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Seve Ballesteros – Teil 2

Golfs letzter Rockstar - Tribut an einen Helden

Von Rainer Schillings

Der legendäre Autor und Golfjournalist Peter Dobereiner beschrieb im Jahr 1980 das Ergebnis der selbst auferlegten harten Golfschule in einem Beitrag für die amerikanische Zeitschrift "Golf Digest" sinngemäß mit den Worten: Den Dreiviertelschwung hat Seve nie gelernt. Warum auch, er schlug immer so hart, wie er nur konnte. Und taktisch verfuhr er nach einem ganz pragmatischen Verfahren: Die kürzeste Verbindung zwischen zwei Punkten ist eine gerade Linie. Woraus Seve den praktischen Schluss zog, bei jedem Schlag die Fahne anzugreifen. Wenn Bäume im Weg standen, spielte er halt über sie hinweg. Sandhindernisse, gemeinhin als Bunker bekannt, kamen in seiner Welt nicht vor. Warum auch, nach all den Stunden, die er am Strand von Pedreña Golf spielend verbracht hatte. Kurz: Ballesteros' ureigene Golftechnik entwickelte sich völlig unbeeinflusst von irgendwelchen Lehrbüchern und konstruierten Spielphilosophien. Obwohl: Vorbilder hatte er schon, auch wenn diese nicht in Hochglanzmagazinen vorkamen. Sie hießen Manuel, Vincente und Baldomero. Wenn seine älteren Brüder einen neuen Trick draufhatten, übte er so lange, bis auch er ihn beherrschte. Und meistens besser als sie.

Das Ergebnis kann sich durchaus sehen lassen. Mit insgesamt drei Open-Championship- (1979, 1984, 1988) und zwei US-Masters- Siegen (1980, 1983) spielte Seve sich in die Herzen der Golfwelt. Und das wie ein spanischer Grande: Nicht nur die Art seiner Siege, auch die seiner - vermeintlichen - Niederlagen, die er in einem Geniestreich umzudrehen wusste, waren spektakulär. So spielte er bei der Open Championship 1979 in Royal Lytham and St. Annes, wie kein Lehrbuch es je empfehlen würde. An den vier Turniertagen traf er gerade mal 14 Fairways. Und spätestens, als er am 16. Loch der letzten Runde den sicheren Sieg mit einem verzogenen Drive fast verspielte, um dann doch noch zu siegen, galt er als lebende Legende. Sein Ball war auf einem Parkplatz unter einem Auto gelandet. Nach einem straffreien Drop zauberte er ihn doch noch aufs Grün, spielte ein Birdie und holte sich seinen ersten Major-Triumph.

Aus dem zweifelhaften Titel "Car Park Champion" wurde über die Jahre ein "Matador". Triumph und Drama - beides lag bei Severiano Ballesteros immer dicht beieinander. Unvergessen ist seine in die Luft gereckte Faust nach seinem Siegesputt bei den British Open 1984 in St. Andrews. Einmal, zweimal und noch einmal. Dabei breit grinsend und die Welt umarmend. Der Golfgott - wenn es denn einen gibt -, er hatte seinen würdigen Stellvertreter auf die heiligen Grüns des Golfmekkas St. Andrews gesandt und alle Religionen kulminierten in dieser einen spanischen Faust. Eine Geste, aus der über die Jahre Ballesteros' Markenzeichen wurde und die in Bronze gegossen vor seiner Haustür in Pedreña steht. Ein Symbol, das freilich viel stärker nachwirkt als die theatralischen spanischen Flüche, die er durchaus laut nach einem verkorksten Abschlag auf Knien gen Himmel stoßen konnte. ¡Madre de dios! Gott wird ihm den einen oder anderen Fauxpas sicher nachsehen…

So stürmisch Seve sich in die Weltspitze spielte, so lang und quälend war sein Abschied. Seinen letzten Sieg feierte er bei den Spanish Open 1995, seinen Rücktritt jedoch erklärte er erst im Jahr 2007. Dazwischen lagen Jahre der Agonie, der Schmerzen und der Zweifel. Immerhin, 1997 führte er als Ryder-Cup-Kapitän das Europa-Team in seinem Heimatland bei Sotogrande im Golfclub Valderrama zu einem grandiosen Sieg über die USA. Balsam für ein strauchelndes Idol. Trotzdem: Aus dem Glückspilz der 80er-Jahre wurde Jahr um Jahr für alle sichtbar ein tragischer Held. Der Schotte Colin Montgomerie brachte es in einem Beitrag für "Spiegel Online" auf den Punkt: "Es ist furchtbar, wenn man einen so großartigen Spieler wie Ballesteros so schlecht spielen sieht." Reihen weise hagelte es miserable Rundenergebnisse und verpasste Cuts. Mit trauriger Miene erlöste Seve sich und seine mitleidenden Wegbegleiter von den Leiden - und dies ausgerechnet bei den British Open in Carnoustie, dem Turnier seiner grössten Triumphe.

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