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Golf in Lappland

Ice Ice Birdie

Von Jan Langenbein, Fotos: Porsche

Nicht einmal Finnen sind verrückt genug, im Februar in Lappland Golf spielen zu wollen, Schwaben offensichtlich schon. Bei Temperaturen tiefer als Tigers US-Open-Ergebnis von 2000 waren Zitter-Putts vorprogrammiert.

Mal scharf nachdenken: Wann hatte ich das letzte Mal Lust, nach draußen zu gehen, geschweige denn sogar Golf zu spielen, wenn vor der Tür zweistellige Minusgrade herrschen? Die Antwort ist simpel: niemals. Doch nun bin ich hier in Finnland - in Lappland, um genau zu sein - 135 Kilometer nördlich des Polarkreises, wo die Menschen eine unverständliche Sprache sprechen, der Weihnachtsmann zu Hause ist und das Thermometer vor dem Hotelfenster tatsächlich -20 C anzeigt. Und die Frage nach der Golflust ist keineswegs theoretisch, sondern sehr, sehr real.

Aber der Reihe nach: als drei Wochen zuvor die Einladung des Porsche Golf Circle, an einem Golfturnier in Levi teilzunehmen, in der GolfPunk-Redaktion eintraf, wich die winterschlafähnliche Lethargie schnell emsiger Betriebsamkeit. Triggerte diese Offerte doch drei drängende Fragen. Erstens: Wo, bitte, liegt Levi? Zweitens: Wo kann ich lange Unterhosen kaufen? Und drittens: Wann geht es endlich los?

Die Fragen eins und zwei klärten sich binnen Minuten und die Antwort zu Frage drei bringt mich Mitte Februar zum ersten Mal in meinem Leben nach Finnland. Als ich in Levi, dem größten Skigebiet des Landes, ankomme, setzt die freudige Erkenntnis ein, dass Winter nicht überall grauer Himmel, Regen von der Seite und matschige Golfplätze bedeutet. Nein, hier scheint tatsächlich, wenn auch nur für eine Handvoll Stunden am Tag, die Sonne und perfekt präparierte Skipisten enden direkt an der Hotelvorfahrt. Als ich vor 20 Jahren anfing, Golf zu spielen, bedeutete dies gleichzeitig das Ende meiner Zeit als allwinterlicher Hobbyskifahrer. Vermisst hatte ich den Wintersport seither nie, doch das ändert sich beim ersten Griff in den perfekten Schnee Lapplands. Da winterliche Temperaturen im Plusbereich hier so wahrscheinlich sind wie Blitzeis an der Copacabana, existiert in der finnischen Sprache sicherlich kein Wort, das sich mit "Sulzschnee" oder "Pappschnee" übersetzen ließe. Powder dieser Güteklasse ist mir in den Alpen noch nie untergekommen und beim Anblick der die Pisten herunterbolzenden, wie Michelin-Männchen verpackten Skifahrer überkommt mich der blanke Neid.

Doch den Skifahrern würde es wahrscheinlich genauso gehen, könnten sie sehen, was auf uns, die 18 Teilnehmer dieser Reise und Mitglieder des Porsche Golf Circle, für die kommenden beiden Tage inmitten der tief verschneiten finnischen Weite wartet. Die nahezu gesamte Produktpalette des schwäbischen Sportwagenbauers steht hier für winterfeste Automobilenthusiasten bereit, um über Rennstrecken und Handling-Parcours gejagt zu werden, die jeden Winter auf einem durchgefrorenen Sumpf angelegt werden. 1.500 driftfreudige Hobbyrennfahrer pilgern Jahr für Jahr den gesamten Winter über zu diesem automobilen Spielplatz, um die Grenzen ihrer Fahrkunst zu erweitern und die deutlich weiter gesteckten Grenzen der Fahrzeuge zumindest einmal im Leben zu erfahren. Im Straßenverkehr sind solche Grenzerfahrungen schließlich ebenso unwahrscheinlich wie unerwünscht.

