Featured StoriesFeatured Stories

Challenge – Teil 2

Ein Mann sieht rot

Von Rüdiger Meyer, Fotos: Stefan von Stengel

Doch dann passiert etwas, was mich dazu bringt, die Telefonnummer der Nationalen Anti Doping Agentur Deutschland zu googlen: Clara bekommt einen Kaffee gereicht und hat plötzlich die Form der Front Nine zurück. Wir teilen das längste Par 3 des Platzes, obwohl sie ein Eisen 6 ins Grün spielt und ich nur ein Eisen 8. Als Clara das darauffolgende Par 3 gewinnt und ich an der 14 mit meinem Drive das Kunststück schaffe, den schmalen Rough-Streifen inmitten des zweigeteilten Fairways zu treffen, sieht es plötzlich ganz dunkel aus - im wahrsten Sinne des Wortes, denn mittlerweile ist der Mond in die Sonnenscheibe eingetreten.

Auch wenn der Bedeckungsgrad nur maximal 85 Prozent erreicht, sind die Auswirkungen merkbar. Die Luft hat sich deutlich abgekühlt, das normalerweise tiefgelbe Licht der tief stehenden Sonne hat einen Blauton angenommen und der Schatten, den wir auf dem 15. Fairway hinterlassen, wirkt wie das Blickfeld eines Betrunkenen: Überall sind Doppelkonturen. Die partielle Sonnenfinsternis wirkt sich sogar auf die Akustik aus, denn die Tierwelt ist so aus dem Gleichgewicht, dass es sich anhört, als hätte man über alles einen Schalldämpfer gelegt.

Challenge:

»
CLARA BEKOMMT EINEN KAFFEE GEREICHT UND HAT PLÖTZLICH DIE FORM DER FRONT NINE ZURÜCK.
«

Auch Clara und ich werden ruhiger, denn das Match ist in seine entscheidende Phase getreten. An der 16, von Rot mit 351 Metern das längste Par 4 des Platzes, muss ich das Grün erstmals mit einem Hybrid attackieren und gehe mit einem Par wieder in Führung. Doch Clara bleibt nervenstark und revanchiert sich wiederum mit einem Par an der 17. Bereits jetzt ist klar, dass am Ende nicht der oder die Bessere gewinnen wird, sondern der oder die Glücklichere. Und so kommt es dann auch. Claras Drive an der 18 geht nur leicht nach links und landet direkt neben einer Reihe von Dornenbüschen. Mein zweiter Schlag slict weiter nach links als ein Trickschlag von Bubba Watson und scheint verloren. Doch während Clara keine Chance hat, ihren Schläger an den Ball zu bekommen, muss mein Ball einen Pfosten getroffen haben und liegt gut spielbar im First Cut. Die Entscheidung in einem Match, dessen Ausgang eigentlich irrelevant ist. Schließlich ging es in erster Linie darum, zwei Fragen zu beantworten: Haben Damen von Rot wirklich einen unfairen Vorteil? Und steigert das von der USGA propagierte "Tee it forward" tatsächlich auch für Männer den Spaß am Spiel?

Die Antwort auf die zweite Frage ist ein eindeutiges Ja. Obwohl ich am Ende mit Bogey-Golf kein tolles Ergebnis erzielt habe, ist anders als bei meinen früheren Runden nie Frust aufgekommen. Die auf Driver und kurze Eisen oder Wedges angelegte Runde auf dem WINSTONlinks war die ultimative Umsetzung der bekannten Floskel "No risk, no fun" - und trotzdem sportlich anspruchsvoll. Selbst wenn man jedes Fairway treffen würde, muss das kurze Spiel absolut sitzen, denn ein getopptes Wedge hat fatalere Konsequenzen als ein getopptes langes Eisen.

Ein Mann sieht rot: Auf Rasen immer passend: die Becker-Faust (l.). Wiedersehen in Hobbingen: Gandalf der Graue und Arwen (r.)Ein Mann sieht rot: Auf Rasen immer passend: die Becker-Faust (l.). Wiedersehen in Hobbingen: Gandalf der Graue und Arwen (r.)
Auf Rasen immer passend: die Becker-Faust (l.). Wiedersehen in Hobbingen: Gandalf der Graue und Arwen (r.)
Und wie sieht es mit dem Vorteil für Damen aus? Immerhin sind die roten Tees gut 1.000 Meter kürzer als die gelben. Dass Clara mich an etlichen Löchern ausgedrivt hat, könnte dafür sprechen, dass Frauen von Rot gegenüber Männern von Gelb bevorteilt sind. Allerdings ist unser Vergleich nicht gerade repräsentativ. Der durchschnittliche Drive einer Frau liegt laut Arccos bei 160 Metern, Clara schlägt 40 Meter weiter - und damit ungefähr so weit wie der durchschnittliche männliche Amateur.

Das Missverständnis über einen Vorteil für Damen rührt vermutlich daher, dass viele Golfer nicht wissen, welche Funktion die Tees erfüllen. Das Ziel ist nicht, Längennachteile beim Drive auszugleichen. Die Idee ist, dass Damen für den Schlag ins Grün den gleichen Schläger benutzen sollten wie Herren. Mit anderen Worten: An einem Par 5 soll die Teebox den Nachteil der ersten beiden Schläge ausgleichen, an einem Par 4 sollten Damen nach dem Drive ebenfalls weiter vorne liegen, da sie mit vergleichbaren Eisen kürzere Längen erzielen. Schließlich hat selbst Clara an den Par 3 immer ein bis zwei Eisen mehr in die Hand nehmen müssen als ich, das heißt, die 1.000 Meter Vorsprung von Rot sind eigentlich noch zu wenig.

Challenge: Wie immer: der Mann orientierungslos, die Frau kennt den Weg
Wie immer: der Mann orientierungslos, die Frau kennt den Weg
Nur an einem Loch vom WINSTONlinks haben Damen einen deutlichen Vorteil - und es ist ironischerweise keine der Bahnen, die man während der Runde im Verdacht hätte. Das erste Par 3 des Platzes misst von den gelben Tees 154 Meter, für die meisten Herren ein Eisen 6. Clara spielte hier aus 96 Metern ein Eisen 9, aber auch das muss man erst mal sauber treffen. Vielleicht liegt die Wahrheit, warum Herren glauben, dass Damen von Rot einen Vorteil hätten, ja ganz woanders. Als ich Clara nach der Runde frage, warum sie glaubt, dass das Match so ausgeglichen war, muss sie nicht lange überlegen: "Ich habe keinen Ball verloren." Und tatsächlich: Hätten wir Zählspiel gespielt, hätte sie den Boden mit mir gewischt. Was wieder beweist: Ohne Genauigkeit bringt Länge überhaupt nichts.

Featured Stories