit zwei Jahren begleitete sie ihren Vater in den Kettering Golf Club. Statt sie mit Technik-Drills zu langweilen, hatte ihr erster Trainer Kevin Theobald nur eine Aufgabe für sie: "Schlage den Ball so hart, wie du kannst." Der Erfolg stellte sich schnell ein. "Als ich sieben Jahre alt war, habe ich einen 17-jährigen Jungen besiegt", erinnert sich Hull. "Er war richtig sauer. Und als er verloren hatte, sagte er nur: ,Sch... Mädchen!'" Für nationales Aufsehen sorgte sie 2005, als sie als Neunjährige ein Erwachsenenturnier gewann. Dabei hatte sie bei der Ladies' Golf Union Championship in Turnberry zwei Probleme zu überwinden. Das erste war die Anreise. Die Rettung kam in Form des Ladies' Captain ihres Platzes, die dafür jedoch erst mal ihr Auto umbauen musste: Die kleine Charley brauchte noch eine Sitzerhöhung. Das zweite waren die stürmischen Böen in Turnberry. "Ich habe so wenig gewogen, dass ich buchstäblich vom Wind umgeblasen wurde", erinnert sie sich.
Als sie mit elf Jahren Handicap 0 erreichte, beschlossen ihre Eltern, Charley von der Schule zu nehmen und sie zu Hause zu unterrichten. Zu sagen, der Unterricht spielte fortan die zweite Geige, wäre ungerecht gegenüber Violinisten. Charley musste gerade mal für drei Fächer pauken - der Golfplatz wurde zu ihrem Klassenzimmer. "Normalerweise ist man von 9 bis 15 Uhr in der Schule, ich habe jeden Tag von 9 bis 15 Uhr Golf gespielt", blickt sie zurück. Verpasst habe sie damit nichts, sagt sie. "Ich wäre vermutlich eh mit 16 von der Schule abgegangen. Meine Freundinnen sind Kosmetikerinnen und Friseurinnen. Das wäre wahrscheinlich auch mein Weg gewesen."


Dass sie den Sprung in die europäische Spitze so schnell schaffte, hat sie einem sensationellen Start zu verdanken. Am 01. Januar war sie im Alter von 16 Jahren, 9 Monaten und 13 Tagen ins Profi-Lager gewechselt und wurde direkt bei ihrem ersten Start auf der Ladies European Tour geteilte Zweite. Das gleiche Resultat fuhr sie auch in ihren nächsten vier Starts ein und wurde am Ende der Saison Rookie of the Year. Für Kapitänin Liselotte Neumann genug Gründe, um sie als Captain's Pick ins europäische Team zu berufen. Hulls Reaktion: "Ich weiß noch, dass ich auf gewisse Art niedergeschlagen war, weil ich die Geburtstagsparty meiner Freundin verpassen würde." Die Unkenntnis über die Größe des Events und ihre jugendliche Unbekümmertheit zahlten sich aus. Charley Hull holte aus drei Starts zwei Punkte und trug dazu bei, dass Europa zum ersten Mal ein Auswärtsspiel gewinnen konnte. Etwas, was ihr 2021 noch einmal gelang. "Ich verstehe nicht, warum die Leute sagen: ,Ihr habt einen Heimvorteil.' Ich spiele besser, wenn die Zuschauer gegen mich sind, weil ich ihnen beweisen will, dass sie falsch liegen", erklärt sie eines ihrer Erfolgsgeheimnisse. Ein weiteres liegt in ihrer Attitüde gegenüber dem Kontinentalwettstreit: "Es ist einfach ein lustiges Event, eine Woche, um mit deinen Buddys Spaß zu haben. Beim Solheim Cup bin ich nicht wirklich nervös. Ich bin bei Pro-Ams nervöser, weil die Amateure erwarten, dass ich unglaublich bin."
Wenn sie in diesem Jahr in Bernardus Golf aufteet, ist Charley Hull zum achten Mal beim Solheim Cup dabei. Ihre bisherige Bilanz: 9 Niederlagen, 3 Unentschieden, 15 Siege. Und kein Sieg war beeindruckender als ihr Einzel vor zwei Jahren. Kapitänin Suzann Pettersen schickte sie gleich als Erstes raus, um gegen US-Superstar Nelly Korda den Ton zu setzen. Hulls überzeugender Triumph sorgte dafür, dass Golfjournalisten weltweit bereits von einer neuen Rivalität träumten wie einst zwischen Seve Ballesteros und Paul Azinger oder Rory McIlroy und Patrick Reed. Eine Hoffnung, die Hull weit von sich weist: "Es kann keine Rivalität sein. Sie hat weiß Gott wie viele Majors gewonnen und ich habe fünf zweite Plätze."