Golf in Lappland: Dumm gelaufen: den Nachwuchs in der ersten Kurve verloren
Dumm gelaufen: den Nachwuchs in der ersten Kurve verloren

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1.500 driftfreudige Hobbyrennfahrer pilgern Jahr für Jahr den gesamten Winter über zu diesem automobilen Spielplatz, um die Grenzen ihrer Fahrkunst zu erweitern.
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Normalerweise trifft sich der Porsche Golf Circle an Zielen wie Singapur oder Teneriffa. Unter vollkommen anderen klimatischen Voraussetzungen also, um dort den gemeinsamen Vorlieben, die Marke Porsche und Golf, zu frönen. Ersteres erscheint mir hier in Levi durchaus logisch und so driften wir in den kommenden 48 Stunden zu Anfang noch recht unbeholfen, am Ende aber doch beachtlich über die eisigen Strecken. Wir lernen die Unterschiede zwischen Drifts mit einem heckangetriebenen Sportwagen und einem hochmotorisierten Autobahncruiser mit Allradantrieb und staunen allesamt Bauklötze über die brachiale Power und das unglaubliche Drehmoment des vollelektrischen Taycan. Am zweiten Tag mache ich die Erfahrung, dass man auch auf blankem Eis einen Platten in die mit anderthalb Millimeter langen Spikes versehenen Hinterreifen fahren kann, und gelange schließlich zu der erstaunlichen Erkenntnis, dass das preiswerteste Porsche-Modell unserer Flotte meiner Meinung nach den meisten Fahrspaß bietet. Die langen Lieferzeiten eines racinggelben Cayman GT4 lassen mich dann doch von einer Impulsbestellung an Ort und Stelle absehen. Ein anderer Grund für diese vorbildliche Zurückhaltung existiert selbstverständlich nicht...

Der Automobilaspekt der Gruppenreise wäre also auf spektakuläre Weise erfüllt; wie man hier oben die Golfleidenschaft der Teilnehmer befriedigen will, ist mir immer noch ein Rätsel. Erst als unser Bus am letzten Nachmittag in Lappland kurz vor Sonnenuntergang ein Schild mit der Aufschrift "Levi Golf Club" passiert und wir kurze Zeit später am Rande einer eingeschneiten Driving Range 18 Plastikschlitten, wie man sie aus Kindergartenjahren kennt, beladen mit jeweils einem Eisen 7, einem Sand Wedge und einem Putter vorfinden, dämmert es, dass uns eine Golferfahrung erwartet, wie sie niemand von uns bisher schon einmal gemacht hat.

Um dieses einmalige Erlebnis zu ermöglichen, haben die Organisatoren aus Stuttgart bereits vor Monaten Tomi Tolsa um Hilfe gebeten, der uns vor einem extra aufgebauten Tipi mit einer Schrotflinte in der Hand empfängt. "Keine Angst, ich habe nur Platzpatronen geladen. Aber der Shotgun-Start soll doch sicher standesgemäß vollzogen werden, oder?" Tomi ist CEO des Clubs, PGA-Mitglied und Golflehrer in Personalunion und schmeißt auch den Pro-Shop, dem hier enorme Bedeutung zukommt. Schließich ist der Levi Golf Club mit 170 Kilometern Vorsprung der nördlichste Golfplatz des Landes. Wer am ersten Tee bemerkt, dass die Bälle zu Hause liegen, hätte ohne Tomi ein Problem.

"Man muss wohl Finne sein und die Hälfte seines Lebens in Dunkelheit verbringen, um auf die Idee zu kommen, hier im Winter einen Golfplatz zu bauen, oder?", traue ich mich, beim Händeschütteln anzumerken, schließlich hat der Hüne lediglich Platzpatronen geladen. Doch Tomi lächelt nur: "Weit gefehlt. Das ist das erste Mal, dass wir hier im Winter Golf spielen - ehrlich! Porsche hat mich gefragt, ob es möglich wäre, im Winter einen Golfplatz zu bauen, also haben wir die Köpfe zusammengesteckt und es möglich gemacht. Aber unter uns: Ein paar Jungs aus dem Club und ich können es kaum erwarten, den Platz morgen selbst einmal zu spielen."

Vier Spielbahnen, drei Par 3 und ein Par 4 mit einem tricky 90-Dogleg, haben Tomi und seine Helfer während der letzten Wochen hier der Winterlandschaft abgetrotzt und meine frevelhafte Vermutung, es wären einfach vier Fahnen in den Schnee gesteckt worden, wird schnell einem Realitäts-Check unterzogen.

