Wäre sie ein Mann gewesen, hätte sich Clifford Roberts alle Finger danach geleckt, Marion in seinem Club begrüßen zu dürfen. Sie kam am 03. Dezember 1892 als Tochter des Investmentbankers und Eisenbahnunternehmers Harry Bowly Hollins zur Welt. Ihr Leben auf einem 250-Hektar-Anwesen auf Long Island war eines, das man sonst nur aus Fernsehserien wie "Downton Abbey" oder "The Gilded Age" kennt. Geld gab es im Überfluss, Arbeit dafür umso weniger. Also verbrachten Marion und ihre vier Brüder die Zeit mit Sport, wobei Marion durch den ständigen Wettstreit mit ihren Geschwistern schnell alle anderen Frauen übertrumpfte. Wie sehr, illustrierte 1914 ein Artikel in der "Chicago Tribune", der eine Sportlerin zitierte, die erfuhr, dass Hollins' Handicap mit +1 festgelegt wurde: "Jetzt ist es so weit. Marion Hollins ist eine Klasse für sich. Sie reitet so gut, wie sie golft. Sie ist die beste Kutscherin im Osten. Sie ist Star des Long-Island-Polo-Teams. Sie schwimmt wie eine wiedergeborene Nixe. Sie spielt Tennis wie ein Wirbelwind. Ich hätte volles Vertrauen in sie, selbst wenn sie sich in den Kopf setzen würde, mit einem Auto den Berg Jungfrau hinaufzufahren."
Marions früheste Leidenschaft war der Pferdesport. Bereits mit drei Jahren hielt sie die Zügel einer Kutsche in Händen und wurde schnell zur profiliertesten Wagenlenkerin des Landes. "Ihre blauen Schleifen bedecken buchstäblich die Boxenwände im Stall", zeichnete die "Chicago Tribune" ein Bild ihrer Erfolge, die unter anderem darin bestanden, dass sie einen Vierspänner durch die engen Straßen des Big Apple manövrierte oder in Rekordzeit von Buffalo nach New York.


»MARION HOLLINS IST EINE KLASSE FÜR SICH. SIE REITET SO GUT, WIE SIE GOLFT. SIE SCHWIMMT WIE EINE WIEDERGEBORENE NIXE. SIE SPIELT TENNIS WIE EIN WIRBELWIND.«
Zuerst gründete Hollins die Women's Pebble Beach Championship - ein Event, das sie dominierte wie keine andere. Marion gewann das Turnier siebenmal und wurde sechs weitere Male Zweite. Zudem schlug sie ihrem Chef die Gründung eines Privatclubs vor, um die Gegend ihren reichen Freunden aus New York schmackhaft zu machen. Morse stimmte zu und beauftragte Marion Hollins mit der Realisierung des Projekts: die Geburtsstunde von Cypress Point.
Den Status als Sehnsuchtsort aller Liebhaber von herausragender Golfarchitektur verdankt der Club vor allem einem Loch, der legendären 16. Das Par 3 führt vom Tee zum Grün rund 200 Meter über den Pazifik und schien eine wahnwitzige Idee zu sein. Selbst Architekt Alister MacKenzie, der für den plötzlich verstorbenen Seth Raynor einsprang, hielt die Bahn in der Planungsphase für zu ambitioniert und plante, ein Par 4 daraus zu machen. "Miss Hollins sagte, sie halte es nicht für einen unmöglichen Schlag. Daraufhin teete sie einen Ball auf und schlug ihn zur Mitte des vorgesehenen Grüns", gab MacKenzie in seinem Buch "The Spirit of St. Andrews" alle Lorbeeren an seine Auftraggeberin weiter. "Abgesehen von minimalen Details beim Bau war ich in keiner Weise für dieses Loch verantwortlich." Für die beiden war Cypress Point der Beginn einer wunderbaren Freundschaft.

Dem Resultat fehlte vielleicht der atemberaubende Ausblick auf den Pazifik; das von MacKenzie nach Marion Hollins Wünschen konzipierte Design mit opulent ondulierten Grüns und Fairways, die wie Miniaturausgaben von Gebirgsketten aussahen, war dennoch ein Triumph, der auch den besten Golfer seiner Zeit begeisterte. 1929 war Bobby Jones als zweifacher Titelverteidiger und großer Favorit der US Amateur Championship nach Pebble Beach gereist und erzielte in der Zählspielqualifikation erwartungsgemäß das beste Ergebnis. Doch dann kegelte ihn in der ersten Match-Play-Runde der damals noch völlig unbekannte Johnny Goodman aus dem Turnier. Jones, der in einer seiner Proberunden den gerade frisch eröffneten Cypress Point gespielt und Hollins bereits eine Zusage für die Eröffnungsrunde in Pasatiempo gegeben hatte, nutzte die unerwartete Freizeit, um sich mit MacKenzie über Golfarchitektur zu unterhalten. Das Gespräch und seine beiden Runden in Cypress Point und Pasatiempo überzeugten Jones, dass MacKenzie der richtige Mann sei, um seinen Augusta National Golf Club zu gestalten. Ohne die Verkupplung durch Marion Hollins wäre dies alles nie möglich gewesen.
Doch die große Feierstimmung wechselte schnell in Depression, genauer gesagt in die Große Depression. Nur sieben Wochen nach der Eröffnung des Pasatiempo Golf Club vernichtete der Black Friday 14 Milliarden Dollar an Börsenwert. Marion Hollins blieb auf ihren Baugrundstücken sitzen und musste ihre Ambitionen für Pasatiempo zusammenstreichen. Was blieb, war der Golfplatz - und auch der nur rudimentär. Aufgrund finanzieller Engpässe mussten die Pflegekosten reduziert werden, weshalb viele von MacKenzies Bunkern zugeschüttet und seine Grüns verkleinert wurden. Erst 2024 konnte der Platz wieder in seinen ursprünglichen Zustand versetzt werden.


Vier Jahre später erlitt Marion Hollins einen Schlaganfall und starb im Alter von nur 51 Jahren. Ihr Vermächtnis überdauert allerdings bis heute und beeinflusst auch Generationen später noch Golfplatz-Designerinnen auf der ganzen Welt.

Titel
GOLF-ERFOLGE:U.S. WOMEN'S AMATEUR (1921)
CURTIS CUP (1932)
PEBBLE BEACH WOMEN'S
CHAMPIONSHIP (7 SIEGE)
GOLFPLÄTZE:
WOMEN'S NATIONAL GOLF CLUB (1922)
CYPRESS POINT (1928)
PASATIEMPO GOLF CLUB (1929)