Bei der Chevron Championship 2016 lag Hull einen Schlag hinter der einzigen Spielerin, die im noch jüngeren Alter noch weiter nach vorne kam: Lydia Ko. 2023 hatte Hull gleich zweimal das Nachsehen. Nachdem sie bei der US Women's Open nie wirklich im Rennen um den Titel gewesen war, führte sie die British Women's Open nach drei Runden an, verspielte aber mit einer schwachen Front Nine ebenso alle Titelchancen wie zwei Jahre später, als sie sich an der 16 und 17 jeweils ein Bogey leistete. Und dann war da noch die US Women's Open in diesem Jahr. Nach drei Runden lag Hull drei Schläge hinter der Führenden Nelly Korda, doch mit einem Eagle an der 1 bewies Hull, dass sie noch nicht aufgegeben hatte. An Bahn 8 holte sie erstmals die Führende ein, ein Bogey an der 14 machte jedoch letztlich den Unterschied aus zwischen ihr und Korda, die sich ihr viertes Major sicherte. "Ich habe wirklich gut gespielt, aber jedes Mal, wenn ich bei einem Major Zweite werde, tut es ein bisschen mehr weh", verrät eine etwas niedergeschlagene Charley Hull nach der Runde. Die knappen Niederlagen nagen so sehr an ihr, dass sie selbst nachts davon verfolgt wird. "Ich habe in so vielen Träumen meine Schläge noch einmal durchgespielt und darüber nachgedacht, was ich hätte besser machen können, um zu gewinnen", gesteht sie im Sky Sports Golf Podcast.

Steckbrief
Name: Charley HullJahrgang: 1996
Wohnort: Kettering, England
Profi seit: 2013
Weltrangliste: Platz 6 (August '26)
Beste Runde: 62 (PIF London 2026)
Lieblingsverein: Liverpool Fc
ERFOLGE
2014 Lalla Meryem Cup
2016 CME Group Tour Championship
2019 Fatima Bint Mubarak Ladies Open
2021 Aramco Team Series New York
2022 Volunteers Of America Classic
2024 Aramco Team Series Riyadh
2025 Kroger Queen City Championship
2026 Pif Saudi Ladies International
Für das Publikum der US Women's Open im Riviera Country Club war Hulls Niederlage aber zweitrangig, denn die Engländerin hat mit ihrem aggressiven Spiel alle auf ihre Seite gezogen. Nach ihrem Eagle an der 1 spielte Hull an Loch 6 ihr Eisen bewusst zu lang, um den Ball von einem Hügel so zurücklaufen zu lassen, dass sie nur um Millimeter ein Hole-in-one verpasste. Und an der legendären kurzen 10 zückte Hull den Driver und traf als eine von nur sechs Spielerinnen das Grün. Es war die perfekte Illustration ihrer Spielphilosophie, die sie bereits 2020 in einem Interview umriss. "Es mag seltsam klingen, jedoch ist es mir lieber, die Leute sagen: ,Sie hat vielleicht nicht jeden Schlag perfekt gemacht, aber sie kann sich immer wieder aus schwierigen Situationen retten und es macht so viel Spaß, ihr zuzusehen', als: 'Sie schlägt einfach nur langweilig geradeaus.'"
Und wenn Charley Hull eines auf gar keinen Fall ist, dann langweilig - egal ob sie als Markenbotschafterin für Malbon Golf die Mode-Konventionen sprengt, ob sie ihrem Caddie einen Streich spielt oder sich mit Aussagen wie "Ich liebe Trump. Ich wünschte, er würde Großbritannien regieren!" den Mund verbrennt. Tatsächlich hat Charley Hull einen Status erreicht, den Podcast-Guru Bill Simmons einst als die "Tyson Zone" beschrieb: den Punkt, ab dem man jede Geschichte über sie glauben würde. Nur eine klingt unrealistisch: Sie selbst sagt, ihre Persönlichkeit abseits des Golfplatzes sei noch deutlich ungefilterter.