"Meine erste Schneemobil-Tour, um den Verlauf der Spielbahnen auszukundschaften, fand Mitte Dezember statt", erklärt der Designer, Greenkeeper und Platzrichter des Levi Winter Golf Course. "Sechsmal bekam ich Hilfe von den großen Pistenraupen des Skigebiets, aber das Anlegen und Pflegen der Grüns war Handarbeit. Täglich musste der Schnee von den Grüns gefegt werden, damit sie hart und puttbar bleiben. Aber genug geredet, schnapp dir deinen Schlitten und ab auf den Platz!", weist Tomi an und macht sich bereit die langsam blau anlaufenden Golfer auf den Platz zu schicken.

Golf in Lappland: Eis in den Venen: Birdie-Putt versenktGolf in Lappland: Eis in den Venen: Birdie-Putt versenkt
Eis in den Venen: Birdie-Putt versenkt
BANG! Los geht's. Acht Löcher gilt es bei mittlerweile -24 C zu überstehen, um den Sieger zu küren, und die ersten Abschläge unseres Vierer-Flights fliegen erstaunlich gut. Um überhaupt eine Chance zu haben, die Murmeln wiederzufinden, spielen wir mit Leuchtbällen, die im Treffmoment aktiviert wie Leuchtspurgeschosse durch den Nachthimmel fliegen und dann einige Minuten gut sichtbar im Schnee vor sich hin schimmern.

Bereits nach zwei gespielten Löchern bin ich heilfroh, nicht nur alles, was mein Kleiderschrank zu bieten hat, auf einmal zu tragen, sondern an diesem Morgen auch noch beim örtlichen Anbieter für Schneemobiltouren ein paar clownschuhartig riesige Schneestiefel ausgeliehen zu haben. Diese Monster hinterlassen bei jedem Schritt Spuren im knarzenden Schnee, wie sie einst Neil Armstrong auf seinem berühmten Foto von der Mondoberfläche für die Ewigkeit festhielt.

Könnten es die unzähligen Kleidungsschichten sein, die uns derart in der Bewegungsfreiheit einschränken, dass sämtliche Ungereimtheiten unserer Golfschwünge hier nun gar nicht erst stattfinden können? Diese Theorie kommt mir nach drei gespielten Löchern und meiner Meinung nach viel zu guten Scores in den Sinn und sie scheint belegbar. Kurze, kompakte Schwünge führen zu erstaunlichen Resultaten. In diesem Outfit bei knapp 30 C im Sommer des effektiven Schwungs wegen auf deutschen Golfplätzen aufzulaufen scheint jedoch unpraktikabel.

Unkonzentriert, weil mir derartiger Nonsens durch den Kopf geht, schiebe ich auf Grün 4 einen Putt aus 30 Zentimetern daneben und Tomi, der auf diesem Loch mit einem riesigen Wasserschieber in der Hand nach jeder Gruppe sein Grün von den Fußspuren und Pitchmarken des Spieler befreit, muss herzhaft lachen. "Schiebe es nicht auf die Grüns! Ich habe genau gesehen, dass du den Putt gepullt hast. Aber ihr schlagt euch gut, die Bedingungen sind wirklich hart. Die Temperaturen im Winter schwanken hier zwischen +4 und -35 Celsius. Selbst für Finnen ist das echt kalt heute."

Den Sieg hat mich dieser Fauxpas glücklicherweise nicht gekostet, denn wenig später erreicht uns das Gerücht, dass Norman aus Hamburg seinem Auftakt-Bogey drei Par folgen ließ, bevor er auf den Back Four dann in ein Wintergolfdelirium verfiel und vier Birdies in Folge in den Schnee zauberte. Ganz klar ein Platzrekord für die Ewigkeit, denn ein sagenhaftes Endergebnis von 3 unter Par hatte niemand für möglich gehalten und obendrein wird der Golfplatz in wenigen Wochen nicht mehr existieren.

