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Nelly Korda

Die goldene Mitte

Von Jan Langenbein, Fotos: Geordie Wood & Getty Images

Mit Toursiegen am Fließband und einer olympischen Goldmedaille sichert sich die Weltranglistenerste den Titel Mitarbeiterin des Jahres im Familienunternehmen Korda und widerlegt gleichzeitig die Theorie vom Middle Child Syndrome ein für alle Mal.

Über das Jahr 2021 wird im Hause Korda sicher noch in Jahrzehnten gesprochen werden, denn was Regina Rajchrtovßs und Petr Kordas Nachwuchs in dieser Saison leistete, dürfte das beeindruckendste Kalenderjahr einer Familie in der Geschichte des Profisports gewesen sein. Aber wen kann das schon verwundern, wenn die Mutter eine ehemalige Weltklasse-Tennisspielerin und Olympionikin und der Vater einst die Australian Open gewann und 1992 denkbar knapp am Sieg in Roland Garros vorbeischrammte? Kein Wunder, dass die drei Korda-Geschwister Wettkampfsport in die Wiege gelegt bekamen.

Jessica, mit 28 Jahre die Älteste im Bunde, läutete 2021 mit einem Sieg beim Tournament of Champions der LPGA Tour im Januar ein. Es war ihr bereits sechster Triumph auf der Tour, seit sie 2010 ins Profilager wechselte. Im Mai zeigte Nesthäkchen Sebastian bei den French Open in Paris, dass er in Sachen Talent seinem Vater in nichts nachsteht, und kämpfte sich bis in die vierte Runde, in der es keinen Geringeren als den späteren Champion Raphael Nadal brauchte, um den 20-Jährigen zu stoppen. Wenige Wochen später gelang ihm in Wimbledon das gleiche Kunststück und sein Aus in der vierten Runde beim ältesten Tennisturnier der Welt stellte sicher, dass sich der Amerikaner mit tschechischen Wurzeln zum ersten Mal unter die Top 50 der Tennis-Weltrangliste mischen durfte.

Nelly Korda:

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Meine Schwester Jessica hatte einen großen Einfluss auf mich, schließlich konnte ich sie schon früh dabei beobachten, wie sie auf der Tour spielte. Ich habe ihr definitiv schon sehr früh nachgeeifert und wollte in ihre Fußstapfen treten.
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Doch all diese Glanzleistungen verblassen angesichts der phänomenalen Saisonbilanz der mittlerweile 23 Jahre alten Nelly. Um nur die Highlights zu nennen: Nach 15 sieglosen Monaten dominierte Nelly beim Gainbridge LPGA in Boca Rio ein Weltklassefeld und verwies die Superstars Lydia Ko und Lexi Thompson auf die Plätze. Diesem Saisoneinstand nach Maß folgte im Juni der nächste Sieg auf der LPGA Tour und eine Woche später sicherte sich Nelly bei der Women's LPGA Championship nicht nur ihren ersten Major-Titel, sondern gleichzeitig noch den Sonnenplatz an der Weltrangliste. Fünf Wochen später ging es dann zu den Olympischen Spielen nach Tokio, und wie dort das Golfturnier der Frauen ablief, dürften die meisten Golffans auch hierzulande vor den Fernsehern verfolgt haben.

Als Nummer eins der Welt und mit einer Goldmedaille im Gepäck ging es zum Solheim Cup, in dem zum ersten Mal in diesem Jahr zu erkennen war, dass Nelly Korda kein unschlagbarer Golfroboter ist, denn das beim letzten Solheim Cup noch absolut unschlagbare Duo bestehend aus den beiden Korda-Schwestern musste sich den Europäerinnen geschlagen geben. In den Singles stellen Jessica und Nelly mit zwei Siegen dann zwar wieder klar, welche Familie im Moment im Frauengolf das Sagen hat, der Solheim Cup ging dennoch zurück nach Europa.

Nach 15 Events in aller Welt war es an der Zeit, sich eine Pause zu gönnen, schließlich geht selbst an einem topfitten Spitzenathletenkörper und der dazugehörigen Psyche ein solches Marathonjahr nichts spurlos vorüber. Doch als Nelly Korda nach vier Wochen Seelebaumelnlassen im Oktober 2021 wieder zurück auf die Tour kam, machte sie genau dort weiter, wo sie im Sommer aufgehört hatte: ganz oben.

Nelly Korda: Einhändige Rückhand: Papa platzt vor StolzNelly Korda: Einhändige Rückhand: Papa platzt vor Stolz
Einhändige Rückhand: Papa platzt vor Stolz
Wie sehr hast du die freien Wochen nach dem Solheim Cup herbeigesehnt? Bist du gut erholt?
Ja, sehr gut. Ich haderte mit eine Schulterverletzung, die ich nun hoffentlich auskuriert habe, um das Jahr gebührend zu beenden.

Ich hoffe, die Verletzung war nichts allzu Ernstes!
Nein, es war schlicht Überbelastung. Ich habe dieses Jahr so viel gespielt, war so viele Wochen auf Reisen und habe so viel Gepäck von Förderbändern an Flughäfen gezerrt, dass der Körper irgendwann gesagt hat: Mach mal eine Pause!

Wenn du auf deine unglaubliche Saison 2021 zurückblickst, fällt dir da ein Wort ein, das die vergangenen Monate am besten beschreibt?
Es war tatsächlich ein sehr besonderes Jahr und deshalb ist es schwierig, das Ganze in einem Wort zu beschreiben. Aber wenn du schon fragst, fällt mir höchstens "surreal" ein."

Die Liste der sportlichen Höhepunkte ist lang, aber was war dein ganz persönliches Highlight 2021?
Das waren ganz klar mein erster Major-Sieg, der dazu geführt hat, dass ich es zum ersten Mal auf Rang eins der Weltrangliste geschafft habe. Und dann natürlich der Sieg bei den Olympischen Spielen und dabei ganz besonders der Moment auf dem Podium, als mir die Goldmedaille überreicht wurde.

Seit Rio haben es mir vor allem die Bilder von Golfern in Trainingsanzügen bei den Siegerehrungen angetan, da man die Topstars unseres Sports vorher noch nie in "richtigen" Sportklamotten gesehen hat. Was ging dir durch den Kopf während der Siegerehrung?
Es war sehr heiß in Japan, im Trainingsanzug auf dem Podium zu stehen war deshalb eine schweißtreibende Angelegenheit - allerdings ist die Siegerehrung in den Trainingsanzügen meiner Meinung nach eine der coolsten Traditionen bei den Olympischen Spielen überhaupt. Es ist etwas ganz Besonderes, dass jedes Nationalteam seine eigenen Outfits für die Siegerehrung hat. Es erfüllt einen mit enormem Stolz, wenn man dieses anziehen und zur Siegerehrung gehen darf.

Du bist in diesem Sommer von Kontinent zu Kontinent geflogen, um bei Major-Turnieren und den Olympischen Spielen anzutreten. Was tust du während eines solch heißen Sommers abseits des Platzes, um abzuschalten und runterzukommen?
Ich habe mir ein Gaming-Laptop gekauft und zocke ein wenig. So versuche ich, auf andere Gedanken als nur Golf zu kommen. Manchmal braucht es einfach ein wenig Ablenkung und ich dachte mir, Gaming könnte helfen. Darüber hinaus ist es wichtig, genügend Erholungsphase einzuplanen und sich immer wieder daran zu erinnern, die Dinge auch mal entspannt anzugehen. Während der stressigen Wochen im Sommer besteht die Gefahr, sich selbst zu viel Druck während der Events aufzubauen, besonders was die mentale Seite des Spiels angeht. Zehrt man sich mental zu sehr aus, das habe ich in der Vergangenheit gelernt, dann geht irgendwann gar nichts mehr, man ist einfach ausgezehrt.

Welche Spiele zockst du?
Im Moment "Call of Duty - Modern Warfare". Als Kind mochte ich Kartenspiele sehr gerne, deshalb werde ich mir wahrscheinlich auch bald einige Kartenspiele runterladen. Oje, jetzt kommt gerade der komplette Nerd in mir zum Vorschein... [lacht]

 
INFOBOX

INFOBOX

NAME_
NELLY KORDA

ALTER_
23 JAHRE

GEBURTSORT_
BRADENTON (FL), USA

PROFI SEIT_
2016

LIEBLINGSTEAM_
L.A. KINGS (NHL)

ERFOLGE


2018_
LPGA TAIWAN CHAMPIONSHIP (LPGA TOUR)

2019_
WOMEN'S AUSTRALIAN OPEN (LPGA TOUR)
TAIWAN SWINGING SKIRTS (LPGA TOUR)

2021_
GAINBRIDGE LPGA AT BOCA RIO (LPGA TOUR)
MEIJER LPGA CLASSIC (LPGA TOUR)
WOMEN'S PGA CHAMPIONSHIP (MAJOR)
OLYMPISCHE SOMMERSPIELE (GOLDMEDAILLE)

Wenn ich richtig informiert bin, warst du als Kind auch wirklich gut im Eiskunstlauf und Kunstturnen. Denkst du, du hättest es auch in einer dieser Disziplinen bis an die Weltspitze schaffen können?
Als Kind habe ich wirklich viele Sportarten ausgeübt und hatte daran eine Menge Spaß. Ich habe mich aber sehr früh für Golf entschieden und meinen Fokus voll und ganz darauf gerichtet. Wenn ich all die Energie und Zeit in eine andere Disziplin gesteckt hätte dann - da bin ich recht zuversichtlich - könnte ich mir schon vorstellen, heute in diesem Feld erfolgreich zu sein.

Wer war in jungen Teenager-Zeiten dein Vorbild in Sachen Golf? Deine Schwester?
Meine Schwester Jessica hatte einen großen Einfluss auf mich, schließlich konnte ich sie schon früh dabei beobachten, wie sie auf der Tour spielte. Ich habe ihr definitiv schon sehr früh nachgeeifert und wollte in ihre Fußstapfen treten. Allerdings war mein Idol wie für viele andere Kids auch von Beginn an Tiger Woods.

Kannst du dich daran erinnern, als du Jessica zum ersten Mal auf dem Golfplatz geschlagen hast?
Da Jess fünf Jahre älter ist als ich, haben wir als Kinder eigentlich nie gegeneinander gespielt. Das erste Mal, dass ich sie unter Wettkampfbedingungen geschlagen habe, war beim LPGA Event auf den Bahamas während meiner Rookie-Saison auf der Tour.

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