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Faustrecht: Deutschlands Golfschwergewichte unter sich

Bernhard Langer

Alter!

Von Rudi Schaarschmidt, Fotos: Stefan von Stenge

Es gibt nur wenige Sportler, bei denen man sich an Heldentaten erinnert, die mehr als ein Vierteljahrhundert zurückliegen, und gleichzeitig über aktuelle Erfolge staunt. Doch Erfolge allein beschreiben Bernhard Langers Karriere nur zum Teil. Schließlich war er es, der den Golfsport in Deutschland überhaupt erst populär gemacht hat.

Auf der Homepage der PGA Tour war kürzlich ein Artikel von Randy Youngman zu lesen, in dem er Bernhard Langer auf eine Stufe mit Weltstars wie Tom Brady, George Foreman oder Kareem AbdulJabbar stellte. Sportlegenden, die den Gesetzen der Natur ein Schnippchen schlagen und auch in einem Alter noch zu Höchstleistungen in der Lage sind, in dem sich der Rest der Welt gewöhnlich über Hüftprothesen, Stents oder dritte Zähne Gedanken macht.

Auch wenn Bernhard Langer also in Sachen Bekanntheit eigentlich direkt hinter dem Bundeskanzler kommen müsste, läuft man in einer Welt, die zunehmend vertiktokt und in der es Überlegungen gibt, das Spielen an der Konsole olympisch zu machen, Gefahr, dass einen der Gesprächspartner fragt: "Bernhard wer?" Bernhard Langer wurde vor 65 Jahren in Deutschland geboren: Einerseits ist es das traurige Schicksal, dass der Golfsport in diesem Land ein Hinterbänkler-Dasein führt, andererseits sind damit aber auch das heimliche Glück und die inoffizielle Ehre verbunden, von den wenigen, die seine Leistungen und Erfolge hierzulande einzuschätzen wissen, als der Jahrhundertsportler Deutschlands betrachtet zu werden, dessen Erfolge und Konstanz nahezu unmenschlich sind.

Mittlerweile in seinem 16. (!) Jahr auf der Champions Tour angekommen hat der Anhausener dort bei 312 Turnierstarts 311 Cuts geschafft und dabei 209 Top-Ten-Platzierungen sowie kürzlich seinen 44. Sieg (in jedem Jahr mindestens einen) eingefahren. All seine Erfolge aufzuzählen könnten wir uns gar nicht leisten, Papier ist teuer. Der historisch erste Weltranglisten-Erste (1986) ist immer ein höflicher und angenehmer Gesprächspartner - obwohl es wahrscheinlich keine Frage gibt, die ihm in den letzten 50 Jahren noch nicht gestellt wurde.

Bernhard, du bist seit vielen Jahren Markenbotschafter von Mercedes-Benz. Dass wir dich hier in Sindelfingen treffen, obwohl auf der Champions Tour gerade gespielt wird, hat das ausschließlich mit dieser Partnerschaft zu tun, oder wolltest du ohnehin eine Turnierpause machen?
Eigentlich spiele ich Pebble Beach sehr gerne. Aber als ich gehört habe, dass hier das Mercedes Trophy World Final stattfindet und dass mich Mercedes gerne hier haben würde, habe ich mir meinen Turnierplan angeguckt und das ein bisschen verändert.