Golf in Lappland: Schlecht gewählt: die wohl ungünstigste Position zum Trampen
Schlecht gewählt: die wohl ungünstigste Position zum Trampen
Nach der Runde erwartet Tomi uns vor dem als temporären Clubhaus errichteten Tipi, um die Scorekarten einzusammeln. Das Thermometer ist in sternenklarer Nacht auf -26 C gefallen und der Bollerofen im Zelt hat den Kampf gegen die arktische Kälte längst verloren. Auf den von Flutlichtmasten hell erleuchteten Pisten des Skigebiets carven um diese Uhrzeit nur noch die härtesten Skifahrer ihre Spuren in den perfekten Schnee.

Längst ist es stockdunkel über dem Golfplatz, doch einzelne Schneisen im Wald lassen erahnen, wo normalerweise die Spielbahnen verlaufen. "Hier im Sommer Golf zu spielen muss spektakulär sein", sage ich halb zu mir, halb zu Tomi. "Ja, es ist absolut fantastisch", antwortet er. "Man kann rund um die Uhr spielen und das Tollste ist die absolute Stille nachts auf dem Platz. Man hört nur die Schläge und das Landen der Bälle auf den Grüns. Das ist magisch und absolut einzigartig. Aber die Magie hält jedes Jahr nur kurz. In Levi beginnt jede Golfsaison am 01. Juni und endet am 01. Oktober. Vier Monate Golf, mehr lässt das Klima hier nicht zu."

Zurück im Bus bietet sich ein einmaliges Bild: Sämtliche Fake-Pelzkrägen der Winterjacken sind schneeweiß gefroren. Die Wimpern und Bärte aller Teilnehmer sehen aus, als gehörten sie Reinhold Messner beim Abstieg vom Nanga Parbat. Wangen sind tiefrot, eiskalte Hände werden warm gerieben und irgendwo nahe der letzten Reihe macht ein Flachmann die Runde.

Frisch geduscht und vollständig enteist erfährt der Triumphator des Tages wenig später bei der Siegerehrung, dass er nicht nur die Trophäe des Levi Winter Golf Cup mit nach Hause nehmen, sondern im Sommer auch bei hoffentlich 40 C wärmeren Temperaturen beim Pro-Am der Porsche European Open in seiner Heimatstadt antreten darf. Seine Bruttorede wird jäh unterbrochen, als von draußen Gebrüll durchs Fenster dringt: "Kommt schnell alle raus! Es sind Nordlichter zu sehen." In diesem Moment gibt es verständlicherweise kein Halten mehr.

Als wir am Tag darauf in Deutschland landen, erwartet mich eine Sprachnachricht von Tomi. "Wir haben gerade unser Clubturnier bei strahlendem Sonnenschein und -6 Celsius beendet. Was für ein Spaß! Die Idee mit dem Wintergolf war gar nicht so verrückt, wie ich zunächst dachte. Vielleicht mache ich mir mal wieder die Arbeit, einen Golfplatz im Februar zu bauen."

Läppische -6 C? Pah, finnische Weicheier! Und an Normans Platzrekord haben sie sich ebenfalls die Zähne ausgebissen. Damit darf der Hamburger nun voller Stolz bis in alle Ewigkeit im Clubhaus angeben.

 
SURVIVAL GUIDE: GOLF BEI -26 C

SURVIVAL GUIDE: GOLF BEI -26 C

DO


Nach wenigen entblößten Sekunden sind die Hände Eiszapfen. Eine Kombination aus Golf-Winterhandschuhen und dicken Golffäustlingen, die nur zum Schlagen ausgezogen werden, hilft.

Obwohl die Runde nur 90 Minuten dauert, reichen lange Unterhosen und dicke Jacken nicht, um der Kälte Herr zu werden. Heißer Tee oder ein gut gefüllter Flachmann sind unverzichtbare Begleiter.

DON'T


Smartphones kommen bei -26 C schnell an ihre Grenzen, werden sie nicht ständig am Körper getragen. Zu oft an der frischen Luft quittieren sie den Dienst und aus den Erinnerungsfotos wird nichts.

Das natürliche Habitat von Statussymbolen la Canada Goose oder Woolrich liegt in Szenevierteln. In Lappland braucht es kein Fashion-Statement, sondern Abenteurer- Equipment.

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