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Paul Ripke – Teil 2

Alle Wege führen zum Grün

Von Jan Langenbein, Fotos: Tino Dertz & Paul Ripke

Es braucht Eier, einen Job wie den des Fotografen beim Mercedes-AMG-Team aufzugeben, für den sich garantiert viele eine Bein ausreißen würden...
Sicher, aber ich sehe einfach, wie schlecht meine Bilder werden, wenn ich nicht mehr für etwas brenne. Am Ende halte ich ja ein Produkt in den Händen, das sich bewerten lässt - Fotos, Videos und Geschichten. Darin war Toto Wolff übrigens ebenfalls sehr gut. Er sagte am Ende der Woche ganz klar: "So richtig geil waren die Bilder dieses Mal aber nicht", und er hatte mit diesem Feedback immer recht. Ein Foto ist dann gut, wenn genügend Leute sagen: "Wow, geiles Foto!" Deshalb konnte die Qualität meiner Arbeit im Netz immer genau gemessen werden und irgendwann war es Zeit für eine Veränderung. Dazu kommt, dass ich einfach kein langfristig denkender Mensch bin. Ich gebe dieses Jahr das Geld aus, das ich letztes Jahr verdient habe. Im Moment läuft es ganz gut, deshalb spiele ich viel Golf in Pelican Hill. [lacht] Aber nächstes Jahr muss ich vielleicht auf öffentliche Plätze ausweichen, wer weiß? Ich glaube, dass ich ein relativ gutes Timing habe. Viele denken, gutes Timing bedeutet, zur rechten Zeit am richtigen Ort zu sein. Das sind aber zwei Schritte: erstens hingehen und dort sein und zweitens von etwas weggehen und dort dann eben nicht mehr sein. Man muss den Mut aufbringen, Dinge nicht mehr zu tun, sonst sind neue Sachen ja überhaupt nicht möglich. Ich bin auch von Marteria und den Toten Hosen weggegangen, als ich das Gefühl hatte, nichts mehr beitragen zu können. Beim DFB war es dasselbe: Ich habe dort direkt nach Rio aufgehört, weil klar war, dass ich nicht mehr helfen konnte. Es wäre auch schwierig gewesen, da ich von der FIFA für vier Jahre für alle Zugänge gesperrt wurde.

War das WM-Finale 2014 beruflich gesehen der verrückteste Tag deines Lebens?
Ja, klar! Ich bin nur für den Tag des Finales nach Rio geflogen, denn der DFB hatte mich mit dem Fotoauftrag "Wenn wir es schaffen und das Finale gewinnen, kann es sein, dass du danach auf die Party kommst und dort zwei oder drei Fotos machen kannst" eingeladen. Ich habe mir gedacht: "Das wollen wir doch mal sehen, ob noch mehr gehtů"

Paul Ripke: Disclaimer: No teddy bears were harmed during the making of this picturePaul Ripke: Disclaimer: No teddy bears were harmed during the making of this picture
Disclaimer: No teddy bears were harmed during the making of this picture

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WAHRSCHEINLICH WERDET IHR EUCH AUCH NOCH LANGE AN UNSERE GEMEINSAME RUNDE HIER ERINNERN, WAS NICHT DARAN LIEGT, DASS ICH DER ALLERGEILSTE TYP WÄRE.
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Ab dem Moment, als Götze das Tor machte, war klar, dass ich auf den Rasen musste. In den drei folgenden Monaten habe ich kein einziges dieser Bilder herausgegeben, obwohl alle Medienhäuser in Deutschland mich mit Anfragen bombardiert haben, schließlich haben alle gesehen, wie nah dran ich war - bis nach Berlin. Ganz Deutschland hat gesehen: "Der steht ja schon wieder dort auf der Bühne, also muss er mit im Flieger gewesen sein." Ich habe niemandem auch nur ein einziges Bild ausgehändigt, sondern danach die Festplatte mit allen Daten der Mannschaft gegeben und ihnen gesagt: "Macht damit, was ihr wollt." Ich lebe nach dem Motto "Maximierung der Ereignisdichte", also so viel wie möglich in so kurzer Zeit wie möglich. Aber das war das Limit. Mehr als ich 2014 in diesen 24 Stunden erlebt habe, geht wirklich nicht. Ich habe mich irgendwann währenddessen eine Stunde auf eine Massagebank in Zimmer 812 gelegt, bin aber sofort wieder aufgewacht, so viel Adrenalin war im Körper.

Was siehst du als deine größte Stärke?
Erinnerungen schaffen. Ich glaube, dass sich Leute an mich erinnern, wenn ich irgendwo dabei war. Wahrscheinlich werdet ihr euch auch noch lange an unsere gemeinsame Runde hier erinnern, was nicht daran liegt, dass ich der allergeilste Typ wäre. Aber ich bin derjenige, der diesen Golfplatz vorgeschlagen hat, weil er schlicht beeindruckend ist. Ich glaube, ein erfülltes Leben besteht darin, viele Erinnerungen zu schaffen, und darin bin ich ganz okay.

Wie lange dauert es, bis dich Lewis Hamilton so nah heranlässt, wie du es brauchst?
Das geht schnell. Leute auf diesem Level sind gewohnt, dass jeder ganz viel von ihnen will. Wenn ich zum ersten Mal auf Typen wie Lewis Hamilton treffe, will ich erst einmal gar nichts von ihm, sondern habe schlicht riesiges Interesse an seiner Person, und ich glaube, das spürt so jemand. Ich habe auch noch nie nach einem Selfie gefragt und gebeten, meiner Schwester per Video zum Geburtstag zu gratulieren. Im Umgang mit Stars greifen viele schnell nach der leichten Beute und denken: "Geil, ich mache jetzt Insta-Storys, wie ich mit Lewis Hamilton im Privatjet sitze." Kann man machen, dann fliegt man beim nächsten Mal aber nicht mehr im Privatjet. Gegenseitiges Vertrauen ist der Schlüssel. Meine Foto- und Videojobs bestehen darin, die Menschen vor der Kamera so positiv wie möglich dastehen zu lassen. Das spüren diejenigen.

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Das Mission Statement deines "AWFNR"- Podcasts ist "Karrieretipps für Berufsjugendliche". Wie oft bekommst du Hörer-Feedback, dass deine Tipps helfen?
Ich bekomme sicher vier bis fünf Nachrichten am Tag, in denen Menschen zutiefst herzlich von persönlichen oder beruflichen Entwicklungen berichten. Über meine Entscheidung, der Formel 1 den Rücken zuzukehren, gab es eine ganze Folge, in der ich meine Gründe erklärt habe, und ich denke, dass es viele Zuhörer durchaus berührt hat. Auch die körperlichen Veränderungen - ich habe im vergangenen Jahr 30 Kilo abgenommen - haben einige Zuhörer dazu inspiriert, sich bewusster zu ernähren. Es fällt mir nicht leicht, mit solchen Nachrichten umzugehen, denn es sind die Leute selbst, die für diese Veränderungen verantwortlich sind, und ich habe lediglich einen kleinen Schubser dazu gegeben. Deshalb würde ich für so was nie Credits einfordern.

Deine Kommunikation mit Bildern und Podcast funktioniert in zwei Richtungen. Was du machst, ist also Social Media im pursten Sinne des Begriffs, oder?
Ja, das könnte man so sagen. Das war auch immer ein Unterschied zwischen Joko und mir: Joko sendet und ich mache Community. Im Pari Club House am PCH kommen täglich Menschen vorbei, die mich aus dem Podcast oder von Instagram kennen und mir die unterschiedlichsten Geschichten erzählen, die ich alle extrem interessant finde.

Hast du golferische Ziele? Ganz egal ob es dein eigenes Spiel ist oder irgendwelche Plätze, die du spielen möchtest?
Im Moment habe ich extrem Bock auf Golf und denke, dass ich selbst besser spiele, wenn ich viel Golf im TV schaue und sehe, wie gefühlt "langsam" die Profis schwingen. Ich sage mir vor jedem Schwung: "Donald Trump! Donald Trump! Donald Trump!", denn wenn dieser komische Mensch mit dem Körper, der ihm zur Verfügung steht, einen Ball schlagen kann, so werde ich das wohl auch hinbekommen. Golf ist ein faszinierender Sport und auch der soziale Aspekt ist großartig. Sind die richtigen Leute dabei, ist eine Runde Golf kaum zu schlagen. Seit ich in Amerika bin, habe ich so viele coole Leute durch Golf kennengelernt. Auch das Zocken finde ich witzig. Letzte Woche habe ich 350 Dollar mit einem Putt aus 20 Metern gewonnen, weil sich die Einsätze hochgeschaukelt hatten. Als Martin Kaymer die Nummer eins der Welt war, habe ich auch mit ihm kurzzeitig zusammengearbeitet und Bilder gemacht, aber wir haben nicht so richtig gematcht. Ich denke, das würde Martin genau so sagen, dass wir einfach nicht auf einer Wellenlänge waren, und daher haben wir das dann auch wieder sein lassen. Wenn ich mir einen Profi wünschen dürfte, den ich ein Jahr lang begleiten könnte, um seine Geschichte zu erzählen, so würde ich Will Zalatoris nehmen. Den finde ich hochgradig spannend. Der Golfplatz ganz oben auf meiner Wunschliste ist Cypress Point. Dort mal ans erste Tee gelassen zu werden, daran arbeite ich mit Nachdruck.

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