Du hast nach deinem Triumph der Doppelsaison 2020/2021 gesagt, es wäre dir durchaus bewusst, dass angesichts der vielen Topstars, die in jüngster Zeit die 50er-Marke geknackt haben, es ziemlich sicher dein letzter Charles-Schwab-Cup- Gesamtsieg gewesen sein dürfte. Wie traurig macht dich diese Erkenntnis?
Überhaupt nicht. Es ist ein Wahnsinn, dass ich sechs Schwab Cups gewonnen habe. Das ist ja verrückt! Der Nächstbeste hat zwei. Das zu schaffen hätte ich mir nicht mal erträumen können. Somit nein, ich habe keine Probleme damit, wenn ich den Schwab Cup nicht mehr gewinne. Und ich habe das gesagt, nachdem ich den Schwab Cup gewonnen hatte und mir nicht sicher war, wie's weiter geht. Trotzdem war ich in der ersten Saisonhälfte wieder ganz vorne dabei, also war da noch alles drin. Dann habe ich aber ein Major abgesagt auf einem Platz, den ich sehr liebe und auf dem ich schon öfter gewonnen habe, weil mein Sohn an diesem Wochenende seinen Uni-Abschluss gefeiert hat. Dann musste ich auch ein anderes Turnier absagen, und das fehlt dann eben in den Ranglisten. Aber es geht halt nicht mehr nur noch um Golf in meinem Leben. Ich habe eine Frau, vier Kinder und mittlerweile vier Enkelkinder und ich habe immer versucht, ein möglichst guter Ehemann, Vater und jetzt Opa zu sein. Golf hatte mein ganzes Leben lang eigentlich Priorität für mich, aber die Familie ist mindestens ebenso wichtig. Mein Ziel ist es jetzt, so gut wie möglich zu spielen, hoffentlich noch ein paar Turniere zu gewinnen, vielleicht auch Majors, und Spaß und Freude am Wettkampf zu haben.

Bist du jemand, der Rekorde jagt, den Rekorde zusätzlich motivieren?
Eigentlich nicht, aber es ist eine Bestätigung für die harte Arbeit. Ich gehe nicht auf den Golfplatz und sage mir: "Heute muss ich 64 spielen, weil ich jetzt 65 Jahre alt bin." Oder dass ich noch zwei Turniere gewinnen muss, um nach mittlerweile 43 Siegen auf der Champions Tour den All-Time Record von Hale Irwin [45; Anm. d. Red.] einzustellen. Ich gehe raus und versuche, das beste Golf zu spielen, das ich spielen kann. Ab und zu entwickelt sich dann eine Runde so, dass ich mein Alter spiele oder ich mal ein Turnier gewinnen kann.

Bernhard Langer: Beinahe ein König: zwei zweite und drei dritte Plätze bei der OpenBernhard Langer: Beinahe ein König: zwei zweite und drei dritte Plätze bei der Open
Beinahe ein König: zwei zweite und drei dritte Plätze bei der Open

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Ich gehe raus und versuche, das beste Golf zu spielen, das ich spielen kann.
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Wie sehr ist dein Spaß am Spiel mit Erfolg verknüpft? Wenn du eines Tages nicht mehr mithalten könntest - wäre das ein Grund aufzuhören oder würde der Spaß, den du beim Spiel empfindest, ausreichen, um irgendwann vielleicht auch mal nur noch um die hinteren Plätze zu spielen?
Das ist eine gute Frage und ich weiß es nicht. Ich habe immer Erfolg gehabt, und wenn ich mal in die Lage komme, in der das nicht mehr der Fall sein sollte, dann werde ich entscheiden müssen, ob der Spaß am Golfen überwiegt oder ob ich dann sage: "Jetzt hast du das 50 Jahre lang gemacht, jetzt ist es Zeit, dass du die Jungen ranlässt und mehr Zeit zu Hause und mit anderen Sachen verbringst."

Stichwort LIV Golf: Wie ist deine Meinung zu all dem Zirkus?
Ich finde die Entwicklung nicht gut. Ich glaube auch nicht, dass es notwendig war. Wir hatten ein sehr gutes Produkt mit der PGA Tour, der European Tour und einigen anderen Touren. Es ging immer darum, dass der beste Spieler gewinnt, und nicht um Garantien. Die LIV Tour verspricht "to grow the game", aber ich sehe das nicht.

Täuscht der Eindruck, dass die etablierten Touren beleidigt und wenig zielführend reagieren und die Gefahr besteht, dass vieles kaputtgeht? Siehst du Lösungen für diesen Konflikt?
Eine schwierige Situation. Die LIV-Golfer sind beim nächsten Ryder Cup ausgeschlossen. Was danach passiert, wissen wir noch nicht. Es gibt viele, die sind total gegen LIV. Es gibt ein paar, die dafür sind. Ich bin total dagegen.

Wie wäre es mit einer Mediation? Könntest du dir mit all deiner Erfahrung und dem Gewicht vorstellen, da vermittelnd aktiv zu werden?
Ich bin nie darum gefragt worden. Ich bin ja als Spieler der Champions Tour auch ganz raus. Die Idee war wohl, die besten 48 Spieler der Welt auf die Tour zu bekommen. Das haben sie nicht geschafft. Ich weiß nicht, wie lange die das durchziehen wollen und was überhaupt der Sinn der Sache ist.

Vor dem Hintergrund von Sportswashing und Menschenrechten: Ist das Bewusstsein der Spieler dafür sensibilisiert? Gibt es da eine Verantwortung oder darf es Profisportlern nur ums Geld gehen?
Das sind viele gute Fragen, die ich nicht beantworten kann. Diese Länder sind ja auch schon seit Jahren in anderen Sportarten tätig. Da wurde nie den Spielern die Schuld gegeben. Wenn man das beim Golf jetzt so macht, finde ich das nicht fair. Klar ist: Mit Geld kann man viel Gutes tun, aber eben auch viel Schaden anrichten.

Könnte die LIV der PGA Tour nicht auch einen Schub geben als Katalysator für Reformen? Hast du dir schon mal ein LIV-Turnier angeschaut und vielleicht Dinge gesehen, die dort besser umgesetzt werden?
Nein, das habe ich noch nicht. Es gibt vielleicht ein paar Kritiker, die das so sehen. Ich behaupte aber, dass das bestehende Produkt ein gutes Produkt war und sich über viele, viele Jahre bewährt hat. Und natürlich gab es bereits Reformen. Die PGA Tour hat sofort reagiert und bei einigen Turnieren das Preisgeld wahnsinnig angehoben. Sie haben versucht, von den besten Spielern eine Zusage für mindestens 18 Turniere in Amerika zu bekommen, und haben diese Zusage von den Topspielern erhalten. Das gab's früher nicht und das ist ja schon eine wahnsinnige Veränderung in der ganzen Geschichte.

Hättest du von den "Abtrünnigen" mehr Dankbarkeit, mehr Loyalität erwartet?
Dass das nicht optimal gelaufen ist, sagen ja viele. Andererseits überleg mal, wie du handeln würdest, wenn dir jemand das Vielfache bieten würde...

Bernhard Langer: 'Magnum P.I.': Zum Glück ging das Casting in die HoseBernhard Langer: 'Magnum P.I.': Zum Glück ging das Casting in die Hose
'Magnum P.I.': Zum Glück ging das Casting in die Hose
Bei mir würde es das Leben verändern. Aber aus meiner Perspektive kann es keinen großen Unterschied machen, ob ich zehn oder 20 Millionen hätte - das kannst du dann doch besser beurteilen...
Anscheinend spielt es doch eine Rolle und ich habe natürlich versucht, mich in deren Lage zu versetzen. Ich verstehe zum Teil die Argumente. Als Profisportler ist nichts garantiert. Dir kann morgen der Rücken kaputtgehen oder du bekommst Yips oder sonst was. Und wer hilft dir, deiner Familie und deinen Kindern dann? Keiner. Die PGA Tour zahlt dir nicht 100.000 Dollar im Jahr, wenn du verletzt bist und kein entsprechendes Einkommen mehr hast. Letztlich ist jeder für sich selbst verantwortlich. Bei der LIV Tour geht es meiner Meinung nach wirklich nur um Geld. Und bei der normalen Tour geht's halt nicht nur um Geld, sondern auch um Majors, um Spieler des Jahres, um Ranglisten und solche sportlichen Dinge.

Bei deiner ersten Masters-Teilnahme in Augusta hast du elf Drei-Putts gespielt. Drei Jahre später hast du das Turnier zum ersten Mal gewonnen und nächsten April wirst du zum 40. Mal teilnehmen, oder?
Nächstes Jahr werde ich auf jeden Fall dabei sein. Was die Zukunft dann bringt, weiß ich noch nicht genau, aber ich habe eigentlich schon vor, dann noch dabei zu sein. Es ist so ein außergewöhnliches Event, das viel mehr Spaß macht als die meisten anderen Turniere. Die Atmosphäre ist so fantastisch, die Past Champions werden toll behandelt, es macht wirklich Spaß, da sechs, sieben Tage zu verbringen. Aber wenn irgendwann mal die Zeit kommt, in der ich vielleicht nur noch in den 80ern spiele, weiß ich nicht, ob es vielleicht besser ist, nur noch als Gast da zu sein und nicht mehr als Spieler.

Mal abseits des Golfsports: Gibt es Dinge, an denen du erkennst, dass selbst du tatsächlich älter wirst?
Ja, jeden Tag. Der Körper tut ab und zu weh, es zwickt hier, es zwickt da und es gibt schon auch Situationen, in denen ich merke, dass ich mich nicht mehr so konzentrieren kann wie früher und dass die Ausdauer ein bisschen nachlässt.

Was genau machst du denn, wenn du mal nicht mehr Golf spielst?
Sicherlich werde ich weiterhin Fitness machen. Und reisen. Ich habe zwar durch den Golfsport viele Länder bereist, aber doch viel zu wenig davon mitbekommen. Und ich will Zeit mit meinen vier Enkelkindern verbringen. Da werden sicher noch ein paar dazukommen und das macht mir Riesenspaß. Und Zeit mit Freunden verbringen, was ich oft nicht tun konnte, weil ich immer so viel unterwegs war.

Vielen Sportler fehlt die große Bühne, wenn sie ihre Karriere beendet haben - kannst du dir das bei dir auch vorstellen?
Weiß ich nicht, ich habe das ja noch nicht durchgemacht. Aber ich kenne mich und glaube schon, dass mir der Wettkampf und das Kribbeln in der Situation schon ein bisschen abgehen werden. Doch ich glaube auch, dass ich mit meiner Familie und Freunden genügend andere Interessen in meinem Leben habe, um auch ohne oder mit weniger Golf glücklich zu sein.

Machst du dir manchmal Gedanken über das Ende?
Eigentlich habe ich mir die Gedanken noch nie gemacht. Ich bin jetzt 65, aber ich glaube, ich habe noch einige gute Jahre vor mir. Man wird auch nicht innerhalb kürzester Zeit von einem der Besten zu einem der Schlechtesten. Das wird peu à peu ablaufen und hoffentlich noch eine Weile dauern.

Ich meine gar nicht das Golfspielen, sondern das Leben…
Als 20-Jähriger macht man sich da kaum Gedanken, aber je älter man wird, desto öfter denkt man schon darüber nach, wie das Leben aufhören und was danach kommen wird. Da hilft mir natürlich mein Glaube sehr. Ich bin ja gläubiger Christ und glaube an das ewige Leben, also dass meine Seele ewig lebt und dass ich meine Geliebten wiedersehen werde, solang die auch gläubig sind. Was die Ewigkeit angeht, habe ich also wenig Angst oder Kummer. Und den Tod habe ich ja auch nicht unter Kontrolle. Ich kann morgen einen Autounfall haben und sterben. Oder der Flieger fällt vom Himmel oder sonst was. Klar, man überlegt sich schon, um was es im Leben eigentlich geht. Da gibt's ja viel wichtigere Dinge als Arbeiten, Schlafen, Sex, Essen und das immer wieder jeden Tag.

 

Steckbrief

NAME
Bernhard Langer

ALTER
65 Jahre

GEBURTSORT
Anhausen, Bayern

WOHNORT
Boca Raton, Florida

PROFI SEIT
1976

ERFOLGE (AUSZUG)
11x Senior Major Champion
119 Turniersiege Weltweit
1985 & 1993
Masters Champion
2002
Aufnahme in die World Golf Hall Of Fame
2006
Officer of the most excellent order of the british empire (OBE)
Träger des Bundesverdienstkreuzes

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