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Golfpunks dieser Welt

Thomas Henry Bolt

Von Janek Weiss, Fotos: Getty Images

In der Ruhe liegt die Kra... Ach, lassen wir das, hier die Geschichte des jähzornigsten Golfers der PGA-Geschichte: Tommy Bolt.

Wer wusste es? Ein Putter fliegt weiter als der Driver, das Sand Wedge ebenso. Es ist eine ironische Umkehrung dessen, was der jeweilige Schläger mit dem Ball anstellt. Golf ist eben schlichte Physik. "Wirf deine Schläger immer nach vorne, so verschwendest du keine Zeit, sie einzusammeln", lautet die wohl praxistauglichste Lebensweisheit des wahrscheinlich größten Wüterichs der PGA-Tour-Geschichte Tommy Bolt. Lange schon vor der Instagram-Ära, in der schnelllebige Darstellungsreflexe und das Image die alles entscheidenden Währungen sind, ist Tommy Bolt seiner Zeit weit voraus: "Ich habe die meisten Schläger geworfen, weil die Zuschauer es erwarteten, und nicht, weil ich sauer auf mein Golfspiel war." Er wusste früh, wie man Aufmerksamkeit erzeugt, wenn auch nicht zwingend zu seinem Vorteil. Sein Golftalent dagegen ist unbestritten. Der US-Open-Sieger von 1958 wusste die weiße Kugel zu bewegen. 15 Siege auf der PGA Tour sprechen für sich. Ben Hogan, ein oft schweigsamer Einzelgänger und nicht gerade bekannt, für seine Mitstreiter einzutreten, hält große Stücke auf den inoffiziellen Weltmeister des Golfschläger-Weitwurfs: "Wenn er in der Lage gewesen wäre, seine Emotionen zu bändigen und Fehlschläge zu akzeptieren, wenn wir einen anderen Kopf auf seine Schultern hätten schrauben können, Tommy Bolt hätte einer der Besten aller Zeiten sein können!" Und doch bleibt Bolt der Ungehobelte, der mit dem schlechten Benehmen und dem vielsagenden Spitznamen "Tommy Terror."

Thomas Henry Bolt erblickt am 31. März 1916 in einem Kaff namens Haworth in Oklahoma das Licht der Welt. Es folgt der klassische Weg dieser Zeit: ein Caddie-Job als Heranwachsender, in der Freizeit werden unermüdlich Bälle gehauen, um den Traum vom Golfprofi irgendwann Wirklichkeit werden zu lassen. Doch dann kommt der Krieg. Tommy dient in der US-Armee und ist somit bereits über 30 Jahre alt, als er 1946 endlich auf der PGA Tour ankommt. Sein Temperament zeigt sich aber schon früher. Kurz vor dem Eintritt in die Armee arbeitet er als Teppichleger und gelegentlich trifft der Hammer seinen Daumen. Als ein Kollege den Fehler macht, ihn auszulachen, entgeht dieser dem fliegenden Hammer nur knapp. Bolt ist ein "Country Boy", eher grobschlächtig, von kräftiger Statur mit kantigem Gesicht - Blue Collar statt Country Club. Und er ist in seiner Familie noch der harmlosere Geselle. Obwohl sie in ärmlichen Verhältnissen aufwachsen, legen er und sein Bruder J.B. in ihrer Jugend das spärliche Geld zusammen und kaufen einen Satz Hickorys. Irgendwann sieht er, wie J.B. nach einem schlechten Loch jeden einzelnen Schläger an einem Baum neben dem Grün zerschellen lässt. Er weint, wagt aber nicht, et was zu sagen aus Angst, eine Tracht Prügel zu kassieren. Die Bolts scheinen eine kurze Zündschnur zu haben.

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Ich wünschte, ich hätte das Masters gewonnen, ich habe mich dort aber nie wohl gefühlt. Ich habe mich immer unwohl unter reichen Menschen gefühlt, die für ihr Geld nicht arbeiten müssen.
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Tommys physische Präsenz ist die ideale Ergänzung zum eigenen, selbst geschaffenen Image als Rowdy der Fairways. Nichtsdestotrotz ist Tommy Bolt ein ehrlicher Arbeiter.

Eigentlich nicht in der Lage, die Reisen zu Turnieren zu stemmen, nimmt er immer wieder Jobs als Bauarbeiter oder Teppichleger an, wenn ihm das Geld ausgeht. Während des Kriegs in Rom stationiert, organisiert er illegale Würfelspiele auf einer Golfanlage, die er als Pro betreut, und erleichtert seine Kunden am Ende um 50.000 Dollar. Auf dem Truppentransport zurück in die Staaten versucht er die gleiche Masche an Bord des Schiffs, findet allerdings in den hartgesottenen, oftmals vorbestraften Soldaten aus den Gettos der urbanen Zentren seine Meister. In weniger als drei Tagen ist die Kohle weg. Der Hang zu Wetten und Glücksspiel hat sich so für immer erledigt. Gut nur, dass er in der Lage ist, mit dem Golfspiel über die Runden zu kommen.

Bolt ist ein zäher Wettkämpfer und wird nicht zuletzt daher von den Kollegen auf der Tour ob seines Golfspiels respektiert. Nur die Zuschauer kommen nicht in erster Linie, um seine Fähigkeiten mit dem kleinen weißen Ball zu bestaunen. Sie wollen Drama erleben und Tommy liefert. Einmal wirft er seinen Driver in einen Kanal in Miami, der Schläger konnte selbst von einem Taucher nicht geborgen werden. Ein anderes Mal fragt er seinen Caddie während einer frustrierenden Runde, welches Eisen er denn als Nächstes opfern solle. Es wurde das 2er-Eisen - einfach weil es das Einzige war, das im Golfbag noch übrig war. "Es ist spannend für die Zuschauer, wenn ein Golfer leidet", kommentierte er seine Ausbrüche trocken.

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Gesegnet mit einem der beneidenswertesten Schwünge der Geschichte, stellt er sich so in den Schatten seiner Zeitgenossen Hogan, der Perfekte, und Sam Snead, der Darling der Fans in den 1950er-Jahren. "Ich denke, ich kann Schläge spielen genau wie die anderen. Aber kommen die Zuschauer, um mich golfen zu sehen? Nein, sie kommen aus dem einzigen Grund, mich explodieren zu sehen. Und leider gab ich ihnen zu oft, was sie wollten." Dass er dafür von der Tour mit Strafen belegt wird, juckt ihn nicht. Ihn treibt vielmehr die Frage um, ob er diese wohl auch für das Werfen des Caddies erhalten würde. Dazu ist es allerdings trotz all des Temperaments nie gekommen.

Viel Drama und wenig Substanz also? Klar ist, dass für einen Spätstarter mit über 30 Jahren ganze 15 Siege auf der Tour eine solide Bilanz darstellen. 1955 rutscht Tommy Bolt jedoch in eine Krise. Ein Major-Titel fehlt in seiner Bilanz und auch bei den normalen Turnieren läuft außer Schlägerschleudern nicht mehr viel zusammen. Tommy, ganz der Wettkämpfer, sucht sich Rat. Und das bei keinem Geringeren als Ben Hogan. Ein starker Charakterzug, schließlich gelingt es ihm, Ego und Stolz im Zaum zu halten. Bolt möchte seine Karriere wiederbeleben. Ähnlich wie Hogan zu Beginn seiner Laufbahn leidet Tommy unter einem katastrophalen Hook, der unter Druck immer schlimmer wird. "Ich kroch auf Knien zu ihm für Hilfe. [...] Er ließ mich den Schläger mit drei Fingern der linken Hand greifen mit dem Daumen den Schaft hinunter zeigend. Es dauerte einen Monat konstanten Trainings, um mich an den neuen Griff zu gewöhnen. So lernte ich, den Hook nicht mehr zu fürchten."

Das Ergebnis der Anstrengung: ein massiv verbessertes Ballstriking. Und ein gestiegenes Selbstvertrauen, was sich 1958 im Triumph bei den US Open manifestiert. In Oklahoma, ausgerechnet, seinem Heimatstaat. In Southern Hills setzt er sich am Ende mit vier Schlägen Vorsprung vor Gary Player durch. Als Zwölfjähriger arbeitete er als Zeitungsbote und schlug zuallererst immer die Comicseite auf. Sein Favorit: "Ben Webster - Bound to Win". Der Held, ein Kind, überwindet in den kurzen Comicstreifen alle Widerstände und steht am Ende als Sieger da. Tommy erinnert sich später: "Vielleicht weil wir arm waren, wurde Ben Webster mein Alter Ego; am Samstag der US Open habe ich immer wieder zu mir selbst gesagt: ,Ben Webster - bestimmt zu siegen!'" Sein zu der Zeit stark gezügeltes Temperament ist ebenso für den Sieg mitverantwortlich wie sein Golfspiel und Bolt wird später sogar einen Mentalratgeber mit dem Titel "How to Keep Your Temper on the Golf Course" verfassen. Vielleicht war die frühere Wut auch einfach durch Unsicherheit bedingt. Jedenfalls äußert Tommy Bedauern, beim Masters nie seine volle Leistungsfähigkeit abgerufen zu haben: "Ich wünschte, ich hätte das Masters gewonnen, ich habe mich dort aber nie wohlgefühlt. Ich habe mich immer unwohl unter reichen Menschen gefühlt, die für ihr Geld nicht arbeiten müssen. Der Platz war perfekt für mich, aber ich habe mich immer über die geärgert, die dort das Sagen hatten. Mein Fehler, nicht deren."

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Ist dann der doch errungene Major-Sieg sicher sein sportlicher Höhepunkt, so sticht noch ein weiterer Moment auf dem Weg zu seinem vorletzten Turniersieg bei den Memphis Open hervor, als er, der Schüler, Ben Hogan und Gene Littler in einem 18-Loch-Playoff schlägt. Even nach der 16 zimmert Bolt auf der Par-3-17 ein 2er-Eisen an den Stock. "Als Ben Hogan zu mir sagte: ,Toller Schlag!', lief es mir kalt den Rücken runter", so Bolt. "Es war das Einzige, was er den ganzen Tag zu mir gesagt hat." Es ist ein Ritterschlag von einem der Berufensten der Golfgeschichte.

Der Rest ist schnell erzählt. Bolt wird in die Hall of Fame aufgenommen, nachdem er aufgehört hat, die Senior PGA Tour, die heutige Champions Tour, lautstark zu kritisieren, die er mit aus der Taufe gehoben hat. Und er lernt final diese eine Lektion: "Du ziehst mehr Fliegen mit Honig an als mit Essig." Ein Mantra, das er trotz all seiner Eskapaden auf den Golfkursen zu Hause immer gepflegt hat. Als er mit 92 Jahren 2008 stirbt, sind er und Mary Lou 45 Jahre verheiratet, weil sie fair streiten und niemals wütend auf den anderen ins Bett gehen.

Und für alle Wüteriche auf den Wochenendwiesen da draußen hat es noch einen zeitlosen Tipp von Tommy "Thunder" Bolt: "Zerbrich nie Putter und Driver in ein und derselben Runde!" Er wird es wissenů

